Die Suche der Maus nach der Katze

Predigt am 11. Juni 2017 zu Jesaja 6,1-13

Verfasser: Walter Faerber

1 Im Todesjahr des Königs Usija sah ich den Herrn. Er saß auf einem hohen und erhabenen Thron. Der Saum seines Gewandes füllte den Tempel aus. 2 Serafim standen über ihm. Jeder hatte sechs Flügel: Mit zwei Flügeln bedeckten sie ihr Gesicht, mit zwei bedeckten sie ihre Füße und mit zwei flogen sie. 3 Sie riefen einander zu: Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere. Von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt. 4 Die Türschwellen bebten bei ihrem lauten Ruf und der Tempel füllte sich mit Rauch.

5 Da sagte ich: Weh mir, ich bin verloren. Denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen und lebe mitten in einem Volk mit unreinen Lippen und meine Augen haben den König, den Herrn der Heere, gesehen. 6 Da flog einer der Serafim zu mir; er trug in seiner Hand eine glühende Kohle, die er mit einer Zange vom Altar genommen hatte. 7 Er berührte damit meinen Mund und sagte: Das hier hat deine Lippen berührt: Deine Schuld ist getilgt, deine Sünde gesühnt.

8 Danach hörte ich die Stimme des Herrn, der sagte: Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen? Ich antwortete: Hier bin ich, sende mich! 9 Da sagte er: Geh und sag diesem Volk: Hören sollt ihr, hören, aber nicht verstehen. Sehen sollt ihr, sehen, aber nicht erkennen. 10 Verhärte das Herz dieses Volkes, verstopf ihm die Ohren, verkleb ihm die Augen, damit es mit seinen Augen nicht sieht und mit seinen Ohren nicht hört, damit sein Herz nicht zur Einsicht kommt und sich nicht bekehrt und nicht geheilt wird.

11 Ich fragte: Wie lange, Herr? Er antwortete: Bis die Städte verödet sind und unbewohnt, die Häuser menschenleer, bis das Ackerland zur Wüste geworden ist. 12 Der Herr wird die Menschen weit weg treiben; dann ist das Land leer und verlassen. 13 Bleibt darin noch ein Zehntel übrig – auch sie werden schließlich vernichtet, wie bei einer Eiche oder Terebinthe, von der nur der Stumpf bleibt, wenn man sie fällt. [Ihr Stumpf ist heiliger Same.]

Das ist die Berufungsgeschichte des Propheten Jesaja. Propheten sind Menschen, die in die verborgene Seite der Welt hineinsehen, und Jesaja darf gleich am Anfang Gott in seiner ganzen Größe sehen. Er hat diese Vision im Jerusalemer Tempel, aber Gott sprengt den Tempel, so wie er jeden menschlichen Versuch vereitelt, ihn irgendwo einzusperren und unter Kontrolle zu bekommen. Gerade mal der Saum von Gottes Gewand hat im Tempel Platz. Und bei ihm sind die Serafim, so eine Art geflügelte Schlangen, aber vier von ihren sechs Flügeln brauchen sie nicht zum Fliegen, sondern um sich zu schützen vor der Nähe Gottes.

Bild: Alexas_Fotos via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Der Glanz des fremden Gottes

Gott selbst wird überhaupt nicht beschrieben, auch ein Prophet kann das nicht. Alle, die jemals irgendetwas von der Herrlichkeit Gottes zu sehen bekommen haben, haben keine Worte gefunden, um ihn zu beschreiben. Sie reden über seine Ausstrahlung, über den Glanz, der von ihm ausgeht, oder über seinen Thron, aber etwas darüber zu sagen, wie Gott selbst aussieht, das versuchen sie erst gar nicht.

Einigen Menschen ist ja Jesus auch in so einem göttlichen Glanz erschienen, Petrus und Johannes und Jakobus z.B., und den haben sie haben sie sogar mit einiger Mühe wiedererkannt. Aber auch sie konnten nicht wirklich beschreiben, wie das ausgesehen hat.
Warum geht das nicht? Weil Gott »Heilig« ist, wie es die Seraphen sagen: Gott ist anders. Er ist total anders als seine Schöpfung, er ist so anders, dass wir ihn immer nur in Bildern und Andeutungen beschreiben können. Er ist so anders, dass die Begegnung mit ihm gefährlich ist. Selbst die Seraphim müssen sich vor ihm schützen.

Anders und nah

Aber sie loben ihn mit diesem Hymnus, der bei uns Teil der Abendmahlsliturgie geworden ist: »Heilig, Heilig, Heilig ist Gott, der Herr Zebaoth«. »Zebaoth« sind die himmlischen Mächte, wörtlich: die Heere. Gott ist also der, der alle Macht im Himmel und auf Erden hat, der Herr der Heerscharen, der Herrscher über Himmel und Erde. Und im Taufbefehl Jesu, den ich bei allen Taufen zitiere, da sagt Jesus, dass ihm nun diese ganze Macht im Himmel und auf Erden gegeben worden ist.

Heilig bedeutet also nicht: irgendwie weit weg und sehr erhaben, sondern es heißt: Gott ist nah, er bewegt die Welt, aber er ist ganz anders als wir, er macht es alles ganz anders als wir. Er ist eine Klasse für sich, er ist unvergleichbar. Und würden wir direkt und schutzlos mit ihm zu tun bekommen, das würden wir nicht überstehen. Nur ganz am Anfang, im Paradies, da gingen Mensch und Gott unbeschwert miteinander um. Aber als die ersten Menschen von der verbotenen Frucht gegessen hatten, da versteckten sie sich vor Gott. Sie stellten etwas zwischen sich und Gott, weil er ihnen fremd geworden war.

Schutzmauern gegen Gott

Seit damals sind die Schutzmauern, hinter denen wir uns vor Gott verschanzen, immer undurchdringlicher geworden. Wir haben uns eine Welt geschaffen, die sorgfältig gegen Gott abgedichtet ist. Wir werden mit einer Weltanschauung geimpft, die uns sagt, dass Gott eine Einbildung ist. Wir haben einen Lebensstil entwickelt, in dem er nicht vorkommt. Wir schirmen uns ab gegen andere Menschen, mit denen Gott zu uns kommen könnte. Und je fremder sie sind, um lauter wird der Ruf nach Mauern, die uns schützen gegen diese Zumutungen Gottes.

Wir füllen die ganze Welt mit Lärm und Getöse, damit die leise Stimme Gottes keine Chance hat, zu uns durchzudringen. Es gibt inzwischen viele Menschen, die Stille nur sehr schwer aushalten können. Und die es nicht aushalten, wenn sie gar nichts tun. Nur nicht zur Ruhe kommen und dem fremden Gott begegnen, der komplett anders ist als wir und dessen Glanz wir nicht ertragen.

Und jetzt sagen die Serafim sogar: die ganze Erde ist von der Herrlichkeit Gottes erfüllt. Es gibt keinen Ort, wo Gottes Herrlichkeit nicht präsent wäre. Diese Welt, die selbst nicht Gott ist, die ist doch durchtränkt und geflutet mit strahlender göttlicher Nähe. Und je dicker unser Panzer wird, mit dem wir uns gegen diesen heiligen, nahen Gott abschirmen, um so größer wird unsere Distanz zur Schöpfung. Um so fremder werden uns die Mitgeschöpfe, bis uns die Wälder und Berge nur noch als Rohstoffreservoir dienen, die Flüsse und Meere als Kloake und Müllkippe, bis die Tier ausgerottet sind, ihre fremde Schönheit zu albernen Comicfiguren geworden ist und sie selbst als Anhängsel unserer Tierfabriken dahinvegetieren. Überall ist Boden, der von Gottes Gegenwart geheiligt ist, und dann fallen Touristenhorden darüber her, schauen es nicht an, sondern fotografieren nur und beschmutzen es mit ihren Müllbergen.

Behindernde Muster

Und Jesaja weiß genau: Ich passe nicht zu Gott. Ich haben unreine Lippen und ich lebe unter einem Volk mit unreinen Lippen. Sünde ist immer und vor allem etwas Kollektives. Du kannst nicht aussteigen aus dem Volk, unter dem du lebst. Unsere Sprache, die wir mit den anderen gemeinsam haben, passt nicht zu Gott. Auch unsere Worte und Denkmuster, die uns völlig natürlich und neutral erscheinen, tragen in sich die Verschlossenheit gegen die Wirklichkeit Gottes.

Deshalb müssen Jesajas Lippen gereinigt werden, bevor er Prophet sein kann. Und auch wenn es hier nicht steht, das hat ganz sicher weh getan. Es tut weh, wenn uns etwas weggemacht wird, womit wir schon von Mutterleib an leben. Aber als Gott dann nach einem fragt, den er senden kann, da meldet sich Jesaja. Anscheinend gibt es auch keine Mitbewerber. Und so wird er als Prophet beauftragt, den Menschen hinter den Mauern die Wirklichkeit Gottes zu bezeugen. Und gleichzeitig wird er darauf vorbereitet, dass das keinen Erfolg haben wird, im Gegenteil. Das, was Jesaja sagt, wird zu einem noch größeren Widerstand gegen Gott führen.

Die Suche der Maus nach der Katze

Es ist nämlich überhaupt nicht so, dass Menschen lauter ehrliche, wackere Wahrheitssucher wären, die sehnsüchtig darauf warten, dass endlich jemand kommt und ihnen den Weg zum lebendigen Gott öffnet. Von der Suche der Menschen nach Gott zu sprechen – da könnte man genauso gut von der Suche der Maus nach der Katze reden. Am deutlichsten ist das bei Jesus: am Ende haben sie ihn aus der Welt geschafft, weil sie Gottes Präsenz in ihm nicht länger ertragen wollten.

Propheten sind deshalb oft sehr einsame Menschen gewesen, die nur von sehr wenigen gehört wurden. So wie unsere ganze Lebensart von der Abwehr gegen Gott geprägt ist, so haben sich Menschen auch immer gegen Gottes Botschaften im Mund der Propheten abgeschirmt.

Und deshalb sieht Gott voraus, dass durch Jesajas Dienst Menschen sich eher noch mehr verhärten werden und sich immer weiter von der Realität entfernen werden. Damals haben sie entschlossen die Augen zugemacht vor der Realität, dass sie direkt neben dem mächtigen assyrischen Großreich lebten; und die Assyrer waren völlig humorlos, wenn ein paar Zaunkönige in der Nachbarschaft glaubten, sie könnten ihnen auf der Nase herumtanzen. Die Könige Israels haben eine blutige Quittung bekommen für ihre abenteuerliche Politik. Am Ende blieb von ihrem ganzen Reich nicht viel mehr übrig als Jerusalem und ein paar Vororte. Und weite Landstriche wurden verwüstet und entvölkert.

Das Land wird zur Wüste

Und Gott scheint es geradezu darauf anzulegen, dass Menschen sich Augen und Ohren zuhalten, je offensichtlicher die Wahrheit wird. »Wie lange soll das gehen?« fragt Jesaja entsetzt. Und die Antwort ist: bis alles zerstört ist und das Land zur Wüste geworden ist.

Und wenn ich das höre, dann denke ich an eine Grafik, die ich vor ein paar Tagen gesehen habe, wo Leute versucht haben, darzustellen, wie wohl die Erde aussehen wird, wenn das Weltklima 4° wärmer wird statt nur die 2°, die angeblich noch verträglich sind. Aber wenn wir so weitermachen wie bisher, wenn allen die Lebensweise von heute wichtiger ist als die Welt von morgen und übermorgen, wenn das Kapital und seine Rentabilität im Zweifelsfall immer wichtiger ist als das Glück unserer Kinder und Enkel, dann sind die 4° gar nicht so unrealistisch.

Wie sah diese Grafik aus? Ungefähr hier bei uns würde dann die Grenze verlaufen zwischen einer Welt, in der man noch leben kann und den Gegenden, wo nichts mehr wächst oder wo man noch nicht mal mehr ohne Raumanzug hingehen kann. Die Menschheit müsste sich zusam­mendrängen zwischen hier und dem Nordpol, und wahrscheinlich gäbe es auch in der Antarktis noch ein paar Orte, wo man leben kann.

Überhörte Prophetie?

Dass Menschen Ohren und Augen zu machen, das gab es nicht nur in biblischen Zeiten. Je mehr Menschen sich gegen das Offensichtliche verhärten, um so schneller wachsen die Wüsten. Damals in Israel haben sie es bis zum bitteren Ende durchexerziert. Und nur weil es Propheten gab, deren Worte lebendig blieben, deswegen konnten sie nach der Katastrophe lernen und neu anfangen. Auch wenn sie kein Gehör findet, ist Prophetie nicht vergeblich. Einige haben Jesaja jedenfalls gehört und seine Worte aufgeschrieben; Generationen haben daraus gelernt und wir lesen sie bis heute. Am Ende unseres Kapitels hat später jemand dazu gesetzt, dass ein Heiliger Same übrigbleibt, ein Rest, mit dem es weitergeht. Gott bleibt der Erde treu, das steht fest, aber das ist keine Garantie dafür, dass uns die Konsequenzen unseres Denkens und Lebens erspart bleiben.

Ich weiß nicht, in welcher Lage wir heute sind. Ich weiß nicht, ob wir schon so weit sind, dass die Wahrheit die Menschen nur noch dazu bewegt, ihre Augen und Ohren immer fester zu verschließen. In manchen Ländern ist diese Haltung ja inzwischen schon bei Wahlen mehrheitsfähig. In anderen zum Glück noch nicht.

Viel hängt davon ab, ob Menschen trotz allem Augen bekommen für die verborgene Welt Gottes. Neue Aufmerksamkeit für den heiligen nahen Gott, den wir mit unserer Lebenspraxis für tot erklärt haben, und der trotzdem so viele Wege findet, um die Barrieren zu umgehen, mit denen Menschen ihn aus ihrem Leben aussperren.

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