Die dringend nötige Geldwäsche

Predigt am 19. November 2017 zu Lukas 16,1-9

Verfasser: Walter Faerber

1 Jesus wandte sich zu seinen Jüngern und sagte: »Ein reicher Mann hatte einen Verwalter. Über diesen gingen Klagen bei ihm ein; es hieß, er veruntreue ihm sein Vermögen. 2 Da ließ er den Verwalter rufen. ›Was muss ich von dir hören?‹, sagte er zu ihm. ›Leg die Abrechnung über deine Tätigkeit vor; du kannst nicht länger mein Verwalter sein.‹ 3 Der Mann überlegte hin und her: ›Was soll ich nur tun? Mein Herr wird mich entlassen. Für schwere Arbeit tauge ich nicht, und ich schäme mich zu betteln. 4 Doch jetzt weiß ich, was ich tun kann, damit die Leute mich in ihren Häusern aufnehmen, wenn ich meine Stelle als Verwalter verloren habe.‹
5 Nacheinander rief er alle zu sich, die bei seinem Herrn Schulden hatten. ›Wie viel bist du meinem Herrn schuldig?‹, fragte er den ersten. 6 ›Hundert Fass Olivenöl‹, antwortete der. Darauf sagte der Verwalter: ›Hier, nimm deinen Schuldschein, setz dich schnell hin, und schreib statt dessen fünfzig.‹ 7 Dann fragte er den nächsten: ›Und du, wie viel bist du ihm schuldig?‹ – ›Hundert Sack Weizen‹, lautete die Antwort. Der Verwalter sagte zu ihm: ›Hier, nimm deinen Schuldschein, und schreib statt dessen achtzig.‹« 8 Da lobte der Herr den ungetreuen Verwalter dafür, dass er so klug gehandelt hatte. In der Tat, die Menschen dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Menschen des Lichts. 9 »Darum sage ich euch: Macht euch Freunde mit dem Mammon, an dem so viel Unrecht haftet, damit ihr, wenn es keinen Mammon mehr gibt, in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet.«

Ich habe diese Geschichte immer gemocht, weil Jesus da als Stoff für ein Gleichnis nicht so vergleichsweise harmlose Sachen gewählt hat wie Schafe, Weizenkörner, Könige, Wölfe und Geldstücke, um nur mal ein paar zu nennen, sondern hier hat er sogar an einem Betrüger, der das Vermögen seines Chefs veruntreut, noch etwas gefunden, was sich als Betriebsanleitung für Gottes neue Welt verwenden lässt.

Es geht um Klugheit

Es ist eine bestimmte Art von Klugheit, die er da entdeckt hat, und von der er sagt: ich würde mir wünschen, dass meine Leute diese Sorte Klugheit faustdick hinter den Ohren haben.

Welche Art von Klugheit ist gemeint? Die Klugheit eines Menschen, der nicht die Augen vor der Realität zuschließt, sondern nötigenfalls sein Handeln sofort auf ein neues Muster umstellt. Völlig unsentimental stellt er sich auf die neue Lage ein: bis gestern war mein Chef der Wichtigste, es kam vor allem darauf an, es mit ihm nicht zu verderben und sich von ihm nicht beim Betrügen erwischen zu lassen. Ab heute hat sich das erledigt, ich brauche auch nicht mehr vorsichtig zu sein, denn ab sofort sind für mich ganz andere Leute wichtig, nämlich die, die hoffentlich in Zukunft für meine Brötchen sorgen.

Der Mann ist wirklich ein Schnelldenker. In der Regel tun Menschen sich unendlich schwer damit, wenn sie sich von jetzt auf gleich auf neue Verhältnisse einstellen sollen. Wir sind nicht gewöhnt, dass sich die Dinge in kurzer Zeit radikal ändern. Wenn es z.B. irgendwo ein großes Unglück gibt, dann stellen wir uns immer vor, dass die Leute in Panik durcheinander laufen. Aber das stimmt nur selten. Die Leute, die Katastrophen erforschen, sagen, dass Menschen meistens versuchen, möglichst lange noch ihre gewohnten Routinen beizubehalten. Als am 11. September 2001 das World Trade Center in New York durch den Anschlag zerstört wurde, da haben viele Leute erst noch im Büro die Computer heruntergefahren und den Schreibtisch aufgeräumt, dann sind sie zu den Treppenhäusern gegangen, und sie sind nicht die Treppen heruntergerannt, sondern sind ganz ruhig und gemächlich hinuntergestiegen, wie bei einer Übung. Wären sie zügiger gelaufen, hätte es weniger Todesopfer gegeben.

Das wäre dem betrügerischen Manager, von dem Jesus erzählt, nicht passiert. Der hätte sich vorgedrängelt und wäre an den andern vorbei so schnell wie möglich nach unten gestürmt; und den Computer hätte er Computer sein lassen. Weil ihm sofort klar gewesen wäre: darauf kommt es nicht mehr an. Von jetzt auf gleich gelten völlig andere Prioritäten, und ich schalte in Echtzeit um. Er war ein Blitzmerker.

Unterschwellige Assoziationen

Nun ist es aber so, dass jedes Gleichnis nicht bloß einen einzigen entscheidenden Vergleichspunkt hat, sondern es transportiert auch immer unterschwellig noch andere Assoziationen. Wenn ich über jemanden sagen will, dass er stark ist, dann macht es einen Unterschied, ob ich ihn mit einem Bären vergleiche oder mit einer Dampfwalze. Und dass Jesus hier als Beispiel für Klugheit ausgerechnet einen Gutsverwalter nennt, der in die eigene Tasche wirtschaftet, das ruft Erinnerungen daran auf, dass damals reiche Gutsbesitzer oft in der Stadt lebten, in Jerusalem vielleicht oder sogar in Rom. Die hatten an ihren Gütern auf dem Land gar kein Interesse. Da machten Tagelöhner, Pächter oder Sklaven die Dreckarbeit, Verwalter führten die Aufsicht, und sie selbst kassierten nur, selbstverständlich den größten Teil. Heute würden sie ihr Geld in der Schweiz oder in Panama parken, wo es keiner findet. Von den Zuhörern Jesu hatten sicher viele ihr Land von solchen Leuten gepachtet, oder sie arbeiteten auf solchen Gütern. Die konnten sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, wenn sie daran dachten, wie der Verwalter die Seiten wechselte: vorher hat er im Auftrag seines Herrn und im eigenen Interesse gnadenlos die Pacht eingetrieben, jetzt tut er sich mit den Pächtern zusammen und verschafft ihnen die lang ersehnte finanzielle Freiheit. Und der Landlord ist der Dumme.

Es geht also um einen zentralen gesellschaftlichen Konflikt: wofür arbeitet so einer? Für das eine Prozent der Superreichen, die über die Hälfte des Reichtums in der Welt kontrollieren? Oder für die Menschen, die diesen Reichtum produzieren? Mit wem hält er es: mit dem Mammon oder mit Gott? Mammon ist in der Bibel der Götze des Haben-Wollens, der Gier und der rücksichtslosen Ausbeutung. Er ist der Gegenpol zu Gott, der schenkt und gibt. Gott oder Mammon war schon damals die entscheidende Alternative, und sie ist es heute erst recht: wem gehöre ich, wem diene ich, dem lebendigen Gott oder dem toten Mammon?

Das Problem der Leute dazwischen

Der Verwalter ist ein Symbol für die Leute dazwischen: sie gehören nicht zu den Superreichen, sie sind aber auch nicht die armen Schweine, die nur den Mindestlohn oder weniger kriegen. Diese Leute dazwischen besitzen nicht die Macht, der Einzelne ist leicht austauschbar, aber ohne diese Gruppe von Menschen würde das System gar nicht funktionieren. Heute würde man sagen: es geht um die globale Mittelklasse. Weltweit gesehen gehören die meisten von uns dazu, einfach, weil wir im Westen leben, wo die Welt verwaltet wird, jedenfalls zur Zeit noch. Auf wessen Seite wird sich die Mittelklasse schlagen? Wem gilt unsere Loyalität?

Das Erfrischende ist, dass Jesus hier gar nicht mit Moral oder mit irgendwelchen höheren Werten argumentiert, sondern er beschreibt einfach, wie der Verwalter seine Interessen wahrnimmt: erst hat er als Teil des Systems in die eigenen Tasche gewirtschaftet, jetzt, wo das nicht mehr funktioniert, setzt er auf Solidarität mit den Ausgebeuteten, aber immer aus reiner Berechnung. Der opfert sich nicht auf, der ist kein besserer Mensch geworden, er schaut einfach auf seinen Vorteil.

Und Jesus macht damit deutlich, dass es im Reich Gottes um das geht, was für uns am besten ist. Der Verwalter hat kapiert, dass der Mammon seine Leute nach Belieben mal pusht und dann wieder fallen lässt. Mammon kennt keine Loyalität. Auf den kann man sich nicht verlassen. Und deshalb setzt der Mann von nun an auf Solidarität mit denen, die unter ihm stehen in der gesellschaftlichen Rangordnung.

Klarer Blick auf die Realität

Jesus lobt an ihm, dass er das so klar sieht und seinen Vorteil wahrnimmt. Dem wird klar, dass der Mammon nicht so verlässlich ist wie menschliche Solidarität, und ohne Sentimentalität zieht er die Konsequenzen. Er ist klug, weil er einen klaren Blick für die Realität hat, auch wenn das Ergebnis unerwartet ist. Wer nur auf das Geld schaut, der hat einen verengten Blick auf die Wirklichkeit. Der verschließt die Augen davor, dass die Realität nicht nach den Gesetzen des Marktes funktioniert, sondern dass da noch ganz andere Faktoren wichtig sind.

Diese Geschichte transportiert die Erkenntnis Israels, dass die Götzen von unserer Kraft leben, dass sie nie auf unserer Seite stehen und uns am Ende ausgelutscht wegwerfen, wenn wir unseren Zweck erfüllt haben. Glaubt denn irgendwer, es gäbe für uns normale Menschen einen Platz in den Atombunkern, Hochsicherheitszonen und Luxusreservaten, wenn die Welt mal endgültig verwüstet und vergiftet ist? Glaubt irgendwer, wir würden Dank ernten, weil wir es so lange ertragen haben, dass der große Reichtum sich in den Händen einiger ganz weniger sammelt? Der Götze Mammon bedankt sich nicht. Davor die Augen zu verschließen ist dumm. Damit zu rechnen ist klug.

Mit Mammon gegen den Mammon

Was ist nach Jesus die Alternative? Wir können ja nicht einfach aussteigen und im Urwald als Einsiedler leben. Heute wird auch der Urwald gerodet und verwertet. Und von Regenwürmern und Heuschrecken würde ich mich nur zur Not ernähren wollen. Deswegen sagt Jesus: macht euch Freunde mit dem Mammon der Ungerechtigkeit! Das ist die Lösung. Wandelt die ungerechte Energie des Geldes um in die lebendige Energie der Freundschaft! Schließt mit Menschen einen Bund, der auch dann noch hält, wenn der Mammon mal wieder einen seiner Abstürze hat, im Großen oder im Kleinen. Selbst so ein zwielichtiger Typ wie der Verwalter hat das kapiert. Ihr, die ihr den lebendigen Gott kennt, sagt Jesus, die ihr meine Bergpredigt gehört habt, ihr müsstet das doch eigentlich erst recht und viel schneller begreifen!

Investiert in Freundschaft, in Solidarität, in den Bund mit Gott und den Menschen! Nutze das, was du kannst und hast, um Verbundenheit und Vertrauen zu generieren! Wenn du weißt, wie Verwaltungen funktionieren, dann hilf anderen, für die das ein undurchdringlicher Dschungel ist! Wenn du Platz bei dir hast, dann lass Leute da wohnen, die sonst keinen Platz hätten. Wenn du Zeit hast, dann investiere sie in ein Netzwerk des Vertrauens und des Zusammenhalts. Wenn du Urlaub hast, dann lebe wenigstens in dieser Zeit so, wie du dir ein gutes Leben vorstellst, aber tu das nicht immer in einer künstlichen Urlaubswelt, sondern auch an dem Platz, wo du wohnst und hingehörst. Erfülle ihn mit Freude und Hoffnung für all die anderen Tage! Wenn du nachdenken kannst, dann denk Tag und Nacht darüber nach, wie Gottes großes Bündnis für das Leben in unserer Nachbarschaft Gestalt annehmen kann. Wenn du dich auskennst in einem Teil unserer unübersichtlichen Welt, dann gib Menschen einen Rat (und wenn nicht, dann lass es – auch das ist wichtig!). Und wenn du Geld hast, dann gibt es sowieso viele Möglichkeiten, in Gottes Netzwerk des Vertrauens zu investieren, für kleine und für große Geldbörsen.

Jedes einzelne dieser Beispiele kann man diskutieren. Die Richtung ist das Entscheidende: macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon. Das ist die einzige Art von Geldwäsche, die man gutem Gewissen betreiben kann: der dreckige Mammon wird gewaschen, wenn wir ihm sein Aroma der Gier, der Sorge und der Vereinzelung austreiben. Wenn wir ihn gegen seine eigene Logik dazu benutzen, die Menschen zusammenzubringen statt sie gegeneinander auszuspielen.
Der Mammon wird vergehen, Gottes neue Welt kommt. Damit zu rechnen ist klug. Jesus hat endgültig den großen Herrschaftswechsel eingeläutet und die Herren dieser Welt ins Wanken gebracht. Seine Welt des Zusammenhalts kommt, im Kleinen schon jetzt und eines Tages vor aller Augen sichtbar. Gut dran ist, wer schnell umdenken kann.

Freunde und Freude

Deshalb: Macht euch schon jetzt Freunde mit dem ungerechten Mammon! Das ist schon jetzt etwas Feines, und diese Verbindungen werden auch das Ende des Mammon überleben. Man kann übrigens getrost auch mal in dem Wort »Freunde« einen Buchstaben streichen und sagen: macht euch »Freude« mit dem ungerechten Mammon! Normalerweise ist der Mammon vom Geist der Sorge begleitet. Der Gierige hat nie genug und macht sich Sorgen darum, dass er auch das, was er hat noch verlieren könnte, oder dass der Kollege die größere Segelyacht haben könnte. Aber wenn der Mammon gegen seine innere Logik zur Solidarität beiträgt, dann entsteht Freude.

Wer mindestens so klug ist wie der betrügerische Verwalter, der durchschaut die Tricks des Götzen und fällt nicht darauf herein. Wer mit Gott vertraut ist, der weiß sowieso, dass der Feind uns die wirklich tiefen und wichtigen Momente gar nicht geben kann, dass seine Versprechen faule Tricks sind, und dass Gott die Quelle aller Freude ist. Und bei ihm gibt es sie umsonst.

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