Integrität entwickeln

Predigt am 23. April 2017 zu Matthäus 5,31-37 (Predigtreihe Bergpredigt 5)

Verfasser: Walter Faerber

Jesus sprach: 31 »Es heißt: ›Wer sich von seiner Frau scheiden will, muss ihr eine Scheidungsurkunde aushändigen.‹ 32 Ich aber sage euch: Jeder, der sich von seiner Frau scheidet – es sei denn, dass sie ihm untreu geworden ist – , treibt sie in den Ehebruch; und wer eine geschiedene Frau heiratet, begeht ebenfalls Ehebruch.«
33 »Ihr wisst auch, dass zu den Vorfahren gesagt worden ist: ›Einen Eid darfst du nicht brechen; du sollst alles halten, was du dem Herrn geschworen hast.‹ 34 Ich aber sage euch: Ihr sollt überhaupt nicht schwören, weder beim Himmel, denn er ist Gottes Thron, 35 noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße, noch bei Jerusalem, denn sie ist die Stadt des großen Königs. 36 Nicht einmal mit deinem eigenen Kopf sollst du dich verbürgen, wenn du schwörst; denn du bist nicht in der Lage, auch nur ein einziges deiner Haare weiß oder schwarz werden zu lassen. 37 Euer Ja sei ein Ja und euer Nein ein Nein; jedes weitere Wort ist vom Bösen.«

Die ganze Bergpredigt ist eigentlich eine Auslegung ihres ersten Satzes: Selig sind die geistlich Armen!, also: der gute neue Weg, den Jesus zeigt, ist der Weg, wie man mit menschlicher Armut jeder Art umgeht in der Kraft des Heiligen Geistes. Armut bedeutet Bedürftigkeit: man ist nicht autonom, nicht unabhängig von anderen, man ist auf eine gewisse Weise schutzlos. Und in dieser Schutzlosigkeit wendet man sich dann an Gott und bittet ihn, einem in dieser Mangelsituation beizustehen und wird nicht enttäuscht. Das ist der Weg Jesu. Über ihm liegt die Verheißung der Auferstehung.

Bild: tpsdave via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Manchmal wird dieser Weg tatsächlich dazu führen, dass man auf irgendeine Weise arm und bedürftig wird, manchmal geht es darum, dass man auf unseren Mangel und unsere Begrenzungen, die zu uns als Menschen gehören, eine geistliche Antwort gibt: eine Antwort, die mit der Wirklichkeit Gottes rechnet.

Eine Grundeinstellung, viele Beispiele

Und eigentlich umschreibt Jesus in der ganzen Bergpredigt diese Grundeinstellung. Er schaut immer wieder von verschiedenen Richtungen aus darauf und macht die an Beispielen deutlich. Jetzt gerade haben wir von zwei Themen gehört, die ganz verschieden sind, nämlich dem Thema Ehescheidung und dem Thema Schwören.

Wenn man aber mal überlegt, was diese beiden Themen verbindet, dann könnte man sagen: es geht darum, dass wir uns nicht einfach über die inneren Regeln der Welt hinwegsetzen, dass wir den Versuch aufgeben, uns die Welt nach unseren Wünschen hinzubiegen. Wahrscheinlich kennen die meisten von uns diesen Spruch von Pippi Langstrumpf aus den Kinderbüchern von Astrid Lindgren »Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt«, und das hat in so einem Kinderbuch seinen Sinn, aber es wird zum Problem, wenn Erwachsene immer noch in dieser KIndertraumwelt leben, wo man glaubt, die Welt müsste sich nach den eigenen Wünschen richten. Und es wird ein besonderes Problem, wenn solche Menschen irgendwie Macht in die Hand bekommen und vielleicht sogar amerikanischer Präsident werden. Und wenn sie dann versuchen, diese Widerständigkeit der Welt zu ignorieren und sich statt dessen einfach »alternative Fakten« zurechtmachen. Das kann ziemlich gefährlich werden.

Die widerständige Welt in Gestalt von Menschen

Wenn wir unter diesem Gesichtspunkt z.B. das Thema Ehescheidung anschauen, dann holt das diese Frage aus der blöden Moralecke raus. Und es geht dann darum, dass der andere Mensch, mit dem man sich da in einer Ehe verbunden hat, in der Regel anders tickt als man selbst. Das glauben die meisten nicht, solange sie noch so richtig frisch verliebt sind, aber irgendwann spüren die beiden doch, dass ihre Lebensstile und ihre Temperamente und vieles andere nicht zu 100 % miteinander verträglich sind. Forscher haben anscheinend herausgefunden, dass man durchschnittlich so nach ein bis zwei Jahren auf dem harten Boden der Realität aufschlägt und merkt: dieser Mensch, der mir zuerst wie ein Zauberwesen aus dem Märchenland vorkam, der hat ja auch ein paar ganz problematische Seiten. Die kann ja ganz schön nerven, der kann ja ganz schön egoistisch sein, und eigentlich finde ich immer noch, dass man die Zahncremetube ordentlich aufrollen sollte und sie nicht so irgendwie ausgequetscht rumliegen lässt. Und dann kommt der Punkt wo sich für die Allermeisten zum ersten Mal die Frage stellt: kriege ich es jetzt hin, mir die Realität, nämlich diesen Menschen, nach meinen Vorstellungen hinzubiegen, oder war es ein Irrtum, gerade den zu wählen, und sollte ich mich lieber nach einer anderen umsehen? Und die Antwort ist: Weder – noch.

In der Zeit Jesu war es für Männer noch wesentlich einfacher als heute. Die konnten ihre Frau einfach so verstoßen, und es war tatsächlich ein Fortschritt, dass sie verpflichtet waren, darüber ein Dokument auszustellen. Dadurch war der Status der Frau immerhin eindeutig geklärt, und es war wenigstens eine gewisse Bedenkzeit eingebaut.

Der Welt Gottes treu bleiben

Jesus setzt dagegen ein anderes Muster: versuche nicht, dir diese widerständige Realität zurechtzubiegen, mit der du es da in Gestalt deines Ehemannes oder deiner Ehefrau zu tun bekommst, sondern geh damit auf geistliche Weise um. Ja, du spürst da deutlich deine Grenzen, ja, das ist auch eine Form von Armut und Schutzlosigkeit, dass man einen Menschen, der so eng an einem dran ist, nicht einfach mal ändern kann. Das ist ein Spezialfall menschlicher Armut, und selig sind, die ihre Armut mit Gott zusammenbringen und in der Kraft des Heiligen Geistes damit umgehen.

Am Ende ist das ein Impuls, reifer zu werden: nicht alles hinzuschmeißen, wenn etwas nicht so läuft, wie man es gedacht hat. Beharrlich an der echten Realität dranbleiben und darauf vertrauen, dass es immer noch Gottes Welt ist, und dass es richtig ist, seiner Schöpfung – in Gestalt dieses Menschen – treu zu bleiben. Sich die Welt zurechtzubiegen ist eine hoffnungslose Sache. Ihr trotz allem treu zu bleiben, das schafft man nur, wenn man Hoffnung hat. Das müssen Menschen an vielen Stellen lernen, aber im Verhältnis zum anderen Geschlecht ist das besonders gut zu sehen. Manche brauchen dafür mehrere Beziehungen, manche lernen es nie, leider.

Wichtig ist, dass Jesus das nicht als absolute Forderung formuliert, sondern er sagt: es gibt Grenzen. Wenn der Partner sich mit jemand anders verbunden hat, dann kann man nicht mehr von jemandem verlangen, dass er die Ehe fortsetzt. Und wir würden wahrscheinlich heute dazusetzen: das Gleiche gilt, wenn Gewalt im Spiel ist. Dann ist eigentlich die Grundlage verlassen, auf der Menschen noch zusammen sein können. Paulus hat später noch wieder andere Situationen im Blick, nämlich den Fall, dass ein nichtchristlicher Partner den christlichen verlassen will, gerade weil der Christ geworden ist, und er sagt: eigentlich wäre das kein Grund sich zu trennen, man kann auch mit unterschiedlichem Glauben zusammenbleiben, aber wenn der andere es nicht will, dann lass ihn gehen und versuche nicht, ihn um jeden Preis festzuhalten. Auch da kann man sich die widerständige Realität nicht so hinbiegen, wie man es möchte.

Die Welt schönreden ist kontraproduktiv

Jetzt wird vielleicht auch deutlich, wie das mit dem Thema »Schwören« zusammenhängt. Wenn du sagst »Das ist jetzt die reine Wahrheit, das schwöre ich bei Gott, oder beim Leben meines Lieblingskuscheltiers«, dann sagst du ja damit: normalerweise nehme ich es mit der Wahrheit nicht so genau. Aber jetzt müsst ihr mir mal ausnahmsweise glauben, denn ich habe ja geschworen.

Das ist das Problem, dass Menschen normalerweise versuchen, mit Lügen sich und anderen die Realität schönzureden, anstatt sich ihr im Bündnis mit Gott zu stellen. Und das ist gerade die Art, wie man die Welt und sich selbst nicht zum Besseren verändert. Die Welt ist ja tatsächlich eine richtig verfahrene Kiste, es ist so viel kaputt, und Menschen richten viel Mist an, Menschen sind zerstörerisch und habgierig und wer weiß noch was alles. Und gleichzeitig ist es immer noch Gottes Schöpfung, randvoll gefüllt mit Reichtum, Wundern und Verheißungen, und Gott hält an ihr und seinen Menschen fest.

Widersprüche aushalten

Beides ist wahr. Du musst das beides in deinem Kopf zusammenbringen, wenn durch dich etwas Gutes entstehen soll: weder den ganzen Mist schönreden, noch die Hoffnung aufgeben. Du kannst auf beiden Seiten vom Pferd fallen, kannst dir Illusionen über die Welt machen und sagen: so schlimm ist es nun auch wieder nicht! Oder du kannst sagen: es ist alles so schrecklich, es gibt keine Hoffnung mehr, also setzen wir uns vor den Fernseher und warten den Weltuntergang ab. Und beide Male hast du dich von Gott und seiner Treue zur Welt getrennt. Du hast dich von der Wahrheit über die Welt getrennt.

Nur wer in der Kraft des Heiligen Geistes dies beides sieht, kann Integrität entwickeln. Integrität ist ein Wort, das wir nicht so häufig verwenden, aber eigentlich ist damit etwas gemeint, was wir uns von vielen Menschen wünschen: dass sie eine innere Linie haben, die sich in allen Lebenslagen durchhält, und die hilfreich und lebensfördernd ist. Integer kann man nur sein, wenn man beide Seiten der Realität im Blick behält, die schlimme und die hoffnungsvolle; wenn man sich die Realität nicht schönredet und ihr trotzdem treu bleibt, wenn man auf Gottes Möglichkeiten vertraut, ohne sich Illusionen zu machen über sich selbst und andere.

Es geht dabei nicht um einen Mittelweg, sondern man muss beides gleichzeitig voll im Blick haben. Sonst wird man immer an irgendeiner Stelle schwindeln müssen, sich selbst und anderen etwas vormachen.

Gefährliche Lösungsversprechen

Wir erleben das ja zur Zeit politisch so, dass Leute denken: es müsste mal einer kommen und mit der Faust auf den Tisch hauen, und dann ruckelt sich das alles wieder zurecht. Und genau das funktioniert nicht, weil die Welt ziemlich kompliziert ist. Deswegen ist dieser Glaube so gefährlich, weil die Versuchung groß ist, nicht nur mit der Faust auf den Tisch zu hauen, sondern das Problem mit Bomben zu lösen. Und das ist natürlich eine Reaktion auf diejenigen, die behauptet haben, die Welt, wie sie ist, wäre alternativlos. Die einen versuchen, die Welt mit Gewalt zu ordnen, die anderen versuchen es erst gar nicht.
Aber diese scheinbaren Gegensätze rücken aus der Sicht Jesu ganz eng zusammen: sie vermeiden es beide, der Welt treu zu bleiben, sie drücken sich beide davor, an der Zerrissenheit der Welt zu leiden, so wie Jesus selbst es getan hat.

Integrität

Aber Hoffnung wächst tatsächlich da, wo Menschen diese Zerrissenheit sehen und annehmen, sich ihr aussetzen, Gott hineinrufen in das ganze Dunkel der Welt, auf seine Verheißung vertrauen, sich nach seinem Reichtum ausstrecken. Jesu ist diesen Weg mit aller Konsequenz bis hin zum Kreuz gegangen. Wir müssen zum Glück diesen Weg nicht immer so weit gehen, aber wir sollten schon auf demselben Weg wie er unterwegs sein.

Dann müssen wir tatsächlich nichts schönreden und verbreiten trotzdem um uns herum Zuversicht. Integrität besteht ja nicht einfach darin, dass wir immer ehrlich sind. Es gibt ja auch Menschen, die sind völlig frei von jeder Hoffnung und sagen das auch, und so wird man sie nie bei einer Unehrlichkeit ertappen, aber besonders inspirierend sind sie deshalb nicht. Integrität ist mehr als Ehrlichkeit. Sie kommt zu uns, wenn wir im Angesicht unserer Armut immer noch fröhlich auf Gottes Verheißungen vertrauen und Menschen dann in uns den Weg erkennen, den Jesus vorangegangen ist.

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