Besser denken mit Jesus

Predigt am 30. Juli 2017 zu Matthäus 7,1-6 (Predigtreihe Bergpredigt 11)

Verfasser: Walter Faerber

1 Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! 2 Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden, und nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden.
3 Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? 4 Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen! – und dabei steckt in deinem Auge ein Balken? 5 Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du versuchen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen.
6 Gebt das Heilige nicht den Hunden und werft eure Perlen nicht den Schweinen vor, denn sie könnten sie mit ihren Füßen zertreten und sich umwenden und euch zerreißen.

Von diesem Abschnitt der Bergpredigt ist der erste Teil weithin bekannt, der Splitter im Auge des anderen und der Balken im eigenen Auge, sie sind zum Sprichwort geworden, und dass man niemanden verurteilen soll, zu diesem Argument flüchtet sich jeder, der was ausgefressen hat. Aus dem zweiten Teil ist auch ein Sprichwort geworden, dass man nämlich die Perlen nicht vor die Säue werfen soll, aber dieser Gedanke ist längst nicht so bekannt und häufig im Gebrauch wie der erste.

Bild: geralt via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Das sollte uns zu denken geben.

Denn um die Perlen nicht vor die Säue zu werfen und den Hunden nicht das Heilige zu geben, muss man ja erstmal wissen, wer ein Hund oder eine Sau ist. Damit verurteilt man aber schon jemanden, und eigentlich ziemlich heftig. Wie passt das also zusammen?

Anscheinend stehen die beiden Sätze nebeneinander, damit sie sich gegenseitig vor Missverständnissen schützen.

Mögliche Missverständnisse

Denn diese Warnung, jemanden anders nicht zu verurteilen, die ist ja auch die beste Ausrede, wenn man sich aus einem Konflikt raushalten möchte. Wenn jemandem Unrecht geschieht und ich hätte die Macht, ihm beizustehen, dann kann ich einfach sagen: ich will doch niemanden verurteilen!, und schon bin ich fein raus.

Wenn ich stattdessen sagen würde: das ist ja unglaublich, was da passiert! Der kann doch nicht einfach seinen Klassenkameraden mobben und runtermachen! Die können dich auf dem Amt doch nicht einfach so behandeln! Die können doch nicht einfach ihre Verluste auf die Allgemeinheit abwälzen und die Gewinne behalten! Schon bin ich in Konflikte verwickelt, schon kann ich mich nicht mehr in so eine bequeme Neutralität flüchten. Der Satz, dass man niemanden verurteilen soll, ist die beste Ausrede für jeden Feigling, der es vermeiden möchte, irgendwie eine klare Position zu beziehen – und sich damit natürlich auch angreifbar zu machen. Und obendrein kann man sich auch noch moralisch überlegen fühlen gegenüber allen, die sich irgendwo klar festlegen.

Lob der Urteilskraft

Dabei wird in der Bibel an vielen Stellen sehr deutlich Klartext gesprochen. Jesus hat seine Gegner als Heuchler und als korrupt gekennzeichnet, er hat seinen Jüngern immer wieder eingeschärft: hütet euch vor denen! Oft hören wir in der Bibel die Aufforderung: urteilt! Habt klaren Durchblick! Vorhin in der Lesung hieß es zum Beispiel (Eph. 4,14):

»Wir sollen nicht mehr unmündige Kinder sein, ein Spiel der Wellen, hin und her getrieben von jedem Widerstreit der Meinungen, dem Betrug der Menschen ausgeliefert, der Verschlagenheit, die in die Irre führt.«

Wenn du keinen Durchblick hast, wenn du nicht Meinungen beurteilen kannst, dann bist du jedem ausgeliefert, der dir irgendwas erzählen will. Wenn das Telefon klingelt und jemand sagt: »hallo Oma, hier ist dein Neffe, ich bin dummerweise mit dem Auto im Graben gelandet, und der Abschleppdienst will mich erst rausziehen, wenn ich ihm 50.000 € bezahle. Kannst du mir die leihen, du kriegst sie nächsten Monat wieder?«, dann ist es sehr sinnvoll, wenn man überlegt: ist das mein Neffe? Habe ich überhaupt Neffen? Könnte es sein, dass da jemand den Enkeltrick bei mir ausprobiert?

Schon im Alltag ist es sehr wichtig, dass wir durchblicken und klar einschätzen können, was los ist. Es ist unbedingt zu empfehlen, dass wir einen Betrüger auch einen Betrüger nennen. Im Alltag würde keiner auf die Idee kommen, zu sagen: »du darfst doch niemand verurteilen, bloß weil er behauptet, er wäre dein Neffe. Vielleicht ist er ja wirklich ein Neffe, nur eben nicht deiner.« Niemand würde auf die Idee kommen zu sagen: wir dürfen doch solche Betrüger nicht verurteilen, wir dürfen die Drogenhändler nicht verurteilen, wir dürfen die Terroristen nicht verurteilen, wir dürfen einen Kindesmisshandler nicht verurteilen.

Die Gesellschaft, in der Jesus lebte

Was Jesus mit der Aufforderung »Richtet nicht« meinte, das war: zieht euer Selbstbewusstsein nicht daraus, klüger oder besser als andere zu sein! Jesus lebte in einer einer Gesellschaft, die von vielen Regeln und Normen geprägt war. Es war sehr klar, was man tun durfte und was nicht. Und wenn du dich nicht daran gehalten hast, dann warst du ganz schnell draußen. Fast alle Gesellschaften haben so funktioniert. Das hat Leute zusammen gehalten, dass man sagte: wir sind die, die wissen, was richtig ist. Wir sind nicht diese liederlichen Typen, die keine Ahnung davon haben, was sich gehört. Wir sind nicht die Frevler, die schamlos die Regeln übertreten. Wir sind nicht die gottlosen Kommunisten. Wir sind die Guten, und die Bösen fliegen raus.

In so einer Gesellschaft hat Jesus gesagt: richtet nicht! Baut euer Selbstbewusstsein und euren Zusammenhalt nicht darauf, dass ihr besser wisst, was sich gehört! Stoßt nicht die aus, die nicht in euer Schema passen!

Eine Gesellschaft, die viel erlaubt

Wir leben heute in einer Welt, in der es viel weniger klar ist, welche Grenzen man beachten muss, und wo die rote Linie ist. So lange du nicht mit dem Strafrecht in Konflikt kommst, gibt es wenige Vorschriften, die man unbedingt beachten muss. Die ganze Gesellschaft hat außerhalb des Strafrechts nur noch wenige gemeinsame Überzeugungen, aufgrund derer man Leute verurteilen würde. Eine der wenigen Sachen, wegen denen du heute verurteilt werden kannst, ist, wenn es so aussiehst, als ob du Leute verurteilst, oder jedenfalls: wenn du die falschen Leute verurteilst. Aber sonst?

Es scheint mir eher so, als ob das sich inzwischen eher individualisiert hat: einzelne Gruppen haben klare Feindbilder, und das sind nicht bloß Fußballfans. Einzelne Gruppen ziehen Selbstbewusstsein daraus, dass sie nicht so sind wie die anderen. Aber es gibt nur wenig gesamtgesellschaftliche Feindbilder, eher so etwas wie persönliche Lieblingsfeinde. Aber die schaffen es nur selten, sich allgemein auszubreiten.

Wer die Bösen braucht …

Und da greift das vielleicht wieder, was Jesus gesagt hat. So in dem Sinn: Bau dein Selbstbewusstsein nicht darauf, dass da irgendwelche Bösen sind, und du bist gegen sie. Natürlich gibt es schwierige Menschen und manchmal auch schwierige Gruppen von Menschen. Deswegen muss man ja auch wirklich urteilen. Aber wer sein Selbstbewusstsein daraus zieht, dass er gegen jemanden ist, der braucht dann irgendwann seinen Feind. Der wird von ihm abhängig. Ich weiß nicht, wer sich noch daran erinnert, wie es war, als 1990 der Ostblock von der Bühne der Weltpolitik verschwand. Auf einmal gab es keine Feinde mehr. Für einige war das richtig schwierig. Erst als zehn Jahre später die Terroristen auf der großen Bühne erschienen, da war wieder ein Feind da.

Aber wir sollen unser Selbstbewusstsein nicht daraus ziehen, wogegen wir sind, sondern wir sollen verankert sein in dem Guten, was von Gott her in die Welt kommt. Kurz vor unserem Abschnitt hat Jesu gesagt: »Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit! Das andere wird euch dann alles gegeben werden.« Das ist das große Positive, in dem wir verankert sein sollen, von dem wir leben, und wir brauchen dann keine bösen Leute, gegen die wir sind. Es gibt sie, aber wir brauchen es nicht für uns, dagegen zu sein. Gefährlich sind sie natürlich trotzdem, aber wir müssen uns nicht auf sie fixieren.

Nachdenken vorm Reden

Deswegen kommt anschließend von Jesu diese Warnung: gebt das Heilige nicht den Hunden, werft eure Perlen nicht vor die Säue. Ich glaube, Jesus hat dabei im Sinn, dass einige zu begeistert von der Herrschaft Gottes auf Erden sprechen könnten, und dabei ganz vergessen, dass es viele Leute gibt, die gar nicht froh darüber wären, wenn Gott sich plötzlich in ihre Angelegenheiten einmischt.

Gerade weil Gottes Herrschaft nicht auf Unterdrückung und Zwang beruht, deshalb fürchten viele, dass ihre Herrschaft über Menschen im Vergleich dazu nicht gut aussehen könnte. Und es scheint mir, als ob Jesus davor warnt, ihnen zu viel darüber zu erzählen, weil man sich dann in Gefahr bringen würde. Und Jesus will seine Leute gar nicht unbedingt als Märtyrer haben, sondern er will, dass sie leben und die lebendige Alternative Gottes verkörpern.

Erkenntnis und Praxis gehen zusammen

Es ist nämlich zum Glück so, dass man nicht das Ganze Evangelium auf einmal begreift. Das geht nur nach und nach. Nicht weil es einem an Intelligenz mangelt, sondern weil bei Jesus Theorie und Praxis ganz eng verbunden sind. Du begreifst etwas und fängst an, es umzusetzen, dabei begreifst du wieder mehr davon, und das bringt dich auch wieder einen Schritt weiter. Du kannst nicht das Eine haben ohne das andere. Du kannst immer nur ein bisschen mehr verstehen als das, was du in deinem Leben umsetzt. Wenn du mit dem, was du begriffen hast, nichts anfängst, dann wirst du auch nicht mehr begreifen, sondern stagnieren. Jesus hat das extra so gemacht: er hat in Gleichnissen gesprochen, die sich erst nach und nach erschließen, und er hat die Gleichnisse nur seinen Jüngern erklärt, nur denen, die sich auf ihn eingelassen haben, ganz exklusiv. Die anderen mussten sich selbst einen Reim darauf machen. Manche konnten es, andere nicht.

Dieselbe Botschaft wirkt bei verschiedenen Empfängern unterschiedlich. Und Jesus fordert uns auf, uns Gedanken zu machen, wem man wieviel sagen kann. Das ist ein ganz schön schwieriges Urteil, das wir da fällen sollen.

Wer glaubt, denkt besser

Aber Jesus traut das seinen Jüngern gerade deshalb zu, weil sie in dem großen Positiven verankert sind, das er gebracht hat. Gerade, wenn wir es nicht für unser Selbstbewusstsein brauchen, dass andere schlechter sind, dann sind wir in der Lage, gut zu urteilen. Gerade, wenn wir keine Angst davor haben, in Konflikte zu geraten, dann werden wir klarer sehen als jemand, der es sich mit niemandem verderben will. Unsere Beurteilungen werden besser, berechtigter und hellsichtiger, wenn wir sie nicht zur Pflege unseres Selbstbewusstseins brauchen. Das Selbstbewusstsein schenkt uns Gott. Wenn wir in ihm verankert sind, dann brauchen wir die Krücken nicht mehr. Wenn es uns zuerst um das Reich Gottes geht, dann bekommen wir alles andere umsonst dazu.

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