Das Tun macht uns stark für Krisen

Predigt am 29. Oktober 2017 zu Matthäus 7,24-29 (Predigtreihe Bergpredigt 15)

Verfasser: Walter Faerber

24 Jeder, der diese meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf Fels baute. 25 Als ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es nicht ein; denn es war auf Fels gebaut.
26 Und jeder, der diese meine Worte hört und nicht danach handelt, ist ein Tor, der sein Haus auf Sand baute. 27 Als ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es ein und wurde völlig zerstört.
28 Und es geschah, als Jesus diese Rede beendet hatte, war die Menge voll Staunen über seine Lehre; 29 denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten.

Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass Jesus vor seiner öffentlichen Karriere als Bauhandwerker oder Bauunternehmer gearbeitet hat. Er wusste also sehr gut, dass das Fundament entscheidenden Einfluss auf die Stabilität eines Gebäudes hat. Vielleicht hatten er und seine Zuhörer so einen Fall vor Augen, wo ein plötzlicher Starkregen den Sand unter einem Steinhaus weggespült hat und das Haus krachend zusammengefallen ist.

Bild: Angelo_Giordano via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Auf jeden Fall richtet Jesus unsere Aufmerksamkeit auf den nicht sichtbaren Teil des Hauses, also das unterirdische Fundament. Er nimmt das als Bild für die verborgenen Grundlagen eines Menschenlebens, die man normalerweise nur schwer erkennen kann, aber in besonderen Situationen werden sie sichtbar. Und dann hat es weitreichende Folgen, ob ein Mensch sein Leben auf eine gute Grundlage gestellt hat.

Normale Zeiten und andere Ereignisse

Es gibt also die normalen Zeiten, in denen wir vor dem Fernseher sitzen oder am Schreibtisch, wo wir Rechnungen bezahlen, morgens zur gewohnten Zeit aufstehen, uns mit Kindern oder Kunden beschäftigen, uns mit unserem Ehepartner streiten, Geburtstage feiern, das Auto zur Reparatur bringen und all diese kleinen und großen Jobs des Alltags abwickeln, und wenn uns einer fragt, wie es denn heute war bei der Arbeit oder in der Schule, dann sagen wir: ach, nichts Besonderes.

Und dann gibt es die anderen Ereignisse, nach denen fast nichts mehr ist wie vorher: wir begegnen dem Menschen, von dem wir wissen, dass es der Mensch fürs Leben ist. Die Arztpraxis ruft nach einer Routineuntersuchung an und bittet uns, so schnell wie möglich noch einmal vorbeizukommen. Unser erstes Kind wird geboren. Unsere Firma geht in Konkurs. Eben saßen wir noch am Steuer, und dann wachen wir erst wieder im Krankenhaus auf. Ein kleiner Moment nur, aber er stellt die Weichen für viele Jahre.

Manchmal betreffen solche Ereignisse uns ganz persönlich, aber es kann auch sein, dass wir sie mit vielen anderen teilen. Wenn ein Krieg angezettelt wird oder eine politische Umwälzung geschieht, dann ändert das die Lebenswege vieler Menschen ganz entscheidend. Denken wir an die deutsche Einheit! Genauso kann eine Wirtschaftskrise die Pläne vieler Menschen über den Haufen werfen. Manche Ereignisse haben Folgen für Jahrhunderte. Als am Ende des Mittelalters die Pest durch Europa zog, hat z.B. England fast 300 Jahre gebraucht, bis es wieder seine frühere Bevölkerungszahl erreicht hat.

Selten, aber hochwirksam

Weil solche Ereignisse nicht alltäglich sind, blenden wir sie häufig aus unserer Sicht auf das Leben aus. Aber das heißt nicht, dass es sie nicht geben würde, oder dass so etwas nur früher passiert ist, oder irgendwo weit weg in fremden Ländern, wo die Neuzeit noch nicht Fuß gefasst hat. Bisher hat es noch keine Generation gegeben, die um solche Ereignisse herumgekommen wäre. Und in den Zeiten von Klimawandel und weltweiter Instabilität ist nicht zu erwarten, dass sich das ändern wird. Nur Traumtänzer glauben, dass man die ganze Unruhe in der Welt auf die Dauer draußen halten kann. Weder Europa noch irgendein Land kann als Insel der Seligen überleben, wenn es in der Welt drunter und drüber geht. Wer das glaubt, dem kann man nur sagen: Träum weiter!

Im Gegensatz dazu ist Jesus Realist und denkt gerade von diesen einschneidenden Ereignissen her, weil da für lange Zeit die Weichen gestellt werden, und zwar äußerlich wie innerlich. Und er sagt: sei kein Dummkopf! Rechne damit, dass dein Land nicht immer nur Schönwetterperioden erlebt. Rechne damit, dass es in deinem persönlichen Leben Brüche und Krisen geben wird, und überprüfe deine Grundlagen: worauf kannst du in solchen Krisen zurückgreifen? Ob du als gebrochener Mensch aus solchen Zeiten herauskommst, oder ob sich deine Lebensgrundlage als stabil erweist, das macht den entscheidenden Unterschied.

Scheinbare Sicherheit

Zur Zeit von Jesus war gerade der Jerusalemer Tempel fertiggestellt worden. Er hatte ein Fundament aus gewaltigen Steinquadern und war ein grundsolides, mächtiges Bauwerk. Das hat ihn aber nicht davor geschützt, 40 Jahre später im Krieg fast völlig zerstört zu werden. Jesus geht es also nicht um schlampige Architektur. Es geht ihm um unser geistiges und geistliches Fundament: darum, was unser Handeln motiviert, wie wir die Welt sehen, wie wir denken und entscheiden, ob wir dem lebendigen Gott dienen oder dem toten Mammon. Es geht ihm um die Widerstandskraft, die wir bei unerwarteten Ereignissen, Krisen, Katastrophen oder anderen Singularitäten entwickeln können.

Alle materiellen Sicherheiten können schnell in Trümmer fallen – aber wenn das passiert und dir alle äußere Sicherheit weggeschlagen wird: wer bist du dann? Niemand erwartet, dass wir dann Hurra schreien. Aber wenn so ein Fall eintritt: werden wir wissen, wie wir dann leben und im schlimmsten Fall auch sterben können? Welches Potential haben wir, das uns bleibt, auch wenn ein singuläres Ereignis die äußeren Sicherheiten unseres Lebens beschädigt oder zerstört?

Verlässliche Lebenslogik

Jesus sagt hier am Ende der Bergpredigt: das, was ich euch jetzt als Grundhaltung für euer Leben beschrieben habe, diese neue Lebenslogik, die aus dem Vertrauen auf Gott geboren wird, die ist das krisenfeste Lebensfundament, das sich in allen Stürmen bewähren wird. Voraussetzung dafür ist aber, dass ihr tatsächlich so lebt. Es reicht nicht, mich zu hören und meine Ideen gut zu finden. Es reicht noch nicht mal, mich »Herr, Herr!« zu nennen. Meine Bergpredigt wird nur dann zur sicheren Lebensgrundlage, wenn ihr sie umsetzt. Wenn ihr so lebt.

Das liegt daran, dass wir alle nur von dem wirklich durchdrungen werden, was wir uns in unserem Verhalten zu eigen machen. Nur was du immer wieder übst, das steht dir auch im Ernstfall wirklich zur Verfügung. Zum Nachschlagen im Handbuch hast du dann keine Zeit mehr. Deshalb üben z.B. Sanitäter und Feuerwehrleute immer wieder ihre Handgriffe, damit sie im entscheidenden Moment trotz Stress und Chaos wissen, was sie zu tun haben. Deswegen entwickeln Christen geistliche Routinen wie regelmäßige Gebetszeiten, damit sie auch unter Stress zurückfinden in die Grundhaltung des Hörens auf Gott.

Aber so wichtig solche geistlichen Strukturen sind, das reicht noch nicht. Erst wenn wir die normalen Zeiten als Übungsgelegenheiten für den neuen Weg der Bergpredigt nutzen, sind wir auf die Singularitäten vorbereitet.

Entscheidend ist das Tun

Wir sagen ja als Christen öfter mal: Jesus oder der Glaube ist das Fundament meines Lebens. Und so gut und richtig das ist, Jesus selbst sagt es hier genauer. Das wirklich stabile Fundament ist ein von der praktizierten Bergpredigt durchdrungenes Leben. Wer den toten Götzen dient, Geld, Macht, Bequemlichkeit und ähnlichem, der hat keine Widerstandskraft mehr, wenn ihm das mal genommen wird. Dem haben sich Routinen eingeschliffen, die nicht mehr funktionieren. Und das macht wehrlos.

Jesus sagt hier am Ende sehr deutlich, dass die Bergpredigt dazu da ist, dass man sie umsetzt. Trotzdem hat es immer wieder viele Leute gegeben, die bezweifelt haben, dass das möglich ist. Eine ganze Menge deutscher Bundeskanzler von Bismarck über Helmut Schmidt bis Helmut Kohl haben gesagt: mit der Bergpredigt kann man nicht Politik machen. Nun, Israel ist damals in die Katastrophe des Krieges von 70 n. Chr. gerutscht, gerade weil sie nicht auf den Bergprediger Jesus gehört haben. Und die Mahnung, sich nicht an den Reichen und Mächtigen zu orientieren, sondern an den Armen und Schwachen, würde, glaube ich, wenn sie umgesetzt würde, zu einer viel breiter akzeptierten Politik führen.

Es gibt aber auch unter Christen die Theorie, dass die Bergpredigt gar nicht als Handlungsanleitung gedacht ist. Stattdessen, so heißt es, soll sie uns zeigen, wie schlecht und unfähig wir sind, weil wir sie eben nicht umsetzen. Wenn du also anfängst, nach der Bergpredigt zu leben, dann bist du hochmütig und eingebildet, weil du dir einbildest, du könntest Jesu Willen erfüllen. Am besten ist es also, du machst gar nichts und bittest nur um Vergebung. Zugegeben, das ist jetzt sehr plakativ formuliert, aber ich glaube nicht, dass ich den Gedanken falsch wiedergebe. Trotz dieser klaren Weisung am Schluss, wo Jesus das Tun seiner Gebote als das Fundament eines christlichen Lebens beschreibt, haben auch Christen immer wieder gedacht, dass Jesus doch wohl nicht ernsthaft wollen könnte, dass wir tatsächlich nach seinen Worten leben.

Ein Weg, den man wirklich gehen kann

Aber tatsächlich beschreibt Jesus in der Bergpredigt die Logik seines eigenen Handelns und lädt uns ein, daran teil zu haben. Erstaunlicher Weise hat das sogar auf Nichtchristen erheblichen Eindruck gemacht. Schon hier, in der Ursprungssituation, erzählt Matthäus, wie beeindruckt die Leute waren. Was Jesus sagte, war kein leeres Gerede, sondern die Leute sahen vor sich einen Weg, den man tatsächlich gehen kann. Sie sahen einen Ausweg aus der hoffnungslosen Situation, in der sie damals alle steckten: Armut, Ausbeutung, Gewalt, Kriegsgefahr. Man musste denen nicht erst groß erzählen, dass das Leben gefährlich sein kann. Sie lebten sozusagen in permanenten Ausnahmesituationen. Aber jetzt sahen sie bei Jesus einen Weg, auf dem sie hindurchgehen konnten.

Der mächtige in Fels gegründete Tempel wurde zerstört. Aber die Gemeinschaft von Menschen, die sich die Worte Jesu zu eigen gemacht hatten, die hat die Katastrophe überlebt. Und nicht nur diese.

Wenn wir heute nach vorn blicken und uns fragen, in was für einer Welt mal unsere Kinder und Enkel leben werden und wie wir sie darauf vorbereiten können – ich kann mir nichts Besseres vorstellen, als sie und uns auf diesen Weg der Bergpredigt zu bringen.

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