Wer bin ich?

Besonderer Gottesdienst am 22. Januar 2017 mit Predigt zu Philipper 2,5-9

Verfasser: Walter Faerber

Die folgenden Texte waren im Gottesdienst auf zwei Blöcke aufgeteilt.

Dieser Besondere Gottesdienst hat den Titel: »Wer bin ich?«. Ich glaube, wir sind uns einig, dass das eine wichtige Frage ist. Was für eine Sorte Mensch ich bin, wie ich funktioniere und reagiere, wie meine Lebensgeschichte mich geprägt hat, woher ich mein Selbstbewusstsein nehme – das sind alles ganz zentrale Fragen.

Mit einem Spezialbegriff kann man auch sagen: die Frage »wer bin ich?« ist die Frage nach der »Identität«. Wo gehöre ich hin? Von wo aus definiere ich mich? Was macht mich aus? Woher nehme ich mein Selbstwertgefühl? Die Antwort darauf ist ganz häufig ein Satz über unsere Zugehörigkeit: ich bin Fan von …, ich stamme aus dieser Stadt oder gehöre zu jener Familie, ich gehöre zu diesem Volk oder zu jener Firma. Wir Menschen definieren uns ganz stark durch die Zughörigkeit zu einer Gruppe.

Das ist aber natürlich ein Risiko. Man kann z.B. aus einer Gruppe ausgeschlossen werden: der Stamm oder die Familie kann einen verstoßen. Oder die Gruppe selbst wird ein Problem: wenn der Verein oder der Mensch, dessen Fan man ist, dauerhaft Misserfolg hat z.B. Oder wer seine Identität daraus zieht, dass er bei VW arbeitet, der könnte im Moment durchaus Probleme mit dieser Identität haben.

Aber natürlich wissen wir im Grunde alle, dass es nicht reicht, auf die Frage »wer bin ich?« zu antworten: ich bin Fan von … oder ich arbeite bei … Noch nicht mal zu sagen »ich bin der der Papa oder die Mama von …« gibt eine wirkliche Antwort auf diese Frage. Irgendwie wissen wir, dass das noch nicht genug darüber sagt, wer wir sind. Wenn wir unsere Identität von Menschen abhängig machen, dann können wir uns nie sicher sein, wer wir sind.

In unserer Neuzeit hat Dietrich Bonhoeffer dazu etwas sehr Persönliches geschrieben. Viele von uns wissen: Bonhoeffer war jahrelang im Gefängnis, weil er ein Gegner Hitlers war. Ganz am Ende des 2. Weltkrieges ist er schließlich noch schnell hingerichtet worden. Aber er muss wohl schon während seiner ganzen Gefangenschaft sogar auf seine Bewacher einen tiefen Eindruck gemacht haben. Und gleichzeitig wusste er sehr genau, dass er sich selbst überhaupt nicht besonders mutig und stark fühlte.

Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der Internationalen Dietrich Bonhoeffer-Gesellschaft

Bonhoeffer hätte sich von seiner Familientradition her definieren können. Er hatte berühmte Leute unter seinen Vorfahren, Professoren, Generäle, hohe Beamte. In einem Brief an die Gestapo hat er die alle mal aufgezählt, aber das war Taktik. Ihm selbst war zum Glück immer klar, dass es nicht reicht, sich durch seine Abstammung zu definieren. Spätestens im Gefängnis hätte ihm das nichts mehr genützt. Aber das Gefängnis hat ihn trotzdem gezwungen, sich mit dieser Frage »wer bin ich?« auseinanderzusetzen.

Und er hat das in einem Gedicht so beschrieben, dass man sich bis heute darin wiederfinden kann, auch wenn man kein Gestapo-Häftling ist. Aus diesem Gedicht stammt auch der Titel unseres Gottesdienstes heute: Wer bin ich?

Wer bin ich?
Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest,
wie ein Gutsherr aus seinem Schloß.

Wer bin ich?
Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich?
Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich?
Vor Menschen ein Heuchler
und vor mir selbst
ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist,
dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht
vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich?
Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich,
Dein bin ich, o Gott!

In dieser Extremsituation des Gefängnisses merkt Bonhoeffer, dass er es nicht in der Hand hat, wer er ist. Er hat keine Kontrolle darüber, er kann es nicht definieren und garantieren. Er überlässt es Gott, was der in ihm sieht und wohin er ihn führt. Er lässt sich von Gott sagen, wer er ist.

Vielleicht ist das die erste und wichtigste Antwort auf die Frage »Wer bin ich?«: wir können das nicht willkürlich bestimmen; wer wir sind, das bildet sich in einem komplizierten Zusammenspiel von Gott und uns und anderen Menschen heraus. Unsere »Identität« liegt außerhalb unserer Verfügungsmacht. Und nur Gott kennt unser Herz wirklich und weiß, was mit uns ist.

Wir sind ins Ungewisse gestellt, aber gerade so geborgen; wir haben keine Macht über uns, aber so sind wir in den besten Händen. Und dann müssen wir auch nichts aus uns zu machen versuchen. Denn das geht häufig schief, davon werden wir heute noch hören.

Dazu konzentrieren wir uns auf einen Abschnitt aus dem Philipperbrief des Apostels Paulus:

5 Seid so unter euch gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht:
6 Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, 7 sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.
8 Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. 9 Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist.

Wir sprechen heute über schwierige Fragen, und dieser Abschnitt aus dem Philipperbrief des Pauls ist auch nicht einfach.

Viel hängt dabei an der Frage, was die Formulierung bedeutet »Er hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein.« Ein Raub, eine Beute, ist etwas, was du einem anderen gegen seinen Willen weggenommen hast, und du bist dauernd auf dem Sprung für den Fall, dass jemand das merkt und es zurück haben will.

Wer sich im Laden heimlich – sagen wir – eine DVD mit einem teuren Spiel unter den Pullover geschoben hat, der achtet genau darauf, ob ihn keiner beobachtet hat oder ob ihm ein Ladendetektiv folgt. Er ist darauf vorbereitet, nötigenfalls sofort einen Sprint einzulegen, falls ihm einer auf den Fersen ist. Eine Beute ist nichts Sicheres, jedenfalls so lange man noch in Reichweite des Ladenpersonals ist.

Paulus sagt also: Jesus war Gott gleich, aber er hat sich diesen Status nicht gegen Gottes Willen unter den Nagel gerissen. Er hat das deshalb auch nicht mit Zähnen und Klauen verteidigt, er hat es sogar freiwillig aufgegeben, um Mensch zu werden. Du kannst etwas nur dann freiwillig aufgeben – es verschenken – , wenn es dir wirklich gehört. Eine Beute, die du dir mühsam erkämpft hast, die hältst du fest, die gibst du nicht freiwillig her.

Lucas van Leyden: Sündenfall (1530)

Das wird noch klarer, wenn man fragt: zu wem ist Jesus denn die Alternative, wer hat sich das denn unter den Nagel gerissen, »Gott gleich zu sein«? Wer wollte denn gegen Gottes Willen wie Gott sein? Und dann merkt man: Paulus erinnert hier an die Paradiesgeschichte, an Adam und Eva, denen die Schlange einflüsterte: wenn ihr von dem Baum esst, dann werdet ihr sein wie Gott!

Gegen Gottes Willen wollten sie werden wie Gott, sie wollten nicht mehr von Gott abhängig sein, sie wollten sich ihre Identität – da ist es wieder, das Wort! – sie wollten sich ihre Identität gegen Gott erkämpfen. Und von da an ging alles schief.

Wenn man erstmal anfangt, darauf zu achten, dann merkt man, wie sich diese Frage durch die ganze Bibel zieht. Schon in der zweiten Generation der Menschen gerieten Kain und Abel in einen tödlichen Streit, aber dabei ging es nicht um Essen oder Geld oder so etwas, sondern darum, wen Gott freundlich ansieht und wen nicht. Seit ihre Eltern Adam und Eva versucht haben, mit Gewalt Gott gleich zu sein, kämpfen Menschen darum, wer sie sind. Wenn uns das nicht mehr Gott sagt, dann müssen wir das von anderen Menschen hören. Wir leben nicht mehr selbstverständlich von Gott und vor Gott und überlassen es ihm, zu sagen wer wir sind und was wir wert sind, sondern jetzt kämpfen wir um unsere Identität, und meistens tun wir das so, dass wir um die Anerkennung durch andere kämpfen.

Lucas van Valckenborch “Der Turm zu Babel” (1595)

Die biblische Urgeschichte schließt dann ab mit der Geschichte vom Turm zu Babel. Da beschließen Menschen, einen Turm zu bauen, ausdrücklich »um sich einen Namen zu machen«. Nichts sagt so sehr etwas darüber, wer wir sind, wie unser Name. Sie wollen ein unübersehbares Zeichen für ihren Namen, für ihre Identität aufrichten. Sie wollen sich auch als Volk nicht von Gott sagen lassen, wer sie sind, sondern sie wollen es in die eigene Hand nehmen, und so bauen sie den Turm. Und es passiert dem Menschenvolk genau das, was schon den Brüdern Kain und Abel passiert ist: gerade dieser Kampf um ihre Identität bringt sie gegeneinander auf. Am Ende gibt es viele Sprachen und Nationen. Und so gibt es heute all die vielen Nationen, die gegeneinander stehen und manchmal auch miteinander Kriege führen. Und alle bauen ihr eigenes babylonisches Türmchen, irgendetwas, was sie zusammenhalten soll, worauf sie stolz sind, und was auf jeden Fall möglichst groß und hoch sein soll. Aber in Wirklichkeit produziert das Streit und Spaltung.

Man könnte diesen Streit um die Frage, woher man seine Identität nimmt, durchs ganze Alte Testament verfolgen. Aber keine Angst, ich tue das nicht, sondern ich mache den großen Sprung zum Neuen Testament, zu Jesus, von dem wir vorhin in der Lesung die Geschichte von der Versuchung gehört haben (Matthäus 4,1-11).

Bei Jesus wiederholt sich ja unter neuen Bedingungen die alte Geschichte von der Versuchung. Er hat kurz vorher bei seiner Taufe von Gott zugesprochen bekommen: du bist mein lieber Sohn, und deshalb ruht er jetzt ganz sicher in seiner Identität. Die hat er sich nicht erkämpft, sondern sie ist ihm geschenkt worden. Bonhoeffer hat darauf vertraut, dass Gott weiß, wer er ist – Jesus hat es sogar ausdrücklich gehört.

Und dann kommt der Versucher und möchte das nachträglich untergraben. Das hat für ihn höchste Priorität, weil er an Menschen, die ein sicheres Selbstbewusstsein haben, nicht mehr herankommt. Wenn du weißt, wer du bist, wo du hingehörst und was du brauchst, dann ist es z.B. ganz schwer, dir etwas zu verkaufen, was du nicht brauchst: Statussymbole, Parfüms, die dich unwiderstehlich machen, dicke Autos, die viel Sprit fressen, all so was. Und wer nicht darum kämpfen muss, wer er ist, der ist auch ein viel friedlicherer Zeitgenosse, privat wie politisch.

Der Teufel versucht also, Jesus diese Sicherheit irgendwie wieder zu nehmen, weil er ihn sonst nicht unter Kontrolle kriegt. Vordergründig bietet er ihm Geld, Ruhm und Macht an – auf diesem alten Mosaik aus dem Markusdom in Venedig ist das schön dargestellt: mach Steine zu Brot, spring vom Tempeldach, nimm aus meiner Hand die Weltherrschaft. Aber in Wirklichkeit geht es immer darum, ob er Jesus dazu kriegen kann, dass er um seine Identität kämpft. Dass er sich nicht einfach schenken lässt, wer er ist, nämlich Gottes geliebter Sohn, sondern dass er das im Streit mit Gott an sich nimmt wie eine Beute. Dass er nicht sicher in seiner Identität ruht, sondern sie sich selbst und anderen beweisen muss. Und wenn man damit erstmal anfängt, muss man es immer wieder tun. Man hat nie genug Geld, man ist sich seines Ruhms und seiner Beliebtheit nie sicher, und Macht ist immer gefährdet. Je kleiner das Selbstbewusstsein in Wirklichkeit ist, um so höher die Türme und Wolkenkratzer, die einer baut. Aber sie werden nie hoch genug sein.

Brooklyn Museum - Jesus Carried up to a Pinnacle of the Temple (Jésus porté sur le pinacle du Temple) - James Tissot - overall

In diesem Zusammenhang hat mir dieses Bild von der Versuchung Jesu gut gefallen, obwohl man darauf gar nichts sieht von Brot, oder von Weltherrschaft, und eigentlich auch nichts vom Runterspringen. Auf dem Bild des französischen Malers James Tissot (1836-1902) hebt der Satan Jesus hoch, ganz hoch, er versucht ihm schmackhaft zu machen, wie es wäre, wenn er viel größer wäre, wenn er das menschliche Maß hinter sich lässt. Das ist die Versuchung: die Grenzen des Menschseins hinter sich zu lassen, individuell oder gemeinsam, und wie Gott zu werden.

Solche Versuchungen drücken sich deshalb oft in übermenschlich großer Architektur aus. Mit dem Turm zu Babel fing es an, aber genauso haben die Riesenbauten der Nazis funktioniert, wo der Einzelne ganz klein wird und ihm durch die Gebäude suggeriert wird: nur als Teil deines Volkes bist du was, aber da bist du dann ganz großartig.

Aber all diese Versuche werden dadurch beschämt, dass Gott gar nichts daran liegt, besonders groß zu sein. Gott hat das ganze Universum geschaffen, der braucht es nicht, in unseren Augen groß dazustehen. Stattdessen setzt er seine Ehre darein, so wie wir zu werden: ein Mensch. Vielleicht haben Sie schon mal den Spruch gehört: »Schon viele Menschen wollten Götter sein, aber nur ein Gott wollte Mensch sein.«

Weil Jesus so sicher darin war, das Gott sein großes Ja zu ihm gesagt hatte, deshalb konnte er alles aufgeben und nicht nur Mensch werden, sondern ein Mensch ganz unten, der nie um irgendwelche Positionen gekämpft hat. »Er nahm Knechtsgestalt an« sagt Paulus. Jesus diente den Menschen und nahm sogar unseren Tod in einer seiner schlimmsten Formen auf sich. Und er konnte das, weil er wusste wer er war, und weil er wusste, dass ihm das von vornherein geschenkt war.

Und deswegen können und sollen wir es auch wissen: von Gott aus haben wir unseren Namen, wir haben unsere Identität, Gott sieht uns an und kennt uns und nennt uns seine Kinder. Aber unsere ganze Kultur, unsere ganze Art zu leben ist durchtränkt von dem Misstrauen, ob das denn wirklich so ist. Menschen bauen Hohes, sie bauen Türme aus allem Möglichen, und das führt dann zu Unterdrückung und Streit, z.B. um die Frage, wer die Türme baut, wer dafür zahlt, wer dazu gehört und wer das Kommando hat.

Und all dies Gegeneinander wird erst aufhören, wenn wir das so sagen können wie Dietrich Bonhoeffer:

»Wer ich auch bin, Du kennst mich,
Dein bin ich, o Gott!«

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