Macht hoch die Tür!

Predigt am 3. Dezember 2017 zu Psalm 24

Verfasser: Walter Faerber

1 Ein Psalm Davids.
Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen.
2 Denn er hat ihn über den Meeren gegründet und über den Wassern bereitet.
3 Wer darf auf des HERRN Berg gehen, und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?
4 Wer unschuldige Hände hat und reinen Herzens ist, wer nicht bedacht ist auf Lüge und nicht schwört zum Trug:
5 der wird den Segen vom HERRN empfangen und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heiles.
6 Das ist das Geschlecht, das nach ihm fragt, das da sucht dein Antlitz, Gott Jakobs. Sela.
7 Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe!
8 Wer ist der König der Ehre? Es ist der HERR, stark und mächtig, der HERR, mächtig im Streit.
9 Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe!
10 Wer ist der König der Ehre? Es ist der HERR Zebaoth; er ist der König der Ehre. Sela.

Dieser Psalm ist ein Lied von Pilgern. Er wurde wahrscheinlich in der alten Zeit gesungen, wenn eine Gruppe von Pilgern nach einem mehrtägigen Fußmarsch im Jerusalemer Tempel ankam. Unterwegs haben sie gesungen: »Des Herrn ist die Erde und was sie erfüllt, der Erdkreis und seine Bewohner«. Unserem Gott gehört die ganze Welt und alle ihre Geschöpfe, denn er hat das Chaos zurückgedrängt und einen Raum zum Leben geschaffen, über den Meeren und Strömen. Das Meer und das Wasser überhaupt steht in der Bibel immer für das ungeordnete Chaos, wo kein Leben möglich ist. Aber über diesem Chaos hat Gott einen Raum zum Leben geschaffen: unsere Welt, geordnet und schön.

Die Welt ist von Gott verliehen

Und deswegen gehört ihm die Welt. Er hat sie uns anvertraut. Wir haben die Erde nur geliehen, aber nicht von unseren Kindern, sondern von Gott. Wo das vergessen wird, da fangen Menschen an, Land und Bodenschätze zusammenzuraffen und führen Kriege um Öl und um Grenzen. Dann baut man Zäune um das Territorium, auf das man Anspruch zu haben glaubt. Und aus dem Geschenk der Erde wird eine Beute, die der Stärkste an sich reißt und nicht mehr hergibt. Und dann kehrt das Chaos zurück in die Schöpfung: der Krieg aller gegen alle. Aber in Wirklichkeit gehört die Erde Gott, und wir haben sie anvertraut bekommen, damit wir uns an ihr freuen und sie gedeihen lassen.

So hatten sich die Pilger den ganzen Weg über mit ihren Liedern daran erinnert, dass Gott all diese Herrlichkeit geschaffen hatte, die Berge und die Täler, das zarte Grün des Frühlings und den hohen Himmel über allem.

Warum mussten sie dann aber noch nach Jerusalem pilgern, wenn Gott sowieso die ganze Erde geschaffen hat? Weil die Dinge, die immer richtig sind, doch bei besonderen Gelegenheiten extra ausgesprochen werden müssen. Was immer gilt, wird am schnellsten vergessen. Man kann nicht jeden Tag sagen: »Du bist der beste Papi der Welt« oder »du bist die schönste Frau von allen«, das schleift sich ab, aber bei besonderen Gelegenheiten muss es ausgesprochen werden: einmal im Jahr, wenn Geburtstag ist, oder jedes Mal wieder, wenn man goldene Hochzeit feiert, und dann sagen alle: ach ja, genau, so war es doch!

Das Anschauungsmodell der Welt

Und um sich wieder zu erinnern, dass Gott die ganze Welt gehört, dafür war der Tempel da, und die jährlichen Feste, sozusagen als Zeichen in Zeit und Raum. Solche Zeichen sind auch der wöchentliche Feiertag, das Abendmahl und die Gemeinschaft der Gemeinde Jesu. Man verlässt für einige Zeit seine gewohnte Umgebung und die normalen Abläufe, um zu bekräftigen, was immer gilt, oder um sich wieder neu daran erinnern zu lassen.

In den alten Zeiten war der Tempel so etwas wie eine Abbildung der Welt: das Heiligtum symbolisierte den ganzen Kosmos, und in seiner Mitte gab es einen zentralen Ort, das Allerheiligste. Dieser Raum war zunächst einmal leer, aber dann wurde die Lade Gottes dort hineingestellt, das alte Wüstenheiligtum, das das Volk auf seinem Weg aus der Sklaverei in das verheißene Land begleitet hatte. Die Gegenwart des befreienden Gottes war damit verbunden. Und später erinnerte man sich an den Moment, als einstmals das Zeichen dieser Gegenwart im Tempel an der zentralen Stelle platziert wurde.

Das bedeutet erstens, dass die Welt einen zentralen, innersten Kern hat. Die Welt ist nicht ein wirres Konglomerat von Materie, sie ist kein chaotischer, zufälliger Haufen, sondern sie hat eine innere Struktur, eine Logik; sie hat einen zentralen Ort, von dem her sie verstanden werden muss, und das ist der Ort, wo Gott wohnt. Gott ist das zentrale Prinzip der Welt, ihr oberster Wert, ihre organisierende Mitte, und der Tempel bildet das ab. Hier im Psalm wird dieser Gott der »König der Herrlichkeit« genannt.

Wer gehört in die Mitte?

Damit ist aber noch nicht gesagt, was das inhaltlich bedeutet – wer nimmt diesen Zentralplatz ein? »König der Herrlichkeit« ist zunächst einmal eine Funktion, man könnte sagen: eine Berufsbezeichnung – wie Bundeskanzler, oder Aufsichtsratsvorsitzender oder Betriebsleiter. Das Amt des Bundeskanzlers ist ein Thema im Politikunterricht, es wird im Grundgesetz beschrieben und wir wissen alle, dass es dieses Amt gibt. Aber das reißt niemanden vom Hocker. Die wirklich spannende Frage ist: wer ist dieser Bundeskanzler, bzw. zur Zeit: wer wird Bundeskanzler oder Bundeskanzlerin?

Und entsprechend ging es im Tempel nicht nur um das Thema, dass die Welt so eine Mitte hat, von der her sie verstanden werden muss, sondern zweitens und viel wichtiger war die Frage: wer ist diese Mitte? Wer füllt diesen leeren Raum aus? Und deshalb erinnerten sie sich im Tempel immer wieder an den Moment, wo die Lade des Befreiungsgottes in den Tempel getragen und dort aufgestellt wurde. Deswegen fragen die Priester als Verwalter dieses Zentralortes: wen bringt ihr uns da? Oder, in einem modernen Bild gesprochen: Wer ist es, der am Tor des Bundeskanzleramtes rüttelt und sagt: »Ich will da rein!«?

Auf dem Esel unterwegs in die Mitte

Und jetzt am Beginn des Advents erinnern wir uns an die Szene, wie Jesus auf dem Esel nach Jerusalem kommt (Matthäus 21,1-11), mit einem Haufen von Freunden, Anhängern und Neugierigen im Schlepptau, und er kommt nach Jerusalem und in den Tempel und signalisiert damit: ich will da rein! Das ist der Platz, der meinem Vater zusteht! Aber Jesus tut das nicht anmaßend und großsprecherisch, er ist nicht von Ehrgeiz und Machtwillen getrieben, wie die meisten, die an solchen Toren rütteln, sondern er kommt bescheiden, auf einem geliehenen Esel, er kommt als König der normalen Leute, die sich ein Pferd niemals leisten könnten.

Diese Szene ist anders als die Situation im alten Tempel, es ist eine andere Zeit, die Welt hat sich geändert, die entscheidenden Fragen werden neu formuliert, aber es geht immer noch um darum: wer ist es, der den zentralen Ort in der Welt inne hat?

Und die Antwort präzisiert nur, was schon in den alten Zeiten gesagt wurde: der Gott Israels, der Befreier von alters her, der Anführer auf der Flucht aus der Sklaverei in das verheißene Land, er ist es, der legitimen Anspruch auf den zentralen Ort in der Welt hat.

Das Weltbild neu justieren

Und das wird zunächst einmal an dem Weltmodell, das der Tempel darstellt, durchgespielt. An diesem Weltmodell macht man sich klar, wie es sein soll. Aber dann weiß man auch wieder, was richtig ist, man hat sich sein Weltbild wieder neu justieren lassen, und dann kann man sich auch zu Hause und alle Tage daran orientieren. Bis heute ist das der Sinn solcher besonderer Orte und besonderer Zeiten, dass man sich da wieder daran erinnert, was gilt. Auch das Weihnachtsfest ist so ein besonderes Szenario, wo wir uns erinnern, dass Gott in die Welt hineingekommen ist und das ganze Jahr hindurch daran arbeitet, seine Welt von innen heraus zu erneuern.

Wenn die Pilger in der alten Zeit an ihrem Ziel angekommen waren, dann erinnerten sie sich daran, dass nicht jeder dort im Heiligtum an der richtigen Stelle war. Wer z.B. auch noch andere Götter verehrte, der war da am falschen Platz. Der befreiende Gott ist die Mitte der ganzen Welt, und daneben ist kein Platz für andere Götter und Mächte. Der befreiende Gott passt einfach nicht zusammen mit den Götzen der Macht und der Propaganda. Er ist der Gegenspieler des Mammon, der alles Leben aufsaugt und verschlingt. Und deshalb können wir nicht gleichzeitig Gott dienen und dem Mammon Tribut zollen.

Das passt nicht!

Heute würden wir das vielleicht so sagen: das ganze Jahr über ist dir Geld am wichtigsten, das ganze Jahr über benimmst du dich wie Sau, 11 ½ Monate lang machst du dir und anderen dauernd Stress, und zu Weihnachten soll es plötzlich besinnlich werden, da soll die Familie auf einmal voll Harmonie und Liebe sein? Das funktioniert nicht!

Oder, auf einer tieferen Ebene: Gott ist eigentlich nie präsent in deinem Leben, für ihn ist keine Zeit und keine Gelegenheit, aber an Weihnachten soll dann plötzlich so etwas wie Weihnachtsfreude vom Himmel fallen? Das funktioniert nicht, da ist die Enttäuschung vorprogrammiert, nicht umsonst haben die Beratungsstellen nach Weihnachten Hochkonjunktur, weil sie den ganzen Streit aufarbeiten müssen und die Enttäuschungen und Depressionen, die über die Festtage entstanden sind.

Am richtigen Ort sind im Tempel und an Weihnachten und an all diesen Begegnungspunkten die Menschen, die nach Gott fragen und sein Antlitz suchen: die ihm wirklich begegnen möchten. Die sich erinnern lassen möchten, dass die Erde immer noch Gott gehört und nicht den Banken und Konzernen und Geheimdiensten. Solchen Menschen kann sogar mitten in unserem sentimentalisierten und kommerzialisierten Weihnachtsfest Gott begegnen. Gott derselbe, auch wenn ihn Menschen im Lauf der Geschichte an den unterschiedlichsten Orten gesucht und gefunden haben.

Der richtige Name

Und dann stehen die Pilger endlich vor dem Tempeltor, und es ist zu. Und sie klopfen an das Tor und sagen: macht das Tor auf! Der gewaltige König, der König der Herrlichkeit kommt! Aber die Priester im Innern beeindruckt das gar nicht, sie fragen: wer ist das? was ist das für ein Gott? Da könnte ja jeder kommen und behaupten, er wäre der richtige Gott!

Und dann haben die Pilger die richtige Antwort: es ist der Herr der Scharen, der Herr Zebaoth, wie Luther es übersetzt hat. Und wir können es für uns übersetzen: der Gott der Menschen, dem es um seine Menschen geht und der Menschen zu seinem Volk macht. Der Gott, der mit seinen Menschen unterwegs ist. Der sein Volk aus der Sklaverei befreit hat, der ihm die Propheten geschickt hat, der in Jesus selbst Mensch geworden ist und unser Leben teilt, der mit seiner Gemeinde in die ganze Welt geht und an den unwahrscheinlichsten Orten Zonen der Freiheit schafft.

Er kommt mit seinen Leuten

Ja, er ist mächtig, ja, er kann kämpfen und tut es auch, aber sein entscheidendes Kennzeichen ist, dass er bei seinen Leuten ist. Und man beachte: er ist nicht schon im Heiligtum, sondern er kommt erst mit seinen Leuten. Der Tempel selbst ist keine Garantie für Gott. Weihnachten ist keine Garantie für Gott. Das christliche Abendland ist keine Garantie für Gott. Wo »Heiliger Ort« drauf steht, da muss noch längst nicht Gott drin sein. Gott kommt immer erst, er kommt mit seinen Leuten.

Und heute steht er auch vor dem Tor, wenn an den Außengrenzen des christlichen Abendlandes Menschen Einlass begehren und um einen Platz bitten, wo sie eine Auszeit von Krieg, Armut und Unterdrückung haben können, an einen Ort, wo sie sich wieder daran erinnern können, dass die Erde zum Leben geschaffen ist und dem lebendigen Gott gehört. Was könnte sich für eine Weihnachtsfreude in unserem Land ausbreiten, wenn wir zu Weihnachten alle gemeinsam aufatmen und uns freuen und wieder anfangen zu glauben, dass Gott der König der Herrlichkeit ist, dass er der Herr der Welt ist und nicht die Gewaltherrscher, Milizen und Folterknechte! Was könnte das mit sich bringen an Freundlichkeit, Solidarität und Begeisterung! Da könnte ein ganz neuer Faktor in die Weltpolitik eingreifen, mit dem keiner gerechnet hat. Und wir würden die Herrlichkeit Gottes mitten unter uns erleben, von der alles Lametta und alle Weihnachtsbeleuchtung nur ein schwacher Abglanz ist.

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