Ein Freiheitskern, der unabhängig macht

Predigt am 10. Juni 2018 mit 1. Korinther 9,16-23

Verfasser: Walter Faerber

16 Mein Ruhm besteht ja nicht darin, dass ich das Evangelium verkünde. Das ist schließlich eine Verpflichtung, der ich nicht ausweichen kann – wehe mir, wenn ich sie nicht erfülle! 17 Hätte ich diese Aufgabe aus eigenem Antrieb übernommen, könnte ich einen Lohn dafür erwarten. Ich habe sie aber nicht gewählt; sie ist mir übertragen worden: Gott hat mir die Aufgabe anvertraut, seine Botschaft zu verkünden.  18 Heißt das dann, dass ich überhaupt keinen Lohn bekomme? O doch: Mein Lohn besteht genau darin, dass ich das Evangelium unentgeltlich verkünde und keinerlei Gebrauch von dem Recht mache, das ich als Verkündiger dieser Botschaft habe.
19 Ich bin also frei und keinem Menschen gegenüber zu irgendetwas verpflichtet. Und doch habe ich mich zum Sklaven aller gemacht, um möglichst viele ´für Christus` zu gewinnen. 20 Wenn ich mit Juden zu tun habe, verhalte ich mich wie ein Jude, um die Juden zu gewinnen. Wenn ich mit denen zu tun habe, die dem Gesetz des Mose unterstehen, verhalte ich mich so, als wäre ich ebenfalls dem Gesetz des Mose unterstellt (obwohl das nicht mehr der Fall ist); denn ich möchte auch diese Menschen gewinnen. 21 Wenn ich mit denen zu tun habe, die das Gesetz des Mose nicht kennen, verhalte ich mich so, als würde ich es ebenfalls nicht kennen; denn auch sie möchte ich gewinnen. (Das bedeutet allerdings nicht, dass mein Leben mit Gott nicht doch einem Gesetz untersteht; ich bin ja an das Gesetz gebunden, das Christus uns gegeben hat.) 22 Und wenn ich mit Menschen zu tun habe, deren Gewissen empfindlich ist, verzichte ich auf meine Freiheit, weil ich auch diese Menschen gewinnen möchte. In jedem einzelnen Fall nehme ich jede nur erdenkliche Rücksicht auf die, mit denen ich es gerade zu tun habe, um jedes Mal wenigstens einige zu retten. 23 Das alles tue ich wegen des Evangeliums; denn ich möchte an dem Segen teilhaben, den diese Botschaft bringt.

Paulus hat immer sehr genau darauf geachtet, dass man ihm nicht nachsagen konnte, er hätte die Gemeinden ausgenutzt. Wir kennen ja alle die Geschichten über amerikanische Prediger und Fernsehevangelisten, die sich von ihren Gemeinden ein Luxusleben finanzieren lassen, und solche Geschäftsmodelle gab es damals natürlich auch schon. In Philosophie und Religion geht es immer auch um Geld. Und um nicht mit windigen Starrednern und Lohndenkern verwechselt zu werden, hat Paulus sich von den Gemeinden nicht bezahlen lassen, sondern sein eigenes Geld verdient. Einzige Ausnahme war die Gemeinde in Philippi, mit der er ganz eng verbunden gewesen sein muss. Aber selbst da betont er immer wieder, dass es ihm nicht um ihr Geld geht, und dass ihr Verhältnis unberührt bleiben soll von allen Finanzfragen.

Der Kern der Identität

Aber manchen kann man es nicht recht machen, und so kam dann aus der Gemeinde von Korinth der Vorwurf, er würde sich anscheinend für was Besseres halten, wenn er sich von ihnen nicht unterstützen ließe. Und deswegen legt er hier ausführlich dar, was seine Motive sind. Und er versucht zu erklären: alles was ich mache kommt aus dem Freiheitskern, den Gott mir eingepflanzt hat. Nur weil ich den habe, kann ich das alles schaffen, was ich tue.

Bild: Capri23auto via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Dieser Freiheitskern ist Paulus implantiert worden, als Jesus ihn berufen hat: Jesus hat ihn gestoppt, hat ihn buchstäblich umgehauen und ihn auf eine neue Spur gesetzt. Und immer wieder sagt Paulus: das war eine Sache exklusiv zwischen Jesus und mir. Kein Mensch hat mich überredet. Ich war ja der schlimmste Feind der christlichen Gemeinden, ich hätte auf niemanden gehört, wenn mir nicht Jesus selbst begegnet wäre.

Das ist von da an der innerste Kern, von dem her Paulus lebt, denkt und arbeitet. Er ist niemanden außer Jesus selbst verpflichtet. Deswegen lässt er sich nicht bezahlen, um zuerst vor sich selbst und dann vor anderen deutlich zu machen: es ist meine ureigenste Angelegenheit, das Evangelium zu verbreiten und Menschen zu gewinnen. Ich mache das nicht, um irgendetwas dafür zu bekommen, sondern ich mache das, weil ich Paulus bin. Ich könnte gar nicht anders. Ich ziere mich nicht, ich bin nur ehrlich: ich habe selbst das meiste davon.

Lebendiges Evangelium

Wir kennen das ja, dass Menschen so eine komplizierte Bescheidenheit an den Tag legen und sagen: nein, das war doch gar nichts Großes, was ich gemacht habe, das ist doch nicht erwähnenswert, aber man merkt, dass es für sie eigentlich schon wichtig ist, wahrgenommen zu werden. So einer war Paulus nicht. Der wusste durchaus, was er geleistet hatte, aber er konnte es gerade deswegen ganz sachlich zur Kenntnis nehmen, weil das keine Bedeutung für sein Selbstbewusstsein hatte. Dass er keinen Beifall brauchte und keinen Preis für besondere Verdienste um das Gemeinwesen, das war keine Redensart. Er brauchte es wirklich nicht.

Damit die Korinther das verstehen können, legt er ausführlich seine Motivation dar: er möchte so intensiv wie möglich mit dem Evangelium zu tun haben, weil er es so am besten kennenlernt. Das Evangelium ist ja keine Sammlung von Katechismussätzen, die man einmal auswendig lernt, und dann hat man für jede Situation den richtigen Spruch. Das Evangelium drückt sich immer wieder in neuen Formulierungen aus, man lernt es immer tiefer kennen, je öfter man damit zu tun hat. Immer wieder will es in einer neuen Situation anders verstanden und ausgesprochen werden. Man hat es nicht ein für alle mal, sondern man entdeckt immer wieder andere Seiten daran, wenn man es mit anderen Menschen teilt.

Kommunikationsfähig in alle Richtungen

Das schildert Paulus beispielhaft an seinen Begegnungen mit Juden und Heiden: Wenn er sich in einem jüdischen Umfeld bewegt, dann hält er sich an jüdische Sitten, beachtet genau den Sabbat und die Speisegebote, damit sie ihn nicht gleich in die Schublade »Heide« stecken. Und er taucht ein in den jüdischen Denkhorizont und orientiert sich an dem, wie ein Jude die Welt sieht und welche Fragen er hat. Er argumentiert mit der Bibel, weil die Schrift für Juden die entscheidende Instanz ist. Und jedes Mal versteht er die Bibel und das jüdische Denken mit seinen Stärken und Schwächen wieder etwas besser.

Wenn Paulus sich aber unter Heiden bewegt, also in der griechisch-römischen Mehrheitsgesellschaft, dann verzichtet er auf die jüdischen Sitten, damit er nicht gleich den Stempel »engstirniger Fanatiker« aufgedrückt bekommt. Er argumentiert nicht mit der Bibel, sondern zieht gerne auch mal die griechischen Philosophen heran, die für Heiden Autorität haben. Das ist keine charakterlose Anpassung, sondern es geht ihm darum, dass er gesprächsfähig bleibt, damit er jedem das Evangelium so sagen kann, wie der es braucht. Seine Gesprächspartner müssen ja nicht wissen, dass er parallel dazu die philosophischen Argumente immer auch daraufhin durchdenkt, ob sich in ihnen die Wahrheit über Israels Gott spiegelt. Und jedes Mal lernt er die heidnische Gedankenwelt in ihrer ganzen Ambivalenz wieder ein bisschen besser kennen und genauso entdeckt er die Seiten das Evangeliums, die in diesem heidnischen Kontext plötzlich wichtig werden.

Also, wir würden heute sagen: Paulus war enorm kommunikationsfähig, er konnte sich in so ziemlich jedem Milieu und in jeder Kultur bewegen. Das lag aber nicht daran, dass er jedem sagte, was der hören wollte, sondern er verkörperte mit Haut und Haar die Botschaft, die Jesus ihm aufgetragen hatte. Gerade weil es ihm um das Evangelium und die Menschen ging, darum wurde alles andere unbedeutend. Er konnte sich auf jede Gedankenwelt einlassen, weil sie alle Chancen für die Verkündigung bieten und alle irgendwie auch ihre ganz speziellen Widerstände gegen Gott entwickeln.

Ein unabhängiger Mensch

Paulus konnte sich weit aus dem Fenster lehnen, weil er einen ganz sicheren Stand hatte. Wer genau weiß, wer er selbst ist, der muss keine Angst vor den Anderen oder den Fremden haben. Einer wie Paulus kann mit jedem freundlich reden, kann ihm helfen und ihm zuhören, kann sich auf seine Weltsicht einlassen, weil er diesen starken Jesus-Freiheitskern in sich trägt. Und dieser Kern wird immer stärker, je mehr er sich auf die anderen einlässt.

Das ist ja der Zusammenhang, den Paulus nicht müde wird, zu beschreiben: gerade weil er unabhängig von Menschen ist, kann er für Menschen da sein. Gerade weil er seine Berufung direkt von Jesus empfangen hat, kann er ein Segen für Menschen sein. Gerade weil er die Wahrheit kennt, kann er geduldig auf Menschen hören und ihnen antworten. Gerade weil Jesus ihn zur Freiheit berufen und einen Freiheitskern in ihn gelegt hat, deshalb kann er sich zum Diener aller machen, wörtlich: zum Sklaven.

Viele denken, so ein unabhängiger Mensch wäre gefährlich und man müsste ihn doch irgendwie einbinden, ihn abhängig machen, und sei es, indem man ihn irgendwie bezahlt. Aber genau das ist es, was Paulus auf jeden Fall vermeiden will. Das würde ihm ja genau den Kern seiner Berufung nehmen.

Angst aus Unsicherheit

Nur wer nicht weiß, wer er ist, der muss sich von anderen fernhalten, der entwickelt Angst vor Überfremdung, der sucht sich Feinde, der fühlt sich permanent angegriffen und zurückgesetzt. Diejenigen, die heute Angst um das angeblich christliche Abendland haben, sind ja oft seit Jahrzehnten nicht mehr in einem Gottesdienst gewesen. Oder sie sind ängstliche Christen, weit weg von diesem sicheren Selbstbewusstsein des Paulus, der sagt: wo seid ihr, ihr Menschen aller Kulturen und Religionen? Wenn ihr nicht zu mir kommt, komme ich zu euch. Je fremder ihr seid, um so mehr lerne ich durch euch über Gottes Wege in seiner Welt!

Man muss jetzt sagen, dass Paulus sicher ein ganz besonderer Fall war. Er war nicht nur direkt von Jesus berufen, sondern er muss auch eine ganz enorme Intelligenz gehabt haben. Der hatte in seinem Kopf Platz für so viele Gedanken gleichzeitig, dass bis heute ganze Heerscharen von Gelehrten damit beschäftigt sind, das auseinander zu nehmen und nachzuvollziehen. Also, wir können nicht alle ein Paulus werden, noch nicht mal ein kleiner Paulus.

Keine Angst vor Widerständen

Aber etwas von dieser fröhlichen Zuversicht des Paulus, die hat er der Christenheit zum Glück vererbt. Wir müssen doch keine Angst vor der bösen Welt da draußen haben! Die Christenheit hat mal mit ein paar Hundert oder Tausend durchschnittlicher Menschen angefangen: eine winzige Minderheit. Paulus und eine Handvoll Freunde haben das halbe römische Imperium mit Gemeinden infiltriert, gegen die drei Jahrhunderte später kein Kaiser mehr regieren konnte. Und heute können sich manche noch nicht mal mehr vorstellen, wie man ohne Kirchensteuer die Kirche aufrechterhalten könnte. Aber wenn Jesus einen Feind wie Paulus um 180 Grad drehen kann, dann kann er noch ganz andere Dinge durch seine Leute tun.

Wir haben von Anfang an in unseren geistlichen Genen den eingebauten Mechanismus, dass Widerstände uns dazu bringen, noch tiefer ins Evangelium einzutauchen und Gottes Willen immer klarer zu verstehen. Das ist mit Mühe und Arbeit verbunden, manchmal mit Gefahren, manchmal auch mit Leiden, aber das ist der Weg, wie wir mehr von Gottes Gedanken verstehen. Die wenigsten christlichen Gedanken sind in der ruhigen Studierstube entwickelt worden. Die meisten und tiefsten Gedanken sind entstanden in Kämpfen und Konflikten, großen und kleinen. Auch die Bibel ist zu großen Teilen Kampfliteratur, aufgeschrieben, damit man Orientierung hat und nicht zurückschreckt vor den scheinbar alternativlosen Mächten dieser Welt.

Deswegen: wenn wir uns auf Menschen einlassen, die anders sind als wir selbst, die anders denken, andere Selbstverständlichkeiten haben, dann ist das jedes Mal eine Chance, mehr über Gott zu lernen. Wir selbst sind es, die am meisten davon haben. Wir tun das natürlich auch für die anderen, aber zuerst sind wir es, die davon am meisten profitieren.

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