Die Vision einer neuen Welt

Predigt am 28. Oktober 2018 zur Abendmahlszulassung der Konfirmandengruppe

Verfasser: Walter Faerber

In diesem Gottesdienst wurde die Konfirmandengruppe des Konfirmationsjahrgangs 2019 zum Abendmahl zugelassen.

Wir haben heute darauf geachtet, wie in dieser einfachen Geste des Abendmahls ganz viele Geschichten stecken – von der Befreiung aus Ägypten bis zum Tod und der Auferstehung Jesu. Aber es steckt auch eine Geschichte drin, die noch gar nicht passiert ist, und darüber möchte ich jetzt reden: Wenn die Jünger Jesu sich zum Abendmahl treffen, dann ist das auch eine prophetische Geschichte. Sie handelt von etwas, was es noch gar nicht richtig gibt: von einer Welt, die gerade erst geboren wird.

Eine prophetische Geste

Im Abendmahl Jesu steckt nämlich auch drin die Verheißung einer Welt, in der alle satt werden. Eine große Tischgemeinschaft von Menschen, wo niemand ausgeschlossen ist, wo der eine nicht ein besseres Menü bekommt als die andere, sondern wo sie miteinander teilen, was auf dem Tisch steht. Und es reicht für alle.

Das ist die Vision einer solidarischen Welt. Und die ist realistisch. Unsere Erde kann alle Menschen ernähren, die auf ihr leben, und es gibt auch genug für noch ein paar mehr. Niemand müsste hungern, wenn alle einen gleichen Anteil bekommen würden. Es ist genug für alle da. Nur wenn einige mehr vom Kuchen beanspruchen als die anderen, dann fangen die Probleme an.

Eine realistische Vision

Beim Abendmahl haben die ersten Christen erfahren, dass das funktioniert. Das Abendmahl war der Prototyp einer solidarischen Welt. Da saßen ein paar Wohlhabende mit den armen Schluckern am gleichen Tisch, und es reichte für alle zum Sattwerden. Sie haben erlebt: Mangel ist kein Naturgesetz. Es geht auch anders. Wenn wir zusammenhalten, dann werden alle satt.

Das ist die neue Welt Gottes im Kleinen. Und sie ist die Verheißung, dass es auch im Großen so funktioniert. Gott hat die Welt so eingerichtet, dass genug da ist für alle, und auch noch etwas mehr. Aber nur unter der Voraussetzung, dass nicht jeder versucht, sich so viel wie möglich unter den Nagel zu reißen. Die Welt ist nicht dafür eingerichtet, dass jeder nur versucht, möglichst viel für sich selbst zu ergattern.

Und heute muss man außerdem sagen: Es geht nicht nur um das, was wir essen und trinken. Wir brauchen auch Energie, und wir brauchen genauso eine Umwelt, die unsere Abfälle noch verarbeiten kann, ohne daran kaputt zu gehen. Und auch das kann die Schöpfung: die Sonne liefert viel mehr Energie, als wir brauchen; die Natur kann unsere Abfälle wieder zurücknehmen, auch das CO2, auch die anderen Treibhausgase, aber alles nur bis zu einem gewissen Maß. Auch in dieser Hinsicht reicht es für alle, aber es reicht nicht dafür, dass einige mit der Erde und ihren Mitmenschen rücksichtslos umgehen.

Ein umfassender Bund

Auch da sagt dieses Zeichen des Abendmahls: wir müssen die Lasten teilen. Nicht nur für die Menschen muss es reichen, sondern für alle Geschöpfe. Beim Abendmahl ist auch das Brot und der Wein dabei: die Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit. Es ist ein Bund, der die ganze Schöpfung umfasst, und auch die Schöpfung muss gut behandelt werden, denn wir sind mit allen Geschöpfen verbunden, und wenn es der Schöpfung gut geht, dann geht es auch uns gut; und wenn die Schöpfung leidet, trifft das auch uns.

Das Abendmahl verbindet uns genauso mit den Menschen aus früheren Zeiten, die auch schon Abendmahl gefeiert haben. Unser einer Abendmahlskelch ist ungefähr siebenhundert Jahre alt – mindestens so lange haben Menschen hier bei uns Abendmahl gefeiert, wahrscheinlich auch schon viel länger. Und auch die künftigen Generationen sollen noch mit diesem Kelch Abendmahl feiern. Wir sind auch mit denen verbunden, die nach uns kommen, und wir müssen auch für sie mitdenken. Die Erde soll lebenswert bleiben. Unser Land soll so grün und fruchtbar bleiben, wie es ist. Es soll nicht in der Dürre so braun werden, wie es die Astronauten von der Internationalen Raumstation in diesem Sommer fotografiert haben.
Ihr seht, was alles in dieser einfachen Geste des Abendmahls drinsteckt, und wahrscheinlich werden Menschen immer noch mehr Geschichten darin entdecken, auf die wir heute noch gar nicht kommen.

Teil der Geschichte werden

Aber immer ist das Abendmahl eine Einladung, zu kommen und selbst Teil dieser Geschichte zu werden. Im Abendmahl wird schon die neue Welt Gottes sichtbar, wo es für alle reicht. Aber was noch fehlt, das sind die Menschen, die mit dieser Welt gut umgehen können. Menschen, die keine Angst haben, dass es nicht reicht, und die dann zusammenraffen und nicht abgeben wollen. Menschen mit Vertrauen in Gottes Güte und Freundlichkeit. Menschen, die in Jesus Gottes Freundlichkeit erkannt haben und davon auch selbst freundlich und solidarisch werden.

Deswegen soll das Abendmahl am Ende auch eine Geschichte über uns selbst werden: dass wir verwandelt werden, transformiert werden in Menschen, die passen zu dieser Welt, die Gott im Sinn hatte, als er alles schuf. Auch das ist eine prophetische Geschichte, eine Geschichte über das, was noch gar nicht richtig da ist, aber was schon begonnen hat: die Geschichte von unserer eigenen Verwandlung in Menschen Gottes, in Menschen des Friedens, die den Segen Gottes großzügig weitergeben – und so wird er mehr. Das Abendmahl zieht uns immer wieder zurück auf diesen Weg, es erinnert uns: auch du bist berufen, ein Mensch Gottes zu sein, ein Mensch des Friedens, ein Mensch der Gerechtigkeit.

Bündnispartner statt Konkurrenten

Aber allein ist das ziemlich schwer. Du schaffst das nur mit den anderen zusammen. Jesus hat Menschen zu sich gerufen und hat sie dann verbunden zu einer Gemeinschaft mit ihm selbst als Mittelpunkt. Auch die Geschichte steckt im Abendmahl drin: dass wir mit anderen gemeinsam auf dem Weg sind und mit ihnen zusammen auf die neue Welt Gottes zugehen. Das verwandelt uns selbst. Immer wieder bekräftigen wir so unser Vertrauen in Gottes Güte. Immer wieder gewöhnen wir uns an den Gedanken, dass wir mit anderen zusammengehören, dass das nicht unsere Konkurrenten oder Feinde sind, sondern wir haben einen Bund miteinander geschlossen. Wir gehören zusammen.

Und das ist eine Einladung an die ganze Welt, mit hineinzukommen in diesen Bund des Vertrauens, in dem schon jetzt die neue Welt Gottes sichtbar wird.

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