Eine Schöpfung, eine Menschheit

Predigt am 30. September 2018 (Erntedankfest) zu Jesaja 58,7-12

Verfasser: Walter Faerber

In diesem Gottesdienst wurden auch die neue Konfirmandengruppe und die mitarbeitenden Eltern im Gottesdienst vorgestellt.

Bild: geralt via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

 

7 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! 8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. 9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, 10 sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.
11 Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.
12 Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«.

Diese Verse sprechen davon, wie das Volk Gottes rundum heil, gesund, herrlich und zur Segensquelle werden kann. Der Prophet ist unermüdlich darin, immer wieder neue Bilder für die Herrlichkeit des gesund gewordenen Gottesvolkes zu finden. Und einige von den Bildern können wir nach diesem trockenen, heißen Sommer ganz besonders gut verstehen: du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, die nie versiegt.

Erntedankfest nach einem trockenen, heißen Sommer

Wir haben ja in diesem Jahr gemerkt, dass Wasser nicht selbstverständlich ist. Für die Menschen in den weiter südlich gelegenen Ländern war Wasser schon immer etwas Kostbares und Regen keine Selbstverständlichkeit. Wir haben in diesem Jahr ein bisschen von dieser Sorge ahnen können: wird der Regen rechtzeitig kommen? Wird es feucht genug sein, so dass die nächste Ernte gesichert ist? Das war bei uns alles noch weit von existenzbedrohenden Zuständen entfernt, aber wir können etwas besser nachfühlen, was für ein starkes Bild das damals gewesen sein muss: Ihr werdet wie eine Wasserquelle sein, zu der man immer kommen kann, wenn man Wasser braucht. Da sprudelt es ohne Ende. Und rundum ist es immer saftig grün, und eben nicht so braun, wie jetzt Europa auf den Fotos war, die die Astronauten von der Internationalen Raumstation gemacht haben.

Und was man auf Fotos nicht sehen kann, aber was man manchmal spüren kann: zu dieser Vision eines blühenden, von Segen überfließenden Gottesvolkes gehört es, dass die Herrlichkeit Gottes darüber liegt. Sie macht den Abschluss, sagt Jesaja. Geh du voran mit Gerechtigkeit, dann kommt Gottes Herrlichkeit nach. Man muss Augen haben, um sie zu sehen, man muss ein Gespür dafür haben, um sie wahrzunehmen, aber sie ist da und strahlt aus.

Es geht also darum, wie das Volk Gottes heil und gesund, gerecht und überquellend von Segen und Fruchtbarkeit sein kann, so dass Gottes Herrlichkeit über ihm sichtbar wird. Damals bei Jesaja ging es um Israel, inzwischen ist die Christenheit, die Gemeinde Jesu in der ganzen Welt dazugekommen, aber diese Verheißungen sagen irgendwie auch immer etwas über Staaten und Nationen, weil Israel damals ja auch ein politisches Gemeinwesen war.

Von Herrlichkeit umstrahlt

Wie also können die Christen und Gemeinden herrlich werden? Wie kann ein Land ein Leuchtturm sein in der Welt? Aber auch: wie kann über meinem Leben und dem Leben meiner Familie ein Glanz liegen, die Herrlichkeit Gottes? Und die Antwort, die Jesaja in vielen Variationen wiederholt, ist: »Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut (also deinen Nächsten)!«

Es ist also ganz deutlich: Gemeinden, Länder, Menschen und Familien werden herrlich durch Teilen, durch Solidarität. Gerade wenn es knapp wird, dann sind die Orte herrlich, wo man das Wenige teilt, wo man zusammenrückt und auch noch für jemanden Platz hat, der sonst kein Dach über dem Kopf hätte. Über solchen Orten scheint die Herrlichkeit Gottes auf.

Die Ego-Propaganda

Wir bekommen immer wieder eingetrichtert: wenn es knapp wird, dann musst du an dich selbst denken, dann musst du festhalten, was du hast und kannst nichts abgeben. Was du weggibst, ist verloren. Gottes Logik ist anders: wenn es dir gut gehen soll, wenn es eurer Gemeinde oder eurem Land gut gehen soll, dann übt Solidarität. Seid eine Gemeinschaft, wo Liebe wohnt. Teilt miteinander, dann wird es mehr.

Vorsichtshalber sage ich dazu: das ist kein Automatismus. Es ist auch keine Methode, mit der man garantiert reich werden könnte. Es ist eine Sache des Glaubens. Glauben ist nicht das krampfhafte Für-Wahr-Halten unvernünftiger Behauptungen, sondern Glaube ist das Vertrauen auf die verborgene Güte Gottes, die eine eigene Logik entfaltet, und die ist anders ist als die Egoismus-Propaganda. Aber es ist nichts Weltfremdes, sondern Gottes Logik ist an vielen Stellen sehr praktisch zu beobachten. Denken Sie mal daran, dass bei uns die wirtschaftliche Prosperität jetzt schon seit Jahren anhält. Es geht uns so gut wie lange nicht mehr. Und wann hat das so richtig begonnen? In der Zeit, als wir hier ganz viele Flüchtlinge aufgenommen haben, und Menschen in unser deutsches Haus aufgenommen haben. Vordergründig könnte man sagen: das war ein 10 Milliarden-Konjunkturprogramm. Aber im Hintergrund wirkt da Gottes Regel: wenn wir teilen, wird es mehr. Das sind nicht erbauliche Deklamationen für die Spruchsammlung, sondern das ist harte Realität, auch wenn man sie nicht messen und kontrollieren kann.

Selber schuld?

Bei Jesaja gibt es noch eine zweite Regel, wie Menschen, Länder und Gemeinden im Glanz der Herrlichkeit leuchten können: »Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest«. Das ist eine Variante der ersten Regel, aber hier wird deutlich: man kann den Segen Gottes vertreiben, wenn man »mit Fingern zeigt und übel redet«. Dieses ganze Beschuldigen und Missmut säen, die ganzen Machtspielchen, wo man sich mehr darauf konzentriert anderen zu schaden, als positive Wege zu finden. Deswegen ist so vielen Menschen im Sommer die Politik auf die Nerven gegangen, auch wenn sie sich dann manchmal in falsche Alternativen flüchten. Zu spüren, dass etwas schief läuft, heißt noch nicht, dass man auch schon Gottes Alternative kennt.

Aber auch unter normalen Menschen ist das ja eine schlechte Option, auf andere zu zeigen und zu sagen: selber schuld! Hättest du es so gemacht wie ich, wie wir, dann ginge es dir besser. Das ist natürlich unheimlich hilfreich, wenn jemand in Problemen steckt. Wir können also Menschen nicht nur mit ihren großen und kleinen Problemen allein lassen, wir können auch noch schlecht über sie reden und ihnen damit ihre Last schwerer machen.

Auch hier vorsichtshalber eine Klarstellung: natürlich gibt es Menschen, die sich und anderen immer wieder Probleme machen, und die man manchmal deutlich auf ihre Verantwortung ansprechen muss: Lieber Freund, du kannst nicht erwarten, dass andere immer wieder für dich die Suppe auslöffeln. Aber die meisten Menschen kommen durch eine Mischung von äußeren Einflüssen und eigenen Entscheidungen in problematische Lagen, und es nützt gar nichts, da nach Rechtfertigungen zu suchen, um die Solidarität aufzukündigen. Das ist eine löcherige Tarnung für Herzlosigkeit.

Eine freundliche Oase bleiben

Diese Herzlosigkeit geht ja inzwischen so weit, dass schon Rettungskräfte, Polizei und Feuerwehr angepöbelt werden, wenn sie beim Fotografieren eines Unfalls stören, oder vielleicht auch nur, weil sie helfen und damit Symbole der Solidarität sind. Und inzwischen kann man in manchen Ecken Europas schikaniert oder sogar bestraft werden, wenn man Flüchtlingen hilft.

Wir wissen nicht, wie weit sich diese Stimmung noch weiter ausbreitet. Aber wir wissen, dass wir als Christenheit berufen sind, eine Quelle zu sein, der das Wasser auch in trockenen Jahren nicht ausgeht. Auch wenn sich die gesellschaftliche Stimmung noch mehr in Richtung Egoismus drehen sollte, dann sollen wir ein bewässerter, grüner Garten voll Freundlichkeit und positiver Grundstimmung sein, im Großen und im Kleinen. Bei uns soll alles in dieser Grundhaltung der Freude und der Zuversicht geschehen. Menschen sollen immer in eine christliche Gemeinde kommen können und sagen: hier herrscht ein ganz anderes Klima als ich es sonst kenne: freundlicher, positiver.

Jesaja verlangt ja nicht von uns, dass wir aus moralischen Gründen nur noch von Margarinebrot leben. Er erinnert uns an die tiefe Verbundenheit aller Geschöpfe. Gut gehen wird es auch uns nicht gegen die anderen, sondern nur mit ihnen. Und das schließt auch die Generationen in der Zukunft ein. Wenn man die Zukunft unserer Kinder und Enkel aufs Spiel setzt für ein bisschen Bequemlichkeit und Profit in der Gegenwart, das ist in meinen Augen das Schlimmste.

Nur für Erwachsene

Deswegen: Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden aus allen Jahrgänge, ich muss jetzt mal mit den Erwachsenen über euch reden. Ihr seid noch nicht die Angesprochenen, aber ihr dürft zuhören.

Also, liebe Erwachsene, nach heutiger Lebenserwartung haben viele aus unseren Konfirmandenjahrgängen eine gute Chance, noch das Jahr 2100 zu erleben. Wir wissen: Prognosen sind immer schwierig, besonders, wenn sie die Zukunft betreffen. Aber vermutlich werden dann solche trockenen, heißen Sommer wie dieses Jahr überhaupt nichts Besonderes mehr sein. Und vieles andere wird viel schwieriger sein als heute. Wir können uns das alles nicht wirklich vorstellen, aber wenn die Menschheit so weitermacht wie bisher, dann wird es hart werden, auch hier in Europa. Das wissen wir, glaube ich, eigentlich alle. Aber wenn man Kinder, Enkel und Urenkel hat, dann ist das gar keine abstrakte, ferne Zukunft mehr. Es gibt schon die Menschen, die das alles erleben werden. Wir kennen sie.

Und wenn wir hier Konfirmandenunterricht und Konfirmandenarbeit machen, dann tun wir das mit dem Wunsch, Menschen vorzubereiten, damit sie in harten Zeiten nicht ihr Herz verhärten und damit alles noch schwerer machen. Ich würde mir ja wünschen, dass wir da noch viel besser sind, aber wenn wir heute Menschen auf die Zukunft vorbereiten wollen, dann müssen wir ihnen vor allem diese Grundeinsicht mit auf den Weg geben: alles wird nur schlimmer, wenn Menschen denken, sie könnten sich herausnehmen aus der Gemeinschaft aller Geschöpfe.

Eine reiche Schöpfung

Gott hat die Schöpfung reich gemacht, er hat uns mit Fülle beschenkt, aber nicht Einzelne mehr und andere kaum. Er beschenkt uns alle mit Verheißungen des guten Lebens: Licht, Erneuerung, Wasser und Fruchtbarkeit im Überfluss, Schönheit, Frieden. Er verheißt, dass Gebete erhört werden, dass er uns Wege zeigt, wo wir keine sehen und dass seine Herrlichkeit über unseren Wegen leuchtet.

Und er bindet das alles daran, dass wir teilen, dass wir unser Herz nicht verschließen, dass wir nicht übel reden, dass wir frei werden von der ungläubigen Sucht nach Sicherheit. Gott will unser Herz erreichen, damit es so voller Freundlichkeit ist wie seines.

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