Von ganz oben nach unten

Predigt am 25. Dezember 2018 (Weihnachten I) zu Lukas 2,1-14

Verfasser: Walter Faerber

DE.MOLAI [Public domain], via Wikimedia Commons

1 In jener Zeit erließ Kaiser Augustus den Befehl an alle Bewohner seines Weltreichs, sich ´in Steuerlisten` eintragen zu lassen. 2 Es war das erste Mal, dass solch eine Erhebung durchgeführt wurde; damals war Quirinius Gouverneur von Syrien. 3 So ging jeder in die Stadt, aus der er stammte, um sich dort eintragen zu lassen.
4 Auch Josef machte sich auf den Weg. Er gehörte zum Haus und zur Nachkommenschaft Davids und begab sich deshalb von seinem Wohnort Nazaret in Galiläa hinauf nach Betlehem in Judäa, der Stadt Davids, 5 um sich dort zusammen mit Maria, seiner Verlobten, eintragen zu lassen. Maria war schwanger. 6 Während sie nun in Betlehem waren, kam für Maria die Zeit der Entbindung. 7 Sie brachte ihr erstes Kind, einen Sohn, zur Welt, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Futterkrippe; denn sie hatten keinen Platz in der Unterkunft bekommen.
8 In der Umgebung von Betlehem waren Hirten, die ´mit ihrer Herde` draußen auf dem Feld lebten. Als sie in jener Nacht bei ihren Tieren Wache hielten, 9 stand auf einmal ein Engel des Herrn vor ihnen, und die Herrlichkeit des Herrn umgab sie mit ihrem Glanz. Sie erschraken sehr, 10 aber der Engel sagte zu ihnen: »Ihr braucht euch nicht zu fürchten! Ich bringe euch eine gute Nachricht, über die im ganzen Volk große Freude herrschen wird.  11 Heute ist euch in der Stadt Davids ein Retter geboren worden; es ist der Messias, der Herr. 12 An folgendem Zeichen werdet ihr das Kind erkennen: Es ist in Windeln gewickelt und liegt in einer Futterkrippe.« 13 Mit einem Mal waren bei dem Engel große Scharen des himmlischen Heeres; sie priesen Gott und riefen: 14 »Ehre und Herrlichkeit Gott in der Höhe, und Frieden auf der Erde für die Menschen, auf denen sein Wohlgefallen ruht.«

Die Weihnachtsgeschichte fängt ganz oben an: bei der höchsten Instanz des römischen Weltreichs: dem göttlich verehrten Kaiser, der Verkörperung des Imperiums, dem höchsten Dienstherrn aller Beamten und Offiziere, meilenweit entfernt von einem normalen Bürger oder gar einem Sklaven. Dann, immer noch ganz oben weit über allen Normalsterblichen angesiedelt, Quirinius, Vertreter Roms in Syrien und den angrenzenden Gebieten, der dort das neue Instrument der Volkszählung einführt. Und dann kommt die Geschichte ganz unten an, bei Josef und seiner Frau, den Mitgliedern eines unterworfenen Volkes im Osten, die diese neue Verwaltungsmaßnahme erleiden müssen. Josef ist zwar ein Nachfahr des legendären Königs David, der einst dieses ganze Gebiet erobert und beherrscht hatte. Aber das ist lange her, und jetzt lebt Israel unter fremder Herrschaft.

Gottes Volk unter fremder Herrschaft

Nur drei Verse braucht die Weihnachtsgeschichte vom Kaiser ganz oben bis nach ganz unten zu den kleinen Leuten, die auf seinen Wink hin losziehen müssen. So weit ist es also mit dem Volk Gottes gekommen: es wird herumgeschubst vom Imperium, bürokratisch vermessen, finanziell ausgepresst. Das Volk Gottes hat politisch keine große Bedeutung mehr, es ist beinahe schon am Ende.

Aber wer das Lukasevangelium bis hierher gelesen hat, also das erste Kapitel, der weiß, dass sich da trotzdem etwas anbahnt. Engel sind unterwegs, eine alte Frau – Elisabeth – empfängt noch ein Kind und gebiert es, wie in den Tagen Abrahams und Saras, als die großen Mütter Israels ihre Kinder nie »normal« zur Welt brachten, sondern fast immer so, dass es auf irgendeine Art ein Wunder war. Und ausgerechnet nach Bethlehem verschlägt es die schwangere Maria und ihren Mann, in die Stadt König Davids. Die große Geschichte Israels, die schon am Ende schien, kommt wieder in Bewegung.

Ein weltpolitischer Rahmen

Vielleicht irritiert es Sie, wenn ich so weit aushole. Zu Weihnachten erwartet man etwas Weihnachtliches, Familiäres, Persönliches und nicht weltpolitische Betrachtungen. Aber Lukas stellt die Geburt Jesu genau in diesen Rahmen.
Und ist es nicht so, dass die große Politik und das Kleine, Persönliche auch für uns dicht beieinander liegen? Wie vielen Menschen ist nicht das höchstpersönliche Leben in eine ganz andere Richtung gelenkt worden durch Entscheidungen auf höchster Ebene? Wie vielen ist ihr Leben sogar durch solche Entscheidungen zerstört worden? Wir werden daran erinnert, wenn wir die Bilder aus Ruinenstädten sehen, in denen der Krieg gewütet hat. Wir werden daran erinnert, wenn wir von einer Wirtschaftskrise hören oder von Sparmaßnahmen oder von Preiserhöhungen, die Menschen in ihrer Existenz bedrohen – darum ist es jetzt ja wohl in Frankreich gegangen bei den Aufständen der »Gelben Westen«. Der Weg kann sehr kurz sein von der höchsten Ebene bis zum Höchstpersönlichen. Lukas braucht dafür nur drei Verse.

Aber mitten in diese weltgeschichtlichen Bewegungen ist nun diese Geschichte einer kleinen Familie eingebettet, so wie die Ursprungsgeschichte Israels auch lange wie eine Familiengeschichte aussah, in den Zeiten Abrahams, Isaaks und Jakobs. Der Neuanfang Israels beginnt im Verborgenen, da, wo keiner etwas Weltgeschichtliches erwarten würde. Und das Stichwort dafür ist die Krippe. Kaum ein Wort ist so mit Weihnachten verbunden wie dieses: Weihnachtskrippe, Krippenspiel, Krippenfiguren, zur Krippe kommen. Und tatsächlich, dreimal erwähnt Lukas in dieser kurzen Geschichte das Wort »Krippe«. Warum ist es ihm so wichtig? Weil die Futterkrippe, die hier als Babybettchen dient, das Erkennungszeichen für die Hirten ist. Sie sind es, die durch die Engel erfahren, wer dieses Kind ist, und die damit seinen Eltern helfen, die Geschichte zu verstehen, in der sie schon mitten drin stecken.

Eine Familie im Konflikt

Ihr Kind ist der Retter, der Messias, der Herr, der Sohn Gottes. All das waren Titel, die eigentlich schon der römische Kaiser für sich beanspruchte. Und während rund ums Mittelmeer der Imperator Augustus dafür gepriesen wurde, dass er der Welt nach vielen Kriegen endlich den Frieden gebracht habe, verkünden die Engel das der wahre Friede durch das Kind in der Krippe kommen soll.

Und dieser Konflikt ist dann im 11. Vers der Geschichte voll da: auf der einen Seite der unerreichbare Imperator, der Herr über die Legionen Roms, und auf der anderen Seite das verletzliche, hilfsbedürftige, schwache Kind in seiner, nun ja, Krippe. Die Krippe ist das Zeichen für die Hirten, damit sie dieses Kind nicht verfehlen, und damit sie eine Bestätigung dafür haben, dass die Botschaft des Engels wahr ist, kein Traum, kein Fake.

Der Hintergrund dieser Geburt

Sie sollen einen Zusammenhang herstellen können zwischen diesem machtvollen Einbruch der Wirklichkeit Gottes draußen auf dem Feld, mit dem gewaltigen Lichtglanz der Engel, mit Musik und einer Stimme, die sie zwischen Furcht und Hoffnung festhielt auf der einen Seite – und dem schutzlosen, neugeborenen Kind in Davids Stadt Bethlehem auf der anderen Seite.

Und damit wird es klar: hier schon beginnt die Konfrontation zwischen der Königsherrschaft Gottes und den Reichen dieser Welt. Noch versteckt sich das Gottesreich im Abseits, in Unscheinbarkeit, aber dreißig Jahre später wird Jesus vor Pilatus stehen, dem Vertreter des Kaisers. Augustus hat nie etwas von Jesus erfahren, aber seine Nachfolger mussten sich schon bald mit den Nachfolgern Jesu auseinandersetzen. Drei Jahrhunderte später war der Kaiser selbst Christ. Wenn wir also die Krippe sehen und von ihr hören und sie in Liedern besingen, dann sollen wir sie als Zeichen nehmen für die umstürzende Wahrheit, dass dort der wahre Herr der Welt liegt. Nicht Cäsar, sondern Christus. Das ist die Botschaft der Engel.

Eine andere Art von Macht

Aber wenn Lukas davon erzählt, dann sorgt er dafür, dass wir ihn nicht falsch verstehen. Die Krippe zeigt an, dass es hier nicht um zwei rivalisierende Machthaber geht, die auf gleicher Stufe miteinander kämpfen. Es geht um zwei verschiedene Arten von Macht.

Es geht auf der einen Seite um die Macht, andere leiden zu lassen und dabei selbst unverletzt zu bleiben. Das ist die Art von Macht, die wir vor allem kennen, und das, was wir normalerweise unter Macht verstehen. Aber auf der anderen Seite steht die Macht, die in der Liebe beschlossen liegt. Liebe lässt nicht andere leiden. Liebe macht mit-leidig. Von der Menschenliebe Gottes haben wir vorhin in der Lesung gehört (Titus 3,4-7). Jesus wird zeigen, dass diese Liebe sogar in den Tod führen kann. Aber gerade so ist sie eine Macht, die die Welt von innen heraus verwandelt. Sie spaltet die Welt nicht, sondern hält sie zusammen. Sie ist das Geheimnis der Welt.

Liebe, die Gestalt annimmt

Selbst die moderne Naturwissenschaft sieht die Welt heute als ein Geflecht von Beziehungen an, wo nichts unabhängig existiert. Alles hängt mit allem zusammen. Zusammengehörigkeit und Anteilnahme entspricht einfach der Grundstruktur der Welt besser als die Spaltung in die einen, die unberührt hoch über den Abgründen der Welt thronen und den anderen, die ihre Lasten aufgebürdet bekommen.

Hier in Jesus nimmt diese Kraft der Liebe Gestalt an, Menschengestalt. Sie steht noch ganz am Anfang, und nur prophetische Menschen können schon sehen, was da begonnen hat. Aber die Engel zeigen den Hirten, dass sich hier wirklich ein Spalt in der Welt öffnet und etwas Neues hereindringt. Und die Hirten fürchten sich. Sie spüren etwas Unbekanntes und Unvorhergesehenes. Gott kommt in seine Welt, die ihn am liebsten draußen haben würde.

Denn versperrt und verrammelt hat sich die Welt gegen ihren Schöpfer, und die Folge ist, dass Menschen sich auch voneinander abgrenzen und sich voreinander fürchten. Wir können uns die Welt schon gar nicht mehr anders vorstellen. Auch die Hirten hat es an den Rand der Gesellschaft verschlagen. Sie gelten als zwielichtige Gestalten, denen man nicht trauen kann. Sie haben keinen wirklichen Platz im Gesellschaftsgefüge. Sie fallen durch die Maschen des sozialen Netzes. Aber selbst sie, die kaum etwas zu verlieren haben, erschrecken zutiefst, als sie dem Glanz Gottes beinahe unverhüllt begegnen.

Verunsicherung überall

Auch sie muss Gott zunächst verunsichern, ihre Selbstverständlichkeiten in Frage stellen. Auch Menschen auf der Schattenseite der Gesellschaft haben sich irgendwie darein gefügt und sind mit dem Status Quo verbandelt. Auch sie müssen erst offen werden für das ganz Andere, was sie nun hören sollen. Aber dann kommt es bei ihnen an, und sie finden hinein in die Freude der Engel, die schon sehen, was hier wirklich passiert.

Wenn Gottes Liebe einen Platz findet in der Welt, wenn sie Menschengestalt annimmt, dann wird diese Welt mindestens hier und dort schon heimatlich. Das ist gemeint, wenn Menschen zu Weihnachten ihr Haus schmücken und es für Gäste vorbereiten. Es soll ein Zeichen sein, dass die Welt tatsächlich für uns zur Heimat werden kann. Mitten in der gespaltenen Welt ist die Liebe präsent, die verbindet und heilt und zur lebendigen Hoffnung wird.

Ein Zeichen – nicht mehr und nicht weniger

All der Weihnachtsschmuck ist ein Zeichen dafür, ein Hinweis. So wie die Krippe nur hindeuten soll auf den, der darin liegt. Wenn der Schmuck, die Bräuche, die Lieder, das Essen, all das Drumherum zum Selbstzweck wird und kein Zeichen für das Größere mehr sein will, dann steht am Ende schnell die Enttäuschung, weil der vielbeschworene Weihnachtszauber sich möglicherweise nicht einstellt. Aber wenn das alles ein Hinweis bleibt, ein Zeichen für das Größere, das in die Welt gekommen ist, wenn es uns anleitet, teilzunehmen an dem Neuen und selbst die Welt gastlicher zu machen, dann mag all dies Zeichenhafte Kraft entfalten, und dann kann uns da ungeplant etwas Echtes begegnen.

Überall kann die Welt jetzt zur Heimat werden, weil sie ihren wahren Herrn erkennt und sich unter seiner freundlichen Berührung an ihre wahre Bestimmung erinnert. Und wir sollen es als Erste begreifen und dabei sein.

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