Im Zeichen der Hochzeit von Himmel und Erde

Predigt am 25. November 2018 (Ewigkeitssonntag) zu Matthäus 25,1-13

Verfasser: Walter Faerber

1 »Wenn der Menschensohn kommt, wird es mit dem Himmelreich wie mit zehn Brautjungfern sein, die ihre Fackeln nahmen und dem Bräutigam entgegen­gingen. 2 Fünf von ihnen waren töricht, und fünf waren klug. 3 Die Törichten nahmen zwar ihre Fackeln mit, aber keinen Ölvorrat. 4 Die Klugen dagegen hatten außer ihren Fackeln auch Gefäße mit Öl dabei.

5 Als sich nun die Ankunft des Bräutigams verzöger­te, wurden sie alle müde und schliefen ein. 6 Mitten in der Nacht ertönte plötzlich der Ruf: ›Der Bräutigam kommt! Geht ihm entgegen!‹ 7 Die Brautjungfern wachten alle auf und machten sich daran, ihre Fackeln in Ordnung zu bringen. 8 Die Törichten sagten zu den Klugen: ›Gebt uns etwas von eurem Öl; unsere Fackeln gehen aus.‹ 9 Aber die Klugen erwiderten: ›Das können wir nicht, es reicht sonst weder für uns noch für euch. Geht doch zu einem Kaufmann und holt euch selbst, was ihr braucht!‹

10 Während die Törichten weg waren, um Öl zu kaufen, kam der Bräutigam. Die fünf, die bereit waren, gingen mit ihm in den Hochzeitssaal. Dann wurde die Tür geschlossen. 11 Später kamen auch die anderen Brautjungfern und riefen: ›Herr, Herr, mach uns auf!‹ 12 Doch der Bräutigam antwortete: ›Ich kann euch nur das eine sagen: Ich kenne euch nicht!‹«

13 »Seid also wachsam!«, ´schloss Jesus.` »Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde im Voraus.«

Bild: Free-Photos via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Heute bei uns kann es durchaus ein Jahr und länger sein, dass Menschen auf eine Hochzeit zugehen. Wenn man wirklich alle Details bis ins Letzte durchplanen will, dann kann das einen heute schon ziemlich lange beschäftigen. Deshalb können wir heute ganz gut verstehen, was den Menschen in der Zeit Jesu in den Sinn kam, wenn Jesus das Bild einer Hochzeit benutzte. Er beschreibt mit diesem Bild das Ziel, auf das hin Menschen leben. Die Tage mit ihrer gewöhnlichen Arbeit und Normalität gehen weiter wie immer, aber trotzdem steht alles unter dem Vorzeichen dieses großen Tages, auf den zwei Menschen, ihre Familien und Freunde und viele andere zugehen. Für ein Jahr oder sogar länger ist die Hochzeit der Zielpunkt, auf den alles hinläuft. Das ist der Horizont, in dem man lebt. Das ist die große Perspektive, in die sich alles andere einordnet.

Die sichtbare und die verborgene Seite der Welt

Jesus benutzt dieses Bild der Vorbereitungszeit auf eine Hochzeit, um etwas Elementares über unsere ganze Welt zu sagen: wir gehen zu auf die Hochzeit von Himmel und Erde. Wir gehen zu auf den Tag, an dem die verborgene Seite der Welt nicht mehr verborgen bleibt, sondern wo sich die Geheimnisse der Welt enthüllen. Wir leben im Horizont der großen Erwartung, dass Gott nicht für immer verborgen bleibt. Nein, der Tag wird kommen, an dem Gott unter den Menschen wohnt und alle Fragen entweder beantwortet werden oder bedeutungslos geworden sind.

Als Gott die Erde schuf, da schuf er sie als Himmel und Erde: die Erde ist die sichtbare Seite der Schöpfung, die wir kennen, die wir erforschen können, in der wir leben und arbeiten. Aber die Welt hat auch eine unsichtbare Seite, die uns kaum zugänglich ist, und von der wir nur wenig wissen. Nur einige Menschen haben zu Lebzeiten schon einmal einen vorsichtigen Blick da hinüber werfen dürfen: über die Grenze zur unsichtbaren Seite der Schöpfung hinaus. Und es sollte uns nicht wundern, dass das, was sie erzählen, kein präziser Bericht ist, sondern es sind bestenfalls Bilder und Gedankenfetzen, Eindrücke und Begegnungen, aber keine klaren Beschreibungen, wie wir sie uns wahrscheinlich wünschen würden. Die verborgene Seite der Welt bleibt verborgen.

Der Einzige, der bisher wirklich zurückgekommen ist, ist Jesus: nach seiner Auferstehung ist er den Jüngern wieder begegnet, es war völlig klar, dass er nun ein Mensch der Neuen Welt war, aber er war merkwürdig verwandelt, anders als vorher, auf eine Weise, die sie auch nicht wirklich beschreiben, sondern nur andeuten konnten.

Weil das alles so vage ist, deshalb haben wir uns in unserer Kultur vor vielen Hundert Jahren entschieden, uns auf das Sichtbare zu konzentrieren, auf das, was man sehen und bearbeiten, berechnen und verkaufen kann. Wir haben die Grenze zwischen sichtbarer und unsichtbarer Schöpfung auch von uns aus noch einmal scharf nachgezogen.

Das Geheimnis bleibt

Aber die Frage ist uns geblieben: was ist da jenseits der Grenze, hinter der unsere Möglichkeiten der Weltbearbeitung nicht mehr greifen? Gerade die Naturwissenschaftler spüren das in unseren Tagen, wenn sie weiter vordringen als je zuvor, ins Allergrößte und ins Allerkleinste, wenn sie die Reichweite unseres Wissens immer weiter ausdehnen, aber hinter jedem gelösten Rätsel warten wieder ungezählte neue Fragen. Und wir normalen Leute, die mit all diesen neuen Erkenntnissen kaum Schritt halten können, wir stoßen eben auch auf das Rätsel, nicht zuletzt bei der Frage: wo kommen wir her und wo gehen wir hin?

Als einer der frühen christlichen Missionare hierher in die dunklen Wälder Germaniens kam und einem germanischen Fürsten erklären sollte, worum es denn bei den neuen Ideen ging, die er mitbrachte, da flog gerade ein kleiner Vogel durch das Rauchloch auf der einen Seite der großen Halle hinein, drehte ein paar Runden im Schein der Fackeln und flog auf der anderen Seite wieder hinaus. Und der Christ nahm das auf und sagte: Das ist ein Bild für dein Leben, Fürst! Du kommst aus dem Dunkel, du machst einige Runden im Licht, bevor du wieder zurückgehst ins Dunkel, aus dem du gekommen bist. Aber ich kann dir sagen, woher du kommst und wohin du gehst. Ich kann dir mindestens soviel sagen, wie du brauchst, um dein Leben hier in der sichtbaren Welt zu verstehen und zu führen.

Das Ende der Trennung

Viel klüger als dieser germanische Fürst sind wir heute ja im Prinzip auch nicht. Aber der christliche Missionar hat ihm dann wohl erklärt: du kommst aus der freundlichen Hand Gottes, der dich gewollt hat, der dich in dieses Leben gerufen hat, und der dich mit Namen kennt. Du kommst nicht aus einem unbekannten Dunkel. Und du gehst zu auf diese Hochzeit von Himmel und Erde, wenn Gott die Grenze zur unsichtbaren Seite der Welt öffnen wird, weil sie nicht mehr gebraucht wird, weil das Böse und das Verderben vergangen sind und der Himmel nicht mehr davor geschützt werden muss. Und dann wird Gott unter den Menschen wohnen, und die neue Welt bricht an, in der Gewalt und Lügen keinen Platz mehr haben, wo der Tod überwunden ist und wo es keinen Grund mehr gibt für Abschied, Schmerz und Tränen.

Aber so wichtig es ist, davon zu wissen, das ist nicht das Entscheidende. Welchem Brautpaar würde es denn reichen, bloß zu wissen: ja, in zwölf Monaten heiraten wir, das wissen wir, und wir haben uns den Termin schon mal in den Kalender eingetragen, damit wir uns an dem Tag nicht aus Versehen noch was anderes vornehmen?

Aktives Warten

Wenn die Hochzeit erst einmal konkret angekündigt ist, dann beginnt ja gerade die Arbeit des Planens und Vorbereitens, es gilt unablässig daran zu denken, so dass manchem schon in dieser Zeit der künftige Ehepartner abhanden gekommen ist. Auf jeden Fall ist es eine Zeit des tätigen Vorbereitens. Das normale Leben muss natürlich auch weitergehen, aber alles steht unter diesem Vorzeichen: bald ist die Hochzeit, und die soll gut vorbereitet werden.
Und genau das ist der Punkt, weshalb Jesus so gern das Bild der Hochzeit benutzt, wenn er vom Beginn der Neuen Welt Gottes redet. Er macht damit deutlich, dass das kein Termin ist, den man sich einfach bloß in den Kalender einträgt, und dann wartet man eben darauf, dass er kommt. Zum einen wissen wir diesen Termin ja gerade nicht vorher. Vor allem aber soll die Zeit bis dahin eine tätige Zeit sein, die für Vorbereitungen genutzt wird. Die Zeit bis zur Hochzeit soll ganz im Zeichen dieses kommenden Tages stehen. Der normale Alltag geht zwar weiter, die Winterreifen müssen aufgezogen und die Rechnungen bezahlt werden. Aber das alles ist deutlich weniger wichtig, wenn es in diesen viel weiteren Horizont rückt: die Hochzeit steht bevor!

In dem Gleichnis von den 10 Brautjungfern, das Jesus erzählt, da sollen die für Beleuchtung sorgen. Damals war es nachts ja noch richtig dunkel, es gab keine Straßenbeleuchtung, und deswegen war das Licht eine wichtige Aufgabe. Und dass die zwischendurch auch mal schlafen, das ist kein Problem. Schlafen gehört zum Leben dazu, so wie man ja auch heute im Jahr vor der Hochzeit nicht immer nur das Fest vorbereitet. Und auch wenn wir auf die Neue Welt Gottes zugehen, muss das normale Leben bis dahin weitergehen. Aber es ist jetzt nicht mehr alles. Es ist dieser Perspektive auf das Neue untergeordnet. Und das Problem der Winterreifen schrumpft so auch auf eine deutlich geringere Größe.

Absorbiert vom kleinen Alltag

Das Problem der 5 gedankenlosen jungen Frauen ist also nicht, dass sie dem Bedürfnis nach Schlaf nachgeben. Ihr Problem ist, dass sie darüber die größere Perspektive aus dem Blick verlieren. Die haben gar nicht auf dem Schirm, dass da noch was ganz anderes auf sie zukommt. Sie sind so von den täglichen Geschäften und dem normalen Kleinklein absorbiert, dass sie ihre Rolle bei der Hochzeit nur am Rande oder gar nicht im Blick haben. Und deswegen denken sie nicht so weit, dass sie für Reserveöl sorgen. Heute würde man sagen: sie haben vergessen, die Ersatzakkus rechtzeitig aufzuladen.

Das ist der Punkt, um den es Jesus geht: sind unsere täglichen Geschäfte und Aufgaben von dieser großen Perspektive auf die Neue Welt Gottes begrenzt, oder haben sie alles so überwuchert, dass wir nicht mehr über den Tellerrand schauen können, sondern nur noch in den Grenzen des täglichen Betriebes denken? Was Jesus gebracht hat, das ist dieser geweitete Horizont, wo wir unser Leben in dem größeren Rahmen sehen, dass wir die Geschöpfe einer großen Liebe sind, dass am Ursprung von allem die Freude Gottes am Lebendigen steht, und dass sich das durch alles hindurchziehen soll, was wir tun.

Das volle Leben ist umfassender

Zur Vorbereitung auf die Hochzeit von Himmel und Erde gehört es deshalb, dass wir unter dieser Perspektive leben und diese Erwartung unsere Tage durchdringt. Die Winterreifen müssen immer noch drauf, aber sie rücken dann wirklich in ihrer Wichtigkeit nach hinten. Sie absorbieren nicht mehr alle Aufmerksamkeit. Sie werden überstrahlt vom Glanz der neuen Welt, so wie ein Brautpaar sich kurz vor der Hochzeit auch auf ganz andere Dinge konzentriert.

Deswegen brauchen wir immer wieder solche Erinnerungspunkte, an denen wir herausgeholt werden auf unserer Verhaftung in der begrenzten, sichtbaren Welt. Wir brauchen Tage wie diesen, die uns die größere Perspektive von Himmel und Erde in Erinnerung rufen, dass auch die verborgene Welt zur vollen Schöpfung dazugehört. Wozu wir wirklich berufen sind, das wird erst noch kommen, egal ob wir noch leben oder nicht mehr. Aber immer mal wieder wirft es sein Licht in unser Leben, noch vorläufig, aber trotzdem stark und deutlich. Und wir sollen uns darauf einstellen, dass wir dieses Licht widerspiegeln, weitergeben und von ihm durchdringen sind. Die Akkus müssen immer wieder aufgeladen werden. Dann sind wir vorbereitet auf den Tag, an dem die Freude Gottes am Leben die ganze Welt erfüllt.

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