Selig ist der freie Mensch!

Predigt am 21. Januar 2018 zu Psalm 1

Verfasser: Walter Faerber

Selig der Mensch, der nicht dem Rat der Frevler folgt, /
der nicht betritt den Weg der Sünder‚*
nicht sitzt im Kreise der Spötter,

der vielmehr seine Lust hat an der Weisung des HERRN‚*
der bei Tag und bei Nacht über seine Weisung nachsinnt.

Er gleicht dem Baum, der an Wasserbächen gepflanzt ist, /
der zur rechten Zeit seine Frucht bringt*
und dessen Blätter nicht welken.

Was immer er tut,*
es wird ihm gelingen.

Nicht so die Frevler!*
Sie sind wie Spreu, die der Wind vor sich hertreibt.

Darum werden Frevler im Gericht nicht bestehen,*
noch Sünder in der Gemeinde der Gerechten.

Denn der HERR weiß um den Weg der Gerechten,*
aber der Weg der Frevler verliert sich.

Dieser Psalm, und damit das ganze Buch der Psalmen, beginnt wie die Bergpredigt mit einer Seligpreisung: Selig der Mensch, der auf Gottes Weisung hört! Wir gut ist der dran, der Freude an Gottes gnädiger Wegweisung hat!

Und dann wird mit ganz wenigen Worten das Bild eines Menschen gezeichnet, der Tag und Nacht im Gespräch mit Gottes Worten ist. Ich gehe mal davon aus, dass auch dieser Mensch essen und schlafen muss, dass er auch arbeiten muss, d.h. man muss sich das nicht so vorstellen, als ob der nichts anderes macht als die Bibel zu lesen. Sondern dass er sein ganzes Leben mit der Schrift in Verbindung bringt und dauernd dabei ist, solche Verbindungen herzustellen. Und in dieser Orientierung auf das geschriebene Zeugnis von Gottes Reden begegnet ihm immer wieder Gott selbst. Aus dem geschriebenen Wort der Bibel erhebt sich das lebendige Reden Gottes.

Und nun ist die Frage: warum ist genau dieser Mensch so gut dran? Warum ist es erstrebenswert, so zu leben?

Wurzeln, die unabhängig machen

Und die Antwort ist: weil er Wurzeln hat, aus denen er in guten und schlechten Zeiten leben kann. Das Bild dafür ist ein Baum, der an einem Bewässerungskanal gepflanzt ist: der kann sich mit seinen Wurzeln immer wieder Wasser holen, auch wenn es lange Zeit nicht geregnet hat und alles trocken ist. In einer langen Trockenheitsperiode verdorren Gräser und auch größere Gewächse gehen ein, wenn der Grundwasserspiegel sinkt. Aber der Baum am Bewässerungskanal überlebt, und noch mehr: er kann mit Hilfe der eigentlich tödlichen Hitze sogar noch besonders süße Früchte wachsen lassen.

Dieses Bild vom Baum, der am Wasser gepflanzt ist, bedeutet also: ob du Zeiten der Gefahr und der Bedrohung heil überstehst, ob du in solchen Zeiten vielleicht sogar besonders starke Sachen hinkriegst, das entscheidet sich daran, ob du Wurzeln hast, auf die du dich verlassen kannst.

Ein geschriebenes Gegenüber

Es gibt eine Geschichte vom ersten Landesbischof der Hannoverschen Landeskirche nach dem Zweiten Weltkrieg, Hans Lilje, aus der Zeit, als er noch nicht Bischof war. Der hatte in der Zeit des Nationalsozialismus Kontakte zur Anti-Hitler-Opposition und wurde deswegen verhaftet und kam ins Gefängnis. Und als er dann nach der Verhaftung zum ersten Mal ganz allein in der Zelle saß, da fand er in einer Tasche einen alten Bleistift­stummel, den sie bei der Durchsuchung seiner Sachen übersehen hatten. Und irgendwo auch noch einen Fetzen Papier, einen alten Fahrschein oder so etwas. Und dann nahm er den Bleistift­stummel und schrieb auf diesen Fetzen den Anfang des 23. Psalms: »Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.« Mehr Platz war da nicht. Aber das »nichts«, »mir wird nichts mangeln«, hat er noch einmal kräftig unterstrichen. Und dieser Papierfetzen hat ihn durch die ganze Zeit der Haft begleitet und ihm Widerstandskraft gegeben.

Warum war es so wichtig, das aufzuschreiben? Diesen Vers »Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln«, der ist so bekannt, selbst heute kennen ihn immer noch viele Menschen auswendig. Und Lilje kannte ihn garantiert schon fast sein ganzes Leben lang.

Aber was wir im Kopf haben, das ist uns nicht immer gleich zugänglich. Es gibt Zeiten, da kommen wir gar nicht auf Dinge, die uns zu anderen Zeiten geläufig und selbstverständlich sind. Und wir wissen ja eigentlich, dass unser Gedächtnis uns je nach Situation auch mal böse Streiche spielen kann. In Zeiten, wo wir unglücklich sind, da erinnern wir uns gar nicht an die Zeiten, wo es anders war, sondern wir haben das Gefühl: die ganze Welt ist dunkel, und das ist immer so und das wird sich auch nie wieder ändern. Wir brauchen dann jemanden, der uns behutsam daran erinnert, dass unsere gegenwärtige Traurigkeit nicht die ganze Wahrheit ist und dass sich die Tage auch wieder ändern können.

Weil Hans Lilje das wusste, deshalb hat er sich den Anfang des 23. Psalms aufgeschrieben, damit er etwas hatte, das nicht den Launen der Situation unterworfen war, sondern ihn immer wieder daran erinnern konnte, was für ihn galt. Auch dann, wenn er in Verhören unter Druck geraten oder durch die Ungewissheit und Einsamkeit in Depressionen versinken würde. Das geschriebene Zeugnis von Gottes Reden sollte ihn daran erinnern, dass Gott von außen in unser Leben hineinspricht und so die Situation verändert, in der wir stecken.

Abstand halten

Das gilt schon für den Fetzen Papier mit dem ersten Vers von Psalm 23; und es gilt erst recht von der ganzen Bibel: die Bibel ist das gesammelte Zeugnis von Gottes Reden zu Menschen, und sie soll uns zu allen Zeiten darauf hinweisen, dass Gott sich von der Welt unterscheidet. Gott ist nicht der religiöse Zuckerguss auf der Welt, wie sie ist, sondern er hilft uns Abstand zu halten und die Welt, wie sie ist, kritisch zu befragen: ist das alles denn so, wie es sein soll? Ist das alles richtig? Habe ich vor dem Richtigen Angst oder vor dem Falschen?

Wenn die Welt ok wäre, wenn sie wunderbar funktionieren würde ohne Probleme, dann würden wir die Bibel nicht brauchen. Dann könnten wir einfach so leben und alles wäre gut. Weil wir aber in einer Welt leben, die durcheinander geraten ist, in der ganz vieles schief läuft, deshalb brauchen wir die Schrift. Sie verschafft uns den nötigen Abstand zur Welt, damit wir unterscheiden können, was dem Willen Gottes entspricht und was nicht. Dadurch können wir Unrecht als Unrecht erkennen, und so können wir es sehen, wenn wir auf dem falschen Weg sind. Die Bibel ist das Dokument einer Alternative zu der Welt, die wir kennen. Sie bringt uns in Verbindung mit dem Schöpfer und seinen wahren Absichten mit der Welt.

Und so, wie der Fetzen Papier von Hans Lilje ihm geholfen hat, den Drohungen und dem Druck der Nazis im Gefängnis zu widerstehen, so hat die Bibel die Christen immer wieder geholfen, Distanz zu den Herren und Machthabern dieser Welt zu entwickeln. Die Gerechten sind nicht abhängig von den Herren dieser Welt und ihrer Macht, weil sie tiefe Wurzeln haben. Sie wissen: die Welt gehört ihrem Schöpfer, und sie funktioniert nach seinen Absichten und Regeln.

Eine Tradition des Nachdenkens

Deswegen sind Juden und Christen, wenn sie gut waren, immer gebildete Leute gewesen, die nachgedacht haben. Sie wussten: die Dinge sind nicht einfach so, wie sie auf den ersten Blick aussehen. Man muss mindestens zweimal hinsehen. Deshalb waren die Juden in der Antike das Volk, wo jedenfalls die Männer alle lesen konnten. Jeden Sabbat haben sie in den Synagogen die Schrift vorgelesen und diskutiert, die Armen ebenso wie die Reichen.

Genauso bei den Christen, auch da haben sie die Schriften vorgelesen, zugehört und in ihrem Licht die Welt begriffen. In der Reformation hat man Schulen eingerichtet, damit jeder selbst die Bibel lesen konnte. Bis heute ist es so: wer in der Bibel liest, der ist meistens auch gewohnt nachzudenken und sich über komplizierte Zusammenhänge Gedanken zu machen. Die Bibel gibt uns eine Sicht auf das Ganze, von der Schöpfung am Anfang über die Geschichte Israels, aber auch der Antike überhaupt, bis hin zur neuen Schöpfung. Die Welt zerfällt nicht in einen Haufen einzelner Momente, sondern sie ordnet sich sinnvoll zusammen. Es gibt eine große Geschichte, in die wir hineingehören. Und die kann man nicht einfach so hinbiegen, wie man es gerade möchte, weil sie ja aufgeschrieben ist. Sie ist ein unabhängiges Gegenüber, das nicht unserer Stimmung unterworfen ist, aber sie ist so flexibel und reichhaltig, dass sie in jeder Lage wieder neue Einsichten freisetzen kann.

Die Bibel ist nicht einfach, weil sie mit menschlichen Worten Gottes Perspektive auf die Welt und unser Leben beschreibt. Eigentlich geht das gar nicht, aber irgendwie kriegt das die Bibel doch hin. An ihr lernen wir, dass die Dinge nicht so sind, wie sie scheinen. Wir lernen, nicht sofort zu reagieren, sondern vorher nachzudenken.

Freiheit zwischen Reiz und Reaktion

Es ist der Kern menschlicher Freiheit, dass wir nicht automatisch reagieren. Menschen, die ihre Freiheit aufgegeben haben, sagen: ich konnte nicht anders. Der hat mich so angeguckt, da musste ich ihm eins auf die Nase geben. Das Essen sah so gut aus, da musste ich einfach zugreifen. Die Gelegenheit war so verlockend, ich konnte einfach nicht widerstehen. Aber all diese Gedanken verleugnen unsere Freiheit, dass wir immer Alternativen haben. Wir sind nicht instinktgesteuert, sondern zwischen der Situation und unserer Antwort darauf liegt immer dieser Moment, in dem wir innehalten, überlegen und anders entscheiden können.

Dietrich Bonhoeffer hat – ebenfalls in einem nationalsozialistischen Gefängnis – die Beobachtung gemacht, wie seine Mithäftlinge, aber genauso die Wärter, ganz von der aktuellen Situation dominiert waren: wenn es etwas zu essen gab, waren sie nur gierig, wenn ein Bombenangriff kam, hatten sie nur Angst, wenn eine schlechte Nachricht kam, waren sie nur deprimiert. Der erste Psalm sagt dazu, dass solche Leute wie Spreu sind, die vom Wind verweht wird. Sie werden von einem Einfluss hierhin und vom nächsten dorthin getrieben. Weil Bonhoeffer andere Wurzeln hatte, deshalb konnte er sich davon unabhängiger machen, und sie begannen, ihn zu bewundern, weil sie an ihm etwas spürten, was sie nicht verstanden: dass er eine viel größere Freiheit hatte. Dass er sie beruhigen oder trösten konnte, weil er nicht einfach nur auf die Situation reagierte.

Den Widerspruch aushalten

Das meiste Böse entsteht daraus, dass Menschen nur so einen kleinen Ausschnitt der Welt wahrnehmen und darauf reagieren, ohne tiefer nachzudenken. Gott ist dabei sowieso ausgeblendet, aber auch die ferneren Folgen unserer Handlungen. Der Psalm stellt solche Menschen dem Gerechten gegenüber, der erst einen Schritt zurücktritt und im Dialog mit der Schrift nachdenkt, der nach Gottes Perspektive fragt. Die »Frevler«, wie der Psalm sie nennt, treten meist im Rudel auf, sie machen sich keine großen Gedanken, im Gegenteil, sie lachen über alle, die Nachdenken, die auf Gott hören und darauf bestehen, dass man sich nicht vom Augenblick leiten lässt. Sie ertragen nicht diese Spannung zwischen der Welt, wie sie ist, und Gottes Willen. Sie halten den Widerspruch nicht aus und verschließen deshalb die Augen davor.

Die Schrift leitet uns aber an, die großen und die kleinen Dinge in den Zusammenhang der Geschichte Gottes mit der Welt zu stellen. Und das ist ein Glück und eine Freude, wenn sich die Welt so zu einem großen Bild fügt, wo alles sinnvoll zusammengehört. Es ist die Freude an der Freiheit, die wir von Gott bekommen, die uns unabhängig macht und uns eine Stärke gibt, von der die anderen kaum etwas ahnen.

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