Gottes Güte und die Zerstörer

Predigt am 9. September 2018 zu Psalm 36

Verfasser: Walter Faerber

1 Von David, dem Knecht des HERRN, vorzusingen.
2 Auflehnung raunt tief im Herzen des Frevlers, *
er kennt kein Erschrecken vor Gott.
3 Er schmeichelt Gott vor dessen Augen und findet doch seine Strafe für seinen Hass.
4 Die Worte seines Mundes sind Unheil und Trug,,
verständig und gut handelt er nicht mehr.
5 Er trachtet auf seinem Lager nach Schaden und steht fest auf dem bösen Weg und scheut kein Arges.
6 HERR, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.
7 Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes / und dein Recht wie die große Tiefe.
HERR, du hilfst Menschen und Tieren.
8 Wie köstlich ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!
9 Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses, und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.
10 Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht.
11 Breite deine Güte über die, die dich kennen, und deine Gerechtigkeit über die Frommen.
12 Lass mich nicht kommen unter den Fuß der Stolzen, und die Hand der Frevler vertreibe mich nicht!
13 Siehe, da sind gefallen die Übeltäter, sind gestürzt und können nicht wieder aufstehen.

In diesem Psalm gibt es einige ganz bekannte und starke Bibelworte: »Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.« »Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht.« Oder der Gedanke von der Zuflucht »unter dem Schatten deiner Flügel«, wobei damit die Flügel der Cherubimfiguren im Tempel gemeint sind. Genauso der Gedanke von der kosmischen Reichweite der Gerechtigkeit Gottes: »Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes und dein Recht wie die große Tiefe«. Hier sind beeindruckende Bilder dafür gesammelt, wie die Güte Gottes die ganze Schöpfung durchwaltet. Und man kann sich vorstellen, dass Jesus diesen Psalm gut gekannt hat und aus ihm Inspiration für seine Worte gezogen hat, wenn er z.B. in der Bergpredigt sagt: »Gott lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte.«

Die helle Mitte und der dunkle Rand

Bild: Pexels via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Diese starken Sätze sind die Mitte des Psalms. Aber nun besteht der Psalm nicht nur aus dieser starken, hellen Mitte, sondern diese helle Mitte hat einen dunklen Rahmen: Eine Schilderung der Bösen, der Frevler, der Zerstörer. Menschen, die mit ihren Worten um sich herum Unheil verbreiten. Menschen, die selbst in der Nacht noch darüber nachdenken, wie sie Schaden anrichten können. Und die Bitte, dass Gott einen vor diesen Menschen beschützt.

Im Gesangbuch sind ja hinten auch Psalmen abgedruckt, und wenn Sie da nach Psalm 36 schauen, dann würden Sie sehen, dass man da diesen dunklen Rand einfach weggelassen hat. So kann man es natürlich auch machen. Aber ich glaube, dass man so mit der Bibel nicht umgehen darf: sich die hellen Stellen raussuchen, mit denen man schöne Poster und Postkarten gestalten kann, und die Stellen ignorieren, wo ungemütliche Wahrheiten ausgesprochen werden.

Denn der Psalm 36 lebt genau von dieser Spannung: dass da die Zerstörungskräfte in der Welt und in den Menschen benannt, beschrieben und nicht ignoriert werden, dass der Grundkonflikt im Hintergrund der Welt deutlich erkennbar wird, dass aber die Liebe Gottes diesen dunklen Rand deutlich und positiv überstrahlt. Und man kann wohl sagen, dass sich dieser Konflikt zwischen der überwältigenden Güte Gottes und den Unheilstiftern, die diese gute Schöpfung verderben wollen, durch die ganze Bibel zieht, von der Schlange im Paradies an, bis zum Höhepunkt der Kreuzigung Jesu, wo der Konflikt zwischen der Liebe Gottes und ihren Feinden am klarsten sichtbar wird, bis zu den Monstern der Offenbarung am Ende der Bibel.

Eine sehr aktuelle Beschreibung

Und natürlich ist dieser Konflikt nach dem Abschluss der Bibel nicht vom Tisch, sondern er geht weiter. Wir leben mitten drin. Ich weiß nicht, ob Sie in der letzten Woche auch diese Meldung gehört oder gelesen haben: als die Deutschen wie jedes Jahr in diesem Sommer nach ihren größten Ängsten befragt wurden, da landete zum Erstaunen der Meinungsforscher auf Platz 1 der amerikanische Präsident: dass wir durch irgendeine Trump‘sche Laune in einen gefährlichen Konflikt geraten könnten. Und man kann nur sagen: die Menschen sind nicht dumm. Das ist eine echte Gefahr. Wenn man ein Beispiel dafür sucht, dass die Bibel uns auch nach 2000 oder 3000 Jahren sehr aktuelles zu sagen hat, dann schaut nach Washington ins Weiße Haus. Da kann man sehr deutlich sehen, was gemeint ist mit den »Frevlern« – den Menschen, die nach Schaden trachten, deren Worte Unheil stiften und die sich keine Gedanken darüber machen, wie Gott darauf reagieren wird.

Aber natürlich gibt es das genauso im viel kleineren Format. Wenn man ein wenig überlegt, dann fallen einem viele Beispiele dafür ein, wie Einzelne und ganze Gruppen leiden unter einem oder wenigen Menschen, die überall Sand ins Getriebe streuen, die um sich herum blöde Stimmungen verbreiten, wo man schon vorher weiß, dass es Probleme geben wird. Menschen, die dafür verantwortlich sind, dass Grundschulkinder morgens mit Bauchweh aufwachen, dass Erwachsene mit einem schlechten Gefühl zur Arbeit gehen oder sich krank schreiben lassen. Vorgesetzte oder Lehrer, Kollegen oder Mitschüler, wo man denkt: ach, jetzt habe ich schon wieder mit der oder mit dem zu tun. Zum Glück sind es nicht so viele, zum Glück sind sie nicht alle so richtig fies, aber wenn Menschen aus ihrer Firma, der Schule, aus einem Heim oder anderswie Bedrückendes erzählen, dann sind es ganz häufig solche Personen, die um sich herum allen das Leben schwer machen. Solche Menschen gibt es im weltpolitischen Format genauso wie im Mini-Format in einer Familie oder einer Ehe und auf allen Ebenen dazwischen.

Es gibt sie, die Unheilstifter

Und die Bibel hilft uns – z.B. mit dem 36. Psalm – dass wir dann nicht denken: wie kann das nur sein? So etwas kann es doch nicht geben! Mit mir selbst muss was nicht stimmen, wenn ich so denke. Aber die Bibel stärkt uns den Rücken und sagt: trau deiner Wahrnehmung! Ja, es gibt solche Menschen, du hast was Richtiges gesehen, du liegst nicht falsch mit deinen Gedanken.

Als wir in den letzten Jahren immer mehr über das Thema Missbrauch gehört und gelernt haben, da fand ich mit am Erschreckendsten dieses Phänomen, dass Missbrauchsopfer sich oft auch noch selbst schuldig fühlen und dass es für sie eine große Befreiung ist, zu verstehen: ja, da bin ich tatsächlich in die Hände eines bösen Menschen geraten, das war nicht mein Fehler, es ist nicht so, dass jeder irgendwie was falsch macht. Der war schuld und nicht ich. Das war einer von denen, die hier in der Bibel Frevler genannt werden. Endlich habe ich ein Wort dafür. In etwas aktuellerer Sprache könnte man übersetzen: Unheilstifter, Zerstörer. Und wir tun gerade ihren Opfern keinen Gefallen, wenn wir diese Realität ignorieren und aus der Bibel nur die hellen, positiven Zusagen lesen.

Und hier im Psalm wird versucht, dieses Phänomen des Unheilstifters genauer zu ergründen. Warum macht der das? Wir stehen ja oft ratlos davor und fragen uns: was denkt so ein Mensch? Wenn einer dauernd Worte voll Lug und Trug in die Welt setzt und um sich herum alles das Leben schwer macht, am Ende vielleicht sich selbst schadet – was geht in dem vor? Was ist bloß sein Antrieb?

Warum tun die das?

Und der Psalm fängt damit an, dass er sagt: Im Herzen solcher Menschen steckt ganz unten eine Quelle, aus der immer wieder Gedanken und Worte aufsteigen, die sich gegen Gott empören. Das entscheidende Motiv ist der Wunsch, niemanden über sich zu haben, der einem Regeln gibt, vor dem man sich verantworten muss, der einem was sagen kann. Ich habe eine katholische Übersetzung gefunden, in der ich das am treuesten wiedergegeben fand: »Auflehnung raunt tief im Herzen des Frevlers.«

Das ist die Wurzel. Eine Stimme, die uns sagt: Auf niemand kannst du dich verlassen, auch Gott kümmert sich nicht um deine Interessen, der schikaniert dich bloß mit irgendwelchen Vorschriften, sorg selbst für dich, lass dir nicht dauernd was sagen, ein Aufpasser wie Gott kann dir gestohlen bleiben, mach dein eigenes Ding, mach dich frei von dieser Fremdbestimmung! Wir alle hören diese Stimme des Versuchers, seit er im Paradies Adam und Eva auf seinen Weg lockte. Aber wir schenken dieser Stimme nicht in gleicher Weise Gehör. Einige, die Frevler, sind da offener als andere, vielleicht sind manche auch weniger beschützt als andere, wieso auch immer.

Und was dann am Ende in der Realität daraus wird, das hängt von vielen Umständen ab. Der eine schikaniert bloß seine Kollegen, und der andere treibt Millionen Menschen in Tod und Verderben, wie wir das jetzt in Syrien gesehen haben und wohl leider Gottes auch weiter sehen werden. Aber tief im Herzen des Zerstörers liegt diese Auflehnung dagegen, durch Gott und die Realität der Schöpfung in irgendeiner Weise begrenzt zu werden, sich von ihm gängeln zu lassen und Grenzen zu akzeptieren. Deswegen ignorieren Menschen so oft Fakten und Realitäten und machen sich ihre eigene Traumwelt so zurecht, wie sie es gern möchten: weil sie sich in ihren Entscheidungen nicht von Tatsachen irritieren lassen wollen.

Gottes Güte ist größer

Was setzt der Psalm diesem Raunen der Auflehnung entgegen? Es ist das große, helle Bild von der überfließenden Güte Gottes, die die Schöpfung erfüllt, und aus der wir alle leben. Das Geschenk des Lichts, das wir aus Gottes Hand entgegennehmen. Der Reichtum der Schöpfung, die große Freude an allem Lebendigem, das Glück, in Freundschaft mit Gott leben zu dürfen, der sich als treu und wahr erweist, der uns nicht begrenzt und gängelt, sondern frei und stark macht. Die Unheilstifter erleben es als Einschränkung ihrer Freiheit, immer in diesem Gegenüber zu Gott und den Menschen leben zu sollen. Aber wer Gott kennt, für den ist das die Quelle der Freude. Gegen die wirkt die Verbissenheit der Auflehnung armselig.

Da hat uns einer ins Leben gerufen, hat uns gewollt, beschenkt uns, erfüllt die Schöpfung mit Überfluss, Schönheit und Glanz, möchte in Gemeinschaft mit uns stehen, spart nicht, wenn er uns etwas Gutes tun kann, ist treu und bleibt beständig so, trotz des dunklen Rahmens. Und der Strom seines Segens wird am Ende diesen dunklen Rand einfach zur Seite spülen und hinter sich lassen. Am Ende fallen die Zerstörer auf den Bauch und bleiben liegen. Wir erleben es zwar, dass wir uns fragen: wieso darf einer so lange immer wieder Unheil anrichten? Aber ich glaube, dass es auch sehr viele Beispiele gibt, wo wir im Großen und Kleinen erleben, wie das Böse sich selbst zerstört. Ich jedenfalls möchte nicht in der Haut von Frevlern stecken. Das ist mitunter lebensgefährlich. Aber nicht daraus kommt unsere Kraft, sondern aus der Fülle des Guten.

Vorhin in der Lesung haben wir gehört, wie Jesus mit dem Hinweis auf die Fülle des Segens antwortete, als Petrus ein wenig ängstlich darauf hinwies, was sie alles verlassen haben um Jesu willen: ja, sagt Jesus, ihr habt wegen mir Dinge und Menschen verloren, aber ihr bekommt es tausendfach zurück, nicht erst in der kommenden Welt, sondern jetzt schon, mitten in Konflikten. Wer die Konflikte nicht sehen will, der sieht auch nicht die Fülle Gottes mitten in dieser angegriffenen und misshandelten Welt. Wer den dunklen Rand wegschneidet und nur die leuchtende Mitte haben möchte, der bekommt nur noch ein handzahmes, reduziertes Evangelium.

Ein Konflikt bis zum Ende dieser Welt

Aber mitten in den Konflikten, die es ja tatsächlich gibt, erleben wir die Bewahrung. Der Verfasser des Psalms hat die im Tempel gefunden, »unter dem Schatten deiner Flügel«. Das ist der Ort, wo Gott uns das ganze Bild sehen lässt und uns dadurch sagt: Gott beschirmt seine Welt. Heute ist es die Gemeinde, in der wir uns aus der Schrift den Blick auf die Welt erneuern lassen. Da werden uns die Augen neu geöffnet für den Reichtum der Liebe Gottes, dem wir uns anvertrauen sollen. Was Paulus über diese Liebe denkt, das haben wir vorhin im Taufspruch für Ida Mozhgan gehört: »Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendein anderes Geschöpf uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.«

Von diesem Reichtum der Liebe Gottes spricht die ganze Bibel. Nichts und niemand kann uns davon trennen. Eines Tages wird auch der dunkle Rand nicht mehr sein. Aber bis dahin wird die Liebe Gottes diesen dunklen Rand nicht los, und deshalb sollen auch wir davor nicht die Augen verschließen. Erst so verstehen wir, wie groß Gottes Treue zu seiner Welt in Wahrheit ist.

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