Demütiges Selbstbewusstsein

Gottesdienst am 24. Juni 2018 mit Einführung des neuen Kirchenvorstandes und Predigt zu Römer 1,16-17

Verfasser: Walter Faerber

Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist die Kraft Gottes, die alle rettet, die glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen.

Paulus schneidet ein Thema an, über das nicht oft gesprochen wird, obwohl es gar nicht so selten ist: dass Christen sich für das Evangelium schämen, dass sie nicht mit Selbstbewusstsein und Sicherheit daherkommen, sondern sich eher entschuldigen dafür, dass sie immer auch noch diese Botschaft mitbringen.

Warum sollte aber einer wie Paulus sich für das Evangelium schämen? Weil er aus der Provinz nach Rom schreibt, ins Zentrum der damaligen Welt, in die Stadt, die sich den Rest der bekannten Welt rund ums Mittelmeer unterworfen hatte. In Rom tobte das Leben, da fielen die Entscheidungen für den Rest der Welt – politisch, wirtschaftlich, kulturell, stilistisch und auch religiös. Und dann kommt ein Jude aus dem Osten nach Rom und denkt, er hätte den Schlüssel zur Welt in der Tasche: das Evangelium vom jüdischen Messias Jesus, der an einem römischen Kreuz gestorben ist. Ist das nicht peinlich? Ist das anmaßend? Aber Paulus kommt mit erhobenem Haupt in die große Stadt und sagt: ich bringe den Schlüssel zur ganzen Welt und zu allem mit – die Kraft der Rettung, die jeder braucht.

Sich nicht unter Wert verkaufen

Paulus hat viel dafür getan, dass er das Evangelium so weitergibt, dass Menschen es verstehen können und es nicht eine tote dogmatische Formel bleibt. Aber er hat sich und seine Botschaft nie klein gemacht, er hat sie nie unter Wert angeboten. Wer sich dafür entschuldigt, dass es jetzt leider noch mal für 5 Minuten religiös wird, der soll es lieber ganz lassen. Christen müssen wissen, dass ihnen die entscheidende Botschaft anvertraut ist, die immer wieder den Lauf der Weltgeschichte und den Fortgang einzelner Lebensgeschichten entscheidend beeinflusst. Wenn es eng und schwierig wird, wenn vielen anderen die Worte wegbleiben, dann haben wir noch etwas Starkes zu sagen.

Und es ist klar, dass es ganz besonders vom Vorstand einer Gemeinde abhängt, ob es da dieses fröhliche Selbstbewusstsein gibt: vielleicht sind wir nicht viele, aber wir bringen die Kraft Gottes mit, die lebt unter uns, und deshalb sind wir der wichtigste Faktor in unserem Ort, in unserem Land und in der Welt. Das alles aber bitte ganz ohne Arroganz, ohne den Anspruch, dass die anderen deshalb auf uns hören müssten, ohne den Wunsch, den anderen unsere Vorstellungen vom Leben aufzuzwingen. Einfach in dem ruhigen Selbstbewusstsein, mit dem Paulus nach Rom kam und wusste: was ich mitbringe, das wird seinen Weg machen, das wird sein Werk tun, es wird nichts mehr so bleiben wie früher.

Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, als Christen das Evangelium peinlich war, weil es angeblich nicht mit der modernen Wissenschaft zusammenpasste und allein deswegen schon längst überholt sein müsste. Das ist heute etwas seltener geworden, dafür schämen sich Christen heute schon eher, dass die Kirchen so viel falsch gemacht haben und machen und immer irgendwie nicht richtig auf der Höhe der Zeit sind und nicht im richtigen Stil daherkommen.

Ein Gott für eine Welt

Heute kann man aber ahnen, dass das Christentum in Zukunft noch ganz anderes unter Druck kommen wird: nämlich weil der christliche Gott der eine Gott der ganzen Welt ist, der Gott aller Menschen, der seine Sonne gleichermaßen aufgehen lässt über Böse und Gute, aber auch über Menschen aus allen Kulturen und allen Nationen, und der immer ein ganz besonderes Herz für die Armen hat, für alle, die von anderen benachteiligt und klein gehalten werden, für alle die in Not sind. Er denkt immer auch für die anderen mit, für die auf der anderen Seite der Grenze. Egal, was für eine Grenze das ist. In Kriegen steht er auf keiner Seite, sondern leidet mit den Opfern menschlicher Unbarmherzigkeit. Er ist kein National- oder Stammesgott, und wenn Menschen versucht haben, ihn so zu missbrauchen, „Gott mit uns!“ auf die Koppelschlösser der Soldaten zu schreiben, dann ist das immer schief gegangen.

Aber die Stimmen werden lauter, die sagen, dass wir es uns nicht leisten können, uns um die Probleme der ganzen Welt zu kümmern, und in Wahrheit ist gemeint, dass wir uns überhaupt nicht um die Probleme anderer kümmern sollten, sondern nur sehen, dass es uns selbst gut geht. Amerika first!, Deutschland first! (und vielleicht auch noch: Bayern first!). Und eigentlich ist gemeint: ich, ich ich, wir, wir, wir. Das nennt man Egoismus. Kluge Menschen haben immer gewusst, dass der großen Schaden anrichtet, und Jesus hat gesagt: dein Nächster ist genau so wichtig wir du, Gott liebt ihn so, wie er dich liebt, und du solltest das auch tun. Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist. Und in der berühmten Geschichte vom Barmherzigen Samariter macht Jesus dann deutlich, dass Nächstenliebe über die Grenzen der eigenen Gruppe hinausgeht. Wir sollen unser Herz jedem Menschen in Not zuwenden, egal, ob er zu »uns« gehört oder nicht. Und an einer anderen berühmten Stelle sagt Jesus: ob du in den Himmel kommst, das hängt davon ab, ob du die Liebe Gottes zu den Armen teilst, ob du die Hungrigen speist, die Gefangenen besuchst, die Fremden aufnimmst und so weiter.

Wenn biblische Selbstverständlichkeiten zu politischen Statements werden

Und ich hätte nie gedacht, dass mal eine Zeit kommen würde, wo diese schlichten biblischen Sätze unmittelbar zu einer politischen Stellungnahme werden. Man muss überhaupt nicht groß darüber diskutieren, ob die Kirche politisch sein soll, darf, muss oder kann, sondern schlichte biblische Selbstverständlichkeiten werden von selbst zu politischen Statements.

Es sind schon denkwürdige Zeiten, in denen wir leben. Wahrscheinlich werden bald in Europa die ersten Menschen ins Gefängnis kommen, weil sie das biblisch Selbstverständliche getan und Flüchtlingen geholfen haben. Und man kann ja im Moment gar nichts mehr ausschließen – vielleicht wird das irgendwann auch in unserem Land passieren. Gott möge das verhüten! Und, ja, er hat viele Wege, auf denen er das tun kann, aber seine erste Wahl sind immer viele lebendige Gemeinden an der Basis, Gemeinschaften von ganz normalen Menschen, die miteinander Barmherzigkeit lernen und leben. Ein berühmter Kollege von mir trägt das wie ein Mantra vor sich her und wiederholt das immer wieder: die Ortsgemeinde ist die Hoffnung der Welt. Das ist der gleiche Geist eines demütigen Selbstbewusstseins, wie man es an Paulus lernen kann, wenn er sagt: ich schäme mich nicht, es ist mir nicht peinlich, wenn ich in die Hauptstadt der Welt komme und nichts anderes mitbringe als das Evangelium, das die Gerechtigkeit Gottes enthüllt, und ein paar Menschen, die davon restlos überzeugt sind.

Gottes Gerechtigkeit ist seine Treue zur Welt

So schreibt es Paulus nämlich weiter: »ich schäme mich des Evangeliums nicht, weil in ihm die Gerechtigkeit Gottes enthüllt wird«. Gottes Gerechtigkeit besteht darin, dass er seinem Bund treu bleibt: dem Bund mit seinem Volk, mit den Menschen und mit der Erde, auch wenn wir uns von ihm abgewandt haben, auch wenn wir unsere Seele verkaufen und die anderen Geschöpfe gleich mit dazu. Aber Gott bleibt treu und sendet uns Jesus als den treuen Menschen, der bis zum Kreuz, bis in den Tod hinein treu bleibt und so der Anfang einer neuen Menschheit wird, die es besser macht als die alte, eine neue Menschheit, die barmherzig ist wie unser Vater im Himmel barmherzig ist. Das ist Gottes Weg, und das enthüllt das Evangelium.

In einer Welt mit nicht wenigen Menschen, denen andere egal sind, die auch noch einen Unfall mit Toten und Verletzten filmen und den Rettungskräften im Weg stehen, da muss es Menschen geben, die sich ihrer Barmherzigkeit nicht schämen, denen es nicht peinlich ist, wenn sie sich vom Leid anderer anrühren lassen, die sich nicht von Sprüchen ins Bockshorn jagen lassen, sondern die sich sicher sind, dass Jesus der Weg des Lebens ist und das andere der Weg der herzlosen Torheit.

Für Leute mit Stehvermögen

So eine Sicherheit – Luther hätte gesagt: so eine Glaubensgewissheit – die kann für viele ein Anstoß und Ärgernis werden, und alle, die in kirchlicher Leitungsverantwortung stehen, die sollen bereit sein, das zu ertragen, fest zu stehen und nicht zurückzuweichen, bis Gott die Hilfe schickt, die er uns verspricht und auf die wir hoffen. Und der Lohn für alle, die da dabei sind, ist, dass man auf diese Weise erst wirklich Gottes Treue und seine Kraft kennen lernt und darauf vertrauen lernt. Luther hat am Ende seines Lebens gemeint, dass das die beste Art ist, um die Bibel verstehen zu lernen.

Aber alle Blicke in die Zukunft sind immer nur Hilfskonstruktionen, die wir brauchen, aber nicht zu ernst nehmen sollten. Als ich noch mal zurückgeschaut habe auf die vergangenen sechs Jahre seit der Einführung des jetzt scheidenden Kirchenvorstandes, da ist mir deutlich geworden, dass die größten Herausforderungen überhaupt nicht vorhersehbar waren. Und das hat ja auch etwas Tröstliches: wir müssen uns nicht auf jeden erdenklichen Fall vorbeireiten. Es kommt sowieso immer anders. Es reicht zu wissen, dass Gott treu ist und dass er uns mit den Herausforderungen auch die Kraft schickt, um sie zu bestehen.

Wir sollen uns nur nicht des Evangeliums schämen, weil genau da die Kraft verborgen ist, die wir brauchen. Als wir neulich im Kirchenvorstand zur Vorbereitung der dann ausgefallenen Visitation miteinander überlegt haben, was denn das charakteristische Profil unserer Gemeinde ist, da haben die anderen Mitglieder des Vorstandes gesagt: dass bei uns das Leben und das Geistliche, der Glaube, nicht zwei Bereiche sind, die nebeneinander stehen und konkurrieren, sondern dass sich das durchdringt und verknüpft und gegenseitig bestärkt.

Ich bin da gar nicht drauf gekommen, aber als ich es hörte, dachte ich: ja, das stimmt. Und wir haben viele Menschen, die das auch gar nicht anders wollen. Und das ist schon mal ein guter Anfang für die nächsten sechs Jahre.

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