Umkehr oder Verstockung

Predigt am 21. November 2018 (Buß- und Bettag) zu Römer 2,1-11

Verfasser: Walter Faerber

1 Deshalb darfst du allerdings nicht meinen, du seist entschuldigt, wenn du das alles verurteilst. Denn wer du auch bist: Indem du über einen anderen zu Gericht sitzt, sprichst du dir selbst das Urteil, weil du genau dasselbe tust wie der, zu dessen Richter du dich machst. 2 Nun wissen wir aber, dass Gott die zu Recht verurteilt, die jene Dinge tun; wir wissen, dass sein Urteil der Wahrheit entspricht. 3 Und da meinst du, du könnest dem Gericht Gottes entgehen, wo du doch genauso handelst wie die, die du verurteilst? 4 Oder betrachtest du seine große Güte, Nachsicht und Geduld als selbstverständlich? Begreifst du nicht, dass Gottes Güte dich zur Umkehr bringen will? 5 Doch du bist verhärtet; dein Herz ist nicht zur Umkehr bereit. So sorgst du selbst dafür, dass sich Gottes Zorn gegen dich immer weiter anhäuft, bis er schließlich am »Tag seines Zorns« über dich hereinbricht – an dem Tag, an dem Gott Gericht hält und für alle sichtbar werden lässt, dass sein Urteil gerecht ist.
6 Gott wird jedem das geben, was er für sein Tun verdient hat. 7 Denen, die unbeirrbar tun, was gut ist, und alles daran setzen, an ´Gottes` Herrlichkeit, Ehre und Unvergänglichkeit teilzuhaben, wird er das ewige Leben geben. 8 Diejenigen dagegen, die sich in selbstsüchtiger Gesinnung weigern, der Wahrheit zu gehorchen, und sich stattdessen zu gehorsamen Werkzeugen des Unrechts machen lassen, wird Gottes Zorn in seiner ganzen Härte treffen. 9 Ja, Not und qualvolle Angst wird das Los jedes Menschen sein, der tut, was böse ist. Das gilt zunächst für die Juden, es gilt aber auch für jeden anderen Menschen. 10 ´Ewige` Herrlichkeit jedoch und Ehre und Frieden werden jedem gegeben, der tut, was gut ist. Auch das gilt zunächst für die Juden und gilt ebenso für alle anderen Menschen. 11 Denn Gott urteilt nicht parteiisch.

Bild: Geralt via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Sie kennen vermutlich dieses protestantische Vorurteil über die Katholiken: Katholiken können alles mögliche Böse tun, hinterher gehen sie zur Beichte, sie sprechen ein paar Vaterunser und alles wird ihnen vergeben. Alles ist wieder gut, und im nächsten Karneval können sie wieder über alle Stränge schlagen, weil sie es ja hinterher beichten können.
Und meistens gibt es auch irgendjemanden, der sich erinnert, wie ihm das als Kind mal ein katholischer Freund genau so erzählt hat. Natürlich ist das eine ungerechte Karikatur der katholischen Kirche und ihrer Lehre, aber es zeigt sehr deutlich, wie man Buße und Vergebung in den falschen Hals kriegen kann – egal, ob man nun evangelisch, katholisch, freikirchlich, atheistisch oder was auch immer ist.

Umkehr – das Ziel von Gottes Güte

Hier im Römerbrief setzt sich Paulus mit solchen Verzerrungen auseinander, die es auch damals schon gab. Sein Kernsatz ist: »Begreifst du nicht, dass Gottes Güte dich zur Umkehr bringen will?« Gottes Güte besteht nicht darin, dass er immer ein Auge zudrückt. Gottes Güte besteht darin, dass er alles Mögliche unternimmt, um uns herauszuholen aus den Sackgassen des Denkens, Fühlens und Handelns, in die wir uns verirrt haben. Und dazu gehört es unter anderem, dass Gott uns diese Irrwege der Vergangenheit nicht immer wieder vorhält, weil das in seinem Sinn kontraproduktiv wäre.

Menschen machen das ja öfter so, dass sie anderen und sich selbst die Sünden der Vergangenheit immer wieder vorhalten, z.B.: »Dass du mich damals belogen hast, das kann ich dir nicht verzeihen. Ich kann dir nie wieder vertrauen.« Aber das ist natürlich kontraproduktiv, denn wenn der andere sowieso keine Chance hat, warum sollte er sich dann groß bemühen, wieder Vertrauen aufzubauen? Aber es geht auch so: »Ich bin ein schlechter Mensch, ich habe in meinem Leben so viel angerichtet, das kann ich nie wieder gut machen. Es ist zu spät, dass ich mich noch ändere, also muss ich es auch gar nicht versuchen. Ich mache einfach weiter wie bisher.«

Es kann also durchaus sein, dass Schuld, Schuldgefühle oder Vorwürfe einem Neuanfang im Wege stehen. Die große Schuld der Vergangenheit verhindert dann geradezu die Umkehr, egal, ob die Zerknirschung ehrlich war oder nicht. Und in so einem Fall kann man dann tatsächlich sagen: egal, wie spät es ist, egal wie nahe du schon am Abgrund stehst, egal, was du schon angerichtet hast – Gott freut sich über jeden, der umkehrt, egal, wie spät es ist. Gott streicht deine Schuld vor ihm aus. Er wirft sie weg ins tiefste Meer. Du bist frei, neu anzufangen!

Anspruchsvoller als bloß Vergebung

Vielleicht haben Sie schon gemerkt, dass das anspruchsvoller ist als einfach nur Vergebung. Es ist ziemlich schwer, umzukehren und etwas hinter sich zu lassen, was lange zu meinem Leben gehört hat. Es ist viel leichter, ein Büßer zu werden und zu sagen: Gott vergib mir! Aber kannst du mir überhaupt vergeben, nach all dem, womit ich dich enttäuscht habe? Ich bin so ein schlechter Mensch! Aber so eine Zerknirschung ist meistens ein Teil des Problem und nicht Teil der Lösung.

Menschen, die zB. in irgendeine Sucht hineingeraten sind, die haben im Prinzip alle irgendwann Momente, wo ihnen klar wird: ich habe ganz viel angerichtet, ich habe Menschen verletzt und Vertrauen missbraucht. Sie schämen sich, sie sagen, dass es ihnen leid tut, sie versichern, dass es nicht wieder vorkommen wird. Das Einzige, was sie in der Regel viel seltener tun, das sind konkrete Schritte, die sie aus dieser Sucht hinausführen würden. Aber erst das ist Umkehr. Und wenn jemand diesen Weg der Umkehr geht, egal, ob in auffälligen oder verborgenen Dingen, dann sagt Gott tatsächlich : um deine Vergangenheit musst du dir keine Sorgen machen, darum kümmere ich mich. Konzentrier du dich auf deinen neuen Weg!

Verstockung: die Augen verschließen wollen

Das Oberthema ist also nicht »Schuld und Vergebung«; das ist nur ein Unteraspekt des großen Themas »Umkehr oder Verstockung«. Das wäre einfacher zu verstehen, wenn der Buß- und Bettag anders hieße. »Bet- und Umkehrtag« würde deutlicher zum Ausdruck bringen, worum es Paulus – und natürlich erst recht Gott – geht.

Denn das Gegenteil von Umkehr ist Verstockung. Paulus spricht von einem verhärteten und nicht zur Umkehr bereiten Herzen. Das genau ist Verstockung: wissen, was du machst, eigentlich auch wissen, das es nicht richtig ist, aber beharrlich die Augen davor schließen und weitermachen. Menschen sind sehr erfinderisch darin, vor dem Offensichtlichen die Augen zu verschließen, nur um nichts ändern zu müssen. Ich vermute, dass ein nicht geringer Teil der psychischen Probleme damit zu zusammenhängt, dass Menschen unangenehme Realitäten einfach ausblenden, verleugnen, sich etwas vormachen, und wer an einer Stelle den Kontakt zur Realität aufgibt, tut das dann oft auch bei anderen Gelegenheiten.

Menschen können sogar sehenden Auges in ihr Verderben laufen, sie zerstören ihre Gesundheit, ihre Familie, ihren Wohlstand oder ihr Ansehen, nur damit es zunächst einmal weitergehen kann wie bisher. Sie wissen, dass es irgendwann ein schlimmes Ende nimmt, aber bis dahin machen sie die Augen zu, und wenn es so weit ist, zerstören sie sich manchmal sogar selbst.

Und genauso müssen wir das über unsere Zivilisation im Ganzen sagen: wir laufen im Augenblick sehenden Auges auf einen gewaltigen Crash zu, es könnte sein, dass ein großer Teil der Erde am Ende des Jahrhunderts unbewohnbar wird, aber mindestens im Ganzen sieht es so aus, dass die Menschheit sehenden Auges in ihr Verderben läuft.

Gericht: die Rätsel bleiben

Das alles ist der Hintergrund, wenn Paulus hier sehr deutlich vom Gericht Gottes spricht. Das Evangelium ändert nichts daran, dass Gott irgendwann Gericht hält, schon in dieser Welt oder am Tor zur nächsten. Natürlich sorgt er dafür, dass verstockte Menschen nicht in seine neue Welt gelangen. Sonst wäre sie ja nicht neu, und wir hätten das gleiche Schlamassel wie jetzt schon.

Paulus warnt nur davor, dass Menschen dieses Gericht vorwegnehmen, indem sie andere beschuldigen oder verurteilen. Wie genau Gott richtet, das bleibt uns meistens verborgen. Wir wissen nicht, warum manche Sünden sehr schnell ihre Strafe finden und warum manche Menschen scheinbar immer mit ihren Lügen durchkommen. Wir können nicht genau ergründen, wie die gemeinsame Schuld eines Volkes (oder der ganzen Menschheit sogar) mit unserer persönlichen Verantwortung zusammenhängt. Warum hat Libyens Gaddafi einen elenden Tod gefunden und Assad in Syrien sitzt fester im Sattel als je zuvor? Wir wissen nicht, warum Gott den Einen in seiner Großmut immer wieder eine Chance gibt und anderen nicht. Aber irgendwann ist auch die längste Gnadenfrist zu Ende.

Zeit für Umkehr

Deswegen sagt Paulus: Gottes Güte, egal ob kurz oder lang, soll Umkehr bewirken und nicht Hartherzigkeit. Deshalb sendet er fast immer sehr lange vorher Signale, die uns sagen sollen, dass wir auf einem zerstörerischen Weg sind. Fast immer lässt er uns ausreichend Zeit zur Umkehr. Es ist jetzt fast 50 Jahre her, dass eine größere Öffentlichkeit darauf aufmerksam wurde, dass wir über kurz oder lang mit unserer Art zu leben an die Grenzen des Wachstums stoßen würden. Aber es scheint so, dass erst jetzt nach diesem heißen trockenen Sommer sich viele Menschen realisieren, dass sie auch ganz persönlich die Grenzen unseres Planten zu spüren bekommen könnten.

Und wie bei jeder anderen Art von Verstockung gibt es die Einen, die die Augen möglichst lange verschließen und sagen: den Klimawandel gibt es nicht, das ist eine chinesische Erfindung oder ähnliches, und die anderen sagen: ja, in der Tat, es gibt ihn, aber wir können ihn sowieso nicht stoppen, also machen wir weiter wie bisher. Und die beiden scheinbar ganz unterschiedlichen Positionen stimmen darin überein, dass man nicht umkehren muss.

Umkehr ist immer hoffnungsvoll

Paulus sagt aber auch: es gibt diejenigen, die unbeirrbar tun, was gut ist. Ja, es gibt tatsächlich einen Unterschied. Und es wird Folgen haben, wenn einer oder viele sich der Realität stellen und fragen, was denn jetzt nach Gottes Willen zu tun ist. In Gottes Augen ist Umkehr immer hoffnungsvoll. Andere mögen sagen: es ist sowieso schon zu spät, aber wir wissen, dass Gott uns zu jeder Zeit zur Umkehr bewegen will, egal, ob es früh oder spät ist, egal, ob wir es allein tun oder mit vielen anderen zusammen. Das ist immer sinnvoll, auch dann, wenn es möglicherweise das Gericht nicht mehr aufhalten kann. Wir wissen nicht im Voraus, was Gott aus unserer Umkehr machen wird. Wir wissen aber, dass sie nie unbeachtet bleibt oder vergebens ist, egal, wie spät sie kommt.

Besser ist es natürlich, wenn Christen zu denen gehören, die früh merken, dass wir auf einer Straße sind, die in die falsche Richtung führt. Gott liebt Klugheit, Gott liebt ein klares Urteilsvermögen, sofern es nicht dazu dient, sich selbst über andere zu erheben. »Herrlichkeit und Ehre und Frieden« sind uns verheißen, wenn wir gerade Menschen sind, die so mit Gott zusammengehen, dass sie früh und schnell spüren, wenn es in eine falsche Richtung geht, und das dann gerne korrigieren.

Manchmal muss Gott Menschen Unheil schicken, damit sie aufwachen. Lieber überzeugt er uns mit seiner Güte und Langmut. Und er schaut aus nach Menschen, bei denen das auf fruchtbaren Boden fällt.

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