Die Lösung des Armutsproblems

Predigt am 23. Juni 2019 zu Apostelgeschichte 4,32-37

Verfasser: Walter Faerber

32 Die Menge derer, die gläubig geworden waren, war ein Herz und eine Seele. Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam. 33 Mit großer Kraft legten die Apostel Zeugnis ab von der Auferstehung Jesu, des Herrn, und reiche Gnade ruhte auf ihnen allen. 34 Es gab auch keinen unter ihnen, der Not litt. Denn alle, die Grundstücke oder Häuser besaßen, verkauften ihren Besitz, brachten den Erlös 35 und legten ihn den Aposteln zu Füßen. Jedem wurde davon so viel zugeteilt, wie er nötig hatte. 36 Auch Josef, ein Levit, gebürtig aus Zypern, der von den Aposteln Barnabas, das heißt übersetzt: Sohn des Trostes, genannt wurde, 37 verkaufte einen Acker, der ihm gehörte, brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

Diese Geschichte ist eigentlich eine Fortsetzung oder Ergänzung der Pfingstgeschichte: als zu Pfingsten der Heilige Geist zu den Jüngern Jesu kommt, da werden die Schranken von Sprache, Kultur und Nationalität überwunden, und Menschen aus allen Ecken der Erde verstehen sich. Und hier hören wir, wie auch die Kluft zwischen Besitzenden und Armen überwunden wird.

Zwei große Spaltungen …

Das sind die zwei großen Trennungen unter uns Menschen: einmal die Aufteilung in Völker mit ihren Sprachen und Kulturen, und dann der Graben zwischen Arm und Reich. Zwei große Spaltungen, die verhindern, dass wir uns als die eine Menschheit erleben, die gemeinsam von Gott den Auftrag erhalten hat, diese Erde zu bebauen und zu bewahren. Und beide Grenzlinien werden überwunden, wenn Gottes Geist die Menschen bewegt und verbindet.

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Diese beiden großen Spaltungen sind eigentlich für das allermeiste Unglück in der Welt verantwortlich: die Aufteilung in unterschiedliche Völker und Nationen führt zu Krieg und anderen Konflikten, die unzählige Menschenleben kosten. Sie sorgt dafür, dass unsere Solidarität zu oft an der Grenze unseres Landes oder an der Grenze Europas endet und wir uns nur für die verantwortlich fühlen, mit denen wir als Volk zusammengehören. Und die Spaltung der Menschheit in Arme und Reiche sorgt dafür, dass zwar auf unserer Erde genug da ist zum Leben für alle, auch für die beinahe acht Milliarden Menschen, die wir demnächst sein werden, aber wenn es ungleich verteilt ist, dann erstickt es die einen und die anderen gehen in Armut zugrunde.

Heute besitzen die 85 reichsten Menschen (nach anderen Berechnungen sind es sogar nur acht) so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung zusammen ihr eigen nennt. Und selbst wenn die Klimakatastrophe so kommt, wie es sich inzwischen abzeichnet, dann werden diese paar Menschen sich schon irgendwo ein kühles Plätzchen schaffen, während die ärmere Hälfte der Menschheit ums Überleben kämpft.

… sind an einer Stelle überwunden

Diese beiden Spaltungen sorgen dafür, dass wir uns nicht als die eine Menschheit erleben, die gemeinsam vor Gott für diese Erde verantwortlich ist. Und beide Spaltungen beziehen ihre Energie aus dem Misstrauen ins Leben und aus dem Misstrauen gegen Gott: Menschen denken, sie müssten sich selbst helfen und sich sichern, weil das Leben und die Welt Gottes nicht zuverlässig sind. Wir schließen uns zusammen, um uns gegen die gefährlichen Anderen zu verteidigen, und wir wollen uns absichern gegen die Gefahr des Mangels und der Armut. Aber beide Schutzversuche machen die Welt gefährlicher, weil Waffen irgendwann auch eingesetzt werden, und sie machen die Welt ärmer, weil ihr Reichtum unnütz für einige Wenige bereitgehalten wird, die mehr haben, als sie je brauchen werden.

Hier in der Apostelgeschichte lesen wir, wie diese Spaltungen an einer Stelle schon überwunden sind, und wir hören vom Beginn einer neuen Menschheit, die nicht mehr unter ihnen leidet. Mitten in der zerrissenen Machtgesellschaft des römischen Imperiums beginnt die Vision einer neuen versöhnten Menschheit Gestalt anzunehmen. Es sind Menschen aus aller Herren Länder, die hier zusammenfinden: ein jüdischer Levit aus Zypern ist ebenso dabei wie die galiläischen Fischer, die Jesus in seine Nachfolge berufen hat, arme Witwen, für die sich niemand verantwortlich fühlt, und vielleicht auch schon ein paar römische Soldaten, die ihrem obersten Imperator innerlich die Gefolgschaft gekündigt haben, und viele, viele andere.

Und sie alle zusammen sorgen dafür, dass es unter ihnen keine Armen gibt. Das ist eine sehr frühe Verheißung, die schon im Alten Testament zu finden ist: unter euch soll es keine Armen geben. Jetzt beginnt diese Verheißung Gestalt anzunehmen in der ersten Gemeinde der Nachfolger Jesu in Jerusalem. Das ist der Anfang der Menschheit, wie Gott sie sich vorgestellt hat, als er uns schuf: eine Menschheit, die sich nicht auseinanderbringen lässt, die solidarisch zusammenhält und dafür sorgt, dass alle genug haben zum Leben.

Bis heute

Und überall da, wo es lebendiges Christentum gibt, da passiert das bis heute: Menschen sorgen dafür, dass es für alle reicht. Menschen sagen nicht mehr »Das ist meins, nimm deine Finger weg!«, sondern sie teilen Geld, damit alle genug haben, sie teilen ihre Häuser und laden andere ein, sie teilen ihr ganzes Leben miteinander. Das beginnt natürlich unter denen, für die Jesus die zentrale Mitte ihres Lebens geworden ist: Die erleben das als eine so starke Gemeinsamkeit, dass es völlig unpassend wäre, wenn man untereinander noch an den Schranken von Kultur und Besitz festhalten würde.

Menschen sind dann von etwas viel Größerem bewegt, demgegenüber werden diese Unterschiede drittrangig, uninteressant, unbedeutend. Die Gemeinschaft, die im Namen Jesu entsteht und Menschen verbindet, ist so wertvoll, so bereichernd, dass man all diese anderen Abgrenzungen und Sicherungen gar nicht mehr braucht. Menschen wird spontan klar: das ist die richtige Art zu leben, so muss es sein, das ist meine wahre Familie, das ist meine Heimat, das ist die Lebensform, die zu uns passt und die Gott für Menschen vorgesehen hat. Leben ohne Misstrauen, ohne Absicherungen und Trennungen.

Eine Tradition der Solidarität

Das ist nicht beschränkt auf diese erste Aufbruchsphase der Christenheit, sondern das hat es immer wieder gegeben, wo das Evangelium in Menschen Gestalt angenommen hat. In den frühen Gemeinden war es selbstverständlich, dass man sich gegenseitig aushalf. Gastfreundschaft war ein Kennzeichen der Christen. Später dann die Klöster, wo der Besitz der Gemeinschaft gehörte und nicht dem Einzelnen. Aber auch unter ganz normalen Christenmenschen heute gibt es dieses große Vertrauen, dass du am Ende nicht der Dumme bist, wenn du die anderen in dein Leben aufnimmst. Es gibt die Gemeinschaften derer, die durch viel Wichtigeres miteinander verbunden sind als durch die gemeinsame Kultur oder die gemeinsame Zugehörigkeit zur Gruppe der Besserverdienenden.

Und dann ist es in der Regel so, dass es keine klaren Grenzen gibt, bis wohin diese Solidarität reicht und wer nicht mehr dazugehört. Das hat sozusagen einen offenen Rand, wo Menschen andocken können, wo sie diese Großzügigkeit spüren können und auch etwas davon abbekommen, nicht weil sie einen Anspruch darauf hätten, sondern weil Gottes Güte so reich ist, dass es immer auch noch für ein paar mehr reicht. Und viele haben sich schon davon anstecken lassen, schon lange bevor sie das Evangelium selbst wirklich verstanden haben.

Natürlich gibt es Probleme

Natürlich gibt es da auch immer die Gefahr, dass sich Schmarotzer und Trittbrettfahrer einschleichen, und wenn man die Apostelgeschichte weiterliest, dann passiert das schon im nächsten Kapitel. Aber auch dafür findet Gott Lösungen, und man darf sich doch nicht von Gefahren so einschüchtern lassen, dass man lieber gar nichts mehr riskiert. Wir sind die Freunde eines großzügigen Gottes, der voller Freude und Reichtum ist und ziemlich bedenkenlos seine Gaben ausschüttet, auf Gute und auf Böse. Und wenn daraus Probleme entstehen, dann kümmert er sich schon irgendwie darum.

Diese Geschichte von den Schranken und Abgrenzungen, die in der Familie Gottes bedeutungslos werden, die ist ja tatsächlich eingebettet zwischen Berichten über die Gefährdungen, die diesem Modell einer neuen Menschheit drohen. Gleich danach kommt eben etwas über Schmarotzer und Trittbrettfahrer, davor gab es gerade einen Versuch der politischen Machthaber, die führenden Köpfe der Gemeinde einzuschüchtern. Die neue Menschheit wächst eben inmitten der alten. Und die Kräfte des alten Adam und der alten Eva versuchen alles Mögliche, um dieses Neue zu stoppen, bevor es sichtbar wird und seine Strahlkraft entfaltet.

Eine vielfältige Alternative

Diese neue Gemeinschaft der Christen ist noch nicht das Paradies auf Erden. Es kostet einen Preis, wenn man dazugehören will. Es ist eine Alternativgesellschaft, eine Kontrastgesellschaft, die nach ganz anderen Regeln funktioniert. Man muss sich ausklinken aus dem alten System, man muss es in Kauf nehmen, dass Menschen verständnislos oder feindlich reagieren. Man muss es aber auch in Kauf nehmen, dass die eigenen Charakterprobleme plötzlich viel sichtbarer werden können. Wir sind ja auch alle verstrickt in die Begehrlichkeiten und Wünsche nach Sicherheit, Bequemlichkeit, Ansehen und so weiter. Und die kleinen Tricks und Gemeinheiten, mit denen wir bisher ganz gut durchgekommen sind, die erscheinen plötzlich wie im Vergrößerungsglas, wenn wir sie im Zusammenhang der neuen Gemeinschaft Jesu beibehalten. Eine neue Art des Zusammenlebens braucht auch neue Menschen, die die Großzügigkeit Gottes und seiner Freunde nicht ausnutzen und nicht etwa unter der Hand einfach die Alten bleiben.

Denn Gott hat durch Jesus einen kompletten Neuanfang gemacht. Er will, dass alle Menschen an seinen Leuten sehen können, wie er sich die Menschheit wirklich gedacht hat: als eine solidarische Gemeinschaft, in der niemand Mangel haben muss. Dieses Bild ist stark genug, um sich selbst auszubreiten. Wenn das in einer zerrissenen Welt an möglichst vielen Stellen gelebt wird, dann entfaltet es seine Kraft. Menschen können dann sehen, dass wir nicht dazu verdammt sind, egoistisch und selbstbezogen zu sein. Es ist für alle viel besser ist, wenn es keine Armen mehr geben muss. Es ist für alle besser, wenn wir mit anderen über den gemeinsamen Gott verbunden sind anstatt nur über den gemeinsamen Markt.

Niemand muss das komplett und sofort so leben. Der heilige Geist zieht Menschen da hinein. Er ändert unsere Ideale und Weltbilder. Er schenkt uns Menschen, die uns auf diesem Weg weiter begleiten. Und wir lernen, dass das Leben viel reicher und verheißungsvoller ist, als unsere ärmlichen Ängste uns weismachen wollen.

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