Perfektionismus ist vom Teufel

Predigt am 17. Februar 2019 mit Prediger Salomo 7,15-18

Verfasser: Walter Faerber

15 Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit. 16 Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. 17 Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit. 18 Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.

Bild: geralt via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Dies ist ein Abschnitt aus dem Buch des Predigers Salomo, und das ist auf den ersten Blick ein merkwürdiges Buch. Der Verfasser muss einer von den Weisen Israels gewesen sein, einer von denen, die über das Leben nachdachten und über die Regeln, die man beachten sollte, wenn man will, dass das Leben gelingt. Ein ganzes Buch der Bibel ist voll mit solchen Weisheitsregeln, nämlich das Buch der Sprüche. Die Weisen und Lehrer Israels haben dort ihre Beobachtungen zusammengetragen, die sie in langen Jahren des Nachdenkens zu prägnanten Sätzen verdichtet haben.

Und eine Grundüberzeugung ist: sei klug, denke nach, bevor du etwas tust, schau auf die Folgen. Denke langfristig, denn alles was du tust kommt irgendwann zu dir zurück. Du kannst einen schnellen Euro machen, wenn du die Leute übers Ohr haust, aber auf die Dauer geht das nicht gut, und wenn dir am Ende keiner mehr vertraut, ist der langfristige Schaden viel größer als der kurzfristige Nutzen. Es hat Konsequenzen, wenn du immer wieder gegen die Regeln und Prinzipien verstößt, die Gott in die Welt hineingegeben hat. Darum ist es klug, wenn du dich daran hältst.

Das war die Grundüberzeugung der Weisen, und sie ist richtig. Wer die Welt aufmerksam beobachtet, der sieht, wie sich böse Taten sehr oft rächen, und wer freundlich und großzügig ist, zu dem kommt diese Freundlichkeit irgendwie auch wieder zurück.

Stimmt das wirklich?

Aber der Prediger war einer, der ganz besonders aufmerksam die Realität anschaute, und ihm fiel auf, dass diese Regeln nicht immer stimmen. »Ich kenne einen«, sagt er, »der war ein Stinkstiefel, hat dauernd auf Kosten anderer gelebt, hat gelogen und betrogen, aber er ist immer damit durchgekommen. Und am Ende ist er steinalt geworden und friedlich in seinem Bett gestorben. Und mir fällt ein anderer ein, der hat sich wirklich an die Regeln gehalten, hat alles richtig gemacht, war ein toller Mensch, aber er hat dauernd Pech gehabt, und am Ende hat er Krebs gekriegt und ist viel zu früh gestorben. Wie passt das zusammen mit dem, was ich von meinen Lehrern gelernt habe?«

Der Prediger hat intensiv über diese Fragen nachgedacht. Ihm reichte es nicht, einfach die Grundsätze nachzubeten, die er gelehrt bekommen hatte. Er war ein Fan der Realität und wollte die Widersprüche, die er sah, nicht einfach als Einzelfälle abtun. Er fragte sich: Warum funktionieren unsere Grundsätze in der Regel ganz gut, aber im konkreten Einzelfall kann es genau andersherum sein? Es hat ihm keine Ruhe gelassen, bis er eine Antwort fand.

Die Entdeckung des Predigers

Und seine Lösung ist: wir müssen damit rechnen, dass auch die besten Regeln, die wir aufstellen, nicht in allen Fällen stimmen. Und das ist grundsätzlich und immer so. In 80 % der Fälle stimmen unsere Regeln, aber in 20 % eben nicht. Und das liegt daran, dass die Welt nicht von Regeln und Prinzipien regiert wird, sondern von Gott. Er gibt die Regeln, es ist gut, sich danach zu richten, aber auch wenn wir seine Regeln kennen, haben wir damit noch längst nicht die Kontrolle. Die behält er. Gott ist für Überraschungen gut. Es gibt keine Regel, die immer und überall funktionieren würde.

Deswegen übertreib es nicht mit deiner Gerechtigkeit. Das Leben ist und bleibt unberechenbar und manchmal gefährlich. Du kannst dich gegen 1000 Krankheiten impfen lassen und alle Vorsorgeuntersuchungen machen, aber am Ende erstickst du an einer verschluckten Fischgräte. Es kommt so oft völlig anders als gedacht, aber das spricht nicht gegen Vorsorgeuntersuchungen. Ja, der Stinkstiefel kann durchkommen, aber deshalb ist es immer noch nicht klug, es ihm nachzumachen. Es gibt Raucher, die werden steinalt, und Nichtraucher, die an Lungenkrebs sterben, aber man kann trotzdem nur sagen: lass die Finger von dem Zeug. Die Welt ist widersprüchlich. Du kriegst sie nicht unter Kontrolle. Und wenn du es versuchst, machst du alles nur schlimmer.

Der Schmalspur-Blick auf die Welt

Das ist ein großes Problem für alle, die immer nur ein einziges Prinzip gleichzeitig in ihrem Kopf unterbringen können. Die Welt ist komplizierter – du musst mehrgleisig denken, wenn du sie verstehen willst. Um es mal an einem Beispiel zu zeigen: in den letzten Jahren hat es immer schärfere Bestimmungen beim Brandschutz gegeben. Überall muss man diese Rauchmelder einbauen, die so schrecklich piepen, wenn die Batterie leer ist. Aber manchmal piepen sie eben auch im Ernstfall und bewahren uns davor, im Schlaf an giftigem Rauch zu ersticken. Und bei größeren Bauvorhaben wie Schulen oder Krankenhäusern gibt es enorme Auflagen für die Brandsicherheit – Feuermelder, Rauchabzugsschächte, feuersichere Türen usw. Der prominenteste Fall ist der neue Berliner Flughafen, der nicht fertig wird, weil sie es nicht schaffen, die Brandschutzauflagen zu erfüllen. In einer Braunschweiger Grundschule wurden auf den Gängen die Kleiderhaken und die Kinderzeichnungen entfernt, weil die ja im Brandfall Feuer fangen und die Fluchtwege versperren könnten. Eine Kirche wie unsere wäre heute überhaupt nicht mehr genehmigungsfähig. Alles kostet enorm viel Geld, jedes Jahr Milliarden.

Also, da ist in den letzten Jahren sehr viel passiert, unsere Gebäude werden immer sicherer. Und dann haben sie vor einiger Zeit nachgezählt und gemerkt, dass die Zahl der Menschen, die in Deutschland durch Feuer gestorben sind, sich nicht geändert hat. Es sind immer noch ungefähr um die 200 im Jahr oder so. Man weiß nicht, woran das liegt. Vielleicht werden die Leute unvorsichtiger, weil sie denken: wir haben ja den Feuermelder, da muss ich nicht mehr so genau kontrollieren, ob auch wirklich alle Herdplatten ausgeschaltet sind.

Perfektionismus macht die Welt schlechter

Der Prediger Salomo würde sagen: so ist es, du kriegst es nie 100%ig hin. Die Welt ist nicht sicher. Es ist schrecklich, wenn Menschen im Feuer sterben, aber es wird immer wieder passieren, trotz aller Sicherheitsmaßnahmen. Das ist kein Freibrief für Sorglosigkeit, aber trenne dich von der Vorstellung, du könntest die Welt sicher machen. Wenn du es an einer Stelle versuchst, wird sie dafür an einer anderen Stelle um so unsicherer. Um es an dem Brandschutzbeispiel zu illustrieren: hätte man nur einen Bruchteil der Milliarden Euro für Brandsicherheit dafür verwendet, den Kassenpatienten im vorigen Winter gleich den guten Grippeimpfstoff zur Verfügung zustellen statt den billigeren, hätte man vermutlich mehr Menschen vor dem Tod durch Grippe bewahrt, als überhaupt in Deutschland im Jahr durch Feuer sterben. Zuviel Sicherheit macht das Leben unsicherer.

Deswegen ist es so frustrierend, mit Versicherungsvertretern zu reden. Die können dir von lauernden Gefahren erzählen, von denen du vorher nicht das Geringste ahntest. Aber wenn du dich gegen all diese Risiken versicherst, hast du kein Geld zum Leben mehr.

Oder: auf den Beipackzetteln von elektrischen Geräten sind inzwischen so viel mögliche Gefahren aufgeführt, dass keiner sie mehr liest. Und die Schilderung aller möglichen Nebenwirkungen von Medikamenten bedrückt Menschen manchmal so, dass sie ihre Medikamente lieber gar nicht einnehmen. Die Eltern, die ihr Kind vor allen Gefahren behüten wollen, sorgen dafür, dass die Kinder nicht lernen, sich selbst zu schützen. Die Verkäuferinnen beim Bäcker müssen Latexhandschuhe tragen, und jetzt haften die schrecklichen tödlichen Keime nicht mehr an den Händen, sondern an den Handschuhen. Dafür kriegen die Frauen mehr Ekzeme an den Händen durch das Latex. Und so weiter.

Es ist der Perfektionismus in jeder Form, vor dem der Prediger warnt. Wer denkt, er könnte die Welt und sein Leben auch nur an einer Stelle perfekt einrichten, der richtet in der Regel Schaden an. Deswegen beginnen die Probleme meistens dann, wenn die Fachleute mit ihrem Tunnelblick sich ihrer annehmen. Fachleute sehen alles nur aus der Perspektive ihres speziellen Fachgebietes, und wenn sie sich nicht irgendwie den breiteren Blick bewahrt haben, werden sie zu Fachidioten.

Fachleute für Gott?

Und das alles gilt eben nicht nur im praktischen Leben, sondern genauso im Verhältnis zu Gott. Auch da gibt es die Fachleute, die alles richtig machen wollen, jede Sünde vermeiden, und wir nennen die dann die »Pharisäer«. Die machen alles erst richtig schlimm. Denn du kommst nicht ohne Sünde durch die Welt. Irgendwas machst du immer falsch. Das ist so. Und wenn du trotzdem versuchst, alles richtig zu machen, dann wirst du unausstehlich.

Deswegen haben wir vorhin in der Lesung das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen gehört (Matthäus 13,24-30). Jesus erzählt das, um uns zur Gelassenheit zu führen. Die Knechte im Gleichnis sind Perfektionisten. Die sagen: sofort das Unkraut vertilgen, her mit der chemische Keule, bevor da irgendwas Schlimmes passiert. Der Hausherr, der ja für Gott steht, hat den breiteren Blick, er denkt an das Ganze und sagt: das schadet aber dem Weizen auch, und wir würden heute hinzusetzen: genauso auch den Wildkräutern, von denen die Bienen und Schmetterlinge leben. Und seine Lösung ist: abwarten, das regele ich, wenn es dran ist. Immer mit der Ruhe.

Im Vergleich zu Gott sind wir alle Fachidioten

Das erklärt uns auch, weshalb Gott wahrscheinlich manchmal die Stinkstiefel durchkommen lässt: vielleicht wäre der Schaden größer, wenn er sofort draufhauen würde. Vielleicht braucht er sie ja noch für irgendetwas. Vielleicht geht es ihm um die eine gute und hilfreiche Tat, die sie in 20 Jahren vielleicht doch noch tun werden. Wer kann das schon sagen? Im Vergleich zu Gott und seinem breiten Blick auf die Welt sind wir alle bloß Fachidioten, die alles nur aus ihrer eigenen kleinen beschränkten Perspektive beurteilen.

Das heißt nicht, dass es sinnlos ist, sich Mühe zu geben und seine Sachen möglichst gut zu machen. Im Gegenteil. Aber wenn wir unser Leben gut führen wollen, dann geht das nur, wenn wir wissen, dass wir es nie 100%ig hinkriegen werden. 80 % reichen in der Regel auch. Es gehört zur Ehrlichkeit, dass wir davor nicht die Augen verschließen. Und um die restlichen 20 % wird sich Gott kümmern.

Gott hat die Welt zu 100% gut und perfekt gemacht. Aber es gehört gerade zur Vollkommenheit der Welt, dass sie nie 100%ig nach irgendwelchen Regeln funktioniert. Die Welt funktioniert nicht mit der Präzision eines Uhrwerks, sondern sie ist immer wieder überraschend und herausfordernd, weil Gott mit dabei ist. Das Grundmuster der Welt sind Beziehungen, nicht starre mechanische Gesetze. Die Welt lebt im Gegenüber zu Gott. Normalerweise läuft sie nach einigermaßen klaren Regeln, aber immer mal wieder kommt Gott auf Besuch, und dann wirft er seine Regeln auch schon mal über den Haufen, und am Ende freuen sich alle. Bis auf die Pharisäer.

Liebe zur Realität

Weil Beziehungen das Grundmuster der Welt sind, deshalb wird es nicht langweilig. Eine Ehe wäre so viel einfacher, wenn keine zweite Person dabei wäre. Aber dann wäre sie auch bedeutungslos. Beziehungen sind kompliziert, vergänglich, stärkend, bezaubernd und zornerregend. Sie halten uns jung und beweglich, und sie nehmen uns die Illusion, wir könnten die Welt kontrollieren. Es gibt Momente, da glauben wir, wir hätten die Welt unter Kontrolle, aber die Welt lacht sich eins und wirft unsere ganzen schönen Konstruktionen über den Haufen.

Der Prediger Salomo liebte die Realität viel zu sehr, um davor die Augen zu verschließen. Und er lädt uns ein: freu dich an dieser atemberaubenden Welt! Gott wusste, was er tat, als er sie genau so schuf. Nimm seine Geschenke mit offenen Händen entgegen, weine über die Schmerzen, die du erleben wirst, tu alles Gute, was du tun kannst, aber dann fahr den Computer runter, geh ruhig schlafen, und überlass den Rest Gott.

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