Davids erste Liebe (und hoffentlich auch unsere)

Predigt am 24. Februar 2019 zu Psalm 51

Verfasser: Walter Faerber

1 Ein Psalm Davids, vorzusingen, 2 als der Prophet Nathan zu ihm kam, nachdem er zu Batseba eingegangen war.
3 Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte,
und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit.
4 Wasche mich rein von meiner Missetat,
und reinige mich von meiner Sünde;
5 denn ich erkenne meine Missetat,
und meine Sünde ist immer vor mir.
6 An dir allein habe ich gesündigt und übel vor dir getan,
auf dass du recht behaltest in deinen Worten
und rein dastehst, wenn du richtest.
7 Siehe, in Schuld bin ich geboren,
und meine Mutter hat mich in Sünde empfangen.
8 Siehe, du liebst Wahrheit, die im Verborgenen liegt,
und im Geheimen tust du mir Weisheit kund.
9 Entsündige mich mit Ysop, dass ich rein werde;
wasche mich, dass ich weißer werde als Schnee.
10 Lass mich hören Freude und Wonne,
dass die Gebeine fröhlich werden, die du zerschlagen hast.
11 Verbirg dein Antlitz vor meinen Sünden,
und tilge alle meine Missetat.
12 Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz
und gib mir einen neuen, beständigen Geist.
13 Verwirf mich nicht von deinem Angesicht,
und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir.
14 Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe,
und mit einem willigen Geist rüste mich aus.
15 Ich will die Übertreter deine Wege lehren,
dass sich die Sünder zu dir bekehren.
16 Errette mich von Blutschuld, /
Gott, der du mein Gott und Heiland bist,
dass meine Zunge deine Gerechtigkeit rühme.
17 Herr, tue meine Lippen auf,
dass mein Mund deinen Ruhm verkündige.
18 Denn Schlachtopfer willst du nicht, /
ich wollte sie dir sonst geben,
und Brandopfer gefallen dir nicht.
19 Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist,
ein geängstetes, zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten.
20 Tue wohl an Zion nach deiner Gnade,
baue die Mauern zu Jerusalem.
21 Dann werden dir gefallen rechte Opfer, /
Brandopfer und Ganzopfer;
dann wird man Stiere auf deinem Altar opfern.

Wer bisher schon mit dabei war, wenn wir auf die Psalmen gehört haben, der merkt vielleicht, dass in diesem Psalm ein neuer Ton zu hören ist. Wenn es um Sünde ging, dann war das in fast allen anderen Psalmen die Sünde von anderen Menschen. Also gerade nicht so, wie wir das immer denken: ich selbst bin der größte Sünder, und wer andere beschuldigt, ist ein Heuchler. Nein, in den Psalmen ist das normalerweise erfrischend andersherum: die Leute, die man da hört, sind mit Gott im Reinen. Sie werden oft von anderen Menschen angegriffen und verfolgt, aber sie wissen Gott auf ihrer Seite und und sehen sehr deutlich, dass ihre Feinde falsch liegen. So wie Jesus sehr deutlich wusste, dass Gott hinter ihm stand und seinen Weg billigte, und die anderen, die ihn hassten, lagen falsch. Gott hatte bei der Taufe Jesu so deutlich Ja zu ihm gesagt, dass Jesus nie den geringsten Zweifel daran hatte, dass seine Feinde im Unrecht waren.

Die Gewissheit der Psalmen

Und so wissen auch die Menschen, die die Psalmen verfasst haben, dass sie nicht zu den Frevlern und Übeltätern gehören. Auch in diesem Psalm ist das noch in Vers 15 zu erkennen, wo der Verfasser sagt: wenn ich wieder mit dir, Gott, im Reinen bin, dann kann ich auch wieder mit den Sündern und Übeltätern so reden, dass sie ihre Sünden einsehen. Auch wenn ich jetzt durch eigene Schuld aus der Verbindung mit dir herausgefallen bin, dann bin ich doch damit noch längst nicht einer von diesen ahnungslosen Unheilstiftern, die wie ein Elefant im Porzellanladen durch die Welt trampeln und überall Verheerung anrichten.

Das klingt für unsere modernen Ohren natürlich fast schon heuchlerisch: ist es denn so, dass sich einige schon mal ein paar Sünden erlauben dürfen und die anderen nicht? Aber wir dürfen nicht übersehen, dass in der Überschrift des Psalms ausdrücklich steht, dass dieser Psalm von David stammt, »als der Prophet Nathan zu ihm kam, nachdem er zu Batseba eingegangen war.« Das erinnert an die Geschichte, wie der König David erst mit Bathseba Ehebruch begangen hat und dann auch noch ihren Mann hat beseitigen lassen. Erst der Prophet Nathan hat David die Augen darüber geöffnet, was er da getan hat.

Ein gefährlicher Gedanke

Es ist zwar ziemlich unwahrscheinlich dass dieser Psalm wirklich von David verfasst worden ist, aber die Leute, die ihm diese Überschrift gegeben haben, die haben ein gutes Gespür gehabt. Davids Sünde war keine normale Sünde. David war ein Auserwählter Gottes, der Gott kannte und eng mit ihm vertraut war von Jugend an. Noch einmal: für unsere heutigen Ohren klingt das heuchlerisch, aber David spielte sogar mit seinem Ehebruch immer noch in einer ganz anderen Liga als Hinz und Kunz, wenn sie es mit der Nachbarsfrau treiben. Und natürlich ist das ein gefährlicher Gedanke. Er kann auch dazu führen, dass kirchliche Amtsträger irgendwie glauben, sie wären etwas Besonders und könnten sich alles erlauben. Ganz viel von den Missbrauchsskandalen vor allem in der katholischen Kirche hängt wahrscheinlich damit zusammen. Da haben einige Leute offensichtlich nicht verstanden, dass sie als geweihte Amtsträger noch längst nicht König David sind.

Trotzdem muss man diesen Gedanken wagen, auch wenn er gefährlich missverstanden werden kann. Schließlich findet er sich in der Bibel, und das beste Mittel gegen eine verkorkste Auslegung der Bibel ist nicht das Verschweigen der schwierigen Stellen, sondern die gute Auslegung.

Also, wagen wir es deshalb zu sagen: wenn einer wie König David sündigt, oder auch die Menschen, deren Stimme wir hier im 51. Psalm hören, dann ist das was anders als die Feld-, Wald- und Wiesensünden von Otto Normalverbraucher. Denn König David kannte Gott wirklich gut, er hatte ein feines Organ für die Stimme Gottes, er hörte sie fast so gut, wie viel später Jesus Gottes Stimme hörte. Und David sündigte erst, nachdem Gott ihn ans Ziel gebracht hatte, als er König war und glaubte, jetzt könnte er sich mal auf die faule Haut legen und das Leben genießen, jetzt wäre er ja durch mit den Problemen und müsste nicht mehr so konzentriert auf Gott hören wie in der Zeit, als er jeden Tag in Lebensgefahr schwebte. Es war die Rentnermentalität, die sich in ihm breitgemacht hatte und seine Urteilskraft einschlafen ließ.

David und seine Frauen

Aber David war nun mal Erwählte Gottes, und wenn so einer sündigt, dann ist das viel schlimmer, aber auch viel hoffnungsvoller als bei Otto Normalverbraucher. Wenn Otto merkt, was er angestellt hat, dann ist seine Hauptsorge: hoffentlich kommt das nicht raus! Als David merkte, was er getan hatte, da war seine größte Angst: ist jetzt diese ganz besondere Nähe zu Gott kaputt, die mich mein ganzes Leben begleitet hat, die mir immer viel wichtiger war, als all die vielen Frauen, die ich ganz legal hatte?

David hat ja eine ganze Menge Frauen geheiratet, das war damals noch erlaubt. Aber mit jeder von ihnen hat ihn eine ganz besondere Geschichte verbunden, das merkt man bis heute in der Bibel, das waren Frauen mit Format. Nicht irgendwelche Groupies, die sich an ihn rangeschmissen hätten, sondern Frauen, die er geliebt hat, gerade weil sie selbständig gedacht haben und er mit ihnen auf Augenhöhe sein konnte.

Aber für David war trotzdem immer klar, dass Gott seine erste und entscheidende Liebe war. Und wahrscheinlich ist es sogar so, dass er in dieser patriarchalischen Zeit nie so ein achtungsvolles Verhältnis zu starken Frauen hätte aufbauen können, wenn er nicht zuerst bei Gott gelernt hätte, wie man in Liebe und Respekt miteinander umgeht. Und ausgerechnet dieser König David setzt die Liebe seines Lebens aufs Spiel wegen einer Bathseba, mit der ihn nichts anderes verbindet, als dass er an einem heißen Tag faul auf dem Sofa lag und sie zufällig nebenan im Swimmingpool sah. Es ist nicht zu fassen! Aber so geht es Leuten, wenn sie meinen, sie könnten sich nun schon mal gedanklich in die Rente verabschieden.

Jenseits von Angst und schlechtem Gewissen

Wer auch immer diesen Psalm verfasst hat, König David oder wahrscheinlich spätere Freunde Gottes, die wussten davon, wie es ist, wenn Gott die erste Liebe eines Menschen ist, und wie kostbar diese Verbindung ist. Es waren Menschen, die wirklich Angst darum hatten, dass sie diese Liebe ihres Lebens in einem unbedachten Moment verspielen könnten.

Später hat man den frommen Menschen mühsam ein schlechtes Gewissen antrainiert, damit sie sich irgendwie auch innerlich schlecht fühlen, wenn sie gegen Gottes Gebote verstoßen. Aber unter den normalen Menschen ist natürlich das Hauptproblem: hoffentlich erwischt mich niemand! Das finde ich auch einleuchtender und gesünder als diese ganze Gewissensfummelei.

Hier im 51. Psalm sind wir aber längst jenseits der berechtigten menschlichen Angst vor den Folgen einer Sünde und auch jenseits der frommen Gewissensthematik. Wir schauen hinein in ein Gottesverhältnis, das so eng und vertraut ist, dass es schon getrübt würde durch eine Winzigkeit, die in ihren praktischen Folgen kaum erwähnenswert wäre. Deswegen heißt es auch im Vers 6:

»an dir allein habe ich gesündigt!«

Dass jetzt zwischen mir und dir, Gott, etwas steht, das ist das eigentliche Problem. Denn nur weil du mir so nahe gekommen bist, wie ich dich jetzt kenne, erst dadurch wird mir klar, wie verflochten ich mit lauter kaputten Strukturen und Gedanken bin! In deiner Nähe wird mir erst bewusst, wie sehr Angst und Gier meine ganze Seele infiziert haben. Und wenn es dann heißt:

7 Siehe, in Schuld bin ich geboren,
und meine Mutter hat mich in Sünde empfangen.

dann ist damit überhaupt nicht gemeint, dass die menschliche Fortpflanzung mit Sünde beschmutzt sei – schließlich hat Gott uns so geschaffen. Das heißt in Wirklichkeit, dass wir in dieser beschädigten Schöpfung von Anfang an in einem Verblendungszusammenhang drinstecken, der für uns so selbstverständlich ist wie das Wasser für den Fisch. Es ist für uns normal und fühlt sich zunächst völlig richtig an, wenn wir mitschwimmen im großen Strom der beschädigten Menschheit.

Erbsünde?

Der Kirchenvater Augustin hat daraus die Erbsündenlehre gemacht: dass wir angeblich alle grundsätzlich schlecht und böse sind und nichts Gutes an uns ist. Aber das ist viel zu harmlos, damit kann man leben. Wenn alle grundsätzlich schlecht und böse sind, dann ist es im Grunde keiner. Zu sagen »ach, ich bin so ein sündiger Mensch!«, das tut keinem weh. Aber wenn Sie ihm dann Recht geben und sagen: »ja, genau! Das finde ich auch! Sie sind ein ganz verdorbener böser Mensch!« – dann wird er wahrscheinlich empört sein. So hatte er es nun doch nicht gemeint! Die Erbsündenlehre ist ein untauglicher Versuch, unser Dilemma und den langen Weg, auf dem Gott uns da herausholt, in ein Dogma zu kleiden.

Denn erst, wenn wir die Alternative Gottes kennenlernen, dann fangen wir vorsichtig an, uns von der Verstrickung in Angst und Gier zu befreien, oder sagen wir besser: das ist Gottes Art, uns da vorsichtig herauszulösen. Weil David Gott von Kindheit an als den kannte, der ihn rief und auf Augenhöhe mit ihm sprach, obwohl er nur das Nesthäkchen unter 11 gestandenen älteren Brüdern war, deswegen hat er so viel über gute Beziehungen gelernt.

Aber er hat dann auf die harte Tour lernen müssen, dass man auch als Freund Gottes nicht automatisch vor Rückfällen geschützt ist. Das hätten wir ja gerne, wenn es irgendeine eindeutige Garantie gäbe, die Taufe, oder die Priesterweihe, oder die Entscheidung für Jesus, wonach wir sagen könnten: jetzt ist die Sache durch und wir haben die Garantie, dass alles gut wird. Genau dieser Irrtum hat den David beinahe alles gekostet. Gott hat mit uns einen Anfang gemacht, aber er ist immer noch unterwegs. Und die einzige Art von Garantie, die wir haben, ist das Vertrauen in die Treue Gottes, der uns festhält, so sehr wir uns auch sträuben, der uns immer wieder herausfordert, den Weg weiterzugehen und uns nicht auf den Lorbeeren auszuruhen.

Ein Weg, der weitergeht

Wer auf diesem Weg unterwegs ist, der entdeckt an sich Probleme, von denen andere noch keine Ahnung haben. Aber dafür macht er sich keine Sorgen über viele Dinge, wo andere die Hosen voll haben und nächtelang wachliegen. Das ist in Vers 8 gemeint:

8 Siehe, du liebst Wahrheit, die im Verborgenen liegt,
und im Geheimen tust du mir Weisheit kund.

Auch wenn wir Freunde Gottes sind, hat er deswegen noch längst nicht aufgehört, uns auf die Verbindungen aufmerksam zu machen, die uns immer noch an das Schlamassel dieser Welt binden. Manchmal tut er es sanft und freundlich, und so mögen wir es natürlich am liebsten. Aber manchmal macht er es auch auf die harte Tour, was uns dann in der Regel als unnötig rauh und in der Form übertrieben erscheint.

Aber der Psalm lädt uns ein, das zu akzeptieren, und es uns sogar zu wünschen, dass Gott uns so schnell wie irgend möglich von dieser Verstrickung in die Denke und in die emotionalen Verwirrungen einer angstgetriebenen Menschheit befreit. Und am Horizont wird ein Gottesverhältnis sichtbar, das uns so wichtig ist, dass alles andere im Vergleich dazu zweitrangig wird, nicht nur in Sonntagsreden, sondern Tag für Tag. Wenn es in Vers 13 heißt:

13 Verwirf mich nicht von deinem Angesicht,
und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir.

dann ist das keine fromme Folklore, sondern wer auch immer das mal formuliert hat: der hat das echt so gemeint. Gott war wirklich seine erste Liebe, und die zu verlieren, das war tatsächlich und ganz real seine größte Furcht.

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