Wer sich treu bleiben will, muss sich ändern

Predigt am 19. Mai 2019 zu Psalm 98

Verfasser: Walter Faerber

1 Ein Psalm.
Singt dem HERRN ein neues Lied,
denn er hat wunderbare Taten vollbracht!
Geholfen hat ihm seine Rechte und sein heiliger Arm.
2 Der HERR hat sein Heil bekannt gemacht
und sein gerechtes Wirken enthüllt vor den Augen der Völker.
3 Er gedachte seiner Huld und seiner Treue zum Haus Israel.
Alle Enden der Erde sahen das Heil unsres Gottes.
4 Jauchzet dem HERRN, alle Lande,
freut euch, jubelt und singt!
5 Spielt dem HERRN auf der Leier,
auf der Leier zu lautem Gesang!
6 Mit Trompeten und lautem Widderhorn
jauchzt vor dem HERRN, dem König!
7 Es brause das Meer und seine Fülle,
der Erdkreis und seine Bewohner.
8 In die Hände klatschen sollen die Ströme,
die Berge sollen jubeln im Chor
9 vor dem HERRN, denn er kommt,
um die Erde zu richten.
Er richtet den Erdkreis in Gerechtigkeit,
die Völker so, wie es recht ist.

Dies ist einer von den nicht allzu vielen Psalmen, bei denen man Genaueres darüber wissen kann, wann und warum sie entstanden sind. Denn die Gedanken und die Sprache sind ganz nah am zweiten Teil des Prophetenbuches Jesaja. In diesem zweiten Teil des Jesajabuches geht es um Gottes wunderbare Rettung des Volkes Israel aus der Gefangenschaft in einem fremden Land, aber nicht aus Ägypten (das war die erste Befreiung, wo Mose die zentrale Rolle spielte), sondern aus Babylon. Und da wird auch diese Parallele gezogen: In der fernen Vergangenheit hat Gott Israel aus Ägypten befreit, und jetzt hat er es wieder getan, aber diesmal war Babylon der Ort der Gefangenschaft.

Gott bleibt sich treu

Und der Prophet sagt: freut euch, Gott ist über viele Jahrhunderte immer noch derselbe geblieben, der Befreier! Die Flucht aus Ägypten lag damals nämlich schon ungefähr so lange zurück wie für uns heute das Mittelalter. Das war schon für die Leute damals graue Vorzeit. Aber der Prophet sagt: seht, Gott ist immer noch derselbe wie damals! Er tut Wunder vor den Augen aller Welt, auf der Bühne der Weltgeschichte!

Bild: geralt via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Und dieser prophetische Impuls wird dann in Liedern aufgenommen, die wahrscheinlich im wieder aufgebauten Tempel gesungen wurden, und eins davon ist dieser Psalm 98. Nur schaut der Psalm schon zurück auf die Befreiung, während der zweite Teil des Jesajabuches scheinbar noch mittendrin im Geschehen entstanden ist, ein Kommentar zur Geschichte in Echtzeit sozusagen.

Und dann im Tempel, als sie wirklich wieder in ihrer Heimat waren, da haben sie das gefeiert, mit Saiteninstrumenten, das wären wohl heute Gitarren, und Blasinstrumenten, also Trompete, Saxophon und so weiter. Sie haben sich erinnert und gesungen und es gefeiert: Gott ist wirklich treu, über die ganze Zeit hinweg, er bleibt derselbe, er wird nicht müde, er gibt niemals auf, und er ändert seine Handschrift nicht.

Gott macht nicht ängstlich

Und alles haben sie zusammengefasst in dem einen Satz: er kommt! Er kommt, um die Erde zu richten! Wir kennen das heute mehr als seine Drohbotschaft: pass auf, am Ende präsentiert Gott dir die Rechnung, treib es nicht zu toll, sonst kommst du in die Hölle! Und dann werden Menschen ängstlich, sie fürchten sich, etwas falsch zu machen. Sie trauen sich nichts. Und das führt dazu, dass es ganz schwer ist, Veränderungen einzuführen. Angst ist kein guter Ratgeber. Wer ängstlich ist, der versucht, möglichst lange alles so zu lassen, wie es immer war. Deswegen ist es z.B. so schwer, jetzt schnelle Entscheidungen zu treffen, wenn es etwa um den Klimawandel geht. Jedes Jahr, in dem nichts geschieht, macht alles schlimmer. Aber die Menschen und gerade auch die Entscheidungsträger sind ängstlich und möchten möglichst wenig ändern.

Das ist genau das Gegenteil von der Haltung, wie wir uns hier im Psalm begegnet: singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder! Gott durchbricht den normalen Lauf der Welt, er macht etwas Neues. Und deshalb sollen wir es auch tun: neue Lieder singen und uns damit auf die neue Lage einstellen. In einer neuen Situation muss man neue Wege gehen.

Weil Gott derselbe bleibt, schafft er Neues

Gott bleibt sich gleich, er ist derselbe durch alle Jahrhunderte hindurch. Aber gerade deshalb, um sich treu zu bleiben, handelt er nicht immer wieder gleich, sondern denkt sich dauernd Neues aus. Und da ist er unser großes Vorbild: wenn du dir treu bleiben willst, musst du dich ändern. Die alten Lieder, in denen gestern noch Gott begegnet ist, können schal und alt werden. Und jahrhundertealte Lieder können auf einmal ganz frisch sein. Die alten Formulierungen, in denen früher Gott redete, werden irgendwann leer und kraftlos, und wir müssen neue Worte finden für eine veränderte Wirklichkeit.

In diesem Jubellied hört man die Freude über Gottes neue Taten: Gott kommt und richtet die Völker! Die Weltgeschichte wird unvorhersehbar, unberechenbar, weil er mit drin ist. Das ist unglaublich, wo doch sonst alle denken, in der Weltgeschichte würde sich der Stärkere und Brutalere durchsetzen. Aber nein, Gott richtet den Erdkreis, Halleluja! Endlich wird den Unterdrückten und Gefangenen und Gefolterten und Zerbombten Gerechtigkeit zuteil!

Eine Drohbotschaft für die Richtigen

Eine Drohbotschaft ist das nur für die Assads und Trumps und Putins im Großen und im Kleinen und all ihre Sympathisanten und Komplizen. Und natürlich stehen diese Namen nur stellvertretend für alle anderen, die ihre Mitmenschen bedrücken und Verderben säen. Ja, für die soll das eine Drohbotschaft sein. Die sollen Angst kriegen vor diesem unberechenbaren Gott, der ihre Pläne durchkreuzt und ihre Strategiepapiere zu Altpapier macht.

Aber für alle, die unter ihnen leiden, ist es eine Frohbotschaft, es ist das Evangelium: Gott kommt und sorgt für Gerechtigkeit. Es bleibt nicht so, wie es war. Und wenn man das so versteht, dann macht es uns mutig und ermuntert uns, etwas zu wagen, ohne vorher schon immer genau wissen zu wollen, dass es garantiert klappt. Zu Gott gehört immer der Aufbruch, raus aus der scheinbaren Sicherheit, raus aus der Komfortzone, raus aus den alten Denkgewohnheiten.

Gottes Leute brechen auf

Abraham musste aufbrechen in ein neues Land, um Gott zu finden, Israel musste raus aus Ägypten und aus Babylon, um als freies Volk mit Gott zu leben, und jedes Mal wussten sie nicht, ob die Reise gutgehen würde. Einen Wochenendurlaub kannst du perfekt planen, und meistens klappt das auch. Aber bei einer Reise, die Jahre dauert, kannst du nicht planen. Da musst du unterwegs improvisieren, du musst dich auf deine eigene Kraft verlassen, und vor allem darauf, dass Gott dir im richtigen Moment zeigt, wie es weitergehen soll.

Die Jünger Jesu mussten mit ihm mitgehen, ohne zu wissen, wo sie am Abend schlafen würden. Stellen Sie sich mal vor, was Eltern heute sagen würden, wenn ich so eine Konfirmandenfreizeit planen würde! Aber nur so blieben die Jünger bei Jesus – und nur so konnten sie bei ihm Vertrauen lernen. Solange man in Sicherheit bleibt, trainiert man sein Gottvertrauen nicht.

Aber Gott kommt. Die Herren dieser Welt gehen. Am liebsten möchten die Diktatoren alle anderen mitnehmen, wenn ihr Ende bevorsteht, so wie Hitler am liebsten noch ganz Deutschland mit in seinen Tod genommen hätte. Aber die Herren dieser Welt müssen alle eines Tages gehen, und sie ahnen es und haben Angst. Nur unser Herr, der kommt. Und deswegen können wir mutig sein. Deswegen können wir singen und damit schon die Grenzen der Welt, wie wir sie kannten, sprengen. Gute Lieder sollen uns über die Grenzen hinausschauen lassen, in denen wir bis dahin glaubten, gefangen zu sein. So wie die Menschen sangen und jubelten, als Jesus nach Jerusalem kam – wir haben es vorhin in der Lesung (Lukas 19,37-40) gehört. Da haben sie Jesus schon als »König« bezeichnet, so wie in den Psalmen der Gott Israels als König über die ganze Welt bezeichnet wird.

Das war schon wieder eine neue Tat Gottes: dass er selbst in Menschengestalt zu seinen Menschen gekommen ist und gerade so ihr König würde. Eine neue Tat Gottes! Und sie brachte sofort neue Lieder hervor. Die Menschen spürten, dass sie Zeugen von etwas Neuem wurden, und sie jubelten und sangen.

Gottes ist nicht zum Schweigen zu bringen

Die Pharisäer verstanden sehr gut, dass das alles Bisherige sprengte, und deshalb war es für sie Gotteslästerung. Darum verlangten sie von Jesus, dass er dem ein Ende setzt. Und das Schlimme ist ja, dass sich viele Verantwortliche einschüchtern lassen, wenn eigentlich ein neuer Schritt dran wäre, aber dann kommen die Bedenkenträger und machen ihnen Angst. So wie es schon vor dreißig Jahren gute Anläufe zum Klimaschutz gab, und die Lobbies des Alten die immer wieder verhindert haben.

Jesus ließ sich zum Glück nicht beeindrucken. Er wusste: das ist von Gott. Gott handelt nicht nach Schema F, seine Güte ist jeden Morgen wieder neu und gerade so bleibt er sich selbst und uns treu. Und Jesus gab zur Antwort: »Wenn diese schweigen, werden die Steine schreien.« Das bedeutet: wenn Gott eine neue Wahrheit in die Welt bringt, dann ist das nicht aufzuhalten. Und wenn Menschen daran gehindert werden, die Wahrheit auszusprechen, dann wird die Schöpfung laut werden. Ich vermute, wenn Steine schreien, dann klingt es nicht schön und nicht nach Jubel. Das klingt nicht wie die Flüsse, die in die Hände klatschen oder die Berge, die vor Jubel hüpfen. Es klingt hart, rauh und krächzend. Versteinert eben.

Denn wenn die prophetische Stimme zum Schweigen gebracht wird, dann werden die Steine uns wirklich eine Gerichtspredigt halten. So wie vielleicht eines Tages hier in Europa eine ausgedörrte, vertrocknete Landschaft davon erzählen könnte, dass wir dieses wunderbare fruchtbare Stück Erde zugrunde gerichtet haben, wider besseres Wissen, aus Ängstlichkeit und Feigheit. Dann wird das Evangelium wirklich und zu Recht zur Drohbotschaft.

Gott kommt und wir sollen Schritt halten

Aber im 98. Psalm ist der Klang noch ganz anders. Und auch beim Einzug Jesu in Jerusalem waren eben nur die Funktionäre die Bedenkenträger. Die normalen Leute freuten sich. Der Psalm sagt: Ja, auch die Schöpfung hat eine Stimme, mit der sie auf Gottes Taten antwortet. Auch die Schöpfung freut sich, wenn die Bedrückung weicht. Das Rauschen der Meeres- und Flusswellen ist kein angsteinflößendes und respektgebietendes Grollen, sondern Zeichen der Freude und der Begeisterung über Gott, der das Werk seiner Hände nicht vergisst.

Und schließlich ist Gott unvorhergesehener Weise in Jesus gekommen, damit wir vor Augen haben, wie ein Mensch recht antwortet auf den lebendigen Gott. Wie ein Mensch sich mit Gott zusammenschließen und an seinen großen Taten Anteil haben kann. Wie ein Mensch sich selbst und Gott treu bleibt, ohne davon starr und unbeweglich zu werden. Gott zeigt uns, wo wir mit ihm aufbrechen sollen, und er zeigt uns, wo wir fest bleiben und widerstehen sollen. Jeden Tag sollen wir neu auf ihn hören, damit wir mit ihm Schritt halten, wenn er kommt, und dabei sind, wenn das neue Lied gesungen wird.

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