Die gute Ordnung der Welt

Predigt am 12. Mai 2019 zu Sprüche 8,22-36

Verfasser: Sabine Meurer

Wir hören heute auf einen Abschnitt aus der weisheitlichen Überlieferung des Alten Testaments. Die Weisheit Israels sucht nach einer tiefen Ordnung, die Gott von Anfang an in die Welt gelegt hat. Diese Ordnung ist nicht nur ein stummes Naturgesetz, sondern sie ruft uns Menschen an. Sie spricht zu uns, wenn wir uns für ihre Stimme öffnen.

Mitten in Hektik und Sorge ist es ein Trost, sich von dieser uralten Ordnung in der Schöpfung ansprechen zu lassen:
sich daran erinnern zu lassen, dass wir alle verankert sind im Leben Gottes, das er aus sich herausgesetzt hat,
weil er Freude am Leben hatte, Freude an der Schönheit, Freude an seinen Geschöpfen. Vor aller Bewertung sind wir erst einmal einfach da, gewollt und geliebt, wunderbar gemacht.

Im Buch der Sprüche oder Sprichwörter haben Menschen Worte gefunden für diesen Anruf der Weisheit an uns, wie er in der Schöpfung zu vernehmen ist, wenn wir aufmerksam hinhören. Das Ich, das hier spricht, ist die Weisheit Gottes, die er in die Schöpfung hineingegeben hat, und die das Fundament der Welt ist. Vor allem aber ist sie uns freundlich zugewandt.

Der Herr hat mich geschaffen im Anfang seiner Wege, vor seinen Werken in der Urzeit;
in frühester Zeit wurde ich gebildet, am Anfang, beim Ursprung der Erde.
Als die Urmeere noch nicht waren, wurde ich geboren,
als es die Quellen noch nicht gab, die wasserreichen.
Ehe die Berge eingesenkt wurden, vor den Hügeln wurde ich geboren. Noch hatte er die Erde nicht gemacht und die Fluren und alle Schollen des Festlands.
Als er den Himmel baute, war ich dabei,
als er den Erdkreis abmaß über den Wassern,
als er droben die Wolken befestigte und Quellen strömen ließ aus dem Urmeer,
als er dem Meer seine Satzung gab und die Wasser nicht seinen Befehl übertreten durften,
als er die Fundamente der Erde abmaß,
da war ich als geliebtes Kind bei ihm.
Ich war seine Freude Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit.
Ich spielte auf seinem Erdenrund und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein.
Nun, ihr Söhne, hört auf mich!
Wohl dem, der auf meine Wege achtet. Hört die Mahnung und werdet weise, lehnt sie nicht ab!
Wohl dem, der auf mich hört, der Tag für Tag an meinen Toren wacht und meine Türpfosten hütet.
Wer mich findet, findet Leben und erlangt das Gefallen des Herrn.
Doch wer mich verfehlt, der schadet sich selbst;
alle, die mich hassen, lieben den Tod.

Jesus, bei dem man immer wieder merkt, wie intensiv er in seiner Bibel lebt, also in unserem Alten Testament, für den scheint gleichzeitig die Welt voller Spuren Gottes gewesen zu sein, die er lesen konnte. Und das war für ihn kein Gegensatz, sondern das ergänzte sich. Das eine unterstützte und bestätigte das andere.

Leben unter freiem Himmel

Damals haben die Menschen ja viel mehr draußen gelebt als wir das heute tun. Sie erlebten das Wetter hautnah, sie lebten Tag für Tag mit Tieren zusammen und in der Regel hatten sie einen freien Blick auf Felder und Berge, auf die Wüste oder den See Genezareth. Über ihnen wölbte sich der Himmel. Und dazu mussten sie nicht extra irgendwo hin fahren wo es besonders schön war, sondern das war der beständige Hintergrund bei ihrer täglichen Arbeit: auf dem Feld, oder wenn man zum Brunnen oder auf den Markt ging oder die Tiere hütete. Das Leben spielte sich im Allgemeinen draußen ab.

Auch Jesus lebte so. Er redete meistens unter freiem Himmel. Wenn er irgendwo zum Essen eingeladen war, dann war das oft kein abgeschlossener Raum, sondern Menschen konnten einfach mal reinkommen. Und dann all die Stunden, die er tagsüber mit seinen Jüngern unterwegs war, zu Fuß natürlich, über sich den offenen Himmel. Das muss damals für alle ein ganz anderes Lebensgefühl gewesen sein.

Wir heute schirmen uns ja eher ab von der Natur. Die meiste Zeit des Tages verbringen wir in unseren Häusern. Und den Himmel sehen wir die meiste Zeit des Tages nur durchs Fenster. Draußen sind wir oft im Auto unterwegs. Das alles macht unser Leben so anders. Und dadurch werden wir vielleicht auch anders aufmerksam auf etwas, was für die Menschen in der alten Zeit einfach eine selbstverständliche Begleitmusik ihres Lebens war: die Präsenz der Schöpfung in ihrem Alltag.

Etwas ist verlorengegangen

Für uns heute ist es nicht mehr selbstverständlich, dass die Stimme der Schöpfung beständig und ganz beiläufig in unser Leben hinein spricht. Wir kennen es eher so, dass wir im Urlaub extra in eine möglichst unberührte Gegend der Erde fahren und die genießen möchten. Aber wenn das dann viele andere auch tun, dann ist es bald vorbei mit der unberührten Landschaft und Hotels und Amüsiermeilen werden aus dem Boden gestampft.

Was früher für die Menschen normaler Alltag war, über den sie nicht groß nachdachten, das ist für uns etwas ganz besonderes geworden. Um das zu erleben, müssen wir aus unserem normalen Leben herausgehen.

Wir tun das, weil wir ahnen, dass uns etwas verlorengegangen ist. Aber wir wissen oft nicht mehr genau, was wir da eigentlich suchen. Was finden wir, wenn wir die vor allem durch Menschen gestaltete Umwelt hinter uns lassen?

Weite

Mir würde als erstes die Weite einfallen. Man kann die Augen entspannen und der Blick schweift weit über das Meer oder die Landschaft. Das fühlt sich einfach nur gut an. Ihr werdet das kennen. Ich weiß nicht, warum das so ist, aber das ist ein gutes Gefühl, manchmal sogar ein großartiges Gefühl und man ist zu Tränen gerührt. Vielleicht liegt es daran, dann man ahnt, wie groß die Welt in Wirklichkeit ist.

Und den gleichen Effekt hat es, wenn man nachts in einen wolkenlosen Himmel guckt und an den Sternen sieht, was für riesige Räume da über uns sein müssen. Dank modernster Technik wissen wir, dass sie in Wirklichkeit noch viel, viel riesiger sind. Aber selbst das, was wir mit bloßem Auge sehen können ist schon beeindruckend genug. Und in der Tat ist es dann ein naheliegender Schluss, zu sagen: wie groß muss erst der sein, der das alles gemacht hat.

Lebendigkeit

Das Zweite, was mir zu der Welt da draußen einfällt, ist Lebendigkeit. Das alles ist ja in Bewegung. Gerade jetzt im Frühling, wo alles wieder grün wird und wächst. Und sogar von der Wüste wissen wir, dass da ganz viel lebt.
Und das Leben schafft unglaublich komplexe Strukturen.

Nehmen wir als Beispiel eine Roggenpflanze: aus einem einzigen Korn wächst eine Pflanze, die nach 4 Monaten 600 km Wurzeln hat. Auf diesen Wurzeln sitzen dann nochmal 14 Milliarden Wurzelhaare und deren Gesamtlänge beträgt in einen Kubikzentimeter Erde dann auch wieder fast 600 km. Eine hochkomplizierte Struktur, die nirgendwo geplant und dann Stück für Stück montiert wird, sondern sie organisiert sich selbst. Das ist Leben: Strukturen, die sich selbst organisieren und flexibel ausbreiten. Und was ist schon ein einzelner Roggenhalm in einem ganzen Feld oder gar im Vergleich zur ganzen Schöpfung!

Wenn die Bibel von Segen spricht, dann ist damit zuerst immer diese Lebenskraft gemeint, die von selbst fruchtbar ist und uns mit einer Fülle von Geschenken ernährt und erfreut. Wir können den Prozess unterstützen, wir können es alles pflegen und fördern, aber das Leben selber ist nicht unsere Erfindung.

Daran dachte Jesus wohl, als er von den Vögeln unter dem Himmel sprach, die sich darauf verlassen, dass die Erde genug Nahrung für sie hervorbringt. Er hat von dem Reichtum der lebendigen Erde auf die Freundlichkeit ihres Schöpfers zurück geschlossen. Und von der Schönheit der Blumen auf die Schönheitsliebe Gottes.

Vielfalt

In all dem ist schon das dritte Merkmal der Schöpfung angeklungen: ihre Vielfalt und Schönheit. Wenn Menschen etwas bauen oder produzieren, dann dient es meist einem einzigen speziellen Zweck. Alles ist auf diesen Zweck hin angelegt. Dadurch wird unsere Welt ärmer und verödet, weil als Nebenprodukt nur Abfall entsteht.

In der Natur ist das anders, da wird recycelt, alles wird wiederverwendet. Und alles hat nicht nur eine Funktion wie – sagen wir mal – eine Fabrikhalle, die schlicht, schmucklos und billig aus Betonfertigteilen montiert wird.

Schönheit

Draußen ist alles auch schön. Blüten sind nicht nur Signale um Bienen anzulocken, sondern sie sind viel schöner und vielfältiger als sie sein müssten, damit Bienen sie ansteuern. Vögel könnten auch mit Einheits-Pieptönen durchs Leben kommen. Sie müssten dazu gar keine komplizierten Tonfolgen hervorbringen, aber sie tun es – völlig unnötiger Weise. Und wir haben dann den Eindruck, sie hätten Freude am Leben. Wer will sagen, dass das falsch ist?

Ist Euch schon mal aufgefallen, dass alle äußerlich-materiellen Lebensfunktionen auch immer eine Bedeutung haben, die weit über das Materielle hinaus geht? Essen ist nicht nur Kalorienaufnahme, sondern es schmeckt gut, es stiftet Gemeinschaft. Liebe geht durch den Magen, sagt man. Menschliche Fortpflanzung ist nicht nur Erhaltung der menschlichen Spezies, sondern ist mit Liebe und Freude verbunden. Die Geburt eines Kindes ist für viele ein ganz besonderes Erlebnis, das tief berührt.

Das Leben, sagt Jesus, ist mehr als Nahrung und Kleidung. Da ist ein Überschuss in der Welt, und das ist Schönheit und Vielfalt. Zum Überleben wäre das nicht notwendig, aber das Leben wäre arm, wenn es anders wäre.

Früher haben die Leute mehr davon gewusst, dass Schönheit wichtig ist. In der Frühzeit der industriellen Ära hat man Fabriken noch so gebaut, dass sie eine architektonische Aussage hatten. Manche waren mittelalterlichen Schlössern nachempfunden, oft waren sie mit Ornamenten geschmückt und heute stehen sie unter Denkmalschutz. Menschen hatten ein Gespür dafür, dass es richtig ist, so einen Überschuss zu haben.

Bäume

Wir könnten jetzt lange so fortfahren, aber lasst uns noch auf ein Symbol gucken, das wir auch häufig in der Bibel finden: die Bäume. Ganz besonders auffällig sind anscheinend die Zedern des Libanon gewesen. Von denen heißt es im 104.Psalm, dass Gott sie gepflanzt hat, und sie gelten als besonders schön und widerstandsfähig. Und bis heute sind Bäume eine beeindruckende Gestalt, wenn wir sie auf uns wirken lassen. Nicht wenige werden viel älter als wir Menschen. Sie haben eine lange Geschichte. Sie werden immer wieder von Neuem grün. Sie bringen Früchte. Sie sind stark und doch flexibel. Man kann viel an Bedeutung in einem Baum finden. Aber das erschließt sich erst nach und nach.

Und das ist eigentlich durchweg bei der ganzen Schöpfung so: sie drängt sich nicht auf. Und ganz wichtig: sie setzt uns nicht unter Druck. Sie macht uns kein schlechtes Gewissen. Sie verkörpert eine Botschaft, aber es liegt an uns, ob wir sie hören. Menschen fühlen sich so schnell unter Druck gesetzt: weil sie nicht gut aussehen, weil sie nicht genug Leistung bringen, weil sie irgendwie nicht der Norm entsprechen, warum auch immer. Früher meinte man ja immer, dass die Leute von einem drohenden Gott unter Druck gesetzt werden. Aber obwohl heute kaum noch einer daran glaubt, haben Menschen immer noch das Gefühl, sie würden nicht genügen.

Geschenk

Wenn wir aber raus gehen in die Natur, in die Schöpfung, dann finden wir da nichts von diesem Druck. Den machen wir uns höchstens selber, wenn wir die Kilometer, den Kalorienverbrauch oder sonst etwas kontrollieren. Aber die Natur bewertet nicht, sie plant nicht, sie einfach da.

Deswegen ist Jesus zum Beten auch immer raus gegangen, raus aus den Städten, die anscheinend damals schon viel zu unruhig, von Herrschaftsansprüchen durchzogen und verzweckt waren. Er ist dort hingegangen, wo auch die ganze Umgebung vom Geschenk des Lebens und der Schöpfung sprach.

Ja, die Schöpfung hat eine Stimme, die nicht die Stimme Gottes ist. Aber es tut uns trotzdem gut, sie zu hören. Auf diese Stimme zu achten, ist bis heute Teil von geistlichen Übungen. Und wenn das mehr Menschen machen würden, dann würden wir besser mit unserer Umwelt umgehen. Und auch uns ginge es besser. Wenn wir uns einlassen, wenn wir uns öffnen für die Stimme der Schöpfung, dann entfaltet sie ihre heilende Kraft und unsere Herzen können Frieden finden.

Der Anruf der Ordnung

Gott hat alles so wunderbar gemacht. Die Schöpfung ist lebendig und voller Wunder und Schönheit. Sie ist nicht nur ein stummes Naturgesetz, sondern sie ruft uns Menschen an.

Mitten in Hektik und Sorge ist es ein Trost, sich von dieser uralten Ordnung der Schöpfung ansprechen zu lassen:
sich daran erinnern zu lassen, dass wir alle verankert sind im Leben Gottes, das er aus sich heraus geschaffen hat, weil er Freude am Leben hat, Freude an der Schönheit, Freude an seinen Geschöpfen.

Ohne jede Bewertung sind wir erst einmal einfach da, gewollt und geliebt, wunderbar gemacht.

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