Wer wir sind

Predigt am 5. Mai 2019 (Konfirmation II) mit den Konfirmationssprüchen

Verfasser: Walter Faerber

Auf unserer zweiten Konfirmandenfreizeit im Herbst 2018 ist ein Modell entstanden von dem Weg, den zwei Jünger von Jesus gegangen sind: tief deprimiert von der Erfahrung, dass Jesus gekreuzigt wurde, wollten sie wieder zurück in ihr altes Leben und am liebsten alles vergessen, was sie mit Jesus erlebt hatten.

Aber am Ende dieses traurigen Weges stand eine neue Hoffnung: Jesus begegnet ihnen, zuerst unerkannt, aber am Ende des Tages erkannten sie ihn und verstanden: er ist nicht tot, sondern er lebt! Vor einer Woche, zu Ostern, haben wir uns ganz besonders daran erinnert, dass Jesus als erster durch den Tod hindurchgegangen ist und dort neues Leben gefunden hat.

Und man kann so das ganze Leben als einen Weg beschreiben, als Weg, den Jesus mit uns geht, und auf diesem Weg lernen wir ihn immer besser kennen. Und gleichzeitig lernen wir uns selbst besser kennen und merken, dass wir viel mehr können, als wir gedacht haben. Unser Leben hat viel mehr Bedeutung, als wir dachten. Man kann sogar sagen: da wird die Frage beantwortet, wer wir wirklich sind.

Seit Adam und Eva – hier ist ein Bild, das ihr auf der Freizeit im ersten Jahr gemalt habt – also, seit Adam und Eva bewegt uns die Frage, wer wir sind. Jeder Mensch möchte wissen, warum es ihn gibt und wozu er da ist. Und jeder möchte, dass mit ihm alles ok ist, dass er nicht an seinem Lebenssinn vorbeilebt. Aber der Trick bei der Sache ist, dass man das eigentlich gar nicht beantworten kann, wenn man nur auf Menschen schaut.

Wer wir wirklich sind, das versteht man erst, wenn man Menschen in ihrer Beziehung zu Gott versteht. Ich weiß nicht, ob ihr euch noch an diese Figuren erinnert, die wir damals in Tettenborn gebastelt haben: die waren erst vollständig und passten, wenn auch Gott berücksichtigt war. Gott ist uns so nahe, dass man einen Menschen gar nicht richtig beschreiben kann, wenn man seine Beziehung (oder Nicht-Beziehung) zu Gott ausblendet. Und eure Konfirmationssprüche die bringen euch und Gott zusammen und sagen etwas darüber, wie das zusammenhängt. Deswegen sehen wir jetzt Bilder von euch aus dem ersten Konfirmandenjahr und von heute, und dazu jeweils eure Konfirmationssprüche.

Wir fangen an mit dem Konfirmationsspruch von Celine:

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! (Jesaja 43,1)

Gott hat uns bei unserem Namen gerufen. Das ist die Basis unseres ganzen Lebens. Gott hat uns am Anfang ins Leben gerufen, er wollte, dass es uns gibt, und wir haben diesen Ruf gehört und haben uns von ihm das Leben schenken lassen. Wir haben einen Namen, keine Nummer, wir sind dieser Mensch, von dem Gott wollte, dass es ihn gibt. Wir sind ein Gedanke Gottes, der in seiner Schöpfung leibliche Gestalt angenommen hat.

Ganz am Anfang, als noch niemand etwas von uns wusste, hat Gott uns gerufen, hat gesagt: komm in dieses Leben, ich möchte, dass es dich gibt. Vertrau mir und meiner Welt. Und das war ein so verlockender Ruf, dass wir nicht widerstehen konnten. Wir sind ihm gefolgt und haben uns ins Leben rufen lassen.

Und seitdem lebt in uns die Erinnerung an diesen ersten Ruf, den wir gehört haben, und die Sehnsucht danach lässt unser Herz nie wieder ganz los. Wir erleben Glück und Enttäuschungen, wir erleben Alltägliches genauso wie Besonderes, die Jahre vergehen, aber immer noch hallt in uns der Klang dieser Stimme nach, die uns ganz am Anfang gesagt hat, dass wir gewollt und geliebt sind. Und wenn wir in all den Wendungen unseres Lebens an diesen ersten Ruf erinnert werden und ihm antworten und folgen, dann merken wir, dass wir ok sind, dass wir auf der richtigen Spur sind. Dann passt alles zusammen, und wir können mit dem Konfirmationsspruch für Jakob sagen:

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. … Er erquickt meine Seele. (Psalm 23,1.3b)

Denn was Gott begonnen hat, das führt er auch weiter. Er hat uns nicht ins Leben gerufen, um uns dann uns selbst zu überlassen, sondern er begleitet uns, er achtet auf uns, er kennt all die Entscheidungen und Weichenstellungen in unserem Leben und in unserem Herzen, alles was uns prägt, von innen und von außen. Und in allem will er uns beschützen, und zwar vor allem so, dass er unsere Seele lebendig hält. Gott hat am Anfang etwas von seinem großen Leben in uns hineingelegt, und das soll lebendig bleiben.

Zu viele Menschen verlieren im Lauf ihres Lebens viel von dieser Freude und Lebenskraft, mit der wir unser Leben beginnen. Wir alle erleben Schmerzen und Enttäuschungen, wir erleben Ablehnung und Druck von außen, und manchmal erstarrt dann dieser lebendige Lebensatem in einem Menschen. Und wenn man mit ihm spricht, dann merkt man, dass man gar keinen Kontakt mehr zu seinem lebendigen Zentrum bekommt, sondern du redest mit einer Fassade und weißt nicht, ob etwas dahinter ist, und was.

Aber irgendwo eingemauert dahinter ist die lebendige Seele, und Gott will sie am Leben erhalten, er will sie erquicken, damit sie auflebt. Und wenn wir mit ihm in Verbindung bleiben, dann wird sie sich immer wieder befreien aus allen Zellen, in die andere oder wir selbst sie eingesperrt haben. Und wir können Gott vertrauen, dass er sich mit seinem Geist Wege bahnt zu unserem Herzen.

Über diesen Geist sagt der Konfirmationsspruch für Felix: Es ist kein ängstlicher Geist.

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. (2. Timotheus 1,7)

Furcht ist kein guter Ratgeber. Wenn Menschen sich von ihren Bedenken leiten lassen, was alles schiefgehen könnte, dann engen sie sich und andere ein. Dann blockieren sie den Fluss des Lebens, für sich und für andere. Besonnenheit – Ja! Nachdenken, bevor man etwas tut, nicht blindlings loslaufen, ohne die Folgen zu überlegen. Aber wir brauchen keine inneren Bedenkenträger, die uns die Freude daran nehmen, neue Wege zu beschreiten. Wir brauchen auch nicht die Bedenkenträger um uns herum, die am liebsten nie ein Risiko eingehen möchten.

Nein, zum Leben gehört die Kraft und das Vertrauen in unsere Kraft, es gehört die Liebe zum Leben dazu, die Freude daran, dass es uns gibt und auch all das Lebendige um uns herum. Dieser Geist der Furcht, der sich nichts traut, der wird uns am Ende alle Größe und Kraft rauben, und deshalb brauchen wir den Kontakt zu Gottes Dynamik, weil sich sonst nach und nach auch der stärkste jugendliche Übermut abschleift und der Angst vor Verlusten und Veränderungen weicht. Die Furcht wird uns ruinieren, privat genauso wie gesellschaftlich, aus lauter Angst vor Veränderung verlieren wir die Zukunft. Aber Gott ist nicht ängstlich, Gott vertraut seiner Welt und seiner Kraft, die in uns lebt, und wir sollten das auch.

Und dass der Kern von Gottes Kraft Liebe ist, das lernen wir spätestens aus dem Spruch, den Marleen heute bekommen soll:

Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. (1. Johannes 4,16)

Liebe ist nicht nur eine Eigenschaft Gottes unter vielen anderen – nein, Liebe ist das Wesen Gottes, sein Kern, sein innerstes Motiv. Liebe bedeutet: Verbindungen schaffen, Anteil nehmen, mit anderen im Bunde sein. Gott ist voller Liebe, und er hat uns ins Leben gerufen, weil er uns schon geliebt hat, bevor es uns überhaupt gab. Liebe ist schöpferisch. Sie bringt Neues hervor, das es bis dahin noch nicht gegeben hat. Deshalb ist jeder von uns ein Einzelstück, ein Kunstwerk Gottes, das sich mit allen anderen zu dem großen Gesamtkunstwerk der Schöpfung zusammenfügen soll.

Jesus hat dieser schöpferischen Liebe so sehr vertraut, dass er uns sogar ans Herz gelegt hat, unsere Feinde zu lieben, also die schwierigen oder bösen Menschen. Es könnte sein, dass sie durch unsere Liebe erinnert werden an den großen ersten Impuls der Liebe, nach der sich auch die bösen Menschen sehnen.

Damit etwas so Großes geschehen kann, müssen wir unbedingt in Kontakt bleiben mit Gott, der Quelle der Liebe.

Ich zeige noch einmal dieses Bild: Gott wohnt in uns, er wird zu einer Kraft in uns, er verbindet sich so eng mit uns, dass wir ohne ihn unvollständig wären. Seine Liebe schafft eben Verbindungen.

Und Marleens Spruch sagt: umgekehrt haben wir auch einen Platz in Gottes Herzen. Weil er uns liebt, deshalb kommen wir auch ihm so nahe. Wenn wir an der Liebe festhalten und uns nicht verschließen oder abkoppeln, dann bleibt diese Verbindung bestehen, und die lebendigen Kräfte der Liebe gestalten uns und unser Leben.

Und das, so sagt es der Spruch für Cedric, gilt immer und in jeder Lage:

Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen! (Jesaja 54,10)

Das Berge und Hügel einfach verschwinden, das war damals undenkbar. Wir wissen heute, im Zeitalter von Sprengstoffen und Bomben, dass Menschen durchaus die Kraft haben, das Angesicht der Erde zu verändern, und oft auch zum Schlechteren. Aber Gott sagt: was immer auch kommen mag, meine Gnade, meine Zuwendung und Freundschaft wird dich nicht verlassen. Komme, was da wolle, ich halte an dir fest.

Und wir hören das in einer Zeit, in der wir nur ahnen können, wie viel Erschütterungen in der Welt auf uns, aber vor allem auf euch noch zukommen werden. Unsere Erde erträgt die Art, wie wir leben, nicht mehr lange – und wir werden lernen müssen, uns mitten in schwierigen Zeiten an der Gnade zu freuen. Eigentlich wissen wir, dass es nicht die Dinge sind, die uns glücklich machen, sondern es sind die Verbindungen und Beziehungen, es ist das Leben selbst, das uns glücklich macht, und vor allem ist es die Stimme Gottes, die uns ins Leben gerufen hat, und deren Klang immer noch in uns nachhallt.

Das alles zusammen ist die Gnade, und sie gibt unserem Leben nicht nur Tiefe und Freude, sondern auch Schutz. Aus der verborgenen Welt Gottes heraus werden wir bewahrt. So sagt es auch der Spruch, den Phil sich ausgesucht hat:

Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen. (Psalm 91,11)

Die Engel sind ein Signal für die unsichtbare Welt Gottes. Die verstehen wir nur sehr begrenzt. Wir können sie noch viel weniger steuern, als wir das bei der sichtbaren Realität können. Wir können nichts berechnen oder erzwingen. Als Jesus vom Teufel versucht wurde, da war eine von den drei Proben die Verlockung, die Engel einfach einzuplanen und ihnen die Freiheit zu nehmen. Aber das funktioniert nicht. Genauso wenig, wie es auf die Dauer funktioniert, wenn wir die sichtbare Welt als seelenloses, totes Material ansehen.

Die Welt ist auf Beziehungen aufgebaut. Das wissen inzwischen auch die Physiker, die versuchen, die Geheimnisse der kleinsten Teilchen und die Rätsel des riesigen Alls zu entschlüsseln. Alles hängt mit allem zusammen. Und deshalb kommt uns aus der unsichtbaren Welt Hilfe, wenn wir sie dringend brauchen, und wie wir denken und was unser Herz sagt, das hat Auswirkungen auf alles, was es gibt. Wir überschauen nicht das ganze Gewebe des Lebens, aber wir können darauf vertrauen, dass die Welt und ihr Schöpfer es gut mit uns meinen. Und dass Gottes Möglichkeiten viel größer sind, als wir es uns vorstellen. Darum können wir mutig sein – ohne die Besonnenheit zu verlieren. Aber uns etwas trauen, das sollen wir, und auf den Schutz der Engel vertrauen, das sollen wir auch.

Denn – so sagt es Noahs Konfirmationsspruch ganz grundsätzlich:

Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. (Psalm 139,5)

Was wir als harte Realität erleben, ist eigentlich nur wie ein dünner Schleier, und dahinter fängt schon die unsichtbare Welt an. Und es gibt Fenster und Übergänge dazwischen, vor allem von dort zu uns. Im Licht des neuen Tages scheint die Klarheit Gottes auf, im Gesang der Vögel wird die Freude der Schöpfung laut, und in den unendlichen Weiten und Kräften des Universums spiegelt sich die Größe und Macht Gottes. Und trotzdem kennt er uns winzige Wesen alle mit Namen, teilt mit uns sein eigenes Leben und möchte keinen von uns verlieren.

In allem, was uns begegnet, begegnet uns auch Gott. Und manchmal muss man erst damit kämpfen, weil es sich gar nicht so anfühlt. Manchmal fragt man sich: wie kann es sein, dass der angeblich gute Gott mir in so etwas Traurigem oder Verwirrendem begegnet. So wie Jesus mit Feindschaft und Verleumdungen zu kämpfen hatte, am Ende sogar mit brutaler Gewalt, an der er starb. Aber er hat nicht aufgehört, nach der freundlichen Hand Gottes dahinter zu fragen. Er hat darauf bestanden, dass ein Mensch, der von Gottes Liebe durchdrungen ist, auch das Dunkle verwandeln kann und Leben auch an die Orte des Todes bringt. Und so ist es gekommen.

Wir sind nicht alle berufen, in solche schlimmen Dunkelheiten hinein zu gehen, aber wir sollen schon dahin, wo wir sind, den Segen Gottes bringen – im Vertrauen darauf, dass Menschen die Stimme wiedererkennen, die uns alle ins Leben gerufen hat. Und im Vertrauen darauf, dass Gott von seiner Seite aus antwortet, wenn wir auf seinen Wegen gehen.
Als ihr beim Vorstellungsgottesdienst die vielen anderen hier in der Kirche gesegnet habt, da habt ihr ein bisschen Erfahrung damit gesammelt, wie es ist, wenn man das Leben und den Segen Gottes nicht nur empfängt, sondern ihn auch weitergibt. Und ihr musstet euch dafür etwas trauen, musstet vorher üben, es ging nicht ohne dass ihr etwas eingesetzt habt.

Versteht das als ein Bild für das, wozu ihr berufen seid, gemeinsam mit uns allen: Menschen des Segens und der Hoffnung zu sein, an denen sich viele andere orientieren können. Und wir müssen dafür manchmal große oder kleinen Hindernisse überwinden, müssen etwas wagen, müssen aus unerer persönlichen Komfortzone heraus und einen Schritt ins Unbekannte wagen. Aber dann werden wir merken, dass das gar nicht das Unbekannte und Fremde bleibt, sondern gerade im Unsicheren und Unkalkulierbaren wartet Gott auf uns und freut sich, dass wir ihm vertraut haben.

Und in Wirklichkeit ist es viel riskanter, beim Vertrauten und Bequemen zu bleiben. Der Wunsch, dass alles so bleiben möge, wie es ist und dass wir kein Wagnis riskieren müssen, der wird uns am Ende noch die Zukunft zerstören. Gegen die wirklichen Gefahren des Lebens kann man sich nicht versichern. Man kann sie nicht auf Abstand halten, man kann sie nicht vermeiden. Der beste Weg ist immer, mit Besonnenheit, Mut und Gottvertrauen darauf zuzugehen und damit zu rechnen, dass uns Jesus gerade dort begegnet, wo es unsicher und gefährlich aussieht.

Und eigentlich geht es in der ganzen Konfirmandenzeit darum, euch auf diese Spur zu setzen, dass da jemand ist, der uns dazu ermutigt, damit wir so zu unserer wirklichen Größe und Stärke finden.

Wir brauchen für eine gute Zukunft dringend Menschen, die bereit und geübt sind, auf Gott zu hören und weder Verharmlosung der Gefahren noch Angstmache betreiben. Wir brauchen Menschen, die gewohnt und geübt sind, auf Gott zu hören, die Freunde Gottes sind, ermächtigt durch den Geist, und die von der Güte Gottes leben und diese Güte weitergeben.

Wenn es solche Menschen gibt, dann ist mir um unsere und eure Zukunft nicht bange. Dann werden wir die Probleme gemeinsam lösen können, als eine Menschheit. Aber dazu braucht es die mündigen Söhne und Töchter Gottes, die um sich herum Vertrauen und Zuversicht verbreiten, weil sie das große und starke Leben kennen, das von Gott in die Welt hineinfließt.

Wenn es genug Menschen von dieser Art gibt: Freunde Christi, Freunde Gottes, ermächtigt durch den Geist – dann werden wir auch in allen Gefahren und Unwägbarkeiten der Zukunft bestehen können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wir möchten hier nur Beiträge von echten Menschen haben, nicht von Robots. Zur Abwehr von Kommentar-Spam beantworte deshalb bitte die folgende Frage: