Für Christus kämpfen und leiden

Predigt für den 12. April 2020 (Ostersonntag) zu 2. Timotheus 2,8-13

Verfasser: Carsten Dellert

Auch wenn zu Ostern – wie z.Zt. an allen Sonntagen – die Gottesdienste ausfallen müssen, soll Ihnen doch diese Osterpredigt ein wenig den Ostergottesdienst ersetzen.

I. Ostern muss einem gesagt sein

»Es ist Ostern.«

Bildrechte: Ralf Büchler

Normalerweise brauche ich das gar nicht extra zu betonen. Die Menschen, die in der Osternacht noch vor dem Sonnenaufgang in die dunkle Kirche oder Kapelle treten, die wissen das. Sie sind ja ganz bewusst so früh aufgestanden. Gespannt und erwartungsvoll. Um zu erleben, wie das Dunkel weicht und den ersten Sonnenstrahlen Platz macht. Und um dann neu zu verstehen: Bei Gott geschieht etwas Vergleichbares. Das Todesdunkel muss dem Lebenslicht weichen. Oder anders gesagt: Eine Auferstehung der Toten ist möglich. Bei Gott gibt es neues Leben. Und Jesus ist der erste, der diesen Übergang vollbracht hat.

Wie gesagt, normalerweise brauche ich das nicht extra betonen. Doch in diesem Jahr ist so vieles anders. Darum will ich es noch einmal sagen: »Es ist Ostern.« Ich will es sagen, weil Menschen in diesen Tagen dem Osterfest mit mancher Sorge entgegengetreten sind. Kein Wunder. Denn diese Welt hat sich innerhalb von Wochen stark verändert. Über den Auslöser lesen wir seit Wochen in den Medien: Eine Corona-Pandemie, die Menschen mittlerweile in der ganzen Welt bedroht. Die Verbreitungswelle – und mit ihr auch eine ausgeprägte Verunsicherung – ist bereits in unseren Straßen und Häusern angekommen. Wir sind nicht mehr nur beiläufig informiert, sondern unmittelbar betroffen. Das ändert alles.

Das öffentliche Leben ist mancherorts wie ausgestorben. Ganze Straßenzüge, Parks und Gärten wie leergefegt. Manche sonst vielbefahrene Straße ist am helllichten Tag so leer wie sonst nur nachts. Menschen sieht man eher vereinzelt. Flugzeuge am Himmel werden zu einer seltenen Erscheinung. Öffentliche Gebäude sind weitestgehend leer: Schulen und Kindertagesstätten, wo sonst unzählige Kinder spielen und lernen, seit fast vier Wochen geschlossen; Supermärkte unter Beschränkungen geöffnet; Krankenhäuser dagegen zum Teil bis an die Kapazitätsgrenzen mit Kranken angefüllt.

Die einen arbeiten in Schichten bis zum Limit: Menschen in Pflegeberufen, in Krankhäusern, bei Not- und Rettungsdiensten, in Bereitschaften und an vielen anderen Orten. Und andere müssen Kurzarbeit anmelden oder ihre Arbeit sogar ganz ruhen lassen. Das Arbeitsleben – und das Leben überhaupt – ist aus dem Gleichgewicht gekommen.

II. Leben im Gefängnis

In Zeiten, in denen die gewohnten Tagesabläufe durchbrochen sind von Veränderungen, sind Strukturen und Aufgaben wie eine heilsame Kur. Auch unsere Kirchenglocken läuten darum weiter zu festen Zeiten. In Absprache mit den Kirchen der Ökumene geschieht dies an jedem Sonntag zur selben Stunde. Mancher hört das Geläut dieser Tage vielleicht viel aufmerksamer als sonst. Es erinnert die Menschen daran zu beten. Anders als sonst kündigen die Glocken aber keine Gottesdienste an. Denn Versammlungen sind gerade nicht möglich. Zu groß ist die Sorge, sich anzustecken mit diesem noch recht wenig bekannten Virus. Der sich unsichtbar verbreitet und manchmal erst nach Tagen zu Symptomen führt. Jeden könnte es treffen. Ob alt oder jung. Ob arm oder reich. Ob aufrichtig oder unredlich. Ob prominent oder eher unbekannt. Ohne Ansehen der Person und ohne Ausnahme. Willkürlich. Diese Erkenntnis kann mutlos und ohnmächtig machen.

Wie schon die Passionstage wird auch das Osterfest 2020 vor diesem Hintergrund erinnert und gefeiert werden müssen. Ersehnte Familienbesuche, der Urlaub oder Ausflug über Ostern, all das wird ausfallen müssen. Zumindest ein Osterspaziergang ist je nach Bundesland noch möglich. Aber nur zu zweit. Oder mit Menschen desselben Haushalts. Und immer mit dem gebotenen Abstand zu anderen. Der eine fühlt sich in diesen Tagen vielleicht befreit und gelöst von bisherigen Alltagslasten, während eine andere das derzeitige Leben erlebt wie ein Gefängnis mit unverschlossenen Türen.

Nicht jeder kann aus eigener Erfahrung davon sprechen, wie das Leben in einem staatlichen Gefängnis aussieht. Gefangenschaften sonstiger Art sind uns dennoch nicht unbekannt: Gefangen in kreisenden Gedanken, verstrickt in Beziehungen zu anderen Menschen, süchtig nach Substanzen, die das Leben betäuben, oder Zwangshandlungen, die das Leben fremdbestimmen und kontrollieren. Um solche Gefängnisse zu kennen, braucht es keine Gitterstäbe.

Die ersten Christen erlebten ganz ähnliche Lebensbegrenzungen. Einer von ihnen ist der Apostel Paulus. Ein kleiner Teil seiner Briefe sind Briefe aus der Gefangenschaft. Selbst hinter Gittern erreicht Paulus noch Menschen mit der frohen Botschaft, sodass diese ebenfalls Christen werden. Und einer von ihnen tut es dem Paulus gleich und schreibt ebenfalls Briefe. Zwei Briefe sind uns überliefert an einen gewissen Timotheus, der erst kürzlich zum Glauben an Jesus gekommen ist. Timotheus wird darin ermutigt auch dann weiter am Glauben festzuhalten, wenn die Welt drumherum in eine Krise gerät. So wie jetzt. Wo Gottesdienste ausfallen, wo Christen sich nicht mehr in einer Gemeinschaft versammeln können, wo Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten und Jubiläumsfeiern bis auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Dass Christen im Namen Jesu miteinander in Gemeinschaft treten, ist ein Kennzeichen des Glaubens an Jesus. Und diese Gemeinschaft war auch schon bei den ersten Christen immer wieder gefährdet. In der Gemeinde dieses Timotheus waren es vor allem die beiden Mitgeschwister Hymenäus und Philetus, die Unruhe und Zwietracht gesät haben.

III. Gott schweigt nicht in der Krise

In dieser Zeit der Anfechtung erreicht den Timotheus also ein Brief, in dem er ermutigt wird – wie einst Paulus – zum einen auf Jesus zu schauen, der die härtesten Gefängnisse öffnen kann, und zum anderen auf Gottes Treue zu setzen, selbst wenn sich Menschen von Gott abkehren.

Die Worte aus diesem Brief stehen im 2. Timotheus Kapitel 2. Ich lese die Verse 8-13. Da heißt es:

Halt im Gedächtnis Jesus Christus, der auferstanden ist von den Toten, aus dem Ge-
schlecht Davids, nach meinem Evangelium, für welches ich leide bis dahin, dass ich ge-
bunden bin wie ein Übeltäter; aber Gottes Wort ist nicht gebunden. Darum dulde ich alles
um der Auserwählten willen, auf dass auch sie die Seligkeit erlangen in Christus Jesus
mit ewiger Herrlichkeit. Das ist gewisslich wahr:
Sind wir mit gestorben, so werden wir mit leben; dulden wir, so werden wir mit herr-
schen; verleugnen wir, so wird er uns auch verleugnen; sind wir untreu, so bleibt er treu;
denn er kann sich selbst nicht verleugnen.

Soweit ein Auszug aus dem Brief. Man könnte sagen: Aus dem Osterbrief. Denn gleich zu Anfang lesen wir in einem einzigen Satz die ganze Osterbotschaft: »Halt im Gedächtnis Jesus Christus, der auferstanden ist von den Toten.« Das ist eine deutliche Erinnerung: Hier bekommst du Hilfe.

In den Tagen vor Ostern haben eine Menge Menschen aus unseren beiden Kirchengemeinden Klein und Groß Ilsede ebenfalls Briefe an die Haushalte unserer Gemeindemitglieder verteilt. Osterbriefe mit der gleichen Botschaft:

 Hier bekommst du Hilfe. Das kannst du tun, um in diesen Tagen in Kontakt zu bleiben mit anderen und mit Gott.

Diese Osterbriefe – wie auch jeden anderen Brief – kann man immer wieder hervorholen und lesen. So wie die Worte, die an Timotheus gerichtet sind. Gerade in Zeiten der Krise brauchen Menschen immer wieder ein Wort des Trostes und der Ermutigung, ein Wort, das Kraft hat und über unser eigenes Tun und Lassen hinaus Gültigkeit hat. Ein Wort, das nicht morgen schon wieder Schall und Rauch ist. Ein solches Wort ist Gottes Wort.

Menschliche Worte sind dagegen viel anfälliger. Wie haltbar Zusagen und Versprechen im Leben sind, damit hat jeder seine eigenen Erfahrungen gemacht. So vieles kann sich in Kürze ändern und ändert sich. Menschliche Worte sind gebunden an bestimmte Personen, Orte, Zeiten und Situationen. Sie sind niemals allgemeingültig. Das ist es doch, was wir in diesen Tagen stark erleben: Wir können keine verlässlichen Aussagen mehr machen für die weitere Zukunft. Unser Wort heute kann morgen schon wieder ungültig sein. Was wir sagen, ist gebunden an das Jetzt und Hier. Das ist auch die Erfahrung dessen, der den Brief an Timotheus geschrieben hat, wenn er sagt: »Ich bin gebunden wie ein Übeltäter, aber Gottes Wort ist ungebunden.« Gottes Wort ist frei.

IV. Gottes Wort befreit aus dem Gefängnis

Menschen kann man einsperren. Man kann sie einschüchtern und mundtot machen durch plumpe oder perfide Methoden. Aber die gute Botschaft vom Auferstandenen lässt sich nicht unterbinden. Sie kann weder eingefangen noch festgehalten werden. Unbegreiflich und unfassbar. Sie ist emergent. Sie taucht da auf, sie wird da erkannt, wo sie am nötigsten gebraucht wird: In der Verfolgung, in der Unterdrückung und in der Gefangenschaft. Jesus lebt: Gegen jegliche menschliche Vernunft. Das ist das Befreiungswort schlechthin.

Eine der letzten wenigen Grenzen, die Menschen zwar immer weiter zu verschieben versuchen, aber nicht überwinden können, ist die Grenze zum Lebensende. Der Tod hat das letzte Wort. Unumkehrbar. Der Tod ist die letzte Begrenzung unseres Lebens. Von ihm ist niemand befreit. Was für eine Kränkung für den menschlichen, zumeist selbstherrlichen Geist.

Selbst diese Grenze überwindet Jesus. Aber er tut es nicht nach unseren Vorstellungen. Nicht mit Macht und Gewalt, nicht mit Strategien und Kalkül. Jesus vertraut stattdessen seinem Vater im Himmel und gibt sich ganz in dessen Hände. Denn er weiß: Sein Vater im Himmel weiß, was er tut. Dieser Vater handelt aus ganzer Liebe. Jesus lässt nichts zwischen sich und den Vater kommen. Sie sind sich einig. Jesus sagt es sogar ganz deutlich: »Ich und der Vater sind eins.« (Joh 10,30). Und darum gibt es zwischen den beiden eine enge Verbindung. Einen Weg.

V. Gott ist treu, vergibt und schenkt neues Leben

Jesus geht diesen Weg. Der Weg Jesu durch Tod und Auferstehung ist wie eine Brücke vom Tod hinüber ins Leben. Jesus selbst ist der Brückenbauer. An dieser Brücke fallen keine Mautgebühren an. Sie ist auch nicht beschränkt für die frommen Typen. Diese Brücke ist offen zugänglich, sie hält allem stand, sie trägt und erträgt jeden Menschen, der sich auf sie einlässt. Wer sie geht, der betritt irgendwann Neuland. Aus der Gefangenschaft hin zu einem befreiten Leben. So sehr liebt Gott. So treu hält er zu den Menschen, die er mit aller Liebe geschaffen hat.

In dem Brief an Timotheus lesen wir weiter: »Sind wir untreu, so bleibt er treu; denn er kann sich selbst nicht verleugnen.« Gott bleibt souverän. Er bindet sich nicht an unsere Treue. Seine Treue zu uns gilt sogar, wenn wir uns von ihm abwenden, ihn »einen frommen Mann sein lassen«. Das bedeutet übrigens Vergebung. Und zwar nicht einfach »Schwamm drüber«. Sondern unabhängig zu sein von dem, was verletzt hat. Frei zu sein von dem, was weh tut. Gott schaut mit seinen Augen der Liebe auf uns statt unsere Fehler zu zählen. Und dann sieht er nicht das, was trennt, sondern das, was er in Liebe geschaffen hat: Dich und mich. Gott hat Sehnsucht nach uns. Er will mit uns in Gemeinschaft sein. Darum schickt er den Brückenbauer. So wird die Kluft zwischen Gott und Mensch, zwischen Leben und Tod überwunden. Wer diesem Jesus vertraut, kennt einen Ausweg aus der Verderbnis. Ein solcher erlebt Auferstehung und neues Leben. So wird es wahrhaft Ostern.

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