Das nahe Gebot

Predigt am 11. Oktober 2020 zu 5. Mose 30,11-14

Verfasser: Frank Busse

heute beginne ich die Predigt mit einem Text, den man so oder so ähnlich wohl nur sehr selten in einer Kirche zu hören bekommt. Bitte hören Sie aufmerksam zu. Anschließend habe ich dann zwei Fragen zu diesem Text.

§ 5 Volle Übertragung der Reinigungspflicht
(1) Innerhalb der geschlossenen Ortslage i.S.v. § 1 Abs. 1 wird die Reinigung der nicht im Straßenverzeichnis A aufgeführten öffentlichen Straßen den Eigentümern der angrenzenden Grundstücke auferlegt.
(2) Die Regelungen des Abs. 1 gelten auch für die Durchführung des Winterdienstes. Für die Fahrbahnen der Straßen des Straßenverzeichnisses B, das Bestandteil dieser Satzung ist, nimmt jedoch die Gemeinde Ilsede den Winterdienst wahr.
(3) Zu den Straßen i.S.d. Abs. 1 gehören die öffentlichen Straßen, Wege und Plätze einschl. der Fahrbahnen, Gehwege, Radwege, Gossen, Parkspuren, Grün-, Trenn- und Seitenstreifen ohne Rücksicht darauf, ob und wie sie befestigt sind. Dies gilt auch für nicht befahrbare Wohnwege.
(4) Im übrigen gelten die Regelungen des § 2 Abs. 1 S. 2, Abs. 3 S. 2, Abs. 4 und § 4 entsprechend.

Keine Sorge, das ist nicht der Predigttext für heute. Aber hier meine erste Frage: Haben sie / habt Ihr diesen Text verstanden?

Wahrscheinlich haben sie / habt Ihr mitbekommen, dass es hier um die Straßenreinigung in der Gemeinde Ilsede geht. Dieser Paragraf, den ich gerade vorgelesen habe, steht in unserer Straßenreinigungssatzung und legt fest, wer in Ilsede dazu verpflichtet ist, vor seinem Grundstück die Straße zu reinigen. Das gilt für fast alle Ilseder Grundbesitzer. Das heißt, dieser Text betrifft ganz unmittelbar einen großen Teil der heute Morgen hier Anwesenden. Aber um zu verstehen, ob man vor seinem Haus die Straße fegen muss, muss man auch die Paragrafen 1, 2 und 4 sowie die Anhänge A und B lesen. Dann kann man sich zusammensuchen, ob, und wenn ja welche, Reinigungspflichten man hat. Leicht verständlich ist das nicht. Und der Umfang der Reinigungspflicht wird nochmal in einer gesonderten Verordnung festgelegt.

Und nun meine zweite Frage: Wissen Sie / wisst Ihr, wo diese Satzung zu finden ist?

Nun, die Antwort lautet: im Amtsblatt Nr. 145/24 für den Landkreis Peine vom 30. Dezember 2015 – und, etwas versteckt, auf der Internet-Seite der Gemeinde Ilsede.

Warum erzähle ich das alles? Ich wollte ein Beispiel zeigen für ein Gesetz, dass viele Mitglieder unserer Gemeinde betrifft, das aber schwer zu verstehen und auch schwer zu finden ist. All das scheint mir bei der Straßenreinigungssatzung gegeben. Sie ist kompliziert geschrieben und nicht leicht aufzufinden.

Und damit komme ich zum Predigttext für den heutigen Sonntag. Ganz anders verhält es sich nämlich mit den Geboten, die Gott uns gegeben hat. Dazu hören wir im 5. Buch Moses, im 30. Kapitel, die Verse 11 – 14.

Gott spricht durch Moses zu den Israeliten:

11 Denn dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir.
12 Es ist nicht im Himmel, sodass du sagen müsstest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf, holt es herunter und verkündet es uns, damit wir es halten können?
13 Es ist auch nicht jenseits des Meeres, sodass du sagen müsstest: Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten können?
14 Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.

• Moses spricht zum letzten Mal zu den Israeliten

Diese Worte sagt Gott durch Moses zum Volk Israel! Was für eine Aussage: Seine Gebote sind ganz nah bei uns, leicht zu verstehen und von jedem leicht zu halten. Was für ein Gegensatz zu den von Menschen gemachten Gesetzen, wie zum Beispiel dem vom Beginn dieser Predigt!

Diese Worte spricht Moses zu den Israeliten kurz vor dem Ende der vierzigjährigen Wanderschaft nach dem Auszug aus Ägypten. Die Israeliten haben das Ostufer des Jordan im Land Moab erreicht. Sie müssen nur noch den Fluss überqueren, dann sind sie am Ziel.

Der Unglaube vieler Israeliten während ihrer Wanderung durch die Wüste hat zur Folge, dass die meisten Erwachsenen der Exodusgeneration nicht mehr am Leben sind. Und auch Moses weiß, dass er nicht mit seinem Volk ins Gelobte Land einziehen wird. Er ist mittlerweile sehr alt und hat nicht mehr lange zu leben. Ihm ist es nicht beschieden, den Jordan zu überqueren. Denn während der Wanderung, in Kadesch, hatte das Volk kein Wasser und Gott gab ihnen welches. Aber Moses behauptete, er sei es, der das Wasser aus einem Felsen hervorgebracht hat. Darauf verfügte Gott, dass Moses, und auch Aaron, nicht in das Land einziehen dürfen. (3, 23-29; 4. Moses 20, 10-13).

Moses nutzt die letzten Tage, die er mit den Israeliten zusammen ist, um diese neue Generation an die Gebote, die Gott Ihnen am Berg Sinai gegeben hat, zu erinnern. Er wiederholt und erklärt sie alle noch mal, ganz besonders auch die Zehn Gebote (5, 6-21), sozusagen den Kern des Gesetzes.

Außerdem zeigt er in zum Teil sehr bildhafter Sprache, wie gut es ihnen gehen wird, wenn sie die Gesetze befolgen werden und welche schlimmen Konsequenzen es haben wird, wenn sie das nicht tun werden. Und ganz am Schluss dieser langen Ausführungen sagt er die Worte unseres Predigttextes, die wohl eine Ermutigung an die Israeliten sein sollen: Gottes Wort ist nah, niemand muss es vom Himmel holen, niemand muss es vom anderen Ufer des Ozeans herbringen, es ist in unserem Mund und unserem Herzen. Es ist leicht zu erfüllen.

• Der Kern des Gesetzes

Ich kann mir vorstellen, dass die Zuhörer des Moses so eine Aufmunterung gebraucht haben. Auf den ersten Blick sind die Gebote Gottes an sein Volk umfangreich und teilweise schwer verständlich. Fleißige Menschen haben die Gesetze, die Gott seinem Volk gegeben hat, nachgezählt. Sie sind auf 613 gekommen. Das klingt ja nicht so übersichtlich. Wohl auch deshalb betont Moses die Zehn Gebote so deutlich. Das macht es schon etwas einfacher.

Wir sind in einer besseren Lage. Wir können auf Jesus Christus hören und uns vom ihm das Gesetz erklären lassen. In der Evangelien-Lesung vorhin haben wir es gehört. Auf die Frage, was getan werden muss, um ins Himmelreich zu kommen, antwortet Jesus: „Du kennst die Gebote: Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren“.

Das sind sechs der zehn Gebote. Jesus erweitert sie dann noch um die Regel, dass der Reiche seinen Reichtum an die Armen geben möge.

Und an anderer Stelle antwortet Jesus auf die Frage nach dem höchsten Gebot mit dem berühmten Doppelgebot der Liebe: „Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft« . Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«. Es ist kein anderes Gebot größer als diese.“ (Markus 12, 29 – 31)

Wir sollen Gott und unseren Nächsten über alles lieben. Das ist nah bei uns, das können wir halten. Wenn wir unseren Nächsten lieben wie uns selbst, dann wollen wir nicht, dass er im Winter vor unserer Haustür ausrutscht und sich dabei möglicherweise verletzt. Dann räumen wir den Schnee zur Seite und streuen Sand, damit der Weg sicher ist. Da ist es völlig egal, wie schwer verständlich die entsprechende Satzung ist. Es spielt keine Rolle, was da genau festgelegt ist: Wann und wie und in welchem Umfang wir die Straße reinigen müssen. Der Weg vor unserem Haus soll sicher sein für unsere Mitmenschen und wir tun, was dafür nötig ist.

Auch die Corona-Krise wäre leichter zu bewältigen, wenn alle das Gebot der Nächstenliebe befolgen würden. Wenn jeder wollen würde, dass sein Nächster gesund bleibt, dann wäre es selbstverständlich Maske zu tragen, Abstand zu halten oder Menschenansammlungen in geschlossenen Räumen zu meiden. Dann wäre Diskussionen um Höchstgrenzen für Party-Teilnehmer und ob ein Meter fünfzig oder zwei Meter der Mindestabstand sein soll, überflüssig. Es wird einfach getan, was getan werden muss, damit man niemanden ansteckt, sollte man unerkannt am Corona-Virus erkrankt sein.

• Gott ist ansprechbar

Aber natürlich ist es nicht immer so einfach. Schon Jesus‘ Forderung an den Reichen, seinen Reichtum an die Armen zu verschenken, war für ihn und ist für die meisten nicht so leicht umzusetzen. Und niemand kann alle seine Mitmenschen rund um die Uhr liebhaben. Dazu ist das Leben, und sind oft auch die Mitmenschen selbst, zu anstrengend. Jesus Antwort darauf ist, dass es bei den Menschen unmöglich sei, aber nicht bei Gott. Das weist uns auf den anderen, den ersten Punkt des Doppelgebotes der Liebe, hin. Die unbedingte Liebe zu Gott. Wenn wir Gott lieben, dann ist er uns nah. So wie es im Predigttext heißt: Sein Wort, das heißt er selbst, ist weder fern im Himmel noch auf der anderen Seite des Meeres, sondern er ist in unserem Mund und in unserem Herzen.

Gott sagt damit durch Moses: „du musst nicht erst eine lange Reise an die äußersten Grenzen der Welt machen, um da vielleicht etwas über mich zu erfahren. Nein, ich bin dir ganz nahe an dem vertrauten Ort, wo du bist, werde ich dir begegnen durch mein Wort, das du lesen und hören kannst und das dann in deinem Herzen lebendig wird.“

Wenn wir Gott lieben, dann ist er in unserem Herzen. Dann können wir mit ihm kommunizieren und dann kann er uns helfen, seine Gebote zu verstehen und zu halten und die richtigen Entscheidungen zu treffen.

• Gott will, dass es seiner Schöpfung gut geht

Die Zehn Gebote plus das Doppelgebot der Liebe, das ist der Kern von Gottes Gebot an sein Volk. Das ist die Essenz von Moses langer Rede an die Israeliten vor dem Einzug in das Gelobte Land. Im Grunde sind es Selbstverständlichkeiten. Deshalb kann Moses sagen, diese Gesetze sind nahe bei uns, leicht zu verstehen und leicht einzuhalten.

Diese Gebote dienen dazu, dass es den Menschen gut geht. Wenn sie befolgt werden, dann gibt es keine Diebstähle, keine Morde, keinen Streit unter Nachbarn, keine betrogenen Partner, keine Shitstorms, Fakenews oder alternative Fakten. Kein Mobbing auf dem Schulhof oder am Arbeitsplatz. Keine einsamen Alten, um die sich niemand kümmert. Niemanden, der hungern muss, obdachlos ist oder keinen Zugang zu Bildung hat. Und jeden siebten Tag einen Tag der Ruhe für alle.

Durch die Liebe zu Gott ist uns das ganz nah. Gottes Wort ist dann nahe bei uns und in unseren Mündern und Herzen. Wir müssen es nur tun, dann wird alles gut. Aber wir wissen aus dem Alten Testament, dass die Israeliten permanent daran gescheitert sind. Und ein Blick in unsere Welt zeigt, dass wir auch heute meilenweit entfernt sind von der guten Welt, die Gott sich für seine Geschöpfe wünscht und die er mit seinen Geboten festgeschrieben hat.

Uns bleibt da nur die Einhaltung der Gebote immer wieder aufs Neue zu versuchen und Gottes Nähe, den Kontakt zu seinem Wort zu suchen. Wir sind fehlbar, aber wir können Trost finden und Hoffnung schöpfen aus dem Jesus-Wort der heutigen Lesung: „Bei den Menschen ist’s unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.“ (Mk 10, 27)

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