Geist und Weisheit auch für Orga-Fragen

Predigt am 6. September 2020 zu Apostelgeschichte 6,1-7

Verfasser: Frank Busse

Auch eine christliche Gemeinde muss organisiert werden. Wenn alles rund läuft, merkt man das vielleicht nicht so. Aber in Ausnahmesituationen, so wie jetzt bei uns, zu Beginn einer möglicherweise langen Vakanzzeit, wird offensichtlich, was alles geplant und geregelt sein muss.

Das gilt natürlich für jede Gemeinschaft, in der sich Menschen zu einem bestimmten Zweck zusammenfinden. Das galt schon für die erste Gemeinde in Jerusalem. Auch die hatte schon bald nach ihrer Gründung mit einem, zumindest vordergründig, rein organisatorischen Problem zu tun. Darum geht es im heutigen Predigttext, den wir in der Apostelgeschichte finden. Hier können wir lernen, wie man Probleme im Gemeindeleben löst zum Wohl der Gemeinde.

1 In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.
2 Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen. 3 Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind, die wollen wir bestellen zu diesem Dienst. 4 Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.
5 Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochia. 6 Diese stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten ihnen die Hände auf.
7 Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.
Die Situation der Gemeinde

Diese Geschichte spielt ganz zu Beginn der Apostelgeschichte, ganz am Anfang der Geschichte unserer Christenheit, kurz nachdem der Heilige Geist im Pfingstwunder den Jüngern erschienen ist.

Die junge Gemeinde wächst und alles scheint ganz harmonisch zu sein. So heißt es im 2. Kapitel der Apostelgeschichte, in den Versen 44 bis 46:

44 Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. 45 Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte. 46 Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen.

Das hört sich doch an, als lebten die ersten Christen ganz so, wie Mose es vorhin in der alttestamentlichen Lesung von den Israeliten gefordert hat – so als wäre alles Friede, Freude, Eierkuchen.

Dem ist aber nicht so! Von außen ist die junge Gemeinde bedroht. Das jüdische Establishment beobachtet sie mit Argusaugen. Immer wieder werden die Apostel verhaftet und misshandelt. Nur weil der Hohe Rat nicht so recht weiß, was er ihnen vorwerfen soll und weil er Angst vor dem Volk hat, bei dem die Anhänger Jesu beliebt sind, bleiben ernsthafte Konsequenzen zunächst aus (4.21).

Und auch innerhalb der jungen Gemeinde gibt es erste Konflikte. „Es erhob sich ein Murren“ heißt es in unserem Predigttext. Worum geht es? Die Versorgung der Bedürftigen in der Gemeinde klemmt. Einige der Witwen werden bei der täglichen Versorgung übersehen. Das ist schlimm.

Eine neue Familie

Denn in dieser Zeit waren Witwen darauf angewiesen, dass ihre Familien sie versorgten. Aber wir müssen davon ausgehen, dass viele Menschen, die sich der Jesus-Bewegung angeschlossen haben, dies als Familienverbund getan haben. Damals waren die Menschen ja in Großfamilien organisiert und was das Oberhaupt der Familie sagte, das wurde gemacht. Und wenn der Christ werden wollte, dann mussten alle mitmachen. Und im Fall, dass sich jemand gegen seine Familie für Jesus entschied, dann hatte er wohl mit seiner Familie gebrochen.

In beiden Fällen müssen wir davon ausgehen, dass die Mitglieder der Gemeinde keine Familie außerhalb der Gemeinde mehr hatten. Die Gemeinde war jetzt die Familie. Und wenn dann jemand verwitwet war, dann muss eben diese neue Familie für sie sorgen. Das sollte ja auch so sein. Die Mitglieder der Urgemeinde teilten alles, was sie hatten.

Organisationsprobleme gibt es überall

Aber nun wird eine Gruppe übersehen. Die griechischen Witwen bekommen bei der täglichen Versorgung nichts ab. Das geschieht wahrscheinlich gar nicht aus böser Absicht. Die Apostel sind einfach überfordert damit, in der schnell wachsenden Gemeinde die Versorgung aller Bedürftigen sicherzustellen.

Schon Moses hatte solche Probleme. Als er die Israeliten durch die Wüste führte, kam es zu einem Punkt, an dem er von morgens bis abends nur noch mit Rechtsprechung beschäftigt war. Sein Schwiegervater, Jitro, gab ihm den Rat, sich Helfer zu suchen für seine Führungsaufgaben. Das tat Moses auch und setzte sie als Leiter über Gruppen von jeweils tausend, hundert, fünfzig und zehn Leuten ein (2. Mose 18). Moses selber kümmerte sich danach nur noch um die großen wichtigen Angelegenheiten. So hatte er den Kopf frei, seinem Volk Gottes Wort zu übermitteln und es zum Gelobten Land zu führen.

Bei jeder schnell wachsenden Organisation kann man dieses Muster beobachten. Am Anfang machen die Gründer alles selbst, aber bald geht das nicht mehr, es wird einfach zu viel. Dann müssen Aufgaben delegiert und Strukturen geschaffen werden. Es spielt keine Rolle, ob es sich dabei um eine Firma, einen Verein oder eben um eine Kirche handelt. Und wenn das nicht gelingt, dann wird diese Organisation schnell wieder verschwinden.

Auch für Staatswesen gilt, dass sie vernünftige Strukturen brauchen. Wenn das nicht der Fall ist, dann spricht man von Failed States, also gescheiterten Staaten. Das sind Staaten, die in ihrem Territorium nicht mehr für Frieden und Gerechtigkeit sorgen können, weil die dafür nötigen Menschen und Strukturen nicht oder nicht mehr da sind. Beispiele dafür wären Syrien, der Kongo oder Somalia.
Das führt uns jetzt vielleicht etwas weit von unserem Predigttext weg. Aber ich erwähne das, weil wir an Failed States gut sehen können, wer die Leidtragenden sind, wenn der Staat nicht mehr für seine Bürger sorgen kann. Es sind immer die Armen und Unterprivilegierten. Wenn der Staat nicht für Gerechtigkeit sorgt, setzt sich sofort das Recht des Stärkeren durch und die Schwachen müssen leiden.

Ein Riss geht durch die neue Familie

Und was passiert in der Urgemeinde, als die Apostel die tägliche Versorgung nicht mehr stemmen können? Zuerst spüren das die schwächsten Mitglieder der Gemeinde – die griechischen Witwen. Sie werden übersehen. So ist das immer. Wenn irgendwo die Dinge anfangen schief zu laufen, trifft es zuerst die Schwächsten, diejenigen, die sich nicht wehren können und die keine Stimme haben.

Es scheint hier ein Riss durch die Familie der Urgemeinde zu gehen. Die Apostel sind einfache Menschen und sie sprechen die Sprache Jesu: Aramäisch. Und ein großer Teil der Urgemeinde spricht wohl ebenfalls aramäisch. Aber es gibt auch einen bedeutenden Teil, der griechisch spricht. Das müssen nicht zwingend Griechen gewesen sein, sondern Leute aus anderen Teilen der Welt, die irgendwie nach Jerusalem gekommen sind und dort den Weg zu den Jesus-Leuten gefunden haben. Sie verständigen sich auf Griechisch, das zu dieser Zeit die Lingua Franca im östlichen Mittelmeerraum ist – so wie man sich heutzutage fast überall auf der Welt mit einfachen Englischkenntnissen verständigen kann.

Diese Sprachbarriere – und vielleicht auch die Tatsache, dass es die Fremden sind, die, die nicht aus Judäa oder Galiläa stammen – führt dazu, dass sie nicht wahrgenommen werden und von den überforderten Aposteln übersehen werden. Hier lauert eine große Gefahr, dass sich die Gemeinde bereits früh entlang sprachlicher und ethnischer Grenzen spaltet.

Die Lösung

Zum Glück erkennen die Apostel aber rechtzeitig, dass es hier ein Problem gibt. Die Gemeinde ist gar nicht darauf eingestellt, eine größere Menge Bedürftiger, noch dazu von unterschiedlicher Herkunft und durch Sprachbarrieren getrennt, zu versorgen. Und so rufen sie die Gemeinde zusammen, und präsentieren einen Lösungsvorschlag. Die Apostel machen einen ersten Schritt weg von einer Menge Gleichgesinnter unter ihrer Leitung – hin zu einer ausdifferenzierten Organisation. Die Apostel wollen in Zukunft nur noch für die Lehre von Gottes Wort, für die Verkündigung von Jesu Froher Botschaft zuständig sein. Für den „Dienst zu Tische“, für die tägliche Versorgung der Bedürftigen, sollen andere Personen bestimmt werden.

Und sie beziehen die gesamte Gemeinde mit ein, indem sie sie auffordern, sieben Männer aus ihrer Mitte zu diesem Tischdienst zu bestimmen. Sie wählen aus: „Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochia“ – als Helfer, oder wie es auf Griechisch heißt: Diakone, für die Armenversorgung. Lauter Menschen mit griechisch klingenden Namen. So wird aus der aramäisch-sprechenden Leitung durch die Apostel eine aramäisch-griechische Leitungsebene aus Aposteln und Diakonen. Dies ist eine weise Entscheidung. Nun sind in der Leitung beide Gruppen, die Hebräer und die Griechen, vertreten.

Unsere Welt wäre bestimmt eine bessere, wenn in der Politik, in der Wirtschaft und auch in der Kirche, möglichst alle Mitgliedergruppen in allen Führungsgremien dieser Organisationen vertreten wären.

So haben die Apostel unter Einbeziehung der gesamten Gemeinde das Problem der Versorgung der griechischen Witwen gelöst. Durch die kluge Entscheidung der Gemeindeversammlung wurden auch die aufkommenden Spannungen zwischen Einheimischen und Zugereisten für die nächste Zukunft gelöst. Sie haben gezeigt, wie man einen Konflikt im Vorfeld entschärft, ohne dass es zu bitteren Auseinandersetzungen zwischen sich mehr und mehr verfeindenden Gruppen, Dörfern, Volksangehörigen oder gar Ethnien kommen muss.

Wie erfolgreich dieser Lösungsansatz war, sagt uns der letzte Satz dieses Textes: „Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.“

Organisationsfragen als geistige Fragen

Die Gemeinde hat ihr Problem gelöst. Damit erhöht sie ihre Attraktivität und gewinnt viele weitere Mitglieder. Der Autor der Apostelgeschichte, Lukas, erwähnt dabei ganz explizit, dass auch viele Priester zum Glauben an Jesus Christus gefunden haben. Warum ist das so?

Die Gemeinde hat nicht nur ein konkretes Problem bei einer ganz konkreten Aufgabe gelöst, nämlich das Übersehen der griechischen Witwen bei der täglichen Versorgung. Sie hat uns hier vorgeführt, dass Organisationsfragen auch immer geistliche Fragen sind. Die Ausstrahlung der Gemeinde hängt nicht nur von der reibungslosen Versorgung der Mitglieder ab, sondern noch viel mehr von ihrer geistlichen Stärke. Dadurch, dass die Apostel sich auf den Dienst am Wort Gottes konzentrieren und andere Aufgabe, die zwar genau so wichtig sind, sie aber von Verkündigung und Gebet abhalten würden, an andere Gemeindemitglieder abgeben, stärken sie Gottes Stimme innerhalb der Gemeinde und dessen Wirkung nach draußen.

Und auch die Anforderungen an die Diakone zielen auf eine geistliche Stärkung der Gemeinde. Nicht praktische Fertigkeiten oder Organisationtalent sind zuerst gefordert, sondern es werden Freiwillige gesucht, die vor allem „einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind“. Nur wer seinen Dienst voll mit Geist und Weisheit versieht, versieht seinen Dienst im Sinne von Jesus Christus‘ Froher Botschaft.

Diese Mischung: die Urgemeinde als eine Familie, die füreinander einsteht; die Apostel, die sich auf Verkündigung und Gebet konzentrieren; und Helfer, die ihren Dienst voll Geist und mit Weisheit versehen, sie machte die Urgemeinde stark. So wurde sie attraktiv für viele, gerade auch für Priester.

Schluss

Ich glaube, daraus können auch wir etwas lernen für die aktuellen Probleme unsere Gemeinde, über die ich eingangs sprach. Es reicht nicht aus, dafür zu sorgen, dass der Betrieb in der Gemeinde so reibungslos wie möglich weiter läuft. Der Kirchenvorstand und Pastorin Schmager werden sicher alles tun, was in ihren Kräften steht, um das zu ermöglichen. Aber wenn sich unsere Gemeinde weiterentwickeln soll, brauchen wir die Kraft des Heiligen Geistes bei allen, die in der Gemeinde mitwirken oder Verantwortung tragen. Bitte betet dafür!

Wir alle müssen uns auf unseren geistlichen Kern besinnen. Das Wort Gottes und seine Verkündigung muss im Zentrum von unser aller Denken und Handeln stehen. Dann können wir darauf hoffen, dass unser Herr Jesus Christus für eine gute Zukunft unserer Gemeinde sorgt.

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