Nikolaus – ein authentischer Nachfolger Jesu

Predigt am 6. Dezember 2020 (2. Advent und Nikolaustag) zu Jesaja 61,1-2.10

Verfasser: Frank Busse

Der heutige Predigttext steht im Buch des Propheten Jesaja. Die Juden sind aus dem Babylonischen Exil zurückgekehrt nach Judäa. Der Prophet will seine Vision der kommenden Erlösung verkünden. Dazu beschreibt er sich wie folgt im Buch Jesaja im 61. Kapitel, Verse 1-2.10:

„1 Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir, weil der HERR mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; 2  zu verkündigen ein gnädiges Jahr des HERRN und einen Tag der Rache unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden …
10 Ich freue mich im HERRN, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt.“

• Eins

Der Prophet macht also bekannt, dass er eine frohe Botschaft zu verkünden hat. Die zerbrochenen Herzen werden verbunden werden, die Gefangenen werden frei sein, Gerechtigkeit wird hergestellt werden und die Trauernden werden getröstet werden.

Um seinen Worten Autorität zu verleihen, gibt er an, dass der Geist des HERRN auf ihm sei, da der HERR ihn gesalbt habe. Und es geht ihm gut dabei, er ist fröhlich, denn der HERR hat ihn mit den Kleidern des Heils und dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet. Er fühlt sich damit so gut angezogen, wie eine Braut oder ein Bräutigam am Hochzeitstag.

Das sind große hoffnungsvolle Worte. Bei seiner ersten Predigt in Nazareth, ungefähr 500 Jahre später, wird Jesus genau diese Stelle aus dem Buch Jesaja zitieren. So spricht Jesus im 4. Kapitel des Lukas-Evangeliums:

„18 Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat und gesandt, zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit 19 und zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn“.

Ungefähr 500 Jahre liegen zwischen diesen beiden Aussagen und inzwischen sind weitere 2000 Jahre vergangen. Und noch immer gibt es in der Welt unendlich viel Not, Gewalt und Ungerechtigkeit. Warum ist das so? Wie lange sollen wir noch warten, dass es endlich besser wird?

Vielleicht liegt dieser Frage ein Gedankenfehler zugrunde. Ist die Annahme denn richtig, dass eines Tages Jesus zurückkommt und dann wird wie von selbst alles gut? Wohl nicht, wir dürfen nicht annehmen, eines Tages wird Gottes Reich einfach so kommen. Gott allein macht das nicht für uns. Er vertraut immer wieder auf Menschen, ihm helfen sollen, sein Reich zu verwirklichen. Menschen sollen anderen Menschen in ihrer Not helfen, Menschen sollen die Trauernden trösten und Menschen sollen sich für Frieden und Gerechtigkeit in dieser Welt einsetzen.

Um zu zeigen, wie das geht, hat er die Propheten geschickt. Und als das nichts genützt hat, sandte er seinen Sohn, unsern Herrn Jesus Christus. Er hat der Welt gezeigt, wie ein ganz gerechtes und freies Leben aussieht – bis zur letzten Konsequenz.

Es ist unsere Aufgabe als Christen, Jesus auf diesem Weg nachzufolgen. Unsere Aufgabe ist es, dass zu tun, was wir mit unseren Kräften tun können, um dem Reich Gottes näher zu kommen – wie zum Beispiel, sich heute hier zum Gottesdienst und zum Gebet zu versammeln. Oder sich zu engagieren für eine bessere und gerechtere Welt, in der eigenen Familie, in der Kirche, im Verein, in der Nachbarschaft, in der Feuerwehr oder auch in der Politik. Dabei können wir nur unvollkommen sein. Aber es gibt Beispiele in der Geschichte der Christenheit von Menschen, denen das recht gut gelungen ist.

• Zwei

Ein herausragendes Beispiel dafür ist der Namensgeber unserer Kirche, der Heilige Nikolaus – Nikolaus, der Bischof von Myra – der Mann, dessen Namenstag wir heute feiern, und damit irgendwie auch den Namenstag unserer Gemeinde. Als evangelische Christen rufen wir zwar die Heiligen nicht an, wenn wir in Not sind und Hilfe brauchen. Aber als Vorbilder für die Nachfolge Jesu können sie auch für uns sehr hilfreich sein.

Wir wissen nur sehr wenig über das Leben des Heiligen Nikolaus, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass er tatsächlich gelebt hat. Er war Bischof der kleinasiatischen Stadt Myra, etwa um 320, 340 nach Christus. Und er muss ein sehr guter und vorbildlicher Bischof gewesen sein. Denn an viele seiner Taten erinnern wir uns noch heute. Auch wenn sie durch die Jahrhunderte ins Legendenhafte überhöht worden sind, geben sie uns doch eine Ahnung von einem Mann, der der Beschreibung, die der Prophet im Predigttext von sich gab, sehr nahe kommt. Er war wohl jemand „der den Geist Gottes des HERRN auf sich hatte, weil der HERR ihn gesalbt hat“, ein Mann „der mit den Kleidern des Heils angezogen und mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet war“.

Die wahrscheinlich bekannteste Legende über ihn ist die sogenannte Mitgiftspende:
Ein verarmter Mann beabsichtigte, seine drei Töchter zu Prostituierten zu machen, weil er sie mangels Mitgift nicht standesgemäß verheiraten konnte. Nikolaus, noch nicht Bischof und Erbe eines größeren Vermögens, erfuhr von der Notlage und warf in drei aufeinander folgenden Nächten je einen großen Goldklumpen durch das Fenster des Zimmers der drei Jungfrauen. In der dritten Nacht gelang es dem Vater, Nikolaus zu entdecken, ihn nach seinem Namen zu fragen und ihm dafür zu danken. Aufgrund dieser Legende ist es bis heute üblich, in der Nacht auf den 6. Dezember seinen Liebsten kleine Geschenke in die bereitgestellten Schuhe zu legen.

Oder das sogenannte Kornwunder:
Während einer großen Hungersnot erfuhr der Bischof von Myra, dass ein Schiff im Hafen vor Anker lag, das Getreide für den Kaiser in Byzanz geladen hatte. Er bat die Seeleute, einen Teil des Kornes auszuladen, um in der Not zu helfen. Sie wiesen die Bitte zuerst zurück, da das Korn genau abgewogen beim Kaiser abgeliefert werden müsse. Erst als Nikolaus ihnen versprach, dass sie für ihr Entgegenkommen keinen Schaden nehmen würden, stimmten sie zu. Als sie in der Hauptstadt ankamen, stellten sie verwundert fest, dass sich das Gewicht der Ladung trotz der entnommenen Menge nicht verändert hatte. Das in Myra entnommene Korn aber reichte volle zwei Jahre und darüber hinaus noch für die Aussaat.

Und als letztes Beispiel vielleicht noch die Rettung der unschuldig Verurteilten:
Nikolaus lernte drei oströmische Feldherren kennen, die er zu sich nach Myra einlud. Sie wurden Zeugen, wie der Bischof drei unschuldig zum Tod Verurteilte vor der Hinrichtung bewahrte, indem er dem Scharfrichter das Schwert aus der Hand riss. Zurück in Byzanz wurden die drei Feldherren Opfer einer Intrige und selbst zum Tod verurteilt. Im Kerker erbaten sie die Hilfe des heiligen Nikolaus, der daraufhin dem Kaiser und dem Intriganten im Traum erschien. Zutiefst erschrocken veranlasste der Kaiser die unverzügliche Freilassung der drei Feldherren.

Nikolaus hat also einen beträchtlichen Teil seines Erbes verschenkt, um drei junge Mädchen vor der Prostitution zu bewahren Er hat eine Hungersnot in Myra verhindert und er hat Unschuldige vor Gefängnis und Tod bewahrt. Und es gibt noch mehr solche Legenden über den Mann. Man kann wohl sagen, dass ist nahe dran am Prophetenwort aus unserem Predigttext:

„Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; zu verkündigen ein gnädiges Jahr des HERRN und einen Tag der Rache unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden“.
• Drei

Nikolaus von Myra war ein leuchtendes Vorbild für jeden, der sich ernsthaft bemüht, in der Nachfolge Jesu Christi zu leben. Umso erstaunlicher, und auch umso trauriger ist es, ihn mit dem Bild zu vergleichen, das die Welt heute von ihm hat. In den letzten Jahrhunderten mutierte dieser großartige Mann vom vorbildlichen Bischof zum Weihnachtsmann, wie wir ihn heute kennen – einer von der Marketing-Abteilung des Coca-Cola-Konzerns gestalteten Werbefigur!

Weil er einen Teil seines Erbes an die drei Töchter des armen Mannes verschenkte, wurde es Brauch, an seinem Gedenktag, am 6. Dezember, kleine Geschenke zu verteilen. Martin Luther lehnte jedoch die Heiligenverehrung, und damit auch die Verehrung des heiligen Nikolaus ab. Daher verlegte er im 16. Jahrhundert die Beschenkung auf das Weihnachtsfest und ersetzte den Nikolaus durch den „heiligen Christ“.

Aber irgendwie ist der Nikolaus als der Überbringer der Geschenke erhalten geblieben und degenerierte über die Jahrhunderte zum Weihnachtsmann. Dabei wurde er von allen seinen christlichen Wurzeln abgeschnitten. Aus dem beeindruckenden Mann, dessen Widerhall wir über die Jahrhunderte immer noch spüren können, wurde ein gemütlicher rundlicher Onkel mit weißem Bart. Aus dem Bischofsgewand wurde ein roter Mantel und aus der Mitra eine rote Zipfelmütze. Er ist nur noch ein banales Symbol für den Weihnachtskonsum und eigentlich nur noch lächerlich. In der Banalisierung des Nikolaus spiegelt sich die Verleugnung des christlichen Erbes in Europa und in der westlichen Welt wider. Dabei ist es doch so: Wer noch „an den Weihnachtsmann glaubt“, ist entweder noch sehr jung oder eine Witzfigur.

Das heißt natürlich nicht, dass wir an Weihnachten nicht die, die wir liebhaben und die uns nahestehen, beschenken sollen. Und sollten wir selbst beschenkt werden, so dürfen wir uns auch darüber freuen. Nur sollen wir dabei nicht die vergessen, die vielleicht keine Geschenke bekommen und sie doch viel dringender brauchen als wir.

Der heilige Nikolaus lehrt uns eine andere Art des Schenkens als die sinnbefreite Konsumfeier, zu der unser Weihnachtsfest mehr und mehr verkommt. Er gibt etwas, um den armen Mann und seine drei Töchter aus einer echten Notlage zu befreien. Und er will dabei unerkannt bleiben. Ganz so wie wir es vorhin von Jesus in der Lesung gehört haben: „Wenn du nun Almosen gibst, sollst du es nicht vor dir ausposaunen, wie es die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen“. Auch hier zeigt sich, wie sehr Nikolaus in der Nachfolge Jesu lebte.

Wenn wir heute die Kollekte für „Brot für die Welt“ einsammeln, dann geschieht das ganz sicher auch im Geist des Nikolaus von Myra.

• Ende

Der Heilige Nikolaus war ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie Jesajas Worte und Jesu Leben in anderen Menschen wirken. Das Wunder von der Auferstehung Jesu setzt sich fort, indem Jesus sich in anderen Menschen widerspiegelt und darin, dass wir solchen Menschen begegnen können – Menschen, „auf den der Geist Gottes des HERRN ist, weil der HERR sie gesalbt hat“. Jesus ist keine Vergangenheit und auch kein unerfülltes Versprechen auf die Zukunft. Er erscheint immer wieder in der Gegenwart, aber ganz persönlich gefärbt durch die Individualität der Menschen, die an ihn glauben.

Es gibt ja immer wieder Menschen, die eine starke Berufung durch Jesus erlebt haben. Mutter Theresa, Martin Luther King oder Dietrich Bonhoeffer wären Beispiele dafür aus der jüngeren Vergangenheit, sozusagen Heilige unserer Tage. Vielleicht werden Ihre Geschichten ähnlich lange im Gedächtnis der Menschheit bleiben wie die Geschichten des Heiligen Nikolaus. Das Leben und Sterben und die Auferstehung Jesu Christi waren kein einmaliger Glücksfall in der Geschichte, sondern sie wirken seitdem unter uns Christen. Wir können damit in Berührung kommen, in welcher Form auch immer.

Der Prophet Jesaja hat es angekündigt, durch Jesus ist es wahr geworden und durch Menschen wie den Heiligen Nikolaus und viele andere lebt es weiter. Sein Vorbild soll auch in unseren Leben einen Widerhall finden, so dass auch wir unseren, wenn auch noch so bescheidenen Teil, zum Reich Gottes hier auf Erden beitragen können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wir möchten hier nur Beiträge von echten Menschen haben, nicht von Robots. Zur Abwehr von Kommentar-Spam beantworte deshalb bitte die folgende Frage: