Zwei, die einander brauchen

Predigt am 23. August 2020 zu Lukas 18,9-14

Verfasser: Frank Busse

9 Er (Jesus) sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis:
10 Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.
11 Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner.
12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.
13 Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!
14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.
• Ein frommer und ein gottloser Mensch

So wie wir uns hier und jetzt zum Gottesdienst versammelt haben, so kommen in diesem Gleichnis zwei Männer in den Tempel. So wie wir suchen sie Gottes Nähe und gehen deshalb in den Tempel in Jerusalem, den heiligsten Ort der Juden, um dort zu beten. Nur zufällig sind sie dort zur gleichen Zeit. Denn in ihrem Alltagsleben hatten sie wohl so gut wie gar nichts gemeinsam.

Der eine ist ein Pharisäer. Für uns heute ist der Begriff „Pharisäer“ ja gleichbedeutend mit „Scheinheiliger“ oder „Heuchler“. Dass das so ist, das liegt durchaus auch an diesem Gleichnis. Aber die Pharisäer waren keine schlechten Menschen. Im Gegenteil, sie waren fromme Juden, die ernsthaft nach einem gottgefälligen Leben strebten. Dazu verpflichteten sie sich, das Gesetz und die Überlieferungen der Väter in Ehren zu halten, ganz besonders die Vorschriften über den Zehnten und die Reinheitsgebote.

So auch unser Pharisäer: Er gibt den Zehnten Teil seines Einkommens für die Armen und für den Tempel, und das obwohl er zusätzlich auch an die Römer hohe Abgaben zahlen muss. Er fastet zweimal in der Woche, weil ihm die Nähe Gott wichtiger ist als ein voller Magen. Und er hält sich an die Zehn Gebote und an die anderen Vorschriften des Gesetzes. Fasten und den Zehnten geben – das sind keine Kleinigkeiten. Wo es um den Magen und um den Geldbeutel geht, da zeigt sich, was einem Menschen wichtig ist, woran sein Herz hängt. Wir können also davon ausgehen, dass er als ein frommer und gerechter Mann galt und ein angesehenes Mitglied seiner Gemeinde war.

In unserer Welt kann sich niemand mehr Ansehen verschaffen, dadurch, dass er ein besonders frommes Leben führt. Aber es gibt Berufsgruppen, die sich eines hohen Ansehens erfreuen: zum Beispiel Pflegekräfte, Feuerwehrleute und Ärzte. Das Ansehen unseres Pharisäers ist vielleicht vergleichbar mit dem der heutigen Pflegekräfte, die in unseren Krankenhäusern und Pflegeheimen – jetzt in der Corona-Pandemie noch mehr als sonst – für wenig Geld sehr viel leisten müssen.

Ganz anders der Zöllner. Er ist ein Scherge der römischen Besatzungsmacht. Er treibt die Abgaben für die römischen Besatzer ein und stellt sich so auf die Seite der Unterdrücker. Ohne Rücksicht nimmt er von jedem, was das Imperium fordert. Und wir können davon ausgehen, dass er mehr nimmt, als die Römer verlangen, denn er muss ja auch leben. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass er sich sogar schamlos bereichert. Es spielt keine Rolle, ob die von ihm ausgeplünderten Landsleute am Ende noch genug für sich und ihre Familien haben. Die Zöllner waren aus diesem Grund sehr verhasst und galten wegen ihres regelmäßigen Kontakts zu den Römern als unrein.

Verglichen mit den Zöllnern des römischen Imperiums sind unsere Finanzämter ja ziemlich human. Aber auch bei uns gibt es Leute, die sich auf Kosten andere bereichern und dabei keine Skrupel kennen. Jeder, der bis vor kurzem in einer deutschen Großstadt eine Wohnung mieten wollte, konnte das kaum tun, ohne dafür viel Geld an einen Immobilienmakler zu bezahlen. Diese Branche hatte einen Weg gefunden, sich an der allgemeinen Wohnungsnot zu bereichern. Wer einmal eine hohe Maklerrechnung für praktisch keine Leistung bezahlen musste, kann vielleicht – zumindest im Ansatz – nachempfinden, welche Gefühle die Zeitgenossen Jesu gegenüber den Zöllnern gehabt haben müssen.

Diese beiden treffen nun im Tempel aufeinander – ein frommer angesehener Mann und ein verhasster Büttel der Besatzungsmacht. Eines haben sie immerhin gemeinsam. Sie suchen im Gebet den Kontakt mit Gott. Und Jesus erzählt die Geschichte so, dass der verhasste Zöllner Rechtfertigung erfährt und der fromme Pharisäer nicht. Auf Jesus Zeitgenossen muss das äußerst schockierend gewirkt haben. So als würde der gierige Immobilienhai gerechtfertigt, aber die Altenpflegerin, die sich in einer Pflegeeinrichtung aufopferungsvoll um ihre Patienten kümmert, nicht.

• Kontakt zu Gott finden

Warum ist das so? Wieso besteht der, der alles tut, ein frommes Leben zu führen, nicht vor Gott? Stattdessen aber der rücksichtslose Knecht der Ausbeuter? Es liegt vielleicht an der Art, wie die beiden sich an Gott wenden.

Der Pharisäer betet: „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.“ Er dankt dafür, dass er besser ist als viele andere Leute. Dabei fällt sein Blick auf den Zöllner, der etwas abseits steht und er sieht sich bestätigt, dass er ein viel besserer Mensch ist als dieser. Und dann lobt er sich dafür, dass er den Zehnten gibt von all seinen Einnahmen und dass er zweimal pro Woche fastet. Auffällig ist zunächst, dass beide Sätze dieses Gebets mit dem Wort „Ich“ beginnen. Das ist nicht unbedingt ein guter Einstieg in ein Gespräch. Wir alle haben bestimmt schon mal die Erfahrung gemacht, wie wenig Spaß es macht, sich mit jemandem zu unterhalten, der nur von sich spricht; davon was er – oder sie- alles kann, alles macht und alles hat und sich überhaupt nicht dafür interessiert, was man selbst vielleicht zu sagen hätte. Und so macht es dieses Gebet auch schwer, Kontakt zu Gott zu finden. Dazu kommt dann noch, dass der Pharisäer sich nur im Vergleich zu anderen definiert. Gott ist nahe, aber der Pharisäer in seiner Ich-Bezogenheit und seiner kleinlichen Abgrenzung zu seinen Mitmenschen kann ihn nicht erreichen. Er ist gefangen in seiner ich-bezogenen Welt.

Der Zöllner betet: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Dies ist eine Bitte, sie öffnet den Raum für Antworten. Er öffnet sich für die Gegenwart Gottes. Und er erkennt Gott und den Irrweg, auf dem er sich befindet. Vielleicht erschrickt er über sich selbst, darüber dass er sich so weit entfernt hat vom Leben Gottes. So kann er nichts anderes sagen als: „Gott, sei mir Sünder gnädig“. Er hat nicht nur seine eigene erbärmliche Rolle wahrgenommen, er hat auch verstanden, dass Gott ihn trotz allem nicht aufgegeben hat und immer noch auf seine Befreiung hofft und daran arbeitet, dass er doch noch zu einem Bild Gottes wird mitten in einer dunklen Welt.

Wir wissen nicht, wie es mit dem Zöllner weiterging. Vielleicht hat er so weitergemacht wie zuvor, vielleicht hat er sein Verhalten aber auch geändert. Möglicherweise hat er ab jetzt nicht mehr so streng kassiert und hin und wieder auch mal ein Auge zugedrückt, wenn er merkte, dass ein Mensch von den verlangten Abgaben überfordert war. Oder er hat sich einen anderen, weniger problematischen Broterwerb gesucht. Wie auch immer, ihm ist Gottes Gnade, ihm ist Rechtfertigung widerfahren. Obwohl er bislang das Gegenteil von dem getan hat, was Gott von seinen Menschen verlangt.

• Zwei Seiten der gleichen Medaille

Um zu verstehen hilft es vielleicht, die beiden Männer, den Pharisäer und den Zöllner, nicht getrennt zu betrachten. Sie sind möglicherweise gar nicht zufällig zur selben Zeit im Tempel. Sie repräsentieren zwei entgegengesetzte Pole der gleichen Gesellschaft. Der eine braucht den anderen, um sich und Gott zu erkennen. Der Zöllner muss vielleicht den untadeligen Pharisäer sehen, um zu so richtig zu erkennen, was für ein Sünder er ist. So erst kommt er in die Lage, sich im Gebet ganz ehrlich und ohne Hintergedanken als Sünder zu bekennen.

Der Pharisäer andererseits braucht den sündigen Zöllner, um sich mit seiner Frömmigkeit über ihn zu erhöhen. In dem Augenblick, in dem dieser ihm als das krasse Gegenteil seiner eigenen Lebensführung im Tempel persönlich begegnet, wird seine Überheblichkeit ganz deutlich. Und genau dadurch bekommt er die Möglichkeit, sich selbst und seine Schwäche zu erkennen.

• Wieso gewinnt der Zöllner?

Aber in unserem Gleichnis erkennt der Pharisäer seine Schwäche nicht und am Ende ist der Zöllner gerechtfertigt und er nicht. So richtig gerecht fühlt sich das nicht an: Der, der ein gutes und frommes Leben führt, findet keine Rechtfertigung – nur weil er etwas eingebildet ist. Aber der Bösewicht wird gerechtfertigt – nur weil er einmal bereut. Wir sollten aber bedenken, wem Jesus dieses Gleichnis erzählt. Er erzählt es „einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern“ Dieses Gleichnis soll als Warnung vor Hochmut dienen. Jesu will deutlich machen, dass Hochmut ein echtes Hindernis auf dem Weg in Gottes Reich ist. Am Beispiel des ansonsten untadeligen Pharisäers zeigt er das seinen – die anderen verachtenden – Zuhörern.

• Demut ist gar nicht so einfach

Und was bedeutet das Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner für uns? In welcher Haltung sollten wir versuchen, mit Gott in Kontakt zu kommen? Jesus beendet das Gleichnis mit den Worten: „Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“

Sollen wir uns also einfach klein machen, so wie der Zöllner? Da lauert dann natürlich die Gefahr, den Fehler des Pharisäers am anderen Ende des Spektrums zu wiederholen, sozusagen auf der anderen Seite vom Pferd zu fallen. Ganz schnell kann es dazu kommen, dass ich auf meine Demut stolz werde und dann auf den Pharisäer herab schaue. Ich schaue herab auf den Selbstgerechten und werde wie er: selbstgerecht und überheblich. Es ist anscheinend gar nicht so leicht, demütig zu sein. Die Gefahr des Hochmuts lauert überall und droht allen, dem Gerechten ebenso wie dem Sünder.

• Gottes Gnade kann nicht verdient werden

Wir können uns Gottes Gnade nicht erarbeiten. Der Pharisäer macht so viel richtig und wird nicht gerechtfertigt, der Zöllner macht fast alles falsch, aber findet Rechtfertigung. Gott hat andere Maßstäbe als wir Menschen.

Vorhin haben wir in der Epistel-Lesung die Worte des Paulus an die Epheser gehört:

„Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch:
Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme.“

Der Zöllner und der Pharisäer hatten nur eines gemeinsam: Sie suchten im Tempel den Kontakt zu Gott. Das können wir auch tun: Gottes Gegenwart suchen – hier im Gottesdienst, im Gebet, im Abendmahl, in der Gemeinde – und wir sollen uns dabei vor dem Hochmut hüten. Dann leben wir in der begründeten Hoffnung, dass Gott uns durch Jesus Christus erkennt und erlöst.

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