Gott kapituliert nicht vor Sünden

Predigt am 28. Juni 2020 zu Micha 7,18-20

Verfasser: Frank Busse

18 Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade!
19 Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.
20 Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.
Micha und seine Zeit

Mit diesen drei Versen endet das Buch Micha. Um ihre Bedeutung besser zu verstehen, lohnt sich ein kurzer Blick auf den Propheten Micha und seine Zeit. Micha lebte im 8. Jahrhundert vor Christus in der Stadt Moreschet in Juda. Die goldenen Zeiten unter David und Salomo lagen da schon weit zurück. Israel war seit langer Zeit in zwei Königreiche zerfallen: Das Nordreich Israel mit der Hauptstadt Samaria und das Südreich Juda mit Jerusalem. Beide Königreiche waren von Gott abgefallen. Sie hielten sich nicht mehr an die Gesetze, die Gott ihnen am Berg Sinai gegeben hatte. Sie beteten fremde Götzen an und es müssen Zustände geherrscht haben, die denen unserer turbokapitalistischen säkularen Welt gar nicht so unähnlich waren. Es herrschten Gier, Korruption und Gottlosigkeit.

So heißt es im 2. Vers des 2. Kapitels:

Sie begehren Äcker und nehmen sie weg, Häuser und reißen sie an sich. So treiben sie Gewalt mit eines jeden Hause und mit eines jeden Erbe.

Und im 3. Kapitel im 11. Vers heißt es:

Jerusalems Häupter sprechen Recht für Geschenke, seine Priester lehren für Lohn, und seine Propheten wahrsagen für Geld ….
Micha kündigt Gottes Strafe an

Für diese Zustände – die Anbetung von Götzen, die Ausplünderung der Armen und Machtlosen, die käufliche Rechtsprechung und die falschen Priester und Propheten – prangerte Micha die Oberschicht in Juda an. Er mahnte, dass dieses Verhalten nicht in Einklang mit Gottes Gesetzen steht. Er prophezeite, dass Gott sich das nicht viel länger gefallen lassen würde und dass er Israel und Juda dem Untergang preisgeben würde.

Und so kam es auch. Im Jahr 721 v. Chr. eroberten die Assyrer das Nordreich, zerstörten seine Hauptstadt Samaria und sie verschleppten oder vertrieben den Großteil seiner Einwohner. Ein Angriff der Assyrer auf Jerusalem scheiterte zwar, aber das Südreich mit Jerusalem wurde zu einem assyrischen Vasallenstaat. Micha prophezeite auch, dass auf die Assyrer die Babylonier folgen werden und dass die Babylonier Jerusalem und den Tempel zerstören und seine Einwohner in die Gefangenschaft führen werden.

Am Ende wird alles gut werden

Aber Micha verkündete auch große Hoffnung. Im 4. Kapitel kündigt er Gottes Friedensreich an. In den letzten Tagen werden alle Völker auf Jerusalem schauen und den Gott der Israeliten als ihren Gott anerkennen. Niemand wird dann mehr Krieg führen. Hier finden wir den bekannten Vers von den Schwertern, die zu Pflugscharen werden. Alle Welt wird dann in Frieden und Wohlstand leben.

Und im 5. Kapitel kündigt Micha das Erscheinen Jesu Christi an. Er spricht vom kommenden Herrscher über Gottes Volk. Der wird aus Bethlehem kommen und, wie es in Vers 3 heißt:

Er aber wird auftreten und sie weiden in der Kraft des HERRN und in der Hoheit des Namens des HERRN, seines Gottes.

Im Buch Micha geht das mehrfach hin und her: Anklage wegen des Abfalls von Gott, Ankündigung von Gottes Zorn und Strafe und Hoffnung auf Rettung und Erlösung. Ganz am Ende, nach all den Zerstörungen, nach Verschleppung und Rückkehr in das verwüstete Heilige Land, erkennen die Israeliten, dass die Propheten Recht hatten, dass Ihr gottloser Lebensstil sie in diese verzweifelte Lage gebracht hat.

Und dann endet das Buch mit einem Gebet Michas, einer Fürbitte für das Volk Israel. Ganz am Ende dieser Fürbitte findet sich unser Predigttext. Er ist ein einziger großer Lobpreis auf Gottes Liebe und Treue zu seinen Menschen.

Der evangelische Theologe und Alttestamentler Hans Walter Wolff sagt über unseren Predigttext: Er finde in der ganzen Bibel kaum ähnlich kräftige und jubelnde Aussagen, über das, was Sündenvergebung bedeutet!

Gott hat Gefallen an der Gnade

Dieser Jubel, dieser Lobpreis beginnt mit der staunenden Frage: „Wo ist solch ein Gott, wie du bist?“. Was würdet Ihr auf diese Frage antworten? Wie ist Gott denn so? Wie würdet Ihr ihn beschreiben?

Der Prophet hat darauf eine überraschende Antwort. Gott handelt nicht wie Menschen es normalerweise tun, denn er ist der: „der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade!“.

Gott hat Gefallen an der Gnade! Am Ende wird Gott seinem Volk verzeihen. Er war zornig darüber, dass sie von ihm abgefallen und fremden Götzen gefolgt sind. Er hat Ihnen Zerstörung und Verschleppung gebracht. Aber er wird seinen Zorn loslassen. Denn er ist kein zorniger Gott. Er hat Gefallen an der Gnade, oder wie es in einer anderen Übersetzung heißt: „Er hat Wohlgefallen daran, gütig zu sein“. Er liebt sein Volk und will, dass es ihm gut geht. Das ist die Hoffnung, die Micha verkündet: Dass am Ende Gottes Zorn verraucht ist, dass dann alle Sünden vergeben sind und alle Schuld erlassen ist.

Allerdings heißt es, die Schuld wird erlassen dem „Rest seines Erbteils“. Wer ist dieser Rest? Im 4. Kapitel, im 7. Vers heißt es:

Ich will die Lahmen als Rest übrig lassen und die Verstoßenen zum mächtigen Volk machen. Und der Herr wird König über sie sein auf dem Berge Zion von nun an bis in Ewigkeit.

Die Lahmen und die Verstoßenen, die Armen und die Machtlosen, sie werden den Kern von Gottes Reich bilden.

Heute ist nichts besser

Und heute? Heute ist nichts besser als zu Michas Zeit. Unsere Welt ist weiter von Gott entfernt denn je. Es sieht so aus, als gäbe es in unserer Welt nichts Wichtigeres als Konsum und Wirtschaftswachstum. Das sind die Götzen unserer Zeit. Die Wirtschaft muss jedes Jahr wachsen. Dem hat unsere ganze Kraft zu gelten. Alle und Alles haben sich dem Markt, dem Mammon zu unterwerfen. Und viele, vielleicht die meisten Menschen scheinen das gerne, zumindest aber gedankenlos zu tun. Dabei sind die Folgen unübersehbar.

Die Herrschaft des Marktes beruht auf Ausbeutung anderer Menschen; zum Beispiel von Fabrikarbeiterinnen in der Dritten Welt, die unter elenden Bedingungen für Hungerlöhne unsere Kleidung produzieren oder von osteuropäischen Arbeitern in unseren Schlachthöfen, deren ganzes Elend uns in der Coronakrise gerade mal wieder deutlich vor Augen geführt wurde. So gesehen ähnelt der Zustand unserer Welt dem Israels zur Zeit Michas.

Die Anbetung des Konsums zerstört auch Gottes schöne Schöpfung. Sie verursacht den Klimawandel und führt zur Vermüllung unserer Meere durch Abermillionen Tonnen von Plastik. Wir alle wissen das, wir hören die Stimmen der Mahner und kommen dennoch nicht da raus. Allein dadurch, dass wir ein normales Leben in unserer Gesellschaft leben, werden wir schuldig am Zustand dieser Welt.

Aber Michas Hoffnung gilt noch viel mehr für uns als für die alten Israeliten. Denn inzwischen ist der prophezeite Jesus Christus ja erschienen. Er ist für unsere Sünden am Kreuz gestorben und wieder auferstanden. Er hat Gottes Wort, das Evangelium, für alle Menschen zugänglich gemacht. Und so können wir, die wir durch unseren Glauben mit Jesus Christus verbunden sind, hoffen, dass wir zum „Rest des Erbteils“ gehören, zu denen, deren Schuld erlassen wird.

Unsere Schuld wird vollständig und für ewig entsorgt

Und Micha findet auch starke Bilder, wie wir uns diese Schuldvergebung vorzustellen haben:

Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.

heißt es im nächsten Vers. Die Last der Schuld wird uns von den Schultern genommen und wird unter die Füße getreten. So wie man manchmal Kartons klein trampeln muss, damit sie in die blaue Tonne passen und entsorgt werden können. Und Gottes Tonne ist unendlich groß, jede Schuld passt dort hinein.

Noch ein zweites Bild für die Schuldvergebung bietet uns Micha an. Alle unsere Sünden sollen in die Tiefen des Meeres geworfen werden. Sie versinken auf den Grund des Meeres, von wo sie niemand zurückholen kann. Heute wissen wir, dass der Müll, den wir ins Meer schmeißen, durchaus nicht verschwindet, sondern die maritime Tier- und Pflanzenwelt und am Ende auch uns vergiftet. Aber in der Erfahrungswelt der Menschen des Alten Testaments war alles, was im Meer versank, tatsächlich für immer verschwunden. Von dort konnte niemand etwas wieder hochholen, und so werden auch unsere Sünden auf ewig fort sein. Alles, was zwischen uns und Gott steht, ist ein für alle Mal erledigt und begraben.

In der Taufe finden wir dieses Bild wieder. Durch die Taufe gehören auch wir zu Gottes Volk. Mit dem Taufwasser werden unsere Sünden und unser altes sündiges Leben weggewaschen und wir werden als neue Menschen wiedergeboren.

Gottes Treue gilt ewig

Durch die Taufe sind wir Teil von Gottes Volk geworden. Und Gott war seinem Volk treu von Anfang an. Im dritten Vers unseres Predigttextes, ganz am Ende vom Buch Micha, heiße es: „Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.“ Gott ist treu zu seinem Volk von Anfang an. Gott hat Abraham das gelobte Land für seine Nachkommen versprochen. Er hat die Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten geführt. Am Berg Sinai hat er den Bund mit seinem Volk erneuert und ihnen die Gesetze gegeben.

Israel sollte ein Vorbild für alle Völker sein. Es sollte der Welt zeigen, wie eine gerechte und solidarische Gesellschaft aussehen muss. Und obwohl ihm sein Volk immer wieder untreu wurde, hielt Gottes Zorn darüber nie lange an. Er blieb seinem Volk treu von Anbeginn an. Und dann machte er der Welt sein größtes Geschenk. Er schickte uns seinen Sohn Jesus Christus, der das Evangelium zu allen Menschen brachte und der durch seinen Tod am Kreuz alle Schuld von uns nahm.

So wie Micha es prophezeit hat.

So wie es im Gleichnis vom verlorenen Sohn vorhin in der Lesung zu hören war. Der Vater liebte seinen Sohn von Anfang an. Als der Sohn ihn verließ, endete diese Liebe nicht. Nachdem er den Vater verlassen hatte, fiel der Sohn ins Elend. Aber sobald er umkehrte und zum Vater zurückkam, wurde er in Liebe wieder aufgenommen und alle Fehler wurden ihm verziehen.

Schluss

So ist unser Gott. Er liebt uns. Wir können uns von unserer Schuld nicht selber befreien, aber unser Himmlischer Vater kann das. Er liebt uns von Anfang an, und sollten wir ihn mal zornig gemacht haben, wird das vorüber gehen. Er wird uns verzeihen und unsere Schuld zertreten und im tiefsten Meer versenken. Das ist unsere große Hoffnung, prophezeit von Micha, erfüllt in Jesus Christus.

Amen!

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