Von Gott lernen

Predigt am 7. März 2021 zu Epheser 5,1-9

Verfasser: Frank Busse

Es sollte ein Meilenstein werden: Für rund 1,2 Millionen Altenpflegerinnen und Altenpfleger war über Jahre hinweg ein Tarifvertrag geplant worden, mit höheren Löhnen, mehr Urlaub und sogar Urlaubsgeld. Statt Klatschen vom Balkon endlich mehr Geld in einer Branche mit häufig schlechten Löhnen und Arbeitsbedingungen. Tausende ambulante Dienste und kleinere Heime sollten eine Untergrenze bei der Bezahlung ihrer Beschäftigten eingezogen bekommen. Doch daraus wird jetzt nichts. Ausgerechnet die Caritas, einer der größten Arbeitgeber in der Branche, hat den entsprechenden Tarifvertrag abgelehnt.

Solche Nachrichten sind Wasser auf die Mühlen aller, die dem Christentum skeptisch oder ablehnend gegenüber stehen. Ausgerechnet ein großer christlicher Arbeitgeber verhindert gerechte Löhne für alle Altenpflegerinnen und Altenpfleger!

Diese Meldung ist in der alles überschattenden Pandemie etwas untergangen. Aber es ist beileibe nicht die einzige Meldung der letzten Zeit, die uns Christen eher schlecht aussehen lässt. Da gibt es einen Kardinal in Köln, der anscheinend zu verhindern versucht, dass sexuelle Gewalttaten gegen Kinder in seinem Bistum aufgeklärt werden. Da ist ein Pastor in Bremen, der wegen Volksverhetzung verurteilt wurde. Und ganz zu schweigen von der Zustimmung evangelikaler Christen zum Sturm auf das Kapitol nach der Präsidentenwahl in den USA.
Das soll alles christlich sein?

Im heutigen Predigttext geht es um genau diese Frage: Wie geht ein christliches Leben? Dazu hören wir auf die Worte aus dem Brief des Paulus an die Epheser, im 5. Kapitel die Verse 1 – 9:

1 So ahmt nun Gott nach als geliebte Kinder 2 und wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch.
3 Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört, 4 auch nicht von schändlichem Tun und von närrischem oder losem Reden, was sich nicht ziemt, sondern vielmehr von Danksagung.
5 Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger – das ist ein Götzendiener – ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes. 6 Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams. 7 Darum seid nicht ihre Mitgenossen.
8 Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts; 9 die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.

Hier gibt Paulus ganz konkrete Hinweise, wie die Nachfolger Jesu leben sollen. Der Brief ging vor beinahe zweitausend Jahren an die kleine christliche Gemeinde in Ephesus, einer antiken Groß- und Hafenstadt, die sicher voller Laster und Versuchungen war. Die Anweisungen, die Paulus den Mitgliedern der Gemeinde gibt, sind auch heute noch gültig. Es sind in unserem Predigttext im wesentlichen drei Punkte:

Erstens sagt Paulus, was Christen tun sollen. Dann zählt er auf, was Christen nicht tun sollen. Und drittens erinnert er uns daran, wie wir als Nachfolger Christi sein sollen.

Das zentrale Thema dabei ist „Liebe“. Ich denke, Paulus meint Liebe hier in einem sehr umfassenden Sinn. Das Wort Liebe kann ja vieles bedeuten. Da ist die Liebe zwischen erwachsenen Menschen, die uns dazu bringt, uns zu binden und Familien zu gründen; oder die Liebe zwischen Eltern und Kindern; oder auch die Liebe zu Gott, zu seiner Schöpfung und zu unseren Mitmenschen. Ich denke, Paulus meint hier Liebe im letzteren Sinn – als eine uneigennützige, respektvolle und dankbare Beziehung zu Gottes schöner Welt und ihren Geschöpfen.
Zum ersten Punkt: Was Christen tun sollen.

Paulus fordert uns auf, Gott, dessen geliebte Kinder wir doch sind, nachzuahmen.

So ahmt nun Gott nach als geliebte Kinder und wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch.

Genauso wie kleine Kinder zunächst lernen, indem sie ihre Eltern nachahmen – oder ihre älteren Geschwister – so sollen wir Gott nachahmen. Und er sagt auch ganz konkret, was wir nachahmen sollen, nämlich: Wir sollen in der Liebe wandeln! Gott liebt uns so sehr, dass er uns seinen Sohn schenkte. Und Jesus Christus hat uns so sehr geliebt, dass er für uns sein Leben herschenkte. Liebe und Schenken, dass sind also die Stichworte, wenn es darum geht, Gott nachzuahmen.

Das Grundmuster der Liebe, wie Paulus sie meint, ist unverdientes Schenken. Gott hat uns diese Erde geschenkt. Er hat sie so eingerichtet, dass sie Früchte trägt und uns ernährt. Eltern schenken ihren Kindern alles, was sie brauchen. Sie lieben sie und geben ihnen, was sie nötig haben. Frischverliebte schwören sich, in Zukunft alles miteinander zu teilen. Wie sehr freuen wir uns über ein unerwartetes Geschenk, wie etwa uneigennützige Hilfe in einer Notlage.

Meine Frau und ich haben Anfang der 90er-Jahre eine Städtereise nach Budapest unternommen. Unser Reiseführer empfahl einen Ausflug zu einem kleinen Ort außerhalb der Hauptstadt, den man mit einer Straßen- oder S-Bahn erreichen konnte. (Leider habe ich vergessen, wie der hieß und was es dort zu sehen gab). Auf jeden Fall haben wir uns Fahrkarten gekauft, sind da raus gefahren und haben dort einen schönen Tag verbracht. Als wir dann wieder nach Budapest zurück wollten, sind wir zu dem Bahnhof gegangen, an dem wir angekommen sind und wollten Fahrscheine für die Rückfahrt erstehen. Aber der Fahrkartenschalter war geschlossen und ein Fahrscheinautomat war nirgends zu sehen. Wir haben dann eine freundlich aussehende Dame angesprochen und haben ihr, trotz unserer fehlenden Ungarisch-Kenntnisse, unser Problem klar machen können. Sie wirkte auch etwas ratlos und fragte andere der umstehenden Menschen. Eine kleine Gruppe bildete sich, die anscheinend darüber beriet, wie wir jetzt an einen Fahrschein kommen könnten. Schließlich kam die Dame zurück zu uns und schenkte uns zwei Fahrscheine – und lehnte es strikt ab, sich diese bezahlen zu lassen. Dieses unverhoffte Geschenk ist noch heute die stärkste Erinnerung, die wir an diese Reise haben.

Viele Jahre später hatten wir ja hier in Groß Ilsede Kontakt zu Flüchtlingen, die über Ungarn nach Deutschland gekommen sind. Sie haben dort im Gefängnis gesessen und sind da auch misshandelt worden. Aber unser Erlebnis mehr als 20 Jahre früher hat mir immer wieder ins Gedächtnis gerufen, dass die Flüchtlingspolitik und die Sicherheitskräfte nicht typisch sind für ganz Ungarn, sondern dass es auch dort gute selbstlose und hilfsbereite Menschen gibt.

Und genau das ist Paulus Anweisung an die Christenheit. Seid großzügig und selbstlos, so wie es Gott und Jesus Christus zu uns sind.
Im zweiten Teil des Predigttextes warnt uns Paulus dann vor Verhaltensweisen, die dem entgegen stehen.

Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört, auch nicht von schändlichem Tun und von närrischem oder losem Reden, was sich nicht ziemt, sondern vielmehr von Danksagung.

Zunächst einmal sollen sich die Christen von Unzucht und Habsucht fern halten, ja nicht mal davon reden. Dies sind Verhaltensweisen, die sich durch die Abwesenheit von Liebe auszeichnen.

Wer habsüchtig ist, der ist nur auf seinen Vorteil aus. Habsucht will nur nehmen und nicht geben. Aber so funktioniert Gottes Welt nicht. Schon Jesus hat in der Bergpredigt gesagt, wer dem Mammon – also dem Geld-Götzen – dient, der kann nicht auch ihm dienen. Das schließt sich gegenseitig aus. Christen sollen das Wohl aller im Blick haben, sie sollen großzügig und selbstlos geben, so wie Gott es uns vorgemacht hat. Das heißt natürlich nicht, dass wir auf alles verzichten sollen zugunsten unserer Nächsten, aber wir sollen darauf achten, nicht mehr zu wollen, als wir brauchen und im Blick behalten, was die anderen benötigen. Dann ist auch genug für alle da. Habsucht bleibt, wenn die Liebe aus dem Zwischenmenschlichen verschwindet. Dann werden wir und unsere Mitmenschen nur noch nach ihrem Nutzen bewertet und nicht mehr als einmalige Geschöpfe Gottes gesehen, dann sind alle Beziehungen tot, dann teilt die Welt sich in Gewinner und Verlierer, dann herrscht das Unrecht.

Aus diesem Grund warnt Paulus auch gleichzeitig vor der Unzucht. Gemäß meiner Lutherbibel ist mit Unzucht „der Verkehr mit Prostituierten und darüber hinaus in umfassenden Sinn sexuelles Fehlverhalten“ gemeint. Ich denke, Paulus meint hier jede Art von Sexualität ohne Liebe. Wenn die Liebe in der intimen Beziehung zwischen einer Frau und einem Mann fehlt, dann wird auch sie zu einer Ware und damit ihres Zaubers und ihrer Göttlichkeit beraubt, dann wird sie zu einem Geschäft. Dann regiert auch im privatesten zwischenmenschlichen Bereich der Mammon und auch hier teil sich die Welt dann in Ausbeuter und Ausgebeutete.

Ebenso warnt Paulus vor schändlichem Tun und losen Reden. Wenn im Umgang der Menschen untereinander der Respekt und die gegenseitige Achtung verloren gehen, oder eben die Liebe im eingangs erwähnten Sinne, dann vergiftet sich das zwischenmenschliche Klima. Dann geht es nur noch darum, den anderen klein zu machen und sich selbst über ihn zu erhöhen. Dann regieren Mobbing und Hetze, sei es auf dem Schulhof, in der Arbeit oder im Internet. Dann wird gegen „die anderen“ gehetzt, sie sollen klein gemacht – und in letzter Konsequenz getötet – werden. Wir sehen ja, gerade auch im Internet, wieviel Hass in unserer Gesellschaft brodelt. So sieht es aus, wenn das schändliche Tun und die losen Reden überhand nehmen.

Wir können am Zustand unserer Welt gut sehen, wohin es führt, wenn Habsucht, Unzucht und lose Reden die Oberhand gewinnen. Eine Welt, in der materielle und sexuelle Ausbeutung weit verbreitet sind, das hat nichts mit dem Reich Gottes zu tun. Darum warnt Paulus die junge Gemeinde in Ephesus davor:

Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger – das ist ein Götzendiener – ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes. Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams. Darum seid nicht ihre Mitgenossen.

Paulus fordert die Gemeinde nicht nur auf, diese Verhaltensweisen sein zu lassen, er warnt ausdrücklich davor, sich auch nur mit den Habsüchtigen und Unzüchtigen einzulassen. Denn sie sind Götzendiener und werden das Reich Gottes nicht sehen. Die kleine Gruppe der Christen soll sich anders verhalten. Sie soll ein Abbild sein der Liebe Gottes zu seiner Schöpfung.

Und das bring uns zum dritten und letzten Punkt: Wie sollen die Nachfolger Christi sein? Paulus Anweisung lautet hier:

Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.

Ich verstehe das so: Die Gemeinde in Ephesus, inmitten in der pulsierenden Weltstadt, soll ein leuchtendes Beispiel dafür sein, wie ein gutes und gerechtes Leben aussehen kann, ein Leben in der Liebe und im Licht Gottes, ein Leben ohne Habsucht, Unzucht und lose Reden. Ein Leben so wie Jesus Christus es uns vorgelebt hat. Und diese Aufforderung gilt über die Gemeinde in Ephesus und die Zeit des Apostels hinaus für alle Christen zu allen Zeiten. Wir Christen sollen in unseren Beziehungen und alltäglichen Geschäften nicht nur unseren Vorteil im Auge haben, sondern immer auch Gottes ganze herrliche Welt mit allen ihren Geschöpfen. Wir sollen gütig, gerecht und wahrhaftig sein.

An den Beispielen am Anfang dieser Predigt kann man sehen, dass das vielen Christen nicht gelingt. Und auch für mich selbst kann ich sagen, dass ich oft weit entfernt bin von diesen Idealen. Wir alle sind eingebunden in die Verstrickungen unserer Welt, die es oft schwer machen, den Ansprüchen des Paulus gerecht zu werden.

Aber wir haben die Wahl, wer wir sein wollen. Es ist unsere Entscheidung, ob wir Gott nach-machen wollen in seiner Großzügigkeit und Menschenliebe, oder ob wir Beute machen wollen. Auf die Dauer wird sich bei uns eine von den beiden Möglichkeiten durchsetzen, und zwar die, die wir aktiv und bewusst unterstützen.

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