Nachrichten aus einer unbekannten Gegend

Predigt am 15. August 2021 zu Psalm 91,1-16

Verfasser: Walter Faerber

1 Wer im Schutz des Höchsten wohnt,*
der ruht im Schatten des Allmächtigen.

2 Ich sage zum HERRN: Du meine Zuflucht und meine Burg,*
mein Gott, auf den ich vertraue.

3 Denn er rettet dich aus der Schlinge des Jägers*
und aus der Pest des Verderbens.

4 Er beschirmt dich mit seinen Flügeln,/
unter seinen Schwingen findest du Zuflucht,*
Schild und Schutz ist seine Treue.

5 Du brauchst dich vor dem Schrecken der Nacht nicht zu fürchten,*
noch vor dem Pfeil, der am Tag dahinfliegt,

6 nicht vor der Pest, die im Finstern schleicht,*
vor der Seuche, die wütet am Mittag.

7 Fallen auch tausend an deiner Seite,/
dir zur Rechten zehnmal tausend,*
so wird es dich nicht treffen.

8 Mit deinen Augen wirst du es schauen,/
wirst sehen, wie den Frevlern vergolten wird.*
9 Ja, du, HERR, bist meine Zuflucht.

Den Höchsten hast du zu deinem Schutz gemacht./
10 Dir begegnet kein Unheil,*
deinem Zelt naht keine Plage.

11 Denn er befiehlt seinen Engeln,*
dich zu behüten auf all deinen Wegen.

12 Sie tragen dich auf Händen,*
damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt;

13 du schreitest über Löwen und Nattern,*
trittst auf junge Löwen und Drachen.

14 Weil er an mir hängt, will ich ihn retten.*
Ich will ihn schützen, denn er kennt meinen Namen.

15 Ruft er zu mir, gebe ich ihm Antwort./
In der Bedrängnis bin ich bei ihm,*
ich reiße ihn heraus und bring ihn zu Ehren.

16 Ich sättige ihn mit langem Leben,*
mein Heil lass ich ihn schauen.

Als ich überlegte, über welchen Psalm ich als nächstes predigen sollte, da dachte ich: dieser Psalm 91 muss unbedingt drankommen. Einmal, weil die Verse 11 und 12 ja in der Versuchungsgeschichte Jesu (Matthäus 4,1-11) eine wichtige Rolle spielen, dann aber auch, weil kaum ein anderer Psalm dermaßen vorbehaltlos und umfassend den Schutz Gottes zusagt.

Bild von Bruno /Germany auf Pixabay

Eine kaum glaubliche Zusage

Das ist ja so eine Rundum-Zusage göttlichen Schutzes, dass man sich fragt: wie kann das sein? Wenn man das alles so hört: Hab keine Angst vor der Seuche! Hab keine Angst vor der tödlichen Kugel! Die anderen sterben, aber du kommst heil und gesund aus dem Krieg zurück! Du infizierst dich nicht in der Pandemie, du stehst unter dem speziellen Schutz von Engeln, du und dein ganzes Haus! Und du wirst sehen, dass die Bösen ihre verdiente Strafe bekommen.

Und am Schluss kommt noch ein richtiges Gotteswort: Ich will ihn retten und schützen, weil er an mir hängt. Ich antworte ihm, wenn er betet, ich schenke ihm langes Leben und lasse ihn meine Rettung schauen.

Was kann man sich noch mehr wünschen? Da ist alles versammelt, was man sich von Gottes Schutz nur erwarten kann. Da kann einem fast schon ein bisschen unheimlich werden, weil wir doch wissen, dass es nur sehr wenige Menschen gibt, die das wirklich erleben. Die Allermeisten von uns kommen nicht so umfassend gesegnet durchs Leben; irgendwann trifft die meisten Menschen irgendein schlimmes Unglück.

Aber auf der anderen Seite wäre es nicht richtig, wenn wir ängstlich nach dem Unglück Ausschau halten, so nach dem Muster: bisher ist es mir immer gut gegangen, da wird garantiert demnächst noch ein ganz schlimmer Schicksalsschlag folgen. Nein, das muss nicht sein – Gott ist nicht so, wie die Heiden sich ihre Götter vorstellen. Die Heiden dachten, dass die Götter neidisch werden, wenn es einem Menschen zu gut geht, und dann legen sie ihm Steine in den Weg. Und wir denken oder sagen ja auch: »Freu dich nicht zu früh! Das dicke Ende kommt noch nach!«

Aber so kleinlich ist Gott nicht. Gott hat gute Gedanken über uns, Gedanken voller Liebe und Anteilnahme. Das können wir uns auf jeden Fall schon mal aus diesem Psalm mitnehmen. Gott gönnt uns ein glückliches, beschütztes Leben. Menschen, die glücklich und heil leben, sind seine Freude.

Das gibt es wirklich!

Und es gibt doch tatsächlich auch diese längeren oder kürzeren Strecken auf dem Lebensweg, wo man das Gefühl hat: alles gelingt, alles passt. Gott bringt mich heil durch alle Gefahren hindurch, er führt mich sicher am Rande des Abgrunds, er hört mich, wenn ich bete, er gibt mir gute Weisung, er legt mir die richtigen Worte in den Mund, er lässt gelingen, was ich anfasse, er segnet das Werk meiner Hände und stellt ein Extrakommando Engel um mein Haus. Und ich spüre, dass er mir nahe ist, dass wir miteinander im Einvernehmen sind.

Und wenn man in so einem Segensfluss drin ist, dann ist man stark. Dann nimmt das Unglück Reißaus, und selbst Feinde heucheln Freundlichkeit, weil sie merken, dass sie gegen dich nicht an kommen.

Jesus muss es so gegangen sein. Man muss ja die Psalmen und überhaupt die Bibel immer von Jesus her verstehen. Jesus ist durch so viele herausfordernde Situationen gegangen – er stieß auf Dämonen; ihm wurden Schwerkranke gebracht, auf die er reagieren musste; er stand pausenlos unter Beobachtung und seine Feinde suchten akribisch nach irgendetwas, was sie gegen ihn verwenden konnten. Seine Jünger haben ihn enttäuscht, Menschen haben ihn chronisch missverstanden, seine Familie akzeptierte seinen Weg nicht und wollte ihn für unzurechnungsfähig erklären. Aber Jesus fand immer die richtigen Worte; er heilte nicht nach Schema F, sondern so, wie dieser Mensch, der zu ihm kam, es gerade brauchte; er sah die Fallen und antwortete auf Fangfragen so, dass die Fragesteller so klein mit Hut rausgingen. Und mitten unter diesen Anfeindungen baute er die Gemeinschaft auf, die sein Werk weitertragen würde, bis heute. Und trotz all dem war er nie in Hektik und er bewahrte sich die Freude an der Schöpfung, die Freude an gutem Essen und Trinken, die Freude an Menschen und die Liebe zu seinem Vater im Himmel, der ihm innig vertraut war und Tag für Tag spürbar nahe.

Den Psalm von Jesus her verstehen

Und so eng war seine Verbindung zu Gott, und so gut kannte er sich in der Bibel aus, dass er sogar dem Versucher die richtigen Antworten geben konnte. Er ließ sich nicht überreden, Gott auf die Probe zu stellen, so als ob er ein Anrecht darauf hätte, dass Gott ihn beschützen müsste. Immer wenn jemand Anrechte geltend macht, dann hat sich ja schon Misstrauen eingeschlichen in das Verhältnis. Aber Jesus vertraute Gott ohne Vorbehalt. Er baute Gottes liebevolle Gaben nicht in ein System ein, sondern sie blieben für ihn Geschenke, an die er sich nie gewöhnte. Die Güte des Vaters im Himmel war für ihn jeden Tag wieder neu. Und der Versucher kam dagegen einfach nicht an.

Wenn man also Jesus anschaut, dann muss man sagen, dass der 91. Psalm bei ihm voll zutrifft. Ja, so sieht das Leben aus, das Gott für uns geplant hat. Und Christen haben das stückweise auch immer wieder so
erlebt, in diesen längeren oder kürzeren Zeiten, wo nichts zwischen Gott und uns steht und unsere Leben von Segen erfüllt ist.

Aber wir sind natürlich nicht so immun wie Jesus gegen die Tricks des Versuchers und fallen auch wieder raus aus diesem Vertrauen. Und dann werden Christen z.B. leichtsinnig – was Jesus nie gewesen ist – und feiern mit diesem Psalm im Hinterkopf Gottesdienste mit Gesang auch in der Pandemie, und dann infizieren sie sich wie alle anderen. Es gibt einen Unterschied zwischen Vertrauen und Leichtsinn. Äußerlich kann es ähnlich aussehen, aber der Geist dahinter ist ein anderer. Das ist das eine Problem. Aber das ist noch relativ einsichtig.

Aber auch Jesus starb

Das wirklich bedrohliche Problem ist: Jesus ist am Ende gestorben unter einem verschlossenen Himmel. Als er am Kreuz hing, war die ganze Gottesnähe verschwunden, die ihn immer begleitet hatte. Er war allein. Sein ganzes Leben hindurch war Gott für ihn das, was für den Fisch das Wasser ist: Gott war immer da. Von allen Seiten umgab er Jesus, sein Leben lang. Aber gestorben ist er sozusagen auf dem Trockenen. Allein. Er konnte nur noch schreien: mein Gott, warum hast du mich verlassen? Hatte ihn sein Glück verlassen? Hatte Gott am Ende sein Wort nicht halten können oder wollen?

So etwas haben später auch große, vertrauensvolle Christen erlebt: ein Leben lang haben sie mit Gottes Schutz gelebt, aber oft sind sie den Märtyrertod gestorben, wenn es so weit war. Paulus ist es wahrscheinlich so gegangen. Dietrich Bonhoeffer würde einem auch einfallen. Es ist, als ob gerade von denen, die den Schutz Gottes besonders intensiv erlebt haben, irgendwann so ein Tribut an die Dunkelheit bezahlt wird.

Ein freiwilliger Weg ins Dunkel

Ich sage aber nicht: bezahlt werden muss. Das ist kein schicksalhaftes Verhängnis. Jesus hat ja zu seinem Weg ans Kreuz selbst Ja gesagt, im Garten Gethsemane, in der Nacht vor dem Karfreitag. Es ist, als ob die Menschen, denen Gott lange sehr nahe ist, irgendwann auch selbst so nahe an Gott sind, dass sie sein Herz teilen. Seine Solidarität mit seinen Geschöpfen. Und dass sie freiwillig dorthin gehen, wo die Welt am dunkelsten ist.

Der 91. Psalm soll uns, das ist mein Zugang zu ihm, die Augen öffnen für Gottes Treue zu uns. Dazu zeigt der Psalm uns dieses Bild eines gesegneten Lebens unter Gottes umfassenden Schutz. Und je fester dieses Vertrauen in uns Wurzeln schlägt, um so eher trauen wir uns an die dunklen, gottverlassenen Orte dieser Welt, und am Ende auch in den Tod. Wir bauen dann darauf, dass Jesus uns vorangegangen ist, dass er dort schon auf uns wartet und wir dort nicht so allein sein werden, wie er es war.

Aber das ist kein Selbstzweck und keine Mutprobe, sondern wir sollen dafür sorgen, dass diese dunklen Orte nicht dunkel bleiben und nicht gottverlassen. Wir sollen da hin, damit wir Gott dorthin mitbringen. So wie Paulus im Gefängnis landete, weil Gott an den Gefängniskommandanten ran kommen wollte.

Ein fernes, uns meist unbekanntes Land entdecken

Wir wissen nicht, wie das bei uns noch alles kommen wird. Aber bei Jesus war es so, dass er diese Gottesnähe nicht wie eine Beute festgehalten hat, wie ein spezielles Erbe, das man mit niemandem teilt. Er hat das immer als Geschenk verstanden, auf das er keinen Anspruch erhob. Und so hat er es Gott am Ende auch wieder zurückgegeben. Er vertraute darauf, dass Gott ihn richtig führen würde.

Jesus hat jedenfalls keine Vorahnung der Auferstehung vor der Verzweiflung am Kreuz bewahrt. Im Rückblick sehen wir jetzt, dass Gott ihn tatsächlich auch dort nicht verlassen hat und dass Gott durch Jesu Tod auch in das Totenreich vorgedrungen ist. Und er hat den Tod Jesu widerrufen und revidiert – Jesus ist am Ende tatsächlich bewahrt worden, durch den Tod hindurch. Gott hat sein Versprechen gehalten.
So ist der 91. Psalm ein Ausblick auf die dunklen Grenzen der Schöpfung, aber auch auf den goldenen Rand, der über unserer Welt liegt, den Verheißungshorizont. Wir als reiche europäische Christen sind von beidem meistens weit entfernt. Aber wir sollen uns durch so einen Psalm schon einmal mit diesen fremden und fernen Zonen vertraut machen. Wer weiß, wie schnell auch wir ihnen begegnen könnten. Und dann ist es doch gut, wenn wir jedenfalls schon mal darüber nachgedacht haben und uns nach Orientierung umgesehen haben.

Wenn Gottes Heil und die Heillosigkeit der Welt aufeinandertreffen, dann produziert das bei uns erst einmal Verwirrung. Aber dieser Psalm ist uns als Kompass gegeben, damit wir Gott und das Unheil auseinander halten können. Wir sollten auf ihn schauen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wir möchten hier nur Beiträge von echten Menschen haben, nicht von Robots. Zur Abwehr von Kommentar-Spam beantworte deshalb bitte die folgende Frage: