16 Jesus kam nach Nazareth, wo er aufgewachsen war, und ging nach seiner Gewohnheit am Sabbat in die Synagoge und stand auf und wollte lesen. 17 Da wurde ihm das Buch des Propheten Jesaja gereicht. Und als er das Buch auftat, fand er die Stelle, wo geschrieben steht (Jesaja 61,1-2):
18 "Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, 19 zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn."
20 Und als er das Buch zutat, gab er's dem Diener und setzte sich. Und aller Augen in der Synagoge sahen auf ihn. 21 Und er fing an, zu ihnen zu reden: Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.

Als Jesus ganz am Anfang seines Wirkens in Nazareth sozusagen sein Programm verkündete, da griff er zurück auf Worte des Propheten Jesaja. Die Befreiung für die Armen und die Gefangenen, für die Blinden und Zerschlagenen, all das, was Jesaja angekündigt hatte und worauf die Menschen schon lange gewartet hatten, von all dem sagte Jesus: das kommt jetzt, und zwar mit mir. Obwohl seine Zuhörer noch nichts davon sehen konnten, waren sie doch tief beeindruckt von seiner Vollmacht.

Und ganz am Ende seines Wirkens, als er mit seinen Jüngern zum letzten Mal vor seiner Kreuzigung zusammen war, da feierten sie das Passafest, die Erinnerung an die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei, und Jesus nahm dieses Befreiungsfest auf und ergänzte es so, dass Brot und Wein für seinen Leib und sein Blut stehen.

Am Anfang und am Ende seines Wirkens also zwei deutliche Zeichen, dass Jesu sich in die Befreiungstradition seines Volkes stellt, aber jedesmal verwandelt er diese Tradition, er erfüllt sie auf seine Weise.

Gott hatte das Volk Israel ins Leben gerufen als ein Volk der Freiheit: Abraham, der Stammvater, war die Antwort auf den Turm von Babel; endgültig zu einem Volk wurde Israel durch seine Erfahrung der Sklaverei in Ägypten und der Befreiung durch Gott. Und die ganze weitere Geschichte Israels ist ein Kampf darum, dass dieses Volk seinem befreienden Gott treu bleibt und nicht genauso unterdrückerisch und gewaltsam wird wie die andern Völker ringsum. Bei den anderen Völkern herrschten die Könige im Namen der Götter über ihre Völker und unterdrückten sie; in Israel stellte Gott sich gegen unterdrückerische Könige und schickte seine Propheten, damit sie an die Gerechtigkeit erinnerten.

Gott hatte Israel ins Leben gerufen, damit es in einer Welt voll Gewalt und Ausbeutung eine Alternative gibt. Er wollte ein Volk freier Menschen, die alle genug zum Leben haben. Das schlug sich auch in den Gesetzen nieder, nach denen alle sieben Jahre die Schulden erlassen werden und Land an seinen ursprünglichen Besitzer zurückgegeben werden muss. Darauf bezieht sich Jesus, wenn er "ein Gnadenjahr des Herrn" ankündigt.

So wie die Propheten harte Worte gefunden haben gegen Unterdrückung und Ausbeutung, so legt sich auch Jesus mit den herrschenden Gruppen in seinem Volk an, die die Menschen finanziell ausbeuten und religiös dominieren. Das hat ihn schließlich das Leben gekostet.

Jesus steht ganz eindeutig in der prophetischen Freiheitslinie. Aber er ist nicht einfach ein neuer Prophet. An vielen Stellen merkt man, dass er diese Überlieferung auf charakteristische Weise neu füllt. So wie er das Passamahl zum Abendmahl weiterentwickelt hat. Jedes Mal geht es darum, dass die Befreiung nicht irgendwann in der Zukunft kommen wird, sondern dass sie jetzt schon passiert. Und zwar umfassend. Bei Jesus werden Menschen frei von Krankheiten ebenso wie von bösen Geistern, die sich in ihnen eingenistet haben. Menschen werden in geschwisterlichen Gemeinschaften verbunden, in denen sie auch materiell nicht mehr vom Raub leben, sondern vom Schenken. Menschen werden jetzt schon frei von dem Drang, auf Kosten anderer zu leben.

Das ist der entscheidende Unterschied zwischen Jesus und den gängigen Erwartungen seines Volkes: bis dahin hatten sie im jüdischen Volk erwartet, dass Gott eines Tages ein neues Zeitalter der Gerechtigkeit bringen würde. Sie hatten es glühend erhofft, erfleht, erbeten; einige hatten auch versucht, dieses neue Zeitalter mit Gewalt zu erzwingen. Jesus hatte ein anderes Denkmodell: das neue Zeitalter kommt nicht eines Tages mit einem großen Knall, sondern es beginnt jetzt, und zwar mit ihm. Das Neue löst das Alte nicht irgendwann komplett ab, sondern es schleicht sich ein in die alte Welt. Es entwickelt sich behutsam mitten zwischen Ungerechtigkeit und Gewalt. Und wir alle sind eingeladen, mit ganzem Herzen dabei zu sein.

Das ist die entscheidende Konsequenz für uns: wir müssen nicht mehr warten, bis Gott eines Tages dieser bösen Welt ein Ende macht, und bis dahin haben wir nicht viel mehr Möglichkeiten, als uns persönlich - so gut es geht - von der Sünde fernzuhalten. Nein, die Botschaft Jesu lautete: ihr könnt jetzt schon Bürger des kommenden Reiches sein. "Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen - kehrt um und glaubt diese gute Botschaft!" Das ist die zentrale Verkündigung Jesu, wie Markus (1,15) sie zusammenfasst.

Und wenn Jesus so redet, dann meint er nicht, dass irgendwo in der Welt das Reich Gottes zu finden ist, sondern er redet von sich selbst und von dem, was in seiner Umgebung passiert. Jesus selbst verkörpert diese neue Art zu leben, er ist der Beginn der neuen Welt, wo Gottes Wille endlich geschieht. Er kann das, weil er vom Heiligen Geist erfüllt ist. Und an dieser Vollmacht lässt er seine Jünger Anteil haben. Als sie zum ersten Mal zurückkommen und berichten, wie sie die bösen Geister vertrieben haben, da bricht Jesus in lauten Jubel aus und dankt Gott auf ganz einmalige Weise. Denn jetzt hat er gesehen, dass er seine Kraft mit andern teilen kann. Sie ist nicht nur für ihn allein zugänglich. Und so kommt der Heilige Geist nach seinem Tod und seiner Auferstehung zu den Jüngern und Jüngerinnen Jesu und setzt einen großen Aufbruch des neuen Lebens in Bewegung, der bis heute anhält. Die zentrale Erfahrung dabei ist: du kannst jetzt schon auf Gottes Art leben, du musst nicht warten, bis die Verhältnisse irgendwann einmal besser werden oder bis du in den Himmel kommst. Jetzt ist die Zeit des Heils, jetzt will Gott mit dir das neue Leben beginnen.

Diese Botschaft ruft natürlich sofort einen entscheidenden Widerspruch hervor: die Frage, wie das denn möglich sein soll in einer Welt, in der Zerstörung, Gewalt und Ungerechtigkeit an der Tagesordnung sind. Wir kriegen das alles ja gar nicht so deutlich mit, weil wir hier im reichen und einigermaßen sozialen Teil der Welt leben. Wir müssen im kalten Winter keine Angst haben, dass bei uns Menschen zu Hunderten erfrieren. Aber wir wissen, dass es längst nicht überall so ist. Und die Ungerechtigkeit beginnt ja schon damit, dass sie in der ehemaligen Sowjetunion viel schlechter dran sind, obwohl sie dort direkt auf dem Gas sitzen, das uns die Stube wärmt.

Dieser Gottesdienst würde stundenlang dauern, wenn ich all die Gewalt und Ungerechtigkeit aufzählen würde, all die Kriege, vor denen Menschen heute flüchten, die unbeschreibliche Armut in vielen Teilen der Welt, die Brutalität, mit der die Würde der Menschen in den Schmutz getreten wird, die Ausbeutung von Kindern, denen ihre Kindheit geraubt wird, der Hunger, der so ein Skandal ist, weil ja genug für alle da ist. Wer das wissen will, der weiß es natürlich. Alles, was wir hier tun und sagen, das tun wir angesichts des himmelschreienden Unrechts in der Welt, und dass wir so gut leben, wie wir es tun, das ist überhaupt nur zu rechtfertigen, wenn wir das, was wir haben, einsetzen, damit es anders wird in der Welt.

Aber Jesus war ja kein Bürger des reichen Westens, sondern er war Angehöriger eines unterdrückten Volkes, er lebte in einer Welt, in der Massaker und Grausamkeit normal waren, und er selbst wurde schließlich zu Tode gefoltert. Wenn so einer sagt, dass trotzdem ein Leben nach Gottes Art möglich ist, dann hat das Gewicht. Dann ist es keine billige Ideologie. Und es ist bestätigt worden von den vielen Menschen, die unter großer äußerer Bedrängnis Jesus nachgefolgt sind und gerade so ihre Würde, ihre Integrität und ihre Hoffnung gefunden haben. Man muss nur denken an die Schwarzen in Amerika, die das Christentum ihrer weißen Herren besser verstanden haben als die Weißen selbst. Oder eben an die drei ersten Jahrhunderte, in denen das Christentum die Zuflucht der Armen und Unterdrückten im römischen Imperium war, trotz aller Verfolgung. Wie sie mitten in diesem Gewaltstaat das neue Leben Gottes praktizierten und ihn damit sogar ein wenig humanisierten. Und auch hier würde es den Rahmen dieses Gottesdienstes sprengen, wenn ich erzählen würde von all den vielen, die im Namen Jesu sich nicht den falschen Götzen gebeugt haben.

Leider ist nun Jesu Botschaft immer wieder religiös missverstanden worden, und das hat eben begonnen, als das römische Imperium das Christentum zur Staatsreligion machte. Das religiöse Missverständnis lautet im Kern, dass es beim Glauben nur um eine Veränderung der Herzen gehen würde und um eine Art himmlische Seniorenresidenz nach dem Tode. Richtig ist, dass Gottes Werk tatsächlich in den Herzen der Menschen beginnt, und dass dort die entscheidende Veränderung stattfinden soll. Der eigentliche Feind ist nicht der Mensch auf dem römischen Thron oder in der Vorstandsetage der Banken, sondern es sind die unversöhnten Gedanken und Gefühle in den Herzen der Menschheit, es sind die Gedanken und Vorstellungen, die dazu führen, dass wir all dem Unrecht und Elend nichts entgegensetzen, sondern sogar noch seine Werkzeuge werden. Jesus hat eben nicht gegen die römischen Besatzer gepredigt, sondern die Menschen angeleitet, frei zu werden von den Römern im eigenen Herzen. Die wirkliche Gefangenschaft ist es, wenn man selbst das Denken der Unterdrücker annimmt, ihre Gier und Gewalt, ihre Ahnungslosigkeit vom Leben Gottes.

Deswegen würde ein Frontalangriff auf die Bastionen der Macht nur dazu führen, dass ein Unrechtssystem durch das andere ersetzt wird. Der Weg der Christen war es deshalb, sich fest im neuen Leben Gottes zu verankern, ihr Denken zu verändern, Selbstmitleid und Arroganz zu verlieren und viele andere Blockaden, das neue Leben dort zu praktizieren, wo sie lebten, und dann die Gesellschaft zu durchdringen. Aber eine reine Innerlichkeit war nie gemeint, und die Hoffnung verbindet sich mit einer erneuerten Erde, nicht mit einem wolkigen Himmel. Deshalb bitten wir im Vaterunser nicht darum, dass wir in den Himmel kommen, sondern darum, dass Gottes Reich zu uns komme und dass hier auf der Erde sein Wille so geschehe, wie er jetzt schon im Himmel geschieht.

Wir werden im vierten Teil dieser Reihe noch darüber sprechen, dass das nicht zum Nulltarif zu haben ist. Wer in Freiheit von den Mächten leben will, der kommt überall unter Druck. Überall, wo Altes und Neues aufeinander stoßen, führt das zu mächtigen Spannungen. Die alte Weltordnung wehrt sich mit aller Macht.

Aber Jesus ist auferstanden, den kann keiner mehr aus der Welt schaffen. Das Neue, die Alternative ist unwiderruflich da, und die Welt sehnt sich nach Befreiung, sie leidet unter der Zerrissenheit, in die wir Menschen sie gestürzt haben. Die Fülle ihrer Schönheit und ihrer Möglichkeiten wird uns in Gottes neuer Weltordnung endlich zugänglich sein. Bis dahin lässt uns Gott nur gelegentlich einen Blick in die vollendete Schöpfung tun. Er schenkt uns Bilder und Erlebnisse, die unsere Sehnsucht am Leben halten. Er will uns ermutigen, aber er will verhindern, dass wir uns in der Welt, wie sie jetzt ist, zu Hause fühlen. Wir sollen uns auf eine längere und harte Auseinandersetzung einstellen.

Die Herzen, die jetzt noch gefangen sind in einem Klima des Misstrauens und des Unglaubens, in Selbstsucht und Gier, in der Gefangenschaft gesellschaftlicher Mächte - sie werden sich nicht durch Zwang ändern, sondern durch die Begegnung mit der Liebe Gottes.

Wir sind Agenten Gottes in einem besetzten Territorium, und wir sollen die Untertanen der Gewaltmächte zur Fahnenflucht bewegen. Das wird nur gelingen, wenn sie an uns ablesen können, dass Gott ein besserer Herrscher ist als die Mächte dieser Welt. Das konnte man bei Jesus sehen, und sein Ruf der Freiheit wird gehört, bis diese Schöpfung erlöst ist aus allen gottlosen Bindungen zur herrlichen Freiheit der Söhne und Töchter Gottes.

 

 

 

 

Das einfache Evangelium:

1.
Gott will freie Menschen - deshalb kommt er, um alle Arten von Unterdrückung zu beseitigen.

2.
Trennende Unterschiede zwischen Menschen werden überwunden. Alle sind eingeladen, niemand ist ausgeschlossen.

3.
Eine neue Lebensqualität entsteht - mit bisher ungeahnten Entfaltungsmöglichkeiten.

4.
Das alles wird möglich, weil Gottes Liebe keine Schmerzen scheut.

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