Die Konfirmanden hatten vorher die Geschichten von Zachäus, vom Verlorenen Sohn und die Geschichte von den Emmaus-Jüngern als Bildserie dargestellt.


Wisst ihr, wie das ist, wenn man zu spät ins Kino kommt oder wenn man später dazukommt, wenn andere sich gerade im Fernsehen einen Film anschauen? Man versteht das Ganze nicht - man möchte am liebsten fragen "wer ist das da?", oder auf einmal fangen die anderen zu lachen an, aber man versteht überhaupt nicht, wieso.

So ungefähr ist unsere Situation, wenn wir geboren werden. Wir landen mittendrin in einer Geschichte, die wir nicht von Anfang an miterlebt haben, und wo wir manche Pointen gar nicht verstehen. Die Schurken und die Guten sehen für uns zunächst ziemlich gleich aus, und erst im Lauf der Zeit werden die Personen deutlicher, manchmal aber selbst nach langer Zeit noch nicht.

Wenn unsere Welt ein Film wäre, dann hat uns mittendrin jemand ins Kino eingeschleust, und jetzt müssen wir erst schauen, was schon alles gelaufen ist. In dem Prüfungsgespräch vorhin haben wir die großen Linien der Geschichte unserer Welt nachgezeichnet: der erste Teil des Films erzählt von einer Hauptfigur und ihrer Arbeit: Gott ist die Hauptfigur, aber er möchte nicht die einzige Rolle spielen. Deshalb baut er die Welt: er schafft unseren blauen Planeten als eine Insel des Lebens und der Schönheit mitten in einem Weltall voll Todeskälte. Er türmt den Himalaya auf und pflanzt die endlosen Wälder. Er füllt das Meer mit Walen und Plankton, er denkt sich Kolibris und Adler aus, er lässt Löwen und Kaninchen herumlaufen. Die Sonne geht auf und sie geht unter über endlosen Meeren und ewigem Eis. Und dann schafft Gott ein Wesen, mit dem er sprechen kann, den Menschen, und er zeigt ihm das alles und sagt: hier, für dich, ich schenke es dir, freu dich dran! Und Gott schaut alles an und sagt: wunderbar! so wollte ich es haben!

Die Welt beginnt als Paradies. Eine Südseeinsel bei Sonnenuntergang mit der großen Liebe an unserer Seite und ohne Zeitknappheit. Das ist die Welt, für die wir geschaffen sind.

Aber dann ändert sich alles. Da passiert etwas, was nie hätte passieren dürfen. Ein Bruch kommt in die Welt, ein Riss, eine Krankheit breitet sich aus, es ist wie zunehmende Umweltverschmutzung, wie Fäulnisbakterien in der Speisekammer. "Sündenfall" heißt diese Katastrophe, und seit damals gibt es die Welt, die wir kennen: mit mühsamer Arbeit, mit Computern, die nicht tun, was sie sollen, mit Schule und Hausaufgaben, mit Leuten, die Absprachen nicht einhalten und mit der großen Liebe, die gar nicht mehr so begeisternd ist wie am Anfang und die sich plötzlich auch noch für jemand anderen interessiert. Die Südseeinsel gibt es nur noch zum Pauschalpreis für zwei Wochen, und wenn man hinkommt, liegt schon der Müll von Hundert anderen Leuten dort. Aber manchmal findet man doch noch eine unheimlich schöne Ecke, und es gibt immer noch diese Augenblicke, wo Männer und Frauen glauben, sie seien miteinander im Paradies angekommen.

So ist unsere Lage, und in den Geschichten, die wir in Tettenborn umgesetzt haben, spiegelt sich das wieder: Zachäus verdient sein Geld nicht mit anständiger Arbeit, die Spaß macht, sondern er ist ein mieser kleiner Abzocker, wie ihr es formuliert habt. Der verlorene Sohn hält es zu Hause nicht mehr aus, und stattdessen kauft er sich Freunde mit Geld, aber die Freundschaft hält genauso lange wie sein Geld reicht. Die zwei Jünger gehen traurig und erschrocken nach Emmaus, weil sie die endgültige Katastrophe erlebt haben, den Tod.

Aber damit ist der Film noch nicht vollständig. Kein Film endet damit, dass die Lage völlig verfahren ist. Es muss weitergehen. Wir sind nicht für so eine Lage geschaffen, das kann einfach nicht das letzte Wort sein.

Und dann passiert wirklich etwas. Zuerst gibt es ein längeres Hin und Her, das man in der Bibel nachlesen kann, im Alten Testament, allmählich bündeln sich die verworrenen Handlungsfäden.

Und dann kommt Jesus. Wo er ist, da merken die Menschen, wie es eigentlich sein sollte in der ganzen Welt. Kranke Leute werden gesund. Zachäus gibt seine Beute zurück, er wird ein Mensch, der sich wieder selbst im Spiegel ansehen kann, und die anderen merken das auch. Die Familie des verlorenen Sohnes lebt endlich so zusammen, wie es sein sollte. Die beiden Jünger, deren Herzen fast leblos waren vor Trauer, sie bekommen neue Hoffnung und ihre Herzen werden lebendig. Da ist wieder die Südseeinsel, und die große Liebe kommt zurück und sagt: ich kann dich nicht vergessen, wollen wir es noch einmal versuchen miteinander? Solche Sachen haben die Leute bei Jesus erlebt, und deswegen sind sie zu ihm gekommen.

Aber die Geschichte ist immer noch nicht zu Ende. All das passiert ja nur da, wo Jesus ist. Und wenn man ihn gerade erkannt hat, dann verschwindet er manchmal, wie bei den Jüngern in Emmaus. Er hinterlässt Freude, aber wo ist er selbst? Der ältere Bruder des verlorenen Sohnes freut sich gar nicht, dass der kleine Mistkerl wieder da ist. Vor dem Haus von Zachäus stehen die Leute und zerreißen sich das Maul, dass Jesus gerade da reingegangen ist. Die Dinge sind in Bewegung, aber man sieht noch nicht, wie es endgültig ausgehen wird. Man kann nur hoffen, dass diese Bewegung zum Guten hin weitergeht.

Und das ist genau der Moment für unseren Auftritt. Wir sind nämlich nicht nur Zuschauer, sondern wir gehören in die Geschichte hinein. Für uns ist da eine Rolle reserviert, und zwar keine Statistenrolle, sondern eine bedeutungsvolle, eine tragende Rolle. Und sowas wie Konfirmandenunterricht ist dafür da, dass wir das Drehbuch besser verstehen. Damit wir nicht alle Erfahrungen erst selbst machen müssen.

Man muss nicht immer erst selbst die Erfahrung machen, dass man sich echte Freunde nicht mit Geld kaufen kann. Man muss nicht immer erst selbst die Erfahrung machen, dass man sich äußerst unbeliebt macht, wenn wie Zachäus man die Menschen übers Ohr haut - und dann nützt einem auch das ganze Geld nichts. Man muss nicht immer erst selbst erfahren, wie schrecklich der Tod eines Menschen sein kann, den man geliebt hat. Man erspart sich eine ganze Menge, wenn man von den Erfahrungen anderer lernt. Wir müssen nicht erst ein Leben damit verbringen, all die schlechten Erfahrungen durchzuprobieren, die andere schon erlebt haben. Dafür ist das Leben einfach zu kurz und unser Herz viel zu verletzlich.

Und wenn man merkt, wieviel in der Welt schief läuft und wie schön es wäre, wenn das Leben heil werden könnte, wenn man das merkt, dann ist es wichtig zu wissen, dass man bei Jesus suchen muss. Dass da das heile Leben zu finden ist, und die Hoffnung; dass keine Situation so verfahren ist, dass er da nicht doch noch etwas bewegen könnte. Zu wissen, dass er es ist, der sich in unser Leben einschleicht wie ein Begleiter am Weg, und unser Herz wird wieder lebendig. Zu wissen: niemand muss ein mieser kleiner Abzocker bleiben. Keiner muss sich vor Neid das Maul zerreißen, denn es ist genug Liebe da für alle. Keiner muss vor einer verfahrenen Familienkonstellation verzweifeln, wenn Jesus in die Situation hineinkommen darf. Und selbst der Tod ist nicht endgültig, sondern es ist alles noch mal anders, als es aussieht.

Eines Tages kommt der Moment, wo Jesus nicht nur kurz vor unseren Augen sichtbar wird, um wieder zu verschwinden, sondern wo er bei uns bleibt, und wir bei ihm. Wo wir die ganzen Probleme los sind, die der Sündenfall in die Welt gebracht hat. Keine Plackerei mehr, keine klapprigen Beziehungskisten. Der christliche Glaube steht zu der Tatsache, dass der Mensch für ein erfülltes Leben geschaffen ist. Anfang und Ende der Menschheit liegen im Paradies, und das Leben hat das letzte Wort. Das Paradies wird zurückgewonnen.

Aber jetzt leben wir immer noch in der Zeit dazwischen. Da wartet eine Rolle auf uns. Es gibt einen Platz, den wir einnehmen sollen. Wir dürfen am Drehbuch mitschreiben. Wir können dabei sein mit allem, was wir können, und das ist weit mehr, als wir jetzt schon an uns entdeckt haben. Wir können diesen ganzen Ballast hinter uns lassen, der das Leben so mühsam macht: die Angst, zu kurz zu kommen und den Neid, die Niedergeschlagenheit und die schlechte Laune, die Langeweile genauso wie die Arroganz. Es gibt jetzt schon den Vorgeschmack des Paradieses, besser als alles andere. Es gibt Brot für alle. Es gibt Heilung.

In dieser Geschichte sind wir drin. Es ist nicht die Frage, ob wir darin eine Rolle bekommen, sondern welche es am Ende sein wird. So oder so - wir spielen mit. Aber denkt daran: in allen Filmen geht es den Schurken am Ende schlecht. Zwischendurch sind sie meistens obenauf und genießen es, aber am Ende sieht es schlecht aus für sie. Die Filme haben recht. So ist es wirklich. Und neben den Schurken sind immer noch die, die noch unsicher sind, die erst in ihre Rolle hineinwachsen müssen, wie Frodo im "Herrn der Ringe". Die lernen und Fehler machen - aber sie haben sich irgendwann mal für die richtige Seite entschieden, und sie sind neugierig und bereit zu lernen. Darauf kommt es an. Wir wollen doch unser persönliches Happy End erleben! Oder?

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