Im Gottesdienst zu sehen war eine Installation mit einem Kruzifix aus Spiegelstücken, in denen man sich teilweise sehen konnte. Darauf nimmt die Predigt Bezug.

Jetzt sehen wir alles nur wie in einem Spiegel und wie in rätselhaften Bildern; dann aber werden wir Gott von Angesicht zu Angesicht sehen. Wenn ich jetzt etwas erkenne, erkenne ich immer nur einen Teil des Ganzen; dann aber werde ich alles so kennen, wie Gott mich jetzt schon kennt.

Kruzifix

Das ist die Lage: wir sehen die Dinge nicht, wie sie wirklich sind. Wir sehen nicht das ganze Bild, wir sehen nicht den Gesamtzusammenhang, wir haben vom ganzen Gewebe des Lebens nur einige Fäden in der Hand und versuchen, daraus das ganze Muster zu erraten. Wir schauen nach den Grundmustern in unserem Leben, und wir sagen vielleicht: ich bin vom Pech verfolgt, bei mir geht alles schief; oder: wenn ich die Dinge in die Hand nehme, dann klappt es; oder: ich habe Pech bei mit den Männern - bzw.: mit den Frauen. Oder: bis jetzt ist es immer noch gut gegangen, es wird schon werden. Und so versuchen wir die Mosaiksteine in unserem Leben in einen Zusammenhang zu bringen, der Sinn macht. Aber es ist nie die ganze Wahrheit über uns, sondern immer nur eine vorläufige, und manchmal ist das Bild sogar ziemlich schief.

Denn jeder, der mal versucht hat, ein Puzzle zusammenzusetzen, der weiß, wie wichtig es ist, dass man ein Gesamtbild kennt, damit man weiß, was das Ganze überhaupt ergeben soll. Ohne so ein Gesamtbild probiert man rum und braucht viel, viel mehr Zeit und mehr Versuche, wenn man es überhaupt hinbekommt. Ohne das Gesamtbild ist puzzeln äußerst schwierig.

Das Kreuz hier unten macht diesen Zusammenhang sehr deutlich: Jesus ist aus vielen Spiegelstücken zusammengesetzt. Man sieht da immer nur einen Teil von sich selbst. Das hat auch den Vorteil, dass jeder, ob groß oder klein, irgendein Spiegelstück findet, in dem er sich sehen kann - aber nie vollständig. Doch aus diesen vielen Teilbildern entsteht schon jetzt ein Gesamtbild - nämlich Jesus. D.h., wir sehen uns selbst zwar nicht im Ganzen, aber wir können schon sehen, wo es einmal hingehen soll: dass wir alle gemeinsam in Jesus sind, und dass wir ihn widerspiegeln - jeder auf seine Art und mit den verschiedenen Teilen unseres Lebens. Jesus ist das Geheimnis der Welt, er ist das Ziel, für das sie geschaffen ist, er ist die verborgenen Einheit in allem.

Unser Leben ist ja heute aufgeteilt auf viele verschiedene Bereiche:

  • Da gibt es den Bereich wo man arbeitet und möglichst Leistung bringen soll, wo es dauernd Neues gibt und Morgen die ganze Sache schon wieder anders aussehen kann
  • es gibt die Familie, wo es gar nicht so sehr um Leistung geht, sondern um langfristige Beziehungen
  • es gibt Freunde, mit denen man eher die angenehmen Seiten des Lebens teilen möchten
  • es gibt die Seite unseres Lebens, wo wir Anträge ausfüllen müssen, Bestimmungen studieren, Briefe schreiben, vielleicht vor Gericht gehen müssen
  • es gibt alle möglichen Vereine und Vereinigungen, zu denen man gehört, und in denen wir uns noch einmal von einer anderen Seite zeigen.

So viele Bereiche, die nach ganz verschiedenen Regeln funktionieren, die alle ihre Erwartungen an uns haben - aber wann sind wir eigentlich wir selber? Einer hat darauf einmal die Antwort gegeben: wir sind dann ganz wir selbst, wenn wir auf der Strecke zwischen zu Hause und der Arbeit auf der Autobahn im Stau stecken. Da will keiner was von uns, da müssen wir nichts tun - wir sind ganz bei uns selbst. Aber jeder weiß, dass wir da nicht besonders glücklich sind - wenn das wirklich unser wahres Selbst sein sollte - nein danke!

Stattdessen sehen wir hier eine andere Antwort: wir bekommen den Zusammenhang unseres Lebens von Jesus. In jedem Bereich unseres Lebens soll an uns etwas von ihm sichtbar werden, an jedem Ort sollen wir auf ihn hören und von ihm geleitet werden. Und diese Verankerung in ihm hält gleichzeitig die verschiedenen Teile unseres Lebens zusammen.

Wenn wir heute zusammen segnen und beten, dann stärken wir diese Mitte unserer Person. Gott spricht immer mit unserem Zentrum. Wobei dann das Besondere ist, dass diese Mitte eben gar nicht in uns liegt, sondern dass wir die Einheit unseres Lebens von jemand anderem bekommen, von Jesus. Der fügt die verschiedenen Teile des Lebens zu einer sinnvollen Einheit zusammen. Und diese Einheit wird angesprochen, wenn wir beten, wenn wir Segen von Gott empfangen. Gott kennt uns ja schon, für ihn sind wir kein Rätsel, er sieht uns als Einheit, er sorgt erst dafür, dass wir eine Person sind mit eigener Würde und einem Namen, bei dem wir gerufen werden. Er sieht uns als die Person, die dazu berufen ist, auf ihre ganz persönliche Art Jesu widerzuspiegeln, und er spricht diese Person an und stärkt sie. Er ruft den neuen Menschen, den er in uns schaffen will.

Das Auseinanderfallen der Person in viele kleine Teile, die jeweils an ihrem Platz funktionieren, das gehört heute zu den wichtigsten Gründen, weshalb Menschen traurig und entmutigt werden und keinen Gesamtsinn mehr für ihr Leben sehen. Das ist der Hintergrund vieler psychischer Störungen, dass diese Kraftquelle fehlt, die in einem übergreifenden Lebenssinn besteht. Menschen können ganz viel ertragen, wenn sie wissen, wofür. Aber wenn wir nicht mehr wissen, wofür wir leben, dann wirft uns schon ein kleines Problem um.

Wir funktionieren Tag für Tag, aber dann kommt irgendeine Störung, irgendetwas bringt die Routine durcheinander, und wir können es nicht mehr mit Hintergrundmusik zudecken, und dann merken wir, dass da die Frage wartet: wozu eigentlich? Was ist der Sinn, was ist das übergreifende Ganze, wer bin ich eigentlich selbst? Wofür lebe ich? Die Kinder gehen aus dem Haus, die Arbeit ist auch nicht mehr das Pralle, und der Jodelverein ist nur ein begrenzter Ersatz.

Wir brauchen nicht nur das Wissen, dass Jesus die wahre Einheit eines Menschenlebens ist (obwohl dieses Wissen schon viel bedeutet), sondern wir sollen das auch immer wieder erleben, dass wir zu Gott kommen und von ihm angesprochen werden, und dass wir merken, wie Gott uns kennt, auch wenn wir uns selbst nur bruchstückhaft verstehen. Und wir sollen immer wieder erinnert werden, dass auf uns ein neues Leben wartet und vielleicht gerade in den Brüchen unserer Person schon begonnen hat. Gerade, dass wir so hin und her gerissen sind, das gibt Gott ja die Möglichkeit, hineinzukommen in unser Leben. In den festen, geschlossenen Persönlichkeiten ist da manchmal viel weniger Raum, in dem Neues aufbrechen kann.

Wir sehen an dem gekreuzigten Jesus, dass das mit der ganzen Welt so ist: auch da gibt es so viel Zerbrochenes, soviel Unklares und Unverständliches, soviel Dinge, die nicht an ihrem richtigen Platz sind. So viel Schmerzen und so viel Sinnloses. Auch das wartet darauf, dass jemand die Mosaiksteine richtig zusammensetzt. Wenn wir dieses Bild von Jesus hier anschauen, dann sagt es uns: so bist du. So zerbrochen und zerrissen wie die ganze übrige Welt. Schau dich nur an! Aber für dich und für die ganze Welt gibt es einen Plan, es gibt ein sinnvolles Muster, das aus diesen verworrenen Fäden entstehen soll, und es gibt einen, der es kennt, und er möchte mit dir gemeinsam einen Weg gehen, einen guten Weg. Willst du seine Hand nehmen und mitgehen?

Denn von Jesus geht Heilung aus. Das lebendige Wasser sprudelt und fließt. Jesus erleidet die Zerrissenheit und die Grausamkeit der Welt, er stirbt daran, aber bei ihm ist die Quelle für das Wasser des Lebens. Eigentlich schaut jeder gerne bewegtem Wasser zu, den Wellen am Strand, dem Sprudeln eines Baches oder dem ruhigen Strömen eines großen Flusses. Irgendwie spüren wir die Frische und Kraft des Wassers und nehmen etwas davon in uns auf, wenn wir es sehen. Und Jesus sagt: der Ursprung davon bin ich. Bei mir kannst du es im Original haben.

Und noch mehr: wenn ich zu dir komme, dann fängt in dir eine Quelle an zu fließen, die nicht mehr versiegt, und du bringst dann selbst Heilung mit, du wirst genug haben für dich selbst und für andere, und um dich herum wird etwas sichtbar von dem großen Plan Gottes, von der Gestalt Jesu, von dem Muster, nach dem diese Welt gewebt ist.

Wir wollen dieser Einheit heute auf verschiedene Weise begegnen und uns an sie anschließen. Dazu sind alle herzlich eingeladen.

Zuletzt aktualisierte Seiten:

27.02.2013:
Der Newsfeed von www.evkirche-grossilsede.de ist umgezogen!
Im Zuge der Umstellung der Webpräsenz auf Wordpress hat der aktuelle Newsfeed dieser Webseite eine neue Adresse. Der alte RSS-Feed bleibt erhalten, wird aber demnächst nicht mehr aktualisiert. Bitte stellen Sie Ihren Feedreader auf die neue Adresse um: http://evkirche-grossilsede.de/feed/ !

24.02.2013:
Eine Welt voller Mächte
Predigt zu Epheser 6,10-13 im Besonderen Gottesdienst am 24. Februar 2013

17.02.2013:
Gott - das verborgene Gegenüber in allem
Predigt zu Römer 12,9-13 am 17. Februar 2013 (Predigtreihe Römerbrief 37)

03.02.2013:
Eine wunderbare Freundschaft
Predigt zu Apostelgeschichte 16,9-15 am 03.02.2013

nach oben