Der Predigttext aus dem Brief an die Kolosser umfasst nur drei Verse, hat es aber gewaltig in sich. Bibliotheken sind mit Schriftgut über das Thema Gebet gefüllt worden. Wegen der Vielschichtigkeit werden wir uns auf wenige Teilaspekte beschränken müssen - leider.

Beten, das ist niemandem von uns fremd. Viele beten täglich, etliche von Zeit zu Zeit und andere vielleicht nur in der Not, denn die lehrt ja bekanntlich das Beten. Heute im Gottesdienst, wie sonst auch, gehört es zu dem Wichtigsten, was wir als Gemeinde tun. Es dürfte demgemäß selbstverständlich und nichts sein, worüber es sich lange reden lässt.

Was ist das Gebet?

Dem ist beileibe nicht so. Wir sollten uns viel öfter ganz bewusst machen, dass das Gebet ein Gespräch mit Gott ist. Gott, dem Schöpfer Himmels und der Erde, dem allmächtigen Herrn, dem Vater unseres Herrn Jesus Christus.

Ja, tatsächlich, wenn wir beten, wenden wir uns ganz persönlich Gott zu. Ob wir nun zum Vater, zum Sohn oder zum Heiligen Geist beten. Der Adressat ist unser dreieiniger Gott. Mir ist das vor allem bei den liturgischen Gebeten nicht immer so deutlich und ich denke, manch anderem geht es ebenso.

Reden mit Gott, das ist schon an und für sich eine gewaltige Sache - aber noch längst nicht alles. Denn das Gebet ist keine Einbahnstraße. Im Gebet redet auch Gott mit uns. Er antwortet uns.

»Das gewaltigste Gebet aber ist, wenn alles verstummt, weil Gott zu uns redet«, so Alfred Ringwald.

Aber auch das lässt sich noch steigern: Gott hört nicht nur unsere Gebete, er erhört sie auch. Was die Herzen derer bewegt, die Gott lieben, das bewegt auch bildlich den mächtigen Arm Gottes. Wenn er auch kein Wunscherfüllungsautomat ist, so hört er uns und hilft. Vielleicht nicht immer so, wie wir es uns vorstellen. Unter Garantie aber so, wie es am besten für uns ist.

Der Gott, der alles weiß, will gebeten werden. Er weiß, wessen wir bedürfen und will aus gutem Grunde dennoch gebeten werden.

Ja, das Gebet ist ein großes Geschenk Gottes - allerdings ist es damit, wie mit den meisten Dingen, dass es nutzlos ist, wenn wir es nicht gebrauchen.

Zum Gebet gehört auch der Dank. Wir machen uns damit die Wirkungen Gottes in unserem Leben bewusst und würdigen, was Gott schon alles für uns getan hat. Eine gute Regel ist es deshalb, jedes gesprochene oder stille Gebet mit Dank zu beginnen.

Die Bitte um Fürbitte

Im heutigen Predigttext liegt der Schwerpunkt auf einer besonderen Form des Gebets. Christliches Gebet ist längst nicht nur ein Gebet für uns selbst. Eher verhindert schon unser Glaube, in den eigenen Sorgen gefangen zu sein.

Hören Sie einmal, was da im Predigttext im Brief des Paulus, den er aus dem Gefängnis an die Kolosser schreibt, im 4. Kapitel (2-4) steht:

Lasst nicht nach im Beten, werdet nicht müde darin und tut es immer mit Dank! Betet dabei auch für uns, dass Gott uns eine Tür öffnet für seine Botschaft. Wir sollen ja das Geheimnis bekannt machen, das in Christus beschlossen ist. Als Verkünder dieses Geheimnisses sitze ich hier im Gefängnis. Bittet Gott darum, dass ich es weiterhin offenbar machen kann, wie es mein Auftrag ist.

Der Apostel Paulus liegt gefangen im Kerker und schreibt der jungen Gemeinde. Hier, am Ende des Briefes, formuliert Paulus einige Mahnungen und Bitten. Eben auch den Text, den ich gelesen habe.

Er rechnet schon damit, dass die Kolosser für ihn beten, sicherlich. Aber er drängt sie, nicht nachzulassen, nicht müde zu werden.

Wofür sollen sie denn beten? Nicht dafür - was man ja erwarten könnte -, dass er bald freigelassen wird und einer Verurteilung entgeht. Nein - er bittet darum, dass Gott eine Tür öffnet, damit das Geheimnis Christi verkündet werden kann.

Was ist damit gemeint? Seit seiner Begegnung mit dem auferstandenen Jesus kämpft Paulus um die Verbreitung des christlichen Glaubens. Er sehnt sich danach, dass Gott ihm weitere Möglichkeiten der Verkündigung zeigt und er in der Gewissheit handeln kann, auch ganz konkret den Weisungen Gottes zu folgen. Die Verkündigung ist ihm das Wichtigste geworden. Wichtiger als sein Leben oder sein Wohlbefinden.

Warum eigentlich nur, was ist denn an dem so wichtig, was Jesus gesagt hat? Warum sollen möglichst alle Menschen an Jesus glauben?

Jesus hat von sich gesagt, dass er das einzig wirklich wahre Leben schenken kann für das Jetzt und die Ewigkeit. Dass er der einzige Weg zu Gott ist. Und Paulus hat an sich und vielen anderen gesehen, dass das die Wahrheit ist. Leben mit Jesus ist eine völlig neue Lebensperspektive auch über den Tag hinaus.

Vielleicht hatte Paulus auch den vom Evangelisten Markus (16,16) niedergelegten Text im Ohr, wo Jesus sagt:

Geht in die ganze Welt und verkündet die Gute Nachricht allen Menschen! Wer zum Glauben kommt und sich taufen lässt, wird gerettet. Wer nicht glaubt, den wird Gott verurteilen.

Er will diesen Reichtum, diese Alternativen den Menschen bekannt machen. Das jagt ihn. Das quält ihn, dass er da im Gefängnis liegt und so gern wissen möchte, wie Gottes weiterer Auftrag für ihn lautet.

Er bittet um Fürbitte. So heißt dieser Fachbegriff. Er bittet darum, dass die Kolosser für ihn beten. Kann er das denn nicht selber? Natürlich kann er das! Aber jeder, der für ihn betet, führt sein Gespräch mit Gott an Paulus statt. Mit seinem Herzen, seinem Mitempfinden und der persönlichen Intention bringt er dessen Sorge vor Gott. So versammeln sich dann im Gebet vielleicht hunderte von Menschen, die Gott bedrängen und für das Anliegen des Paulus bitten.

Paulus fordert auch zum beharrlichen Gebet auf. Das Gebetsanliegen soll den Kolossern auf der Seele liegen und sie nötigen, die Dinge immer wieder im Gebet vor Gott zu bringen. Die Not des Paulus soll zur eigenen Not werden.

Reicht es denn nicht einmal zu beten, wieso immer wieder? Gott hat doch bestimmt kein Problem mit seiner Merkfähigkeit.

Erinnern Sie sich noch an den Lesungstext aus Lukas 18, der mit dem Richter und der Witwe? Mit diesem Gleichnis fordert Jesus uns geradezu auf, uns mit unseren Anliegen ihm in den Ohren zu liegen. Im Gebet, dem Gespräch mit ihm, möchte er etwas mit uns entwickeln. Das Gebet als Dialog - und wir geben erst auf, wenn uns die Tür geöffnet wurde, wir die Antwort kennen. Wie bei dem Richter, der erst nachgab, als ihm klar wurde, dass die Frau mit ihrem gerechten Anliegen keine Ruhe geben wird.

Nun Gott will keine Ruhe vor uns haben, aber er möchte, dass wir als seine Gemeinde ihn als einzige Hilfe erkennen und bekennen.

Und heute?

Und damit sind wir auch bei uns. Denn das ist ja alles fast 2.000 Jahre her und Sie dürfen mit Berechtigung fragen, ob das denn noch mit uns zu tun hat? Die Antwort ist recht einfach: Gott ist der Gleiche geblieben. Gott existiert in der Ewigkeit. Er ist seit den Tagen des Paulus nicht einen Tag älter geworden. Deshalb gilt das, was für Paulus gegolten hat, auch uns noch. Ja wirklich! Auch unsere Gebete und Fürbitten gelangen vor Gott und werden von ihm erhört.

Und weil das so ist, gibt es in unserer Gemeinde eine sogenannte Gebetskette. Die besteht aus Frauen und Männern, die sich verpflichtet haben, Gebetsanliegen, die der Gemeinde Woche für Woche mitgeteilt werden, Gott stellvertretend vorzutragen.

Aus dem gleichen Grunde bietet unsere Gemeinde jeweils nach den Gottesdiensten einen Gebetsdienst an, wo man mit sich, für sich und für andere beten kann.

Und glauben Sie man nur nicht, Wunder gibt es nicht mehr. Fragen Sie einmal einen dieser treuen Beter, was die alles mit Gott erleben. Sie werden es kaum für möglich halten und manches Erlebnis wäre gut für eine Zeitungsschlagzeile. Aber das geht natürlich nicht. Schnell stünde der Beter im Mittelpunkt. Und das ist grundfalsch. Gott allein gehört die Ehre und deshalb bleiben Gebetserhörungen, wie die Gebetsanliegen auch, im vertraulichen Kreis der direkt Betroffenen.

So, und nun zu ihnen und mir. Das mit den Gebeten ist natürlich nicht nur eine Sache für die Menschen, die ich eben benannt habe. Das Gebet ist die Chance, die Gott uns Christen bietet, mit ihm ins Gespräch zu kommen, unsere Bitten und Fürbitten vorzubringen. Dabei sind Form und Formulierung sowas von unwichtig. Ob Sie stehen, sitzen oder knien. Ob Sie die Hände falten, sie aneinander legen oder sie dem Herrn offen entgegenstrecken. Das ist ganz egal.

Es kommt darauf an, dass Sie mit Gott sprechen, wie mit einem Menschen, dem ihre ganze Liebe gehört und der Sie so liebt, wie sonst niemanden auf dieser Welt. Da gibt es keinen Zwang zu gedrechselten Sätzen und keine Geheimnisse. Machen Sie Ihre Gebete zu Gesprächen mit Gott. Und erwarten Sie von ihm alles. Ich traue mich das so zu sagen, denn wir haben einen lebendigen Gott, der ständig handelt, dem nichts verborgen bleibt. Und damit sage ich nichts anderes, als das, was jeder von uns im Neuen Testament nachschlagen kann.

Wer von uns hat in seinem Leben noch nicht Situationen gehabt, wo man nicht mehr ein und aus wusste und wo einem sogar das Gebet im Halse stecken blieb? Für mich gehört es zu den schönsten Erfahrungen gerade dann zu wissen, dass da andere - meine Frau, meine Kinder, Freunde, Menschen aus Hauskreis und Gemeinde - für mich beten; dass sie im Gebet für mich vor Gott eintreten.

Gebet für die Ausbreitung des Evangeliums

Bitte lassen Sie mich noch auf den besonderen Aspekt der Bitte des Paulus zurückkommen. Denn der ist heute nicht weniger bedeutend als damals. Ich erinnere: Paulus bittet darum, dass dem Evangelium Türen geöffnet werden und ihm so gezeigt wird, wie Gott möchte, dass der Glaube an Jesus Christus weitergetragen werden soll. Es sollen alle wissen, dass dem, der sich entschließt, ein Leben mit Jesus zu führen, Gott auch die Gnade des Glaubens schenkt. Und wer dann mit Jesus unterwegs ist auf seinem Lebensweg, kann ein wirklich erfülltes Leben führen. Der muss auch den Tod nicht mehr fürchten. Denn dessen Leben geht mit Gott in alle Ewigkeit weiter.

Das gilt heute genauso wie damals. Auch wenn wir meinen, dass bei uns doch die meisten in der Kirche sind, getauft, konfirmiert usw. So sind es doch trotzdem nicht gar so viele, die die unvergleichliche Möglichkeit in Anspruch nehmen, ihr Leben bewusst mit Gott zu führen, die die Chance nutzen, mit diesem Gott zu reden. Die sicher sind, auch in der Ewigkeit Gemeinschaft mit Gott zu haben.

Viele wissen es nicht oder haben es nicht verstanden - andere lehnen es aber auch einfach ab und können nicht glauben, was Jesus Christus für sie sein möchte.

Mission und Evangelisation haben nicht in allen Teilen unserer Kirche einen guten Klang. Dabei ist die Krise der Mission eine Krise der Frömmigkeit. Die Krise der Frömmigkeit ist die Abwesenheit Gottes im Alltag. Der Verlust der Gegenwart Gottes im Leben ist der Verlust der Mitte und die hat mit dem Verlust des lebendigen Gebets zu tun.

Auf der anderen Seite hängt der angekratzte Ruf von Mission und Evangelisation vielleicht mit der Rücksichtnahme auf die Glaubensüberzeugungen von Menschen anderer Religionen zusammen. Rücksichtnahme und Toleranz sind gut und sicher ein Ausdruck der Liebe, die Christus in uns hineingelegt hat.

Aber muss denn diese Liebe nicht gerade dazu führen, anderen von dem nach dem Neuen Testament einzig möglichen Weg zu Gott zu erzählen. Was hielten wir von einem Menschen, der den richtigen Weg kennt, andere aber uninformiert in die Irre laufen lässt?

Der Glaube ist mehr und mehr Privatsache geworden. Das ist zum Teil berechtigt. Aber andererseits sind wir doch froh darüber, glauben zu können. Er füllt unser Leben wunderbar aus und bringt uns dazu, im Glauben und Vertrauen zu handeln. Wie kann er dann Privatsache sein? Es sind dann doch zwangsläufig andere, mit denen wir zu tun haben, einbezogen oder berührt. Und warum nicht bei passender Gelegenheit auch davon erzählen?

Beten heißt auch handeln

Wir müssen dafür arbeiten und beten, dass noch viele Menschen zu einem lebendigen Glauben finden. Türen sollen uns geöffnet werden, die jetzt noch verschlossen oder gar nicht zu sehen sind. Dazu braucht es umbetete Pastoren und Mitarbeiter, die selbst im Gebet die vor ihnen liegenden Aufgaben angehen und sich vom Heiligen Geist führen lassen. So gehören Glaube und Werke zusammen, untrennbar. Der Glaube bewirkt Werke und lässt mich handeln.

Wenn ich Gott z. B. den Werteverfall und den mangelnden Glauben der Menschen beklage, dann erwartet er von mir auch, dass ich in meinem kleinen Umfeld dagegen angehe. Glaube - Gebet - Werke - das ist das Handlungsschema Gottes.

Schluss

Es ist sehr wichtig, dass wir Christen viel über das Gebet wissen. Viel wichtiger ist es aber, dass wir uns Gott regelmäßig zuwenden mit Lob und Dank, mit Nachdenken und Bitten. Und das wirklich nicht zuletzt: Uns im Gebet auch von Gott ansprechen lassen. Wenn wir mit Gott nicht in Verbindung sind, können wir auch wenig von ihm erwarten.

Lassen Sie mich schließen mit einer Begebenheit aus dem Süddeutschen:

Dem Pfarrer fiel ein alter, bescheidener Mann auf, der jeden Mittag die Kirche betrat und nach sehr kurzer Zeit wieder verließ. Eines Tages spricht der Pfarrer den Mann an und fragt ihn, was er denn in der Kirche tue. »Ich gehe hinein, um zu beten.« Der Pfarrer macht aus seinem Zweifel keinen Hehl und verwies auf die doch sehr kurze Zeit seines Aufenthalts in der Kirche und erhält zur Antwort: »Ich kann kein langes Gebet sprechen, aber ich komme jeden Tag um zwölf und sage: 'Jesus, hier ist Johannes.' Dann warte ich eine Minute und gehe wieder.«

Einige Zeit später musste Johannes ins Krankenhaus. Ärzte und Schwestern stellten bald fest, dass er auf die anderen Patienten einen heilsamen Einfluss hatte. Die Nörgler nörgelten weniger und die Traurigen konnten auch mal lachen. »Johannes«, bemerkte die Stationsschwester irgendwann zu ihm, »die Männer sagen, du hast diese Veränderung bewirkt. Immer bist du gelassen, fast heiter.« »Schwester«, meinte Johannes, »dafür kann ich nichts. Das kommt durch meinen Besucher.« »Ich habe noch nie einen Besucher bei dir gesehen, wann kommt der denn immer?« »Jeden Mittag um zwölf. Er tritt ein, steht am Fußende meines Bettes und sagt: »Johannes, hier ist Jesus.«

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