12 Wir haben aber nicht den Geist dieser Welt erhalten, sondern den Geist, der von Gott kommt. Darum können wir erkennen, was Gott uns geschenkt hat. 13 Davon reden wir nicht in Worten, wie sie menschliche Weisheit lehrt, sondern in Worten, die der Geist Gottes eingibt. Von dem, was Gott uns durch seinen Geist offenbart, reden wir so, wie sein Geist es uns lehrt.
14 Menschen, die sich auf ihre natürlichen Fähigkeiten verlassen, lehnen ab, was der Geist Gottes enthüllt. Es kommt ihnen unsinnig vor. Sie können nichts damit anfangen, weil es nur mit Hilfe des Geistes beurteilt werden kann.
15 Wer dagegen den Geist hat, kann über alles urteilen, aber nicht von jemand beurteilt werden, der den Geist nicht hat. 16 Es heißt ja in den Heiligen Schriften: »Wer kennt den Geist des Herrn? Wer will sich herausnehmen, ihn zu belehren?« Und das ist der Geist, den wir empfangen haben: der Geist von Christus, dem Herrn.

Der Heilige Geist ist der Motor der christlichen Bewegung. Das ist es, was den christlichen Glauben von religiösen Bewegungen unterscheidet, dass Gott den Menschen nicht von außen entgegentritt mit einem Set von Regeln und Gesetzen, sondern dass er seinen Geist ins Innere eines Menschen legt, damit er durch diesen Menschen hindurch die Welt bewegen kann.

Das wird leicht falsch verstanden, weil Menschen sich gar nicht vorstellen können, dass Religion auf diese Weise funktionieren kann. Paulus hat gerade vorher davon gesprochen, dass Glauben zu einer alternativen Lebensweise führt: eine Art zu leben, die freiwillig auf all die Sicherheiten verzichtet, die wir normalerweise zur Vorsicht in unsere Welt einbauen. Es geht darum, sich verletzlich zu machen, indem man liebt. Vom Nehmer zu einem Geber zu werden. Nicht handeln aus der Angst heraus, man könnte zu kurz kommen. Sich auch um die dunklen Winkel der Welt kümmern, um die man normalerweise einen großen Bogen macht.

Das ist genau das, wovor uns alle vernünftigen Leute warnen. Aber Jesus sagt: wer sein Leben erhalten will, wer alle Energie dahinein investiert, sich vor den Problemen zu schützen, der wird sich erst recht die Probleme ins Haus holen. Er wird sein Leben verlieren. Aber wer sein Leben dafür aufs Spiel setzt, Jesus nachzufolgen und diese Welt mit ihm zu verändern, der findet sein wirkliches Leben. Wer im Auftrag Jesu bereit ist, sein Leben aufzugeben (und das heißt auf jeden Fall: es auf eine neue Grundlage zu stellen), der findet es.

Nach diesem Prinzip funktioniert der christliche Glaube. Nur, damit man so leben kann, braucht man den Heiligen Geist, weil man sich sonst gar nicht vorstellen kann, dass das tatsächlich möglich sein könnte. Ohne den Heiligen Geist bleibt das alles ein Buch mit sieben Siegeln, und man sucht nach einem Geheimnis und findet es nicht.

Ich bin gerade letzte Woche wieder auf einen gestoßen, dem es so geht. Vielleicht kennen einige von uns die Geschichte vom Da Vinci-Code, entweder aus dem Film oder aus dem Buch von Dan Brown, dem der deutsche Verlag den komischen Titel »Sakrileg« gegeben hat. Ich habe das Buch letzten Donnerstag gelesen - ich dachte, das ist die Chance, so einen Krimi mal aus rein dienstlichen Gründen zu lesen. Es geht ja schließlich um Theologie, ich muss wissen, welche Ideen über Jesus jetzt in den Köpfen von vielen Menschen drinstecken, und dass es spannend ist, dafür kann ich ja nichts.

Für alle, die die Geschichte nicht kennen, eine kurze Inhaltsangabe: es geht um eine Art Schnitzeljagd nach der Wahrheit über die Anfänge des Christentums. Ein amerikanischer Professor und eine junge Französin müssen einerseits dauernd vor dem enormen Fahndungsdruck der Polizei fliehen, die sie des Mordes verdächtigt, und werden andererseits von einem gefährlichen Killermönch verfolgt, der schon fünf Menschen ermordet hat. Und unter diesem Druck finden sie nun Stück für Stück die angebliche Wahrheit über die Ursprünge des Christentums: dass nämlich Jesus und Maria Magdalena ein Kind hatten, eine Tochter, und dass deren Nachkommen heute noch in Frankreich leben, und am Ende stellt sich sogar heraus, dass die junge Französin in diese Linie hineingehört und also von Jesus abstammt.

Gut, das ist ganz abenteuerlich, und wer ein bisschen Ahnung von der Geschichte hat, weiß, dass das alles nicht stimmt und nicht stimmen kann, dass die Historiker und Kunstfachleute nur den Kopf schütteln über die angeblichen Indizien, und man weiß sogar inzwischen, wer sich diese ganzen Geschichten ausgedacht und in die Welt gesetzt hat.

Aber als ich morgens um vier mit dem Buch durch war (alles natürlich in streng dienstlichem Interesse), war mein Eindruck vor allem: ein nettes spannendes Buch, aber der Mann hat keine Ahnung davon, worum es im Christentum wirklich geht. Deswegen arbeitet er mit Geheimbünden und verschlüsselten Wahrheiten und finsteren Machenschaften im Vatikan und leiblichen Nachkommen von Jesus. Aber das kann man doch wirklich an der Geschichte aller Königshäuser sehen, dass über leibliche Nachkommenschaft keine stabile Überlieferung möglich ist. Praktisch jeder große König hat Kinder, die nur noch vom Erbe des Vaters zehren, und der Urenkel pinkelt am Ende an den Expo-Pavillon. Wenn die Botschaft von Jesus über Erbfolge weitergegeben würde, na, dann gute Nacht! Brown behauptet z.B., dass das französische Königsgeschlecht der Merowinger von den Nachkommen Jesu abstammt. Nun waren gerade die Merowinger eine der verkommensten Königsfamilien Europas, die sich gegenseitig dauernd fröhlich umgebracht haben, und sie haben nur deswegen einige Jahrhunderte überlebt, weil sie so fleißig Nachwuchs gezeugt haben - häufig mit Frauen, die sie anderen ausgespannt haben. Allein daran kann man sehen, wie es um das Christentum stünde, wenn es auf Erbfolge angewiesen wäre.

Und trotzdem gibt es in dem Buch ein kleines Detail, an dem man wenigstens andeutungsweise sehen kann, worum es beim Glauben wirklich geht. Ausgerechnet dieser Killermönch, der so dämonisch und unheimlich beschrieben wird, der ist in Wirklichkeit ein ganz armes Schwein. Er hat von klein auf als Ausgestoßener gelebt, der noch nicht einmal unter den Kriminellen Freunde fand. Aber als er schließlich ganz unten ist und eigentlich kein Leben mehr vor sich hat, da findet ihn ein Priester, nimmt ihn auf und gibt ihm ein neues Leben. Dass der Orden, in dem er Aufnahme findet, seine Dankbarkeit und Treue missbraucht, um seine kriminellen Fähigkeiten nutzen zu können, steht auf einem anderen Blatt, aber selbst in dem Buch von Dan Brown blitzt etwas auf von dieser Kraft des Evangeliums, Menschen einen Neuanfang zu schenken. Auch wenn ein Menschen ganz unten ist, dann ist immer noch Hoffnung für ihn, wenn er auf eine christliche Gemeinschaft stößt, in der die Liebe Gottes lebendig ist.

Das ist das wirkliche Geheimnis des christlichen Glaubens, dass er Menschen selbst dann noch neues Leben schenken kann, wenn sie eigentlich am Ende sind. Es ist doch verrückt: Dan Brown hält das offizielle Christentum für Lüge und Betrug, die Wahrheit wird angeblich in kleinen verfolgten Zirkeln als Geheimlehre verbreitet, aber das Wunder der Heilung eines zerstörten Menschen, das schreibt auch der Autor des »Da Vinci-Codes« nicht diesen Geheimsekten zu, sondern ... dem mit ganzem Herzen engagierten Christentum! Er stolpert über das wahre Geheimnis des christlichen Glaubens, beschreibt es sogar und versteht es nicht!

Und, ja, tatsächlich, das ist die Kraft, die sich durch Jesus in der Welt ausgebreitet hat, die Kraft, die Menschen neu machen kann, egal, ob sie normale Durchschnittsleute sind oder ob sie schon lange in der Gosse liegen. Das Geheimnis des christlichen Glaubens besteht darin, dass er einen Schlüssel kennt, der menschliche Herzen aufschließt. Auch wenn der Begriff schon abgenutzt und missbraucht ist, der Schlüssel ist die Liebe Gottes, die in Menschen wohnt, in menschlichen Gemeinschaften. Und jeder Mensch, egal, ob er sich als religiös oder unreligiös bezeichnet, trägt in seinem Herzen den Wunsch, der Liebe Gottes zu begegnen. Vielleicht missversteht er seinen Wunsch, vielleicht sucht er am völlig falschen Platz, vielleicht hat er sich damit abgefunden, nur billigen Ersatz zu bekommen, vielleicht ist sein Herz schon beinahe abgestorben, so dass er seine Sehnsucht nicht spüren kann, aber weil wir Geschöpfe der Liebe Gottes sind, deshalb sind wir so eingerichtet, dass wir unser Glück nur in der Begegnung mit dem Schöpfer finden, der unseren Weg von Anfang bis Ende kennt und begleitet. Wenn Menschen seiner Präsenz mitten unter uns begegnen und sich dafür öffnen, dann können sie neu werden - normale Durchschnittsleute genauso wie diejenigen, die nichts mehr zu verlieren haben außer ihrem Stolz.

Dieses Geheimnis ist nicht durch Rätsel und Geheimcodes geschützt, sondern auf eine einfache und trotzdem sehr raffinierte Weise: es ist nur denen zugänglich, die vom Heiligen Geist erleuchtete Augen haben. Deswegen ist die Bibel jedem zugänglich, ein ganz offener Text ohne geheime Anmerkungen oder so, aber nur wer dem Heiligen Geist keinen Korb gibt, kann damit etwas anfangen. Die anderen sehen es, sie schreiben vielleicht sogar Geschichten darüber, aber sie verstehen nicht, wie es funktioniert.

Und auch der Heilige Geist ist zugänglich, er bringt seine eigenen Gebrauchsanweisung mit, aber er kommt nur zu denen, die ihn wollen, die ihn wirklich wollen. Gott ist um uns herum, er umgibt uns und lässt uns leben und keiner lebt ohne ihn, und praktisch jeder ist irgendwann schon einmal angerührt worden von seiner liebevollen Gegenwart. Ob unser Herz ins Schwingen geraten ist beim Erlebnis gewaltiger Meereswellen oder beim Blick auf einen neugeborenen Menschen, ob wir irgendwann um Hilfe gerufen haben und uns beschützt fühlten, ob wir die Freude erlebt haben, die es mit sich bringt, wenn man einem Menschen Gutes getan hat - bei vielen Gelegenheiten begegnen Menschen dem Geist Gottes. Aber nur wenn wir der Sache nachgehen, wenn wir es wirklich wissen wollen, wenn wir nicht einfach so drüber hinweggehen, sondern aufmerksam werden und dranbleiben, nur dann lernen wir Gott und seine Kraft tiefer kennen.

Auch dazu habe ich eine Geschichte: ein Trupp junger Leute baut bei einem Ferieneinsatz in Mexiko Häuser für arme Familien. Auch viele mexikanische Kinder sind dabei, schauen zu und helfen ein bisschen. Ein Mädchen, das zu der Jugendgruppe gehört, sieht in der Mittagspause wie ein paar mexikanische Kinder sich ein kleines Stück Brot teilen müssen, während die Jugendlichen eine ordentliche Mahlzeit dabei haben mit leckerem Essen, Saft, Keksen usw. Das kann sie nicht ertragen - sie holt die Kinder heran und teilt mit ihnen ihr Mittagessen. Als sie dann am Nachmittag wieder arbeiten, läuft eins von den Kindern, ein kleiner Junge, auf die Wiese nebenan und pflückt einen kleinen Strauß gelber Blumen, um sich zu bedanken. Er sucht nach einer Gelegenheit, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen und ihr die Blumen zu geben.

Aber die Jugendlichen sind voll bei der Arbeit, das Haus soll ja in einer Woche fertig werden, und als sie abends in ihr Quartier fahren, hat er keine Gelegenheit gehabt, ihr die Blumen zu geben.

Am nächsten Tag ist sie gar nicht dabei, weil sie zwischendurch für drei Tage in einem anderen Projekt aushilft, wo jemand krank geworden ist. Erst am letzten Tag ist sie wieder da, und wieder wartet der Junge den ganzen Tag darauf, dass er für einen Moment ihre Aufmerksamkeit bekommen kann. Aber die Jugendlichen reden viel untereinander, die Arbeit muss fertig werden, und am Ende sitzt sie schon im Bus, und der Junge hat immer noch nicht ihre Aufmerksamkeit bekommen.

Aber der Gruppenleiter hat das gesehen, er stoppt den Bus und holt das Mädchen noch einmal heraus und zeigt ihr den Jungen, der schon mit ziemlich zerdrückten Blumen immer noch da steht. Und er gibt ihr die Blumen und sagt: danke für das Essen! und erst jetzt versteht sie, was da eigentlich passiert ist. Und die beiden nehmen sich in den Arm und das ist der Moment, den sie nie mehr vergessen wird, wenn sie an den Hilfseinsatz in Mexiko denkt.

Sehen Sie, so geduldig wartet Gottes Geist darauf, dass wir ihm nicht nur hier und da verwundert begegnen, sondern ihm unsere Aufmerksamkeit schenken und das Geheimnis entschlüsseln, auf das wir in manchen besonderen Augenblicken unseres Lebens stoßen. Dass wir unsere Aufmerksamkeit auf einen Weg richten, der völlig offen zu Tage liegt und trotzdem von vielen Menschen immer wieder übersehen wird, weil sie sich nicht vorstellen können, dass Gott sich so einfach finden lässt.

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