Heute, in diesem Gottesdienst, in dem der neue Kirchenvorstand eingeführt wird, geht es um das Thema »Leitung«. Vorhin haben wir die Geschichte davon gehört, wie die Jünger Jesu darum gerangelt haben, wer der Größte sei (Markus 10,35-40). Überall, wo es um die Frage der Leitung geht, taucht das irgendwann auf. Das ist nichts Besonders. Aber Jesus benutzt diese Gelegenheit, um den Jüngern zu erklären, wie in der christlichen Gemeinde Leitung geschieht. Sie müssen es einfach wissen, dass er dafür ein ganz anderes Prinzip vorgesehen hat. So geht es nämlich weiter:

41 Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. 42 Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. 43 Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; 44 und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. 45 Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

Haben Sie gemerkt, Jesus sagt hier nicht etwa »bei euch soll es anders sein«, sondern: »bei euch ist es anders«? Jesus sagt, dass Gemeinschaften, die nach seinen Prinzipien leben, einfach nicht funktionieren, wenn jemand sie leiten will mit den Methoden, die sonst üblich sind.

Israel war traditionell ein klares Volk, das genau wusste, welche Folgen die Herrschaftsverhältnisse in der Welt haben: wer die Macht hat, der sorgt dafür, dass er sie auch behält, und er sorgt dafür, dass es ihm gut dabei geht. Macht ist eine Einladung, in vielerlei Weise auf Kosten anderer zu leben. Eine Einladung, anderen Lebensenergie abzuzapfen, in allen möglichen Formen: meistens in Form von Geld und Arbeitskraft, aber auch in Form von Ansehen, Selbstbewusstsein, Sich-Besser-Vorkommen und auf viele andere Arten. Wer ein Gesellschaftssystem verstehen will, der muss analysieren, wie da Lebensenergie von einem zum anderen fließt, bei wem sie abfließt und wo sie ankommt. In manchen Gegenden der Welt ist das sehr krass zu sehen, in unseren Breiten ist das alles ein bisschen versteckter und geordneter. Jesus konnte davon ausgehen, dass das für seine Jünger nichts Neues war, und er bestätigt das einfach noch einmal: ja, so geht es in der Welt zu, und wer behauptet, es sei anders, der hat sich eine rosa Brille aufgesetzt.

Und dann kommt das große Aber: aber bei euch ist es nicht so. Eure Gemeinschaft funktioniert nach einem anderen Grundmuster, nämlich nach dem Prinzip des Dienens, des für-andere-Daseins. »Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein« sagt Jesus. Also, wenn du Einfluss ausüben willst (und Jesus findet diesen Wunsch offenbar legitim - er selbst ist ja der einflussreichste Mensch der Welt), wenn du möchtest, dass du Spuren hinterlässt in der Welt, gute Spuren, dann sorge dafür, dass andere etwas von dir haben, dass tatsächlich Lebensenergie von dir zu ihnen fließt.

Normalerweise heißt es ja: wer die Macht hat, der nimmt sich, was er will. Bei Jesus gilt: wer gibt, hat die eigentliche Macht. Und zwar deswegen, weil Gott jemand ist, der gibt und schenkt. Und wer es genauso macht wie Gott, der hat auch Anteil an Gottes Art von Macht.

Nun ist es 2000 Jahre nach Jesus nicht mehr ganz so einfach, das so zu sagen, weil sich inzwischen einige populäre Missverständnisse seiner Regel eingeschlichen haben, und man wirklich aufpassen muss, das niemand das in den falschen Hals kriegt. Jesu neuer Weg des Schenkens und Dienens ist leider durch diese Verzerrungen ernsthaft beschädigt worden.

Missverständnis Nr. 1: tue Gutes und rede darüber! Heute nennt man so jemanden Sponsor. Ich unterstütze einen populären guten Zweck, und dafür bekomme ich Werbeminuten oder die Leute tragen mein Logo auf dem Rücken. Das ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Es kann sinnvoll sein, es kann gute Dinge fördern, aber so hatte Jesus das nicht gemeint.

Missverständnis Nr. 2: ich tue etwas für andere, damit ich ihnen sagen kann, wo es lang geht. Wir alle haben wohl schon mal Menschen erlebt, die sich für andere aufopfern, alles mögliche für sie tun, aber wehe, man wagt gegen diese fürsorgliche Diktatur aufzumucken! Dann hat man sofort einen Haufen Ärger am Hals oder bekommt ein schrecklich schlechtes Gewissen. »Alles habe ich für dich getan, und jetzt tust du mir das an! Du willst einfach deine eigenen Wege gehen - so undankbar bist du!« Auch das ist eine Karikatur von dem, was Jesus meinte. Er hat nie mit moralischen Druck und schlechtem Gewissen gearbeitet.

Missverständnis Nr. 3: ich predige den armen Leuten christliche Demut. Als ich ein Kind war, hörte ich manchmal von Damen aus besseren Kreisen die Klage »heute will niemand mehr dienen«, und sie meinten damit, dass niemand mehr als schlechtbezahltes Hausmädchen für sie arbeiten wollte. Inzwischen ist ja angeblich Schluss mit lustig, vielleicht kommen ja die früheren Zeiten zurück, wo es genug billige Arbeitskräfte gibt, aber auch das war es nicht, was Jesus meinte.

Missverständnis Nr. 4: als Christ darf ich nie nein sagen und muss mich von jedem ausbeuten lassen. Nein, ich tue niemandem einen Gefallen, wenn ich seine Bequemlichkeit fördere oder ihn beschütze vor den Folgen seiner Disziplinlosigkeit.

Missverständnis Nr. 5: ich beginne mit Dienen, damit ich irgendwann mal herrschen kann. In den Parteien nennt man das die Ochsentour: zuerst klebst du Plakate und verteilst Wahlbroschüren, dann kriegst du deinen ersten Posten, dann steigst du langsam auf, und irgendwann bist du da angekommen, wo du nicht mehr dienen musst, sondern dann kannst du befehlen. Diese Methode zur Auswahl von Führungspersonal ist ja vielleicht nicht die schlechteste, aber auch das ist nicht das, was Jesus meint.

Als Jesus sagte »wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein«, da meinte er nicht, dass man zuerst eine Zeit des Dienens ableisten muss, damit man dann endlich richtig herrschen kann. Sondern er beschrieb einen Zusammenhang, der nie aufhört: dass man wirklichen Einfluss ausübt, indem man anderen ohne Gegenleistung, ohne Manipulation Lebensenergie zukommen lässt. Indem man Menschen hilft, frei und stark zu werden. So hat es Jesus selbst gemacht, und er konnte das, er hatte keine Angst vor dem Ausbrennen, weil er von Gott immer neu die Stärke dafür bekam. Deswegen hat er manchmal auch einfach Schluss gemacht, nicht mehr weiter gepredigt, nicht mehr weiter geheilt, sondern ist in die Einsamkeit gegangen, um mit Gott allein zu sein. Jesus hatte das Geheimnis verstanden, dass wir von Gott mehr Energie bekommen, wenn wir sie weiter verschenken. Schenken macht stark, man ist dann nicht Opfer, sondern Herr der Situation. Aber das geht nur, wenn wir an Gott und seine Kraft angeschlossen sind und gewohnt sind, auf ihn zu hören.

Jesus hat die christliche Gemeinde auf diesen Zusammenhang gebaut, er wollte, dass da Gemeinschaften sind, die den Menschen dienen, die ihnen helfen, dieses Leben besser zu bestehen. Alles wird falsch, wenn Christen stattdessen versuchen, anderen vorzuschreiben, wie sie leben sollen.

Dietrich Bonhoeffer hat in seinen Gefängnisbriefen diese Vision einer Kirche entwickelt, die in der Kraft Gottes für andere da ist: »Sie muss an den weltlichen Aufgaben des menschlichen Gemeinschaftslebens teilnehmen, nicht herrschend, sondern helfend und dienend. Sie muss den Menschen aller Berufe sagen, was ein Leben mit Christus ist, was es heißt, 'für andere dazusein'. ... Sie wird die Bedeutung des menschlichen 'Vorbildes' ... nicht unterschätzen dürfen; nicht durch Begriffe, sondern durch 'Vorbild' bekommt ihr Wort Nachdruck und Kraft.«

Das ist die Vision einer Kirche, die nicht Forderungen an die Leute stellt, ihnen nicht droht oder Angst macht, sondern die mit den normalen Menschen lebt, die ihre Kinder gut erziehen möchten, ihre Rechnungen bezahlen müssen, Ärger auf der Arbeit haben, sich wundern, warum es nicht so richtig klappt mit dem Partner, sich freuen auf ein paar gute Tage im Sommer: eine Gemeinde, die den Menschen hilft, in dem allen das Geheimnis Gottes zu entdecken, seine Stimme zu hören, von ihm beschenkt zu werden, mit ihm zu leben. Autorität gewinnt so eine Gemeinde in dem Maß, in dem sie andern tatsächlich helfen kann, neue Wege zu finden und das Leben besser zu bestehen. So wie Jesus seine Autorität nicht aus einem Anspruch geschöpft hat, sondern er hatte sie, weil er den Menschen Gott neu zeigen konnte, nahe und hilfreich, mitten in ihrem Leben. In Galiläa, in einem überschaubaren Bereich, lokal und verwurzelt.

Deshalb sind wir mit Überzeugung Gemeinde vor Ort, Ortsgemeinde, lokal verankert, und wir fühlen uns jedes Mal wieder neu geehrt und beglückt, wenn Menschen uns vertrauen und von uns etwas erwarten.

Und alles, was Jesus über die Leitung in der Gemeinde sagt, das ist eigentlich nur eine Spezialanwendung von dem, was für die ganze Gemeinde gilt: dass wir helfend und dienend für andere da sind, dass Autorität und Einfluss dadurch entsteht, dass Menschen durch uns Gott besser verstehen und ihr Leben bestehen. So hat er Leitung als einen notwendigen Dienst verstanden, nicht als Weg, um sich fremde Lebensenergie anzueignen.

Und er hat damit gerechnet, dass das in einer Gemeinde, die für andere da ist, auch funktioniert. Er hat damit gerechnet, dass unter Menschen, die selbst gewohnt sind zu dienen, derjenige Autorität bekommt, der ohne Nebengedanken dient und anderen wirklich hilft, ihren Weg mit Gott zu finden. Noch einmal Dietrich Bonhoeffer: »Jesus hat alle Autorität in der Gemeinde an den brüderlichen Dienst gebunden. Echte geistliche Autorität gibt es nur, wo der Dienst des Hörens, Helfens, Tragens und Verkündigens erfüllt wird.« Für alle, die in der Gemeinde an der Leitung beteiligt sind - Pastoren, Kirchenvorstände, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, alle, die irgendwie leiten, für uns ist das ein Schutz, denn natürlich sind wir immer gefährdet, zurückzufallen in das weltliche Verständnis von Leitung. So wie es auch den Jüngern Jesu gegangen ist. Gerade als Kirchenvorstand stehen wir an der Schnittstelle zu Bereichen, wo es um Rechtsverordnungen, Zuweisungsrichtlinien, Haushaltspläne und ähnliches geht, und wo es nicht immer einfach ist, in diesem unübersichtlichen Gelände den Weg Jesu zu erkennen. Wo es richtig ist, Finanzen und Rechtsregelungen dankbar zu nutzen, aber nicht auf sie zu vertrauen, sondern auf die Präsenz Jesu unter und in den Menschen. Auf Gottes Weg, der gibt und schenkt, und uns mit allem Nötigen ausstattet, damit wir auch geben und schenken. Damit wir auf diesem Weg vorankommen, deswegen brauchen wir die Fürbitte der Gemeinde, deshalb brauchen wir eine qualifizierte Gemeinde, die ein Gespür hat für echte geistliche Autorität.

So ist Leitung in der Gemeinde immer die Verantwortung von zwei Seiten: derer, die Leitungsfunktionen ausüben, und derer, die sie dabei begleiten und in ihrem ganz normalen Leben als Gemeinde immer wieder neu die Wirklichkeit Gottes repräsentieren, von der wir alle leben.

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