9,1 Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im heiligen Geist, 2 dass ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass in meinem Herzen habe. 3 Ich selber wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch, 4 die Israeliten sind, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, 5 denen auch die Väter gehören, und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen.
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31 Israel aber hat nach dem Gesetz der Gerechtigkeit getrachtet und hat es doch nicht erreicht. 32 Warum das? Weil es die Gerechtigkeit nicht aus dem Glauben sucht, sondern als komme sie aus den Werken. Sie haben sich gestoßen an dem Stein des Anstoßes, 33 wie geschrieben steht (Jesaja 8,14; 28,16): »Siehe, ich lege in Zion einen Stein des Anstoßes und einen Fels des Ärgernisses; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.«
10,1 Liebe Brüder, meines Herzens Wunsch ist, und ich flehe auch zu Gott für sie, dass sie gerettet werden. 2 Denn ich bezeuge ihnen, dass sie Eifer für Gott haben, aber ohne Einsicht. 3 Denn sie erkennen die Gerechtigkeit nicht, die vor Gott gilt, und suchen ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten und sind so der Gerechtigkeit Gottes nicht untertan. 4 Denn Christus ist des Gesetzes Ende; wer an den glaubt, der ist gerecht.

Was gestern noch richtig war, kann heute falsch sein. Das ist das Muster, mit dem Paulus den Weg seines Volkes, des jüdischen Volkes, beschreibt. Das Christentum ist ja sozusagen als Unterabteilung Israels entstanden, und die große Frage ist, warum Israel als Ganzes den Weg Jesu nicht mitgegangen ist. Jesus wollte ja sein Volk erneuern, und die ersten Christen waren Juden und haben sich innerhalb der jüdischen Strukturen bewegt. Paulus z.B. begann seine Arbeit in einer neuen Stadt immer in der Synagoge.

Und er lenkt unseren Blick hier auf den Hintergrund, auf die ganze Geschichte. Ganz am Anfang hat Gott Abraham berufen, seine Heimat und seine Verwandtschaft zu verlassen, er hat ihn aus allen Bindungen herausgelöst, er sollte nicht mehr auf die sichtbaren Sicherheiten vertrauen, sondern auf Gott. Und weil Abraham das tat, deswegen schloss Gott mit ihm einen Bund und machte aus seinen Nachkommen ein großes Volk. Er befreite sie aus der Sklaverei in Ägypten, er gab ihnen am Berg Sinai die 10 Gebote und die Gesetze, nach denen sie leben sollten, er begleitete sie durch die Jahrhunderte, er zeigte ihnen durch Propheten seine Sicht der Geschichte, und so gab er ihnen ein immer umfassenderes Bild seines Willens. Und als sie genug vorbereitet waren, da sandte er Jesus als 100%ige Beschreibung davon, wie Menschen leben sollen. Nach all den Jahrhunderten der Vorbereitung enthüllte er ihnen endgültig seinen ganzen Willen. Er zeigte ihnen, welchen Plan er von Anfang an gehabt hat. Dieser ganze lange Weg durch anderthalb Jahrtausende war dazu da, dass es ein Volk gab, in dem Jesus geboren werden konnte. Und dann war es so weit, und er war da.

Aber das Volk, das von Gott so lange auf diesen Moment vorbereitet worden war, sagte Nein. Den wollen wir nicht! Als ganzes Volk mit ihren politischen und religiösen Institutionen haben sie ihn abgelehnt. Nur Einzelne wie Paulus oder kleine Gruppen glaubten an Jesus, sie verstanden: all die früheren Weisungen Gottes waren vorläufige Hinweise auf Jesus, und wir müssen das im Rückblick alles von ihm her verstehen.

Aber im Ganzen folgte Israel Jesus nicht. Sie hielten fest an den früheren Offenbarungen Gottes und wollten diesen neuen Schritt auf dem Weg nicht mitgehen. Aber Gott ist lebendig und jeden Morgen neu, und wir können nicht von den Gotteserfahrungen von gestern leben. Und deshalb gibt es jetzt ein Gottesvolk mit zwei Fraktionen, den Christen und den Juden. Wir sind nicht zwei verschiedene Religionen, wie man das manchmal liest in Bücher über die sogenannten »Weltreligionen«, oder wenn in der Schule die Religionen behandelt werden und eine davon das Judentum und eine das Christentum ist, wir sind nicht zwei verschiedene Religionen, sondern zwei Fraktionen, zwei Flügel des Gottesvolkes.

Leider ist das auch immer wieder im Christentum vorgekommen, dass Menschen nicht die neuen Wege Gottes mitgegangen sind, sondern sich festgehalten haben an der Wahrheit, die gestern richtig war, an Traditionen, Formen, Formulierungen, die gestern mehr oder weniger gut funktionierten, aber heute will Gott, dass wir auf dem Weg weitergehen und Neues entdecken. So ist es dann auch in der Christenheit immer wieder zu Fraktionsbildungen gekommen. Die einen haben entdeckt, dass jetzt ein neuer Schritt auf dem alten Weg dran ist, und die anderen haben gesagt: nein, das sehen wir nicht ein, wir bleiben bei dem, was wir als bewährten Willen Gottes kennen, wir machen keine Experimente.

Nicht nur in der Religion, überall passiert das, dass Menschen sich an dem früheren Guten festhalten und das bessere Neue blockieren. Aber was gestern noch richtig war, kann heute falsch sein. Ein Ehepaar, das immer wieder sehnsüchtig die alten Bilder aus den Flitterwochen betrachtet und die Gefühle von damals zurücksehnt, ohne zu verstehen, dass sie inzwischen hoffentlich auf einer viel tieferen Ebene miteinander verbunden sind, durch ihre ganze gemeinsame Geschichte. Ein Land, das die stolzen Siege von früher feiert und darüber die Herausforderungen der Zukunft ignoriert. Eine Fußballmannschaft, die sich im Glanz früherer Erfolge sonnt und den Anschluss an neue Entwicklungen verpasst. Eine Firma, die keine neuen Produkte entwickelt, weil die alten ja noch so gut laufen.

Gott ist lebendig und beweglich, er ist schöpferisch, und deshalb ist auch in seiner Welt alles im Fluss. Du kannst nicht zweimal in denselben Fluss steigen, das hat schon ein alter griechischer Philosoph erkannt. Wir halten im Augenblick ja alle irgendwie den Atem an, weil sich die Welt so rasant verändert - wenn man nur daran denkt, dass vor 10 Jahren kaum einer wusste, was das Internet ist. Aber dieses Tempo hat auch sein Gutes: wir erleben es viel drastischer als frühere Generationen, dass Gott in Bewegung ist, lebendig, kreativ, und dass er das auch in uns Menschen und in die Schöpfung hineingelegt hat.

Und nun hat Gott den entscheidenden, revolutionären Schritt zum Neuen gemacht, als er Jesus Christus in die Welt gesandt hat, und Paulus steht da, schaut auf sein Volk, das diesen Schritt nicht mitgeht und sagt: wenn ich irgend etwas dafür tun könnte, dass sie mitgehen und zu Jesus finden, ich würde es tun. Ich würde jeden Preis bezahlen, wenn ich damit etwas erreichen könnte. Und das sind bei Paulus keine leeren Worte, er hat oft genug mit seinen Leuten diskutiert und dabei nicht nur böse Worte geerntet, sondern auch Schläge bis hin zu Mordversuchen.

Aber er kann es nicht erzwingen. Wenn Menschen etwas nicht einsehen wollen, dann kannst du sie nicht überzeugen, und wenn du deine Seele dafür verkaufen würdest. Paulus sagt: sie sind wirklich mit Eifer dabei, sie meinen es ernst mit Gott, sie setzen sich ein, aber sie nehmen die Tatsachen falsch wahr, und deswegen nützt all ihr Eifer nichts. Das ist wie wenn du mit aller Kraft versuchst, einen Wasserhahn zuzudrehen, du drückst, bis dir die Hände wehtun, du nimmst eine Zange, du fluchst auf den verdammten Hahn, der nicht zugeht - und es nützt alles nichts, weil du falsch herum gedreht hast. Wenn du nicht weißt, wie herum du drehen musst, ist alle Anstrengung für die Katz.

Was kann Menschen helfen, die ein falsches Bild von Gott und seinem Weg haben? Natürlich kann man versuchen, sie zu überzeugen, manchmal hilft das, aber meistens helfen nur neue Erfahrungen. Da muss etwas Unübersehbares in ihr Leben treten, damit Menschen ins Nachdenken kommen. Wenn wir in Lebensgefahr kommen, wenn wir uns verlieben, wenn wir umziehen, wenn wir eine große Enttäuschung erleben, wenn wir Kinder bekommen, wenn wir zum ersten Mal fliegen - all das sind Gelegenheiten, wo wir oft beginnen, die Welt ganz neu zu sehen, einfach weil wir ganz andere Erfahrungen machen. Selbst das ist keine Garantie dafür, dass wir uns wirklich neu orientieren, aber es sind meistens solche Umbrüche, wo wir unser Weltbild nochmal auf den Prüfstand stellen.

Und wenn man in diesen drei Kapiteln des Römerbriefes, wo Paulus über den Weg seines Volkes schreibt, ein bisschen herumschaut, dann merkt man, dass genau das die Hoffnung von Paulus war. Er hofft, dass sein Volk, das jüdische Volk, seine Einstellung zu Jesus Christus noch einmal überdenken wird, wenn sie eine neue Erfahrung machen. Und zwar, wenn sie sehen, dass die Völker gerade durch Jesus auf breiter Front zu Gott finden.

Israel ist ja bis dahin immer allein das Volk Gottes gewesen in einer feindlichen Umwelt, unter lauter anderen Völkern, die Israels Gott und Israels Werte nicht teilten. Die anderen Völker, zuletzt das römische Reich, hatten Israel bedroht und unterworfen. Wenn sich da etwas ändert, denkt Paulus, wenn Israel die ganz neue Erfahrung macht, dass es durch Jesus überall unter den Völkern zu einem Umdenken kommt, dann werden sie ihre Einstellung zu Jesus noch einmal überprüfen. Vielleicht werden sie dann sehen, dass ihre ganze Geschichte in Wirklichkeit auf Jesus zuläuft.

Ich glaube, das ist ein guter Rat für alle möglichen Arten von »Fraktionskämpfen«, wo die eine Seite sich nicht überzeugen lassen will: versuche nicht, immer und immer wieder auf den anderen einzureden, kämpfe nicht gegen ihn, mach ihn nicht schlecht, sondern bleibe in Solidarität mit ihm, aber geh deinen eigenen Weg weiter. Höre ehrlich auf Gott, tu das, was du tun kannst, vielleicht ist das ja der Weg, auf dem der andere doch noch zur Einsicht kommt. Oder du merkst irgendwann, dass du selbst auf dem falschen Weg bist. Aber vielleicht lässt der andere sich ja überzeugen, wenn er die guten Früchte deines Weges sieht.

Auch dieser Rat hat seine Probleme, denn man muss eigentlich nicht alle Fehler selbst machen, man könnte ja auch vorher nachdenken oder von anderen lernen, aber es ist viel besser, wenn man sich auf den eigenen Weg konzentriert, als wenn man sich über die Fehler anderer aufregt. Das gilt für die Politik genauso wie für Familien und Ehen: statt immer wieder die anderen zu kritisieren oder an ihnen rumzuerziehen, sollte man sich auf seinen eigenen Weg konzentrieren und mit den anderen in freundlicher Solidarität verbunden sein. Und vielleicht werden sie sich ja irgendwann von den Früchten deines Weges überzeugen lassen. Auf jeden Fall können dabei alle nur gewinnen.

Und wie ist es dann weitergegangen? Die Menschen des römischen Reiches sind tatsächlich in den nächsten zweihundertfünfzig Jahren in großer Zahl Christen geworden, aber als das Christentum dann die Katakomben verließ und zur Staatsreligion wurde, da haben Christen versucht, die Juden mit Macht von der Wahrheit des christlichen Glaubens zu überzeugen. Und es hat sich christliche Judenfeindschaft entwickelt, durch zwei Jahrtausende, und die Frucht davon war schließlich der Holocaust, der Versuch, das jüdische Volk auszulöschen. Die Konflikte unter Geschwistern sind manchmal die allerschlimmsten und mörderischsten. Mehr als je zuvor hat Israel nach dem Holocaust das Gefühl, ganz allein in einer Welt von Feinden zu leben, und das erklärt auch viele Züge in der Politik des Staates Israel. Wir sind weit weg von dieser Hoffnung des Paulus, dass Israel durch die neue Erfahrung der weltweiten Christenheit zu Christus finden werde.

Paulus hat vorausgesehen, dass es ein langer Weg werden würde, bis die Völker zu Gott finden würden und dann Israel seine Meinung zu Jesus vielleicht ändern würde. Dass der Weg so lang sein würde, dass es immer neue Umwege geben würde, das hat sich Paulus wohl kaum vorgestellt. Aber Gott ist ein Gott der Umwege. Wenn wir die Sache verpatzen, dann fällt ihm immer noch etwas Neues ein. Er erhöht den Einsatz, er schiebt den Horizont hinaus, er zieht immer mehr Menschen mit hinein in seine Geschichte.

Deswegen preist Paulus am Anfang und am Ende dieser Kapitel Gott, den Herrn über alles. Er hat die Menschen und die Geschichte in seiner Hand. Er wird sich auch von menschlicher Blindheit und Sünde nicht von seinem Ziel abbringen lassen. Er findet immer noch einen Weg, wie er aus menschlichen Irrtümern Segen entstehen lassen kann. Wir sehen immer nur ein paar Fäden im Gewebe der Welt, Gott sieht den ganzen Teppich. Wir können heilfroh sein, wenn wir unser eigenes Leben einigermaßen überschauen, und selbst das kriegen wir kaum hin - aber Gott sieht voraus bis zum Ende der Welt. Und deshalb wollen wir unsere großen und kleinen Dinge ihm anvertrauen und erwarten, dass er es richtig macht.

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