16 Doch weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Christus Jesus gekommen, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes; denn durch Werke des Gesetzes wird kein Mensch gerecht.
17 Sollten wir aber, die wir durch Christus gerecht zu werden suchen, auch selbst als Sünder befunden werden - ist dann Christus ein Diener der Sünde? Das sei ferne! 18 Denn wenn ich das, was ich abgebrochen habe, wieder aufbaue, dann mache ich mich selbst zu einem Übertreter.
19 Denn ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt. 20 Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.
21 Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes; denn wenn die Gerechtigkeit durch das Gesetz kommt, so ist Christus vergeblich gestorben.

Das ist für uns heute nicht leicht zu verstehen, es klingt sehr abstrakt, aber in Wirklichkeit geht es um einen fundamentalen Konflikt in den frühen Gemeinden. Und wenn Paulus da nicht entschieden seine Position vertreten hätte, dann wäre das Christentums gestoppt worden, bevor es richtig begonnen hätte.

Für die ersten Christen war es charakteristisch, dass in den Gemeinden jeder willkommen war. Das war ein direktes Erbe von Jesus - wir haben das vorhin in der Lesung gehört, wie er zu den Chefs seines Volkes sagt: die betrügerischen Zöllner und die Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr. Die sind umgekehrt zu Gott, im Gegensatz zu euch. Das heißt, Jesus hat darauf geschaut, ob sich jemand echt zu Gott einladen lässt und umkehrt, darauf kam es ihm an, und irgendwelche Posten und Sprüche waren ihm egal.

Und genau auf dieser Linie hat 15 Jahre später Paulus die Grenzen zu den nichtjüdischen Völkern überschritten, zu denen, die nicht wie Israel Gottes Gesetz kannten und deren Kultur nicht von der Bibel geprägt war. Aber auch die ließen sich von den Jesus-Leuten zu Gott einladen, sie kehrten um, sie bekamen den Heiligen Geist. Und sie verstanden sich prächtig mit Paulus und den anderen jüdischen Christen.

Das Ganze war ziemlich revolutionär, denn die hatten damals im römischen Reich zwar eine ziemlich multikulturelle Gesellschaft, aber die verschiedenen Kulturen vermischten sich nicht, sondern sie bildeten Parallelgesellschaften. Jeder hatte seinen Stallgeruch, man blieb unter sich. Nur bei den Christen ging das alles kreuz und quer, da saßen die Sklaven und die Freien beieinander, Juden und andere Völker, Männer und Frauen, Griechen und Barbaren Junge und Alte.

Gott liebt solche bunten Mischungen. Denn erstens hat er sie geschaffen. Zweitens kann man an dieser bunten Mischung merken, dass Gott aus den Mosaiksteinen der ganzen Menschheit etwas Neues zusammenbastelt, und drittens sieht man so besonders deutlich, dass die einzige Grundlage der christlichen Gemeinden darin besteht, dass man sich von Gott rufen lässt, und nichts anderes.

Ganz besonders bunt ging es in Antiochia zu. Das liegt am Mittelmeer, so beinahe auf der Grenze zwischen der Türkei und dem Libanon, und diese Ecke ist bis heute ein Gemisch aus allen möglichen Völkern und Religionen und Sprachen. Und die saßen dort in der ersten Gemeinde alle an einem Tisch. Da war was los, so etwas hatte es bis dahin noch nie gegeben. Das war ganz eindeutig die Stärke der Christen, dass sie sich quer durch alle gesellschaftlichen Grenzen bewegten und alle integrieren konnten.

Ein klein bisschen davon erlebe ich heute immer noch, weil man als Pastor eigentlich überall hinkommen kann, zu reichen und zu armen Leuten, zu Polizisten und zu Straftätern, zu Beamten genauso wie zu Sozialhilfeempfängern. Fast alle rechnen damit, dass man ihnen nichts Böses tun will. Man hat wirklich zu fast allen Zugang, und ich finde, das ist ein ganz großes Privileg.

Aber damals in Antiochia war die Mischung natürlich noch viel heftiger. So was macht der Heilige Geist, und weil sie den da wirklich besonders brauchten, bekamen sie auch eine Extraportion davon. Die Gemeinde war richtig in der Offensive, man merkte, dass Gott da war, und viele wollten dabei sein.

Und dann kam eines Tages Besuch aus Jerusalem, und zwar von dem Flügel der Jerusalemer Gemeinde, wo man pingelig die ganzen alten jüdischen Bräuche befolgte. Das war so eine Art Kontrollbesuch. Sie kennen sowas vielleicht, wenn ein Besuch von Ihren Eltern oder den Eltern Ihres Ehepartners bevorsteht: auf einmal wird die Küche aufgeräumt, die ganzen Socken, die rumliegen, werden zusammengesammelt, die Kinder müssen die Kinderzimmer in Ordnung bringen und sich benehmen, und die leeren Schnapsflaschen kommen in den Container.

Und genau so war es damals, als die Aufpasser aus Jerusalem kamen: einige jüdische Christen mit Petrus an der Spitze besannen sich ganz plötzlich auf ihre jüdischen Sitten. Juden hatten gerade beim Essen so viel zu beachten, dass sie eigentlich gar nicht mit Heiden zusammen essen konnten. Bis heute grenzen sich Menschen über ihre Tischsitten voneinander ab. Aber rein instinktiv hatten Petrus und die anderen sich darum gar nicht gekümmert. Es war so deutlich, dass Gott diese Grenzen überwinden wollte. All diese Regeln, was man tut und was man nicht tut, die waren so bedeutungslos. Aber als nun der Besuch aus Jerusalem da war, bekam Petrus ein schlechtes Gewissen, plötzlich legte er wieder Wert auf jüdische Sitten, er setzte sich an den Extratisch der anständigen Leute, und auf einmal war da mitten in der Gemeinde ein Riss.

Und im Nachhinein sah es so aus, als ob das ein Fehler gewesen wäre, nur darauf zu achten, ob Menschen zu Jesus kommen, und alle sonstigen Traditionen und Einteilungen zu ignorieren.

Was wäre passiert, wenn es dabei geblieben wäre? Dann hätte sich der Heilige Geist zurückgezogen, und aus der Gemeinde wäre ein Club für die geworden, die den richtigen Stallgeruch haben. Die anderen hätten sich zurückgezogen. Und die Grundlage der Gemeinde wäre zerstört worden.

Man kann sich das deutlich machen an dem Unterschied zwischen Zäunen und Brunnen. Hier bei uns werden Rinder auf einer umzäunten Weide gehalten, damit sie nicht weglaufen. Wer zur Herde dazu gehört, das entscheidet sich an diesem Zaun. Es gibt die, die drinnen sind, die gehören dazu, und es gibt die, die draußen sind und nicht dazugehören, und wenn der Zaun mal kaputtgeht, gibt es Probleme.

So ist es aber nicht überall. In manchen Gegenden unserer Erde, z.B. in Australien, ist so viel Platz, dass man da überhaupt keine Zäune ziehen kann. Stattdessen gräbt man im trockenen Outback Brunnen, und lässt die Tiere frei laufen. Solange nur genügend Wasser da ist, kommen die ganz von allein wieder zurück, weil sie ja trinken müssen.

Und der Konflikt damals in Antiochia ging darum, ob christliche Gemeinden nach der Methode Zaun oder nach der Methode Brunnen funktionieren sollen. Zuerst ging es nach der Brunnen-Methode: alle, die von Jesus angezogen wurden, vom Wasser des Lebens, die gehörten dazu. Und das funktionierte! Alle, die sich auf dieses Zentrum Jesus hin orientierten, hatten damit eine gemeinsame Richtung, die sie verband. Die einen waren näher dran am Zentrum, die anderen bewegten sich aus größerer Entfernung in diese Richtung, aber entscheidend war nicht der unterschiedliche Abstand, sondern die Richtung, in die sie alle liefen.

Diese Orientierung hin auf das Zentrum Jesus wird hier Glauben genannt, und Paulus sagt, dass man durch diesen Glauben in Gottes Augen gerecht wird. Ob jemand sich zu Jesus einladen lässt und umkehrt und sich auf den Weg zu diesem Zentrum macht, das ist das Entscheidende, und wenn du das tust, dann sagt Gott: ich freue mich über dich, du bist in Ordnung. Und dann haben die einen noch einen weiten Weg vor sich und die anderen sind näher dran, aber wer kann das schon wirklich genau messen? Auf jeden Fall: wenn die Richtung stimmt und du dich in Richtung auf Jesus bewegst, zu dieser Wasserstelle mit dem Wasser des Lebens, dann bist du in Gottes Augen im grünen Bereich. Und dann gehören eben auch merkwürdige Leute dazu, Leute, die noch sehr geprägt sind von einem Leben voller Verletzungen und voller Sünde, aber sie gehören dazu, wenn sie umkehren und sich auf Jesus hin orientieren und in Bewegung bleiben. Und es geht dabei nicht um Sprüche und Proklamationen, sondern um die reale Lebensbewegung. Wie es das Gleichnis von vorhin beschrieben hat, es geht nicht darum, ob einer sagt: Ja, ja, ich bin bereit im Weinberg zu arbeiten, oder ob er sagt: nein, ich will nicht, sondern entscheidend ist, ob er es tatsächlich tut oder nicht.

Als aber damals in Antiochia die Leute aus Jerusalem aufkreuzten, hatten sie das andere Modell im Gepäck, nämlich die Methode Zaun. Diese Methode besagt: wir müssen einen klare Grenze ziehen: die einen gehören dazu und die anderen nicht. Die einen haben den Stallgeruch und die anderen nicht. Die einen wissen, wie man sich in der Kirche benimmt, und die anderen müssen das erst lernen, oder sie bleiben draußen. Die Methode Zaun muss dauernd Leute einschließen oder ausschließen.

Und an diesem Punkt kämpft Paulus und sagt: die Methode Zaun ist das System von gestern! Das war eine provisorische Methode, die Gott bisher benutzt hat, um sein Volk Israel zu beschützen, damit sie eine gute Lebensordnung haben, aber seit Jesus gekommen ist, läuft es nach der Methode Brunnen! Bitte greift doch jetzt nicht wieder zu der alten Zaun-Methode! Das Evangelium ist so ein herrliches, erfrischendes Wasser, dass die Leute auch ohne die Zäune nicht weit weg laufen und immer wieder zurückkommen zur Wasserstelle.

Wenn man mit den Zäunen des schlechten Gewissens, mit moralischem Druck und Kontrolle, mit Gesetz arbeitet, dann werden die Menschen denken: das muss ja eine eklige Wasserstelle sein, wenn man da so hingepresst wird! Und deswegen hat es dem christlichen Glauben enorm geschadet, wenn die Kirche die Menschen mit anderen Methoden gebunden und unter Druck gesetzt hat, anstatt auf die Anziehungskraft des frischen, lebendigen Wassers zu vertrauen.

Jesus hat seine Leute zusammengestellt als eine bunte Truppe von Leuten, die verbunden waren durch die Beziehung zu ihm. Wenn einer da noch ein bisschen ungehobelt oder merkwürdig erscheint - das gehört dazu. Ein ernstes Problem gibt es nur, wenn einer sich seit zwanzig Jahren nicht mehr verändert hat, sich nicht weiter auf Jesus zubewegt. Bei der Methode Zaun ist das normal, der weiß ja immer noch, wie man sich benimmt. Aber in einer Gemeinde, die nach der Methode Brunnen funktioniert, muss man sich fragen: ist der überhaupt noch an Jesus, dem lebendigen Wasser interessiert? Oder ist er vielleicht schon längst verdurstet und nur noch sein Kadaver liegt irgendwo rum?

Jesus ist das Zentrum und das Organisationsprinzip der Gemeinde. Ihn haben sie gekreuzigt, weil er sich nicht am Stallgeruch orientierte, weil er sich nicht an die Zäune und Abgrenzungen hielt und auch weit jenseits davon Menschen anzog. Es ist klar, dass wir als seine Nachfolger nicht mit den Methoden derer arbeiten können, die Jesus verfolgt haben. Den Glauben an diese ganzen Regeln für Anständigkeit haben wir hoffentlich gründlich verloren. Aber wir vertrauen darauf, dass die Sehnsucht, die Jesus in den Menschen weckt, ein Leitseil ist, an dem wir uns alle zurücktasten können zu Gott, gemeinsam mit der bunten Truppe, die Jesus zusammenstellt.

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