Vor einer Woche habe ich hier darüber gesprochen, wie man sich immer wieder an Gott erinnern lassen kann, damit man sein Leben mit ihm lebt. Neben diesen ganzen Erinnerungen wie Gebetszeiten, Armbänder, Kunstwerke und anderem gibt es nun aber einen ganz besonderen Weg, um uns immer wieder an Gott zu erinnern, und das sind Menschen. Menschen sind in der Bibel der bevorzugte Weg, damit wir Gott nicht aus den Augen verlieren. Jesus hat von Anfang an Menschen dabei gehabt, seine Jünger, und er hat sie immer mindestens zu zweit losgeschickt. Genauso hatte Paulus immer Leute dabei. Er hinterließ Gemeinden, nicht Einzelne. Einzelne, die nur in ihrem Herzen ihren Glauben haben, kennt das Neue Testament nicht. Und eine Gemeinde ist nicht eine Versammlung von Karteikarten in einem Kasten, sondern es sind lebendige Menschen, die einander kennen, miteinander reden und leben, füreinander beten, einander begleiten, einander an ihren Herrn Jesus Christus erinnern.

Tatsächlich ist das Wort »einander« ein ganz zentrales Wort in den Briefen von Paulus. Wir sollen z.B.

  • untereinander auf Einigkeit bedacht sein (Röm. 12,16)
  • einander annehmen (Röm. 15,7)
  • einander zurechtweisen (Röm. 15,14)
  • aufeinander warten (1. Kor. 11,33)
  • einträchtig füreinander sorgen (1. Kor. 12,25)
  • einander in Liebe dienen (Gal. 5,13)
  • einander die Lasten tragen (Gal. 6,2)
  • einander trösten (1. Thess. 5,11)
  • einander aufbauen (1. Thess. 5,11)
  • einander Gutes tun (1. Thess. 5,15)
  • einander die Sünden bekennen (Jak. 5,16)
  • füreinander beten (Jak. 5,16)
  • einander in Demut begegnen (1. Petr. 5,5)

Und das ist nur eine Auswahl, ich könnte noch viele andere Stellen vorlesen. Hier wird ein Raum beschrieben, in dem Gott durch Menschen an Menschen wirkt. Eine Gemeinde ist eine Zelle erneuerten Lebens, ein Bereich, der von Gott und seiner Art geprägt ist, eine Zone, in der der Lebensstil Jesu verwirklicht wird.

Das, was Jesus uns gebracht hat, das sollte nie in Büchern irgendwo im Regal verstauben, sondern es sollte Gestalt annehmen in einer Gemeinschaft lebendiger Menschen. Da soll man erleben können, was Liebe ist. Man soll es nicht in erster Linie beschreiben, sondern erleben. Es geht um lebendige Wahrheit, die gelebt und erlebt wird.

Die meisten von uns kennen diesen Vers aus dem 1. Johannesbrief (4,16), wo es heiüt: üGott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihmü. Das ist ein beliebter Vers für alle müglichen Gelegenheiten, Trauungen z.B. Und viele verstehen das ungeführ so: wenn ich in mir dieses warme Gefühl habe, dass ich die Menschen mag, dann bin ich mit Gott im Reinen und etwas von ihm ist in mir lebendig. Aber wenn man sich den Zusammenhang anschaut, dann merkt man, dass es da um das Zusammenleben in der Gemeinde geht, nicht um ein Gefühl einzelner Menschen. Die Gemeinschaft der Nachfolger Jesu ist der direkte Ausfluss der Liebe Gottes, die durch Jesus in die Welt gekommen ist. Und üin der Liebe bleibenü, das bedeutet: in der Gemeinde bleiben, wo diese Liebe lebendig ist. Nur wer in so einer Zelle der Liebe bleibt, der behült die Verbindung zu Gott. Natürlich begegnen Menschen Gott auch außerhalb der Gemeinde, aber wer in kontinuierlicher Verbindung mit Gott bleiben will, der muss in einer Gemeinschaft der Nachfolger Jesu leben.

Für uns ist das nicht leicht zu glauben, weil der Begriff »Gemeinde« für uns so unscharf geworden ist. »Gemeinde«, darunter versteht man einmal alle Menschen, die im Melderegister als Christen eingetragen sind und die Kirche finanzieren. Dann denkt man aber auch an den Kreis der Gottesdienstbesucher. Und man denkt schließlich noch an Gemeindegruppen verschiedenster Art. Und wenn wir über Gemeinde reden, dann laufen diese Bilder immer mit, und wir können uns nur schwer vorstellen, dass es in diesen Gruppen zu so einem Zusammenleben kommen könnte, wie es in der Bibel beschrieben wird. Und wir schließen daraus, dass die Gemeinde aus der Bibel ein schöner Traum ist, der heute aus irgendwelchen Gründen nicht funktioniert. Und dann verlegt man die Liebe, durch die man mit Gott verbunden bleibt, in das Innere der Menschen anstatt in die äußere Erfahrung unter den Jüngern Jesu.

Aber das ist eine raffinierte Falle, weil wir so unsere Erfahrung zum Maßstab machen und nicht die Bibel. Wenn die Bibel und unsere Gemeindeerfahrung nicht zusammenpassen, dann muss sich die Gemeinde ändern, nicht die Bibel. In unserer normalen Art von Kirche gibt es eine katastrophale Trennung von Gemeinschaft und Wahrheit: es gibt einerseits Gottesdienste, in denen die Wahrheit verkündet wird, aber es sind Veranstaltungen, die wenig auf Gemeinschaft hin angelegt sind. Und es gibt Gelegenheiten, wo Gemeinschaft praktiziert wird auf einer oberflächlichen Ebene des Klönens und nett-zueinander-Seins, die mit der Wahrheit wenig zu tun hat. Und wir müssen diese ganzen kastrierten Gemeindevorstellungen rausschmeißen aus unserem Kopf, weil sie uns den Blick verstellen für das, was mit christlicher Gemeinde tatsächlich gemeint ist. Natürlich versuchen wir hier bei uns, es anders zu machen, und auch mit ermutigenden Ergebnissen. Aber wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass das auch bei uns durchaus noch verbesserungsfähig ist! Aber am wichtigsten ist: das Leitbild muss klar sein.

Das Charakteristische an den Gemeinden der ersten Christen ist gerade, dass dort Gemeinschaft und Wahrheit zusammengehörten. Wahrscheinlich habe sie auch manchmal Rezepte ausgetauscht und über Sport gesprochen, aber ihr zentrales Thema war nicht oberflächlich, sondern ihre Konzentration galt dem Wirken Gottes in der Welt und in ihrem Leben.

Vorhin haben wir als Lesung eine Stelle aus den Abschiedsworten Jesu im Johannesevangelium gehört. Dort kündigt Jesus an, dass der Heilige Geist kommen und sein Werk fortsetzen wird: »er wird euch alles lehren«. Und der Ort, wo der Heilige Geist das tut, ist normalerweise die Gemeinde, die Gemeinschaft der Nachfolger und Nachfolgerinnen Jesu. Und der Heilige Geist tut es durch das hindurch, was diese Menschen aneinander tun.

Das bevorzugte Stichwort dafür im Neuen Testament ist »Erbauung«. Das klingt für uns komisch, eben so »erbaulich«, und zwar deswegen, weil es im frommen Sprachgebrauch so schrecklich verharmlost worden ist. Da geht es aber nicht um ein behagliches Wohlfühlen, sondern um die Arbeit an einem zwischenmenschlichen Raum, der von Gottes Geist geprägt ist, und zwar als Ganzes und in den Köpfen der Menschen, die dazugehören. Ich sage deswegen »Aufbau« statt »Erbauung«.

Ich beschreibe diesen Aufbauprozess mal an einem Text aus dem ersten Thessalonicherbrief (Kapitel 5) entlang. Paulus hat den an eine ganz junge Gemeinde geschrieben, die er selbst kurz vorher gegründet hat:

10 Christus ist für uns gestorben, damit wir, wenn er wiederkommt, für immer mit ihm leben - ganz gleich, ob wir bei seinem Kommen noch am Leben sind oder nicht. 11 Darum macht euch gegenseitig Mut und helft einander im Glauben weiter, wie ihr es ja auch jetzt schon tut.

Die Gemeinde ist eine Vorbereitung auf die neue Welt Gottes. Darum soll es dort jetzt schon zugehen wie im Himmel. Und an diese Perspektive sollen wir uns immer gegenseitig erinnern: was wir jetzt noch unvollkommen erleben, darin werden wir einmal ganz und gar leben. Und wir sind dazu da, um uns gegenseitig daran zu erinnern, weil man das schnell mal vergisst und glaubt: nur das, was wir jetzt erfahren, ist real. Wir sind dazu da, um diese Zone der gelebten Wahrheit lebendig und funktionsfähig zu halten, indem wir uns gegenseitig daran erinnern. Und es gibt einige, die da ganz besonders gefordert sind - davon ist nun die Rede:

Geschwister, wir bitten euch, die anzuerkennen, denen der Herr Verantwortung für eure Gemeinde übertragen hat und die mit unermüdlichem Einsatz unter euch tätig sind und euch mit seelsorgerlichem Rat zur Seite stehen. Achtet sie hoch und liebt sie wegen ihres Wirkens! Haltet Frieden untereinander!

Es gibt also einerseits Leiter, die mit dieser Aufbau-Aufgabe besonders stark beschäftigt sind und die viel Zeit damit zubringen, mit Einzelnen zu reden und ihnen die Dinge zu erklären und ihnen helfen, jesusmäßig zu denken und zu leben. Da ist oft viel aufzuarbeiten an Verletzungen, an Irrwegen, auf denen Menschen gegangen sind, Menschen sind kaputt und heilen nur langsam, Menschen nerven auch in der Gemeinde manchmal ihre Umgebung, weil sie noch viel Altes in sich tragen, und das muss nach und nach aufgedröselt und geordnet werden. Das kann nicht jeder, dazu muss man fest in Jesus verankert sein und selbst heil sein und auch schon etwas Erfahrung haben.

Deshalb ist das kein Chefposten, wie es ihn sonst überall gibt. Überall sonst hat der Chef Privilegien, der muss nicht die Dreckarbeit machen. In der Gemeinde sind die Leiter für die anderen da, dass sie an ihnen arbeiten und den Aufbau in den Köpfen und Herzen mit viel Geduld voranbringen. Aber, sagt Paulus, deswegen sind sie noch lange nicht die Müllschlucker der Gemeinde, auf die man keine Rücksicht nehmen muss. Sie brauchen Vertrauen und auch Autorität, sonst können sie ihre Aufgabe nicht erfüllen. Paulus weiß, dass verletzte Menschen oft ihren Müll auf die abladen, die ihnen helfen. Deswegen brauchen die Leiter die Rückendeckung der Gemeinde. Aber im Grunde tun sie nur mit höherer Intensität das, was alle machen sollen:

Weiter bitten wir euch, Geschwister: Weist die zurecht, die ein ungeordnetes Leben führen! Ermutigt die, denen es an Selbstvertrauen fehlt! Helft den Schwachen! Habt mit allen Geduld! Achtet darauf, dass keiner Böses mit Bösem vergilt. Bemüht euch vielmehr mit allen Kräften und bei jeder Gelegenheit, einander und auch allen anderen Menschen Gutes zu tun!

Hier beschreibt Paulus, wie in der Gemeinde jeder das zu hören bekommt, was ihm in seiner persönlichen Lage weiterhilft. Da wird ein dichtes Netz der Kommunikation gewebt, wo Seelsorge und Lebensberatung und Begleitung und Korrektur nicht an Spezialisten delegiert werden, sondern Sache aller sind. Da wird einem mit psychischen Problemen genauso geholfen einem mit Suchtproblematik oder mit Ärger auf der Arbeit. Jeder soll Unterstützung bekommen, um an seinem Platz im Leben zu bestehen.

Da herrscht ein Klima des Interesses an anderen und an ihrem menschlichen Wachstum. Und das bringt mit sich eine Eigendynamik, die man als Einzelner nie erreichen würde. Da ist eine Kommunikationsdichte, die die Menschen in Bewegung bringt. Die Gemeinde ist wie ein Brutkasten, wo Veränderungsprozesse viel schneller ablaufen, als es sonst möglich wäre. Lehre, Gebet, Lobpreis, Seelsorge und praktische Unterstützung wirken zusammen. Die Gemeinde ist eine optimale Umgebung für Wachstum und Reifung, und in dieser Umgebung kann der Heilige Geist ganz anders wirken. Und er tut es, und deswegen erfahren wir ihn dann auch.

Alles hängt daran, dass dieser Kreislauf tatsächlich in Schwung kommt, dass er tatsächlich seine Eigendynamik behält. Dann kann die Gemeinde mit allem fertig werden. Natürlich gibt es auch in der Gemeinde Menschen voller Probleme, Menschen, die uns enttäuschen, die unsympathisch sind, die sich schlecht benehmen, die unter großen Problemen leiden. Aber das macht nichts, solange in der Gemeinde diese Dynamik des Heilwerdens und Wachsens funktioniert. Ohne diese Dynamik sind wir den Problemen ausgeliefert, mit ihr können wir alles erreichen. Die Gemeinde kann den Müll der ganzen Welt entsorgen oder recyclen - wenn sie ihre ansteckende Gesundheit bewahrt und eine Umgebung bleibt, in der der Heilige Geist seine Arbeit tun kann. Das geht nicht immer harmonisch, das geht nicht selten unter Schmerzen und Tränen, das bringt uns manchmal in schlimme Zerreißproben - aber in dem allen tut der Heilige Geist sein Werk und nimmt uns auseinander und setzt uns neu zusammen, damit Jesus in uns und unter uns sichtbar wird.

Und so finden wir miteinander Gott in der ganzen Wirklichkeit: in uns, zwischen uns, um uns herum. Überall will er seine gute Schöpfung wiederherstellen, aber er will es mit uns zusammen tun, und wir finden ihn, indem wir dabei mitmachen.

Was ist aber, wenn er sich nicht finden lässt, sich verbirgt und uns Rätsel vorsetzt? Darum soll es bei der letzten Predigt in dieser Reihe gehen.

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