Im Gottesdienst war vorher ein Adventsspiel der Vorkonfirmanden zu sehen.

3 Macht die erschlafften Hände wieder stark,
die zitternden Knie wieder fest!
4 Ruft den verzagten Herzen zu:
"Fasst wieder Mut! Habt keine Angst!
Dort kommt euer Gott!
Er selber kommt, er will euch befreien;
er übt Vergeltung an euren Feinden."
5 Dann können die Blinden wieder sehen,
und die Tauben wieder hören.
6 Dann springt der Gelähmte wie ein Hirsch,
und der Stumme jubelt vor Freude.
In der Wüste brechen Quellen auf,
und Bäche ergießen sich durch die Steppe.
7 Der glühende Sand verwandelt sich zum Teich,
und im dürren Land sprudeln Wasserquellen.
Wo jetzt Schakale ihr Lager haben,
werden dann Schilf und Riedgras wachsen.

Als wir vorhin das Adventsspiel gesehen haben - haben Sie sich, habt ihr euch da nicht gewundert, dass auch nach so langer Zeit und nach so vielen Enttäuschungen Menschen immer noch gewartet haben, dass endlich der Nachfolger Davids kommt, der seit Jahrhunderten angekündigt war? Ich finde das eine enorme Sache, dass Menschen immer noch diese Erwartung haben, trotz so vieler schlechter Erfahrungen mit Königen, mit Politikern, mit dem Leben überhaupt.

Wir haben in dem Stück eben neun Jahrhunderte in acht Minuten zusammengefasst. Eigentlich geht das natürlich nicht und man müsste eigentlich noch ganz viel mehr erzählen, die Geschichte von Enttäuschungen, Niederlagen, Katastrophen und vielen anderen schlimmen Dingen, die die Völker im Laufe der Jahre ertragen müssen. Aber es gibt etwas, das noch viel erstaunlicher ist: wie nämlich Israel darauf reagiert hat.

Mit jedem schlechten König und jeder schlimmen Zeit wurde die Erinnerung an den guten König David stärker. Das wäre noch nicht mal so was besonderes, aber im Lauf der Zeit wurde da eine Erwartung draus, die eigentlich auch David nicht erfüllen könnte, selbst wenn er noch mal wiederkommen würde. Je schlechter die Zeiten wurden, um so stärker wurde die Hoffnung, dass noch mal eine ganz andere Zeit kommen würde.

Bei einem anderen Propheten, Jesaja, hört sich das so an - wir haben es vorhin schon in der Lesung gehört:

"5 Dann können die Blinden wieder sehen,
und die Tauben wieder hören.
6 Dann springt der Gelähmte wie ein Hirsch,
und der Stumme jubelt vor Freude.
In der Wüste brechen Quellen auf,
und Bäche ergießen sich durch die Steppe.
7 Der glühende Sand verwandelt sich zum Teich,
und im dürren Land sprudeln Wasserquellen."

Kann ein König oder auch ein Bundeskanzler dafür sorgen, dass Blinde, Taube und Gelähmte wieder gesund werden und aus Wüsten fruchtbare Gegenden werden? Nein. Das ist mehr, als der beste König erreichen kann. Aber das heißt: durch diese ganzen schlechten Zeiten, durch Krieg und Gewalt ist in Israel die Hoffnung nicht gestorben, sondern sie ist immer größer geworden. Die konnten sich gar nicht mehr mit den halbwegs realistischen Hoffnungen abgeben, die hätten alle nicht gereicht, sondern da musste etwas ganz Einzigartiges passieren.

Und eigentlich konnte das auch kein Mensch mehr machen, sondern da musste Gott selbst eingreifen. Deshalb sagt Jesaja:

"Dort kommt euer Gott!
Er selber kommt, er will euch befreien."

Am Ende war den Menschen wirklich klar, dass da etwas ganz anderes kommen müsste, unvergleichbar, schon irgendwie so ähnlich wie König David, aber noch viel besser. Nur so würde Gott sein Versprechen einhalten können.

Und dann kam es wirklich ganz anders, als sie es damals erwartet haben. Ich weiß nicht, ob da eben in dem Stück schon jemandem der Unterschied aufgefallen ist: zuerst Könige und ihr Volk und jede Menge Staatsaktionen - und dann ganz am Ende steht ein junges Mädchen mit dem Besen und ein Engel kommt zu ihr. Eine ganz andere Szene. So als ob Gott gesagt hätte: mit Königen habe ich zu schlechte Erfahrungen gemacht, jetzt gehe ich zu den ganz normalen Menschen. Und da wird dann Jesus geboren.

Gott ist tatsächlich selbst gekommen, aber in Menschengestalt. In Jesus steckt sozusagen Gott hochkonzentriert. Gott hat sich übersetzt in einen Menschen, weil das die Sprache ist, die wir verstehen können.

Und alles, was die Menschen bisher von Königen erwartet haben oder wo sie erwartet haben, dass Gott sozusagen eine Lösung herbeizaubert, das geschieht durch Jesus und die Menschen, die zu ihm gehören und von ihm beeinflusst werden.

Und ganz viele von diesen jahrhundertealten Hoffnungsworten, die nimmt Jesu auf, und dann passieren die tatsächlich. Z.B. die Lahmen und die Blinden und Tauben, die bei Jesus ja tatsächlich wieder gesund wurden.

Das bedeutet aber: Gott hat über viele Jahrhunderte an seinen Absichten festgehalten. Durch alle menschlichen Verwirrungen hindurch ist er auf Jesus zugegangen, und gleichzeitig hat er die Menschen vorbereitet auf Jesus. Wenn man sich das im Rückblick anschaut, dann ist es erstaunlich, wie es da ganz viele Linien gibt, die schließlich in Jesus zusammenlaufen. Und es gibt keinen Menschen und keine Menschengruppe, die das über Jahrhunderte hin so geplant haben könnte. Sondern wir müssen ernsthaft damit rechnen, dass es wirklich so ist, dass Gott zielgerichtet in die Weltgeschichte hineingewirkt hat, um etwas Neues zu schaffen und die Menschen gleichzeitig Stück für Stück darauf vorzubereiten.

Wir dürfen nicht Gott aus der Rechnung streichen, wenn wir die Weltgeschichte anschauen, weil wir mit Gott auch die wirkliche Hoffnung streichen. Nicht diese Hoffnung, dass mal ein starker Mann kommt und Ordnung in den Laden bringt. Das ist ein Kindertraum. Aber Gott lässt reife, erwachsene Hoffnungen wachsen. Die Hoffnung, dass durch ganz normale Menschen, die von Jesus inspiriert sind, völlig ungewöhnlich Dinge passieren können. Und dass wir, jeder in seinem Leben, daran Anteil haben können.

Jesus hat seine Hoffnung gerade den Menschen gebracht, in deren Leben die Bedingungen dafür nicht günstig waren: den schwer und chronisch Kranken, den Menschen in einem unterdrückten Land, den Armen. Und als er dann auferstanden ist, da wurde das eine Hoffnung, die noch nicht einmal mehr vor dem Tod zurückweicht. Und das geht bei jedem von uns, wenn wir uns Gott anvertrauen und ihm nicht vorschreiben, wie er es bei uns machen soll.

Es gibt ja immer Geschichten, die so etwas am besten klar machen. Ich habe in der letzten Woche von einem englischen Pastor gehört, der wahrscheinlich die gefährlichste Gemeinde der Welt betreut. Der Mann heißt Andrew White und ist Pastor in einer Gemeinde in Bagdad. Ich glaube, wir wissen alle, dass Bagdad ein ganz schlimmer Ort zum Leben ist, dass da Autobomben hochgehen, dass Menschen entführt werden oder einfach auf offener Straße erschossen werden, und dass man in kein Krankenhaus gehen kann, weil die zerstört sind und die Ärzte tot oder geflohen. Wenn der Andrew White von einer Ecke seiner Gemeinde in die andere will, dann schnallen sie ihm eine kugelsichere Weste um und setzen ihm einen Helm auf und packen ihn in einen Hubschrauber, und dann fliegen sie über Bagdad, und meistens werden sie beschossen. 11 von den Mitarbeitern der Gemeinde sind einmal in einen Hinterhalt geraten und getötet worden.

Seine Kirche kann er schon längst nicht mehr benutzen, und sie feiern den Gottesdienst im Bürogebäude des schiitischen Premierministers, da dauert es drei Stunden, bis man durch die Sicherheitskontrollen kommt. Und trotzdem ist seine Gemeinde eine der am schnellsten wachsenden Gemeinden der anglikanischen Kirche. Die machen da Glaubenskurse und taufen Menschen. In diesem Jahr haben sie zu Ostern einen Taufgottesdienst gefeiert und zwar am Swimmingpool in einem ehemaligen Palast von Saddam Hussein. Wo früher der Diktator am Pool gelegen hat, da taufen sie heute Menschen.

Ich habe im Internet nachgeschaut, da findet man auch eine Seite von ihm, wo er erzählt von einem Ostergottesdienst im Jahr 2005. Und er hat da die Gemeinde gebeten, etwas aus ihrem täglichen Leben in den Gottesdienst einzubringen. Und dann haben sie erzählt von getöteten oder entführten Angehörigen, von zerbombten Häusern, von Krankheit und Arbeitslosigkeit. Aber genauso sprechen sie davon, was für eine Freude für sie die Auferstehung bedeutet und wie real Jesus für sie geworden ist, und dass sie nie aufgegeben haben. Und dann singen sie ein Lied, in dem es sinngemäß heißt:

"Weil Jesus lebt, deshalb kann ich an morgen denken,
weil er lebt, kann ich ohne Furcht leben"

Und Andrew White fügt hinzu: das war nicht irgend so ein frommes Lied, sondern das war für die Menschen ihre tägliche Erfahrung. Und er hat gesagt: ich sehe meine Gemeinde nicht als besonders gefährlich an. Wenn ich Pastor in irgendeiner friedlichen englischen Vorstadt wäre, dann wäre ich dort in viel größerer Gefahr, den Glauben an die Auferstehung zu verlieren.

Ich glaube, Bagdad gehört wirklich zu den schlimmsten Orten, die es heute auf unserem Planeten gibt. Aber wenn selbst dort die Auferstehung Jesu ihre Kraft entfalten kann, dieses Ja Gottes zu all den Hoffnungsgeschichten, die sich in Jesus konzentrieren, dann ist das überall möglich. Aber es müssen Menschen da sein, die bereit sind, das zu leben.

Auch dazu noch eine Geschichte aus Bagdad, die hat ein Soldat, ein Pilot, dem Andrew White erzählt. Der sollte mit einem Kollegen einen Flug machen, und als sie zu ihrem Flugzeug gehen, sagt der ihm: "ich weiß, ich werde von diesem Einsatz nicht zurückkommen, aber du wirst überleben, und zwar, weil du Gott noch nicht kennst, aber du sollst ihn kennenlernen." Und dann fliegen sie los, und sie werden beschossen und stürzen ab, und dieser Pilot kann gerade noch seinen Kameraden aus dem brennenden Wrack ziehen, und der schaut ihn an und lächelt und stirbt. Aber dieser Pilot wird gerettet, er ist auch schwer verletzt, und im Krankenhaus besucht ihn sein Vorgesetzter und zeigt ihm Fotos von der Absturzstelle, und er sagt ihm: das hättest du eigentlich nicht überleben können. Es ist ganz unwahrscheinlich, dass einer da noch lebend rauskommt. Und ganz zum Schluss zieht er noch ein Bild von dem Flugzeugwrack raus, und da ist im Hintergrund so eine Baumgruppe zu sehen, und mitten in dieser Baumgruppe steht ein Kreuz. Und er zeigt es ihm und sagt: denk mal drüber nach.

Es gibt eine lange Geschichte der Hoffnung in dieser Welt. Gott schreibt sie, schon sehr lange, diese Geschichte hat sich dann in Jesus konzentriert und trägt seit damals seinen Namen. Sie ist für jeden Menschen zugänglich und Gott wartet darauf, dass du auch deinen Platz in dieser Geschichte findest und einnimmst. Es kommt nicht darauf an, ob du Kleines oder Großes tust, das ist sowieso nicht unsere Entscheidung, aber es ist wichtig, dass du dabei bist und auch durch dich diese Hoffnung gelebt wird. Denk mal drüber nach.