Advent, das ist die besinnliche Zeit der stillen Vorfreude auf das Kommen unseres Herrn Jesus Christus, auf seine Geburt. Diesen Charakter der Adventszeit haben wir weitgehend verloren. Und in welchem Jahr wurde das noch nicht beklagt. Besinnliche Stunden bei Kerzenschein zu Hause, drauᅵen aber viel Stress, grelle Lichter, Weihnachtsmarkt und elektronisches "Ihr Kinderlein kommet". Das ist eigentlich nur ein Ablenken vom Sinn des Festes. Aber auch das ahnen wir im Grunde ja alle. Denn die Zeit der stillen Vorfreude setzt voraus, dass ich weiᅵ, auf was ich mich freue. Darin liegt vielleicht die Ursache, dass uns dies verloren gegangen ist.

Stellen Sie sich die Situation einer Frau vor, die ihren Mann hat in einen Krieg ziehen lassen mï¿œssen und die nun voller Ungewissheit ist. Je lï¿œnger die Nachrichten ausbleiben und die Rï¿œckkehr sich verzï¿œgert, umso verzweifelter die Reaktion und irgendwann vielleicht Lethargie oder Akzeptanz des offensichtlich Unvermeidbaren. Dann aber die Nachricht: Er lebt, er ist in Gefangenschaft und wartet tï¿œglich auf seine Entlassung und kommt dann nach Hause. Jetzt beginnt die Zeit des freudigen Wartens, der Vorfreude auf die Heimkehr.

Das ist ein Bild, wenn auch nur ein schwaches, fï¿œr das, was wir eigentlich in der Adventszeit nachempfinden wollen und fï¿œr das, was wir heute mit unserem Predigttext besprechen. Der versetzt uns zeitlich ein wenig zurï¿œck und macht den Charakter der Adventszeit auf eine andere Weise deutlich. Die vordergrï¿œndigen Themen sind, was ja recht nahe liegt, Trost und Vorfreude. Es handelt sich um die ersten Verse aus dem zweiten Teil des Jesajabuches, wo der Prophet zu den aus der Heimat gefangen weggefï¿œhrten, an Heimweh nach ihrem Land und nach ihrem Gott verzweifelnden Israeliten spricht.

600 Jahre vor Christi Geburt wurde der Text verfasst und seine Aussagen sind damals wie seitdem aktuell. Hï¿œren Sie die ersten Verse (1 bis 8) aus dem 40. Kapitel des Propheten Jesaja.

Trᅵstet, trᅵstet mein Volk!ᅵ, sagt euer Gott. ᅵSprecht den Leuten aus Jerusalem Mut zu, sagt zu ihnen: Eure Gefangenschaft ist zu Ende! Eure Schuld ist abgebᅵᅵt! Ihr habt vom Herrn die volle Strafe fᅵr eure Vergehen empfangen; jetzt ist alles beglichen!ᅵ Hᅵrt, jemand ruft: ᅵBahnt fᅵr den Herrn einen Weg durch die Wᅵste, baut eine Straᅵe fᅵr unseren Gott! Fᅵllt die Tᅵler auf, ebnet Berge und Hᅵgel ein, rᅵumt alle Hindernisse aus dem Weg! Der Herr wird kommen in seiner ganzen Herrlichkeit und alle Menschen werden es sehen. Der Herr selbst hat das gesagt.ᅵ
Ich hᅵrte eine Stimme sagen: ᅵRede zu deinem Volk!ᅵ ᅵWas soll ich denn sagen?ᅵ, fragte ich. ᅵAlle Menschen sind vergᅵnglich wie das Gras. Auch wenn sie noch so gerecht und treu sind, es ergeht ihnen nicht anders als den Blumen auf der Wiese. Das Gras verdorrt, die Blumen verwelken, wenn der Herr seinen glᅵhenden Atem darᅵber wehen lᅵsst. Ja, wie Gras ist das Volk!ᅵ
Da sagte die Stimme: ᅵDas Gras verdorrt, die Blumen verwelken; aber das Wort unseres Gottes bleibt fᅵr immer in Kraft.ᅵ

Hoffnungslosigkeit hatte sich breit gemacht unter den Israeliten in Babylon. Die Fï¿œhrer des Volkes im Kerker, die Heimat in Schutt und Asche, das Volk gefangen in einem fremden Land und der Willkï¿œr der Sieger ausgeliefert. Ihr Gott durfte nur heimlich angebetet werden und wurde von den Siegern verhï¿œhnt. Das Volk war hoffnungslos am Boden. So wie der Text es aussagt, fï¿œhlte man sich: Wir sind vergï¿œnglich wie das Gras. Auch wenn wir noch so gerecht und treu sind, es ergeht uns nicht anders als den Blumen auf der Wiese. Dabei wussten sie doch, dass Gott treu ist - aber wo ist er, warum greift er nicht endlich ein?

Dieses fï¿œr das Volk Israel so gravierende Ereignis liegt, wie gesagt, 2.600 Jahre zurï¿œck. Ich erzï¿œhle Ihnen eine kleine Geschichte, die gerade etwas mehr als 60 Jahre her ist. Sicher erkennen Sie Parallelen.

Ein geistig behinderter, jï¿œdischer Mann lebte zur Zeit des dritten Reiches in einer Behinderteneinrichtung irgendwo in Europa. Auch sein Land wurde von den Nazis besetzt. In seiner einfachen Art lebte er in einem tiefen Glauben an Gott. Als die Nazis kamen, musste er sich verstecken. Er hatte ein sehr gutes Versteck und wurde nicht gefunden. Als es ihm sicher genug erschien, kam er aus seinem Versteck heraus und lief direkt zur Synagoge. Er wollte mit Gott reden. Er stellte sich mitten in die Synagoge, schaute nach oben und rief: "Du siehst Gott, wir sind noch hier!"
Immer wieder gab es die Situation, dass er und die anderen sich verstecken mussten. Die Einrichtung wurde mehrmals kontrolliert, Juden verhaftet und mit der Eisenbahn deportiert. Man hat sie nie wieder gesehen. Jedes Mal, wenn die Luft wieder rein war, kam er aus seinem Versteck heraus, lief zur Synagoge, stellte sich mitten in sie und rief: "Du siehst Gott, wir sind noch hier!"
Eines Tages kam er aus seinem Versteck und merkte, dass er der letzte Jude war, den man nicht gefunden hatte. Alle anderen waren mit der Eisenbahn weggebracht worden. Niemand kam zurï¿œck. So ging er wieder in die Synagoge, stellte sich mitten in sie und rief: "Du siehst Gott, ich bin noch hier!" - Dann machte er eine kleine Pause und rief: "Aber Gott, wo bist du?"

Alle waren weg, zerstreut in alle Winde - auch Gott? Wo bist du, Gott? Wir kï¿œnnen uns dieses traurige Herz vorstellen. Man mï¿œchte hinzulaufen und seine Arme trï¿œstend ausbreiten.

Aber Gott, wo bist du? - Die Frage geht unter die Haut und ist auch unsere Frage in den menschlichen Katastrophen von Gesundheit, Tod, Ehe, Familie und Beruf. Wie in einer unwirtlichen Wï¿œste fï¿œhlt man fï¿œhlt sich, den Umstï¿œnden ausgeliefert und klammert sich hï¿œchstens noch daran, dass doch alles irgendwie seinen Sinn haben wird.

Aber selbst darï¿œber waren die Juden in Babylon hinweg. Gott hatte sie verlassen und sie wussten auch warum. Selbst schuld. Keine Hoffnung auf Versï¿œhnung. Die Zukunft lag wohl darin, als Volk nach Generationen aufgerieben zu sein in der Fremde, einstmals Gottes Volk, jetzt dazu bestimmt aufzugehen in anderen Vï¿œlkern. Eine unheilvolle Mischung aus Traurigkeit und Lethargie hatte sich breit gemacht: zerstreut, verdorrt, verwelkt.

In diese Stimmung treffen die Worte des Propheten Jesaja wie ein Sechser im Lotto. Sie knallen hinein in die dunkle, dï¿œstere, hoffnungslose Situation. Wie eine laute Stimme, die uns plï¿œtzlich aus unseren Gedanken reiï¿œt. Wie ein Ruck geht es durch die Menschen.

Und was sagt dieser Prophet, was ist seine Botschaft, die die Menschen so aufrï¿œttelt: Hï¿œrt auf mit eurem Selbstmitleid, lasst den Kopf nicht mehr hï¿œngen: Trost ist da, die Rettung naht.

Trost, ja das kennen wir. Wenn das Kind gestï¿œrzt ist und weint, dann trï¿œstet ein Streicheln, verstï¿œrkt durch Bonbons. Wenn die Gattin sauer ist, trï¿œstet ein Pelzjï¿œckchen und wenn der Tag mal wieder richtig stressig war, ein Cognacchen.

Aber wer hat es noch nicht erlebt, dass kein Trost mehr mï¿œglich ist. Da hat jemand die entscheidende Prï¿œfung versiebt, den Arbeitsplatz verloren, ein geliebter Mensch ist gestorben. Dann ist Trost wirklich nï¿œtig und doch so schwer. Wenn dann Worte fallen wie: Es wird schon wieder - die Zeit heilt alle Wunden. Dann ist das ja meist wahr, aber es lï¿œst bei dem Leidenden nur Gedanken aus wie: Der hat gut reden, dem geht es ja gut. Das zieht dann eher weiter runter, ï¿œrgert vielleicht, hilft aber nicht wirklich.

Die Situation ist vor allem deshalb so schwer, weil wir trï¿œsten wollen mit ï¿œberlegungen und Gedanken aus uns selbst. Dabei kennt niemand mich und dich besser als Gott. Seinen Gedanken und Impulsen gilt es nachzuspï¿œren. Gott ruft wie damals in unser Herz hinein: Trï¿œste du mein Kind. Ich liebe es. Ich bin unterwegs zu ihm. Das letzte Wort habe ich.

Ich weiᅵ nicht, ob Jesaja vorher seinem Volk aus eigenem Nachdenken schon einmal hat helfen wollen. Jetzt jedenfalls ist das ganz anders. Was er jetzt sagen und predigen soll, das hat er nicht von sich selbst, es sind himmlische, gᅵttliche Impulse, die er aufnimmt und weitergibt, da gibt es fᅵr ihn keinen Zweifel.

Der Auftrag ist klar. Eine gute Botschaft bringen, Trost verkï¿œndigen. Dabei bedeutet Trost im Sinne der Bibel immer auch zugleich konkrete Hilfe, was ja eigentlich auch der Sinn von Trost ist. Trï¿œsten soll helfen. Hier bedeutet das Trï¿œsten die Ankï¿œndigung der Hilfe aus der hoffnungslosen Situation heraus. Deshalb ist dieser Trost auch kein Vertrï¿œsten. Gott kï¿œndigt sein Kommen an, sein Eingreifen, er macht den Israeliten klar, dass sie keinem blinden Schicksal ï¿œberlassen sind.

Jesaja rᅵttelt die Verzagten auf: ᅵSprecht den Leuten aus Jerusalem Mut zu, sagt zu ihnen: Eure Gefangenschaft ist zu Ende! Eure Schuld ist abgebᅵᅵt! Ihr habt vom Herrn die volle Strafe fᅵr eure Vergehen empfangen; jetzt ist alles beglichen!ᅵ

Ja wie denn das? Wo ist er denn, der uns helfen will? Er kommt uns entgegen! Deshalb braucht es freie Bahn. Weg mit den Bergen und Hï¿œgeln der Bedenken und Zweifel, Schluss mit den tiefen Tï¿œlern der Angst und Resignation, raus aus der Wï¿œste der Hoffnungslosigkeit. Freie Bahn fï¿œr Gott, freie Bahn zu Gott!

Ja, aber ... Auch das kennt Gott und als Jesaja sagt: "Da kï¿œnnen wir so gesetzestreu sein wie wir wollen, es hilft uns nichts." "Genau", antwortet Gott dem Jesaja, "stimmt. Daher kommt euch keine Hilfe. Ihr kï¿œnnt euch wirklich nicht selbst helfen. An meiner Gnade und Barmherzigkeit hï¿œngt es - und die sage ich euch hiermit zu. Schuld wird nicht ï¿œbersehen, aber vergeben. Mein Wort hat Bestand in Ewigkeit."

Das war mutig von dem Propheten Jesaja, das alles so zu versprechen in Gottes Namen - ohne irgendeinen Beleg. Bereut hatte das Volk doch schon so lange und sich so viel Mï¿œhe gegeben, im Rahmen der Mï¿œglichkeiten in der feindlichen Umwelt ihrem Gott bzw. seinen Gesetzen treu zu sein. Und jetzt kommt der daher und schwingt groï¿œe Reden: Alles soll erledigt sein. Gott sei unterwegs zu helfen!

Wir heute sind in einer unvergleichlich besseren Situation als die Menschen damals. Wir wissen, dass Gott diese, wie die meisten anderen seiner durch Propheten gemachten Ankï¿œndigungen wahr gemacht hat. Auch diese Prophezeiung waren nicht bloï¿œe Worte. Sondern ihr folgten rasch konkrete Taten. Gott ordnete recht bald Mittel, Wege und Menschen, die Israeliten wieder in ihre Heimat zu fï¿œhren.

Im Alten Testament haben wir viele prophetische Ankï¿œndigungen und die meisten davon haben sich erfï¿œllt, einige harren noch ihrer Erfï¿œllung. Auch die Geburt Jesu, die wir ja in genau einer Woche feiern, war konkret bereits viele hundert Jahre vorher durch Propheten angekï¿œndigt worden. Allerdings, dass darf man dazu sagen, sind die Erwartungen, wie sich eine Prophezeiung erfï¿œllt, hï¿œufig ganz verschieden von dem, wie Gott sie umsetzt.

Kommen wir zurï¿œck zum Predigttext: Das was Jesaja dem Volk Israel damals sagte, dieses Wort gilt auch uns heute. Die Stimme, die Jesaja hï¿œrte und der er gehorchte, das ist die Stimme, die wir heute noch vernehmen. Das Wort Gottes ist Jesus Christus.
Viele Menschen leben in einer groï¿œen Distanz zu Gott und wissen nicht einmal mehr, was Gott fï¿œr sie sein mï¿œchte. Sie sind in der Situation des Volks Israel zu Zeiten Jesajas: zerstreut, verdorrt, verwelkt.

Und doch ruft auch dir und mir Gott zu: Mach den Weg frei fï¿œr mich. Rï¿œume weg deine Alltagssorgen, die Sucht nach Zerstreuung, deine ewige Zeitnot, die Sorge um Kinder oder Eltern. "Lade das alles mir auf", sagt Jesus. "Ich will freie Bahn haben zu dir. Ich kenne dich gut und du bist mir wahrhaftig nicht egal."

Hï¿œrt sich das fï¿œr Sie theoretisch an? Fï¿œr mich schon lange nicht mehr. Wissen Sie, mir bleibt da ein Ereignis besonders im Gedï¿œchtnis.
Als ich meine Arbeitsstelle verlieren sollte und damit das schï¿œne sorgenfreie Einkommen, da drohte ein ganzes Haus ï¿œber mich zusammenzubrechen. Mein erster Weg war zu Gott, der zweite zu meiner Frau. Ich sehe sie heute noch vor mir im Keller beim Wï¿œscheaufhï¿œngen. Die sagte dann in etwa: Erst einmal haben wir uns, das kann uns keiner nehmen und zweitens geschieht uns ohnehin nichts, was Gott nicht mï¿œchte. Das war wirklicher Trost. Gemeinsam mit meiner Frau und Gott gegen die Widrigkeiten der Welt.

In diesen Tagen, wo wir wieder auf das Fest der Menschwerdung Jesu Christi zueilen, da erst recht mï¿œchte Gott freie Bahn haben und dringt in uns: "Lass dich doch beschenken von meiner Gegenwart in dir. Du wirst es in keiner Sekunde bereuen. Denn ich bin Gott und das ï¿œber deine paar Jahrzehnte auf dieser Erde hinaus. Ich will dein Gott sein und du sollst mein Kind sein, dann kann uns nichts mehr trennen, nicht einmal der Tod."

Wenn wir das richtig bedenken, sind viele unserer Kï¿œmmernisse klitzeklein. Sie sind immer noch da, aber sie haben keine Gewalt mehr ï¿œber uns, ï¿œber unser Denken. Angst, Sorgen, Not - und was noch schlimmer sein kann: Demï¿œtigung, Ungerechtigkeit, Verletzungen. Alles wird kleiner und unbedeutender im Lichte Gottes und dessen, was er fï¿œr uns sein mï¿œchte.

Gott, wo bist du? So fragten sich die Juden in Babylon, so rief es der Jude von vorhin. Gott, wo bist du? So mï¿œgen wir uns eins ums andere Mal fragen. Dass damit keine Ortsbestimmung gemeint ist, ist offenbar. Gott ist ja hier! Ja, gegenwï¿œrtig - allgegenwï¿œrtig. Wir sind Tempel des Heiligen Geistes, heiï¿œt es in der Bibel. So also Gott nicht nur ï¿œber uns und um uns, auch in uns. Wenn mich die Frage bewegt, wo ist Gott, wo ist mein Trost, wo ist meine Hilfe, dann sind die immer nur einen Gedanken weit entfernt. Macht Bahn und Platz in euren Herzen, Jesus mï¿œchte von euch Besitz ergreifen.