9 So wie der Vater mich liebt, habe ich euch meine Liebe erwiesen. Bleibt in dieser Liebe!10 Wenn ihr meine Gebote befolgt, dann bleibt ihr in meiner Liebe, so wie ich die Gebote meines Vaters befolgt habe und in seiner Liebe bleibe. 11 Ich habe euch dies gesagt, damit meine Freude euch erfüllt und an eurer Freude nichts mehr fehlt. 12 Dies ist mein Gebot: Ihr sollt einander so lieben, wie ich euch geliebt habe. ...
16b Ich habe euch dazu bestimmt, reiche Frucht zu bringen, Frucht, die Bestand hat. Darum gilt auch: Alles, was ihr vom Vater in meinem Namen, unter Berufung auf mich, erbittet, wird er euch geben. 17 Dieses eine Gebot gebe ich euch: Ihr sollt einander lieben!«

Wenn man sich die Geschichten aus den letzten Tagen Jesu durchliest, dann hat man den Eindruck, dass es kurz vor seinem Tod noch einmal eine besondere Nähe zwischen ihm und den Jüngern gegeben hat. Irgendwie sind sie sich da noch ein Stück näher gekommen, als sie sowieso schon immer verbunden waren.

Aus diesen letzten Stunden stammt auch das, was wir eben gehört haben. Jesus vergleicht seine Nähe zum Vater im Himmel mit dem Verhältnis zu seinen Jüngern, und er zieht Parallelen. Er sagt: meine Verbindung zu Gott ist so intensiv, weil ich tue, was er von mir will. Macht ihr es genauso: tut, was ich euch sage, damit wir uns nahe bleiben. Das ist die Voraussetzung für alle Vollmacht, die Jesus seinen Jüngern auch anvertraut. Und dann sagt er, was das beinhaltet: ich will von euch, dass ihr euch untereinander liebt.

Jesus sagt also: wenn ihr weiterhin meine Freunde bleiben wollt, dann liebt euch untereinander. So bleibt ihr in Verbindung mit mir und mit Gott.

Das ist so grundlegend, das muss man sich erstmal auf der Zunge zergehen lassen: dass jemand mit Jesus und mit Gott in Verbindung bleibt, das hängt ab von der christlichen Gemeinschaft, zu der er gehört. Und es hängt ab von der Qualität dieser Gemeinschaft. Man kann das vergleichen mit einem Radioapparat: die Radiowellen sind überall vorhanden, aber wir können einen Sender nur mit einem Radioapparat empfangen, der die richtigen Wellen heraus filtert aus dem Schwingungsmischmasch, das uns überall umgibt. Erst wenn der Empfänger auf die richtige Wellenlänge eingestellt ist, wenn er richtig schwingt, dann kann man den Sender gut empfangen. Und je genauer der Empfänger sich auf die richtige Wellenlänge konzentriert, um so besser kann man den Sender hören, auch wenn er weiter entfernt ist und trotz Störungen.

So kann eine christliche Gemeinschaft um so besser mit Jesus in Verbindung bleiben, je genauer sie so »schwingt« wie er in seinem Verhältnis zu Gott. D.h., die Art wie Jesus und sein Vater miteinander umgehen, die ist das Vorbild für die Gemeinschaft unter Christen. Jesus nennt das »Liebe«.

Und es ist gut, dass Jesus sagt, woher er die Liebe kennt, weil »Liebe« bei uns heute so ein Allerweltswort geworden ist, das alles möglich bezeichnen kann, von der Schwärmerei eines Teenagers für die neue Flamme bis zum Engagement eines Supermarkts für seine Waren (»Wir lieben Lebensmittel«). Was wirklich mit »Liebe« gemeint ist, das hat Jesus zuerst erlebt im Gegenüber zu seinem Vater im Himmel. Und dann hat er eine Gemeinschaft gegründet, in der auch die Jünger das kennenlernen sollen, was Jesus zuerst selbst erlebt hat. Wir können anderen immer nur das weitergeben, was wir selbst kennen. Und Jesus kommt von dieser Erfahrung der Nähe und Vertrautheit mit seinem Vater her, und er hat die ganze Zeit daran gearbeitet, dass es so etwas auch auf der Erde zwischen Menschen gibt. Und dass es von da aus ausstrahlt.

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Es gibt also ein Original, ein Urbild der Liebe, und es geht darum, dass wir in christlichen Gemeinschaften dieses Original so gut wie möglich nachbilden. Das ist natürlich schwierig, weil wir nur begrenzt Einblick haben in das Verhältnis zwischen Jesus und dem Vater im Himmel. Trotzdem hat die Theologie immer wieder versucht, aus dem, was Jesus dazu gesagt hat, Rückschlüsse zu ziehen auf seine Beziehung zu Gott.

Und das hat sie getan in der Lehre von der Dreieinigkeit Gottes, also das Verhältnis von Gott dem Vater, Gott dem Sohn und Gott, dem Heiligen Geist. Diese Lehre steht in dem Ruf, dass sie schwierig ist, und das liegt vor allem daran, dass es keine Geschichten gibt, die man zu diesem Thema erzählen kann. Aber das Thema ist trotzdem wichtig, weil Gott der Ursprung der Liebe ist, das Modell sozusagen, und aus dieser liebevollen Gemeinschaft in Gott ist überhaupt alles Leben und alle Liebe in der Schöpfung entstanden.

Wenn es auch keine Geschichten dazu gibt, so haben Menschen doch immer wieder versucht, in Bildern etwas einzufangen von diesem Urbild der Liebe, und eines der bekanntesten Bilder möchte ich heute zeigen. (runter) Es ist die Dreifaltigkeitsikone des russischen Mönchs Andrej Rubljov. Er lebte etwa von 1360 bis 1430. Es war eine Zeit, in der Russland schwer unter den Überfällen der Tataren litt. In einer Zeit voller Gewalt und Zerstörung hat Rubljov ein Gegenbild geschaffen. Er hat versucht, etwas davon darzustellen, was Liebe an ihrem Ursprung ist.

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Da sind drei Gestalten, Rubljov hat Vater, Sohn und Heiligen Geist in Form von Engeln dargestellt. Sie sitzen gemeinsam an einem Tisch, in der Mitte steht ein Gefäß, das vielleicht der Abendmahlskelch sein kann. Die Bildkomposition ist so gestaltet, dass die drei Figuren miteinander einen Kreis bilden. Gleichzeitig sind aber überall auch Dreiecke zu sehen.

Der Maler hat also versucht, schon in der geometrischen Komposition des Bildes die Verbindung von drei Personen in einer Einheit auszudrücken. Der Kreis steht für die Einheit, das Dreieck natürlich für die Dreiheit.

Und da fällt vor allem das Spiel der Augen auf. Die Person in der Mitte ist Gott, der Vater. Sein Mantel ist blau, das ist die Farbe des Himmels. Er hat außerdem einen besonderen goldenen Streifen an seinem Gewand. Er schaut hinüber zu der Gestalt links.

Die ist in einen roten Mantel gehüllt, nur ein wenig ist darunter ein blaues Gewand zu sehen. Diese Figur stellt den heiligen Geist dar, dessen Symbol ja das Feuer ist.

Und die schaut wieder zu der Gestalt rechts. Die rechte Person schließlich hat ein blaues Gewand und einen grünen Mantel, das symbolisiert Jesus, der Gott und Mensch zugleich ist und zum Himmel wie zur Erde gehört. Und Jesus schaut nach unten, auf den Kelch vielleicht, auf jeden Fall schaut er ganz parallel zu mittleren Person.

Können Sie die bewegte Einheit zwischen diesen Personen sehen? Keiner macht dasselbe, sie sind nicht uniform, aber sie sind miteinander eine einzige Aktion. Sie sind sich einig in aller ihrer Verschiedenheit. Da ist Gott, der Mitleid mit der Welt hat und möchte, dass sie erlöst wird. Da ist der Heilige Geist, der das versteht und aufnimmt und fragend hinüberschaut zu Jesus. Und da ist Jesus, der sich das Anliegen des Vater zu eigen macht und wie er hinunterschaut - vielleicht auf die Erde, und vielleicht auch auf seinen Weg ins Leiden, das durch den Kelch angedeutet ist.

Es hat mal einer gesagt, dass Liebe nicht darin besteht, sich dauernd gegenseitig anzuschauen, sondern gemeinsam in die gleiche Richtung zu schauen. Genau das tun hier der Vater und der Sohn, aber der Heilige Geist dazwischen steht für das Anschauen. Und alle drei miteinander sind eine einzige Aktion. Die eine Hand des Vaters in der Mitte deutet schon gleich auf Jesus.

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Aber wo geht diese ganze Aktion hin? Auf die Erde, habe ich gesagt. Aber wenn man das Bild anschaut, dann sieht man von der Erde nichts. Der Blick des Vaters geht jedenfalls auch zum Heiligen Geist, nur Jesus schaut niemanden von den beiden anderen an. Er hat ein Gegenüber, das auf dem Bild nicht zu sehen ist. Es ist sozusagen offen. Und da merkt man, dass das Bild auch sonst in gewisser Weise offen ist: es gibt einige Dreiecke in diesem Bild, deren vordere Spitze nicht gezeichnet ist.

Überall Dreiecke, deren Spitze nach vorne zeigt, zu uns, aber sie ist nicht gemalt, sondern offen gelassen. Da ist noch Platz, Platz für uns. Jesus schaut auf uns. Dieses Bild ist eine Einladung, da mit hineinzukommen. Er möchte, dass wir hineinkommen in diese vollkommene Gemeinschaft, die er mit Gott und dem Heiligen Geist bildet. Verstehen Sie, was Andrej Rubljov da auf eine Weise gemalt hat, dass seine Botschaft auch nach Jahrhunderten noch verstanden werden kann? Es ist eine gemalte Einladung.

Gott, wie Jesus ihn kennt, ist eine Gemeinschaft voller Liebe. Deshalb hinterlässt Jesus auf der Erde genau so eine Gemeinschaft. Die ganzen Geschichten von Jesus kommen eben noch nicht zum Ziel, als Jesus auferstanden ist, sondern erst, als seine Jünger beginnen, gemeinsam sein Werk fortzusetzen. Aber hier, auf diesem Bild sehen wir das Geheimnis dahinter: von Anfang an gibt es eine Gemeinschaft von drei Personen, die offen dafür ist, dass andere sich anschließen: Geschöpfe, und trotzdem dazu berufen, Freunde Gottes zu sein.

Das wird Gott nicht erst nachträglich angehängt, sondern so ist er schon immer gewesen. Der christliche Gott ist nach außen einer, nach außen sind sich die drei Personen völlig einig - um es mit einem netten Schlagwort zu sagen: da passt kein Blatt Papier zwischen die drei, so eng gehören sie zusammen. Aber im Inneren sind sie Beziehung. Im Innern gibt es Kommunikation, jeder hat seine Rolle, es gibt Zuwendung, es gibt Liebe. Gott ist kein Robinson, der allein und isoliert auf einer Insel lebt, sondern er ist von Anfang an Gemeinschaft, und deshalb hat er auch uns zu solcher Gemeinschaft geschaffen. Am Ende wird Gott unter den Menschen wohnen, hier auf der Erde.

Liebe ist so schwer zu definieren. Aber hier auf diesem Bild ist es vielleicht so gut gelungen, wie man es als Mensch überhaupt kann. Glauben bedeutet, diese Einladung in die Gemeinschaft Gottes anzunehmen. Wir kommen da immer hinein als Leute, die nicht richtig vorbereitet sind, die erst lernen müssen, was das bedeutet. Und gerade in Zeiten, in denen wir da anscheinend viel davon verlernt haben, müssen wir uns von solchen Bildern daran erinnern lassen, wo ein begnadeter Mensch etwas davon gesehen hat, wie Gott ist, und das dann auch hat umsetzen können.

Aber das eigentliche Bild für diese Gemeinschaft Gottes auf der Erde sollte kein materielles Kunstwerk sein, sondern die lebendige Gemeinde Jesu. In der Gemeinde soll sich die Liebe widerspiegeln, die in Gott herrscht. In unserer Zeit des Individualismus ist deshalb die eigentlich wichtige Entscheidung nicht die Entscheidung für Jesus, sondern die Entscheidung, sich einer Gemeinschaft anzuschließen, in der Jesus lebendig ist und die Jesus-artig funktioniert. Das lehrt auch die Erfahrung: erst wer sich der Gemeinschaft Jesu anschließt, ist wirklich angekommen. Eine individuelle, rein persönliche Entscheidung für Jesus gerät oft schnell wieder in Vergessenheit, sie ist unverbindlich und entfaltet keine Kraft.

Erst diese Gemeinschaft mit Jesus gibt auch den Zugang zum Vater im Himmel, der auf unsere Bitten uns alles geben wird. Diese Gemeinschaft ist die Kraft, die es uns erlaubt, hier auf der Erde den geistlichen Kampf mit den Mächten und Gewalten aufzunehmen, von dem wir in der Lesung (Epheser 6,10-17) vorhin gehört haben. Vor der Wärme der göttlichen Liebe nehmen die Dämonen Reißaus, weil ihr Herz kalt und abgestorben ist und die Liebe Gottes für sie nur noch ein stechender Schmerz ist, eine schmerzende Erinnerung daran, was ihnen entgeht.

In dieser Liebe sollen wir unsere Gemeinschaften gestalten. Eine Liebe, in der keiner den anderen aufsaugt oder manipuliert, sondern wo jeder in seiner Art geachtet ist, wo jeder er selbst bleibt, und wo man auf dieser Basis sich ganz aufeinander einlässt und sich ganz versteht. In dieser Welt ist der Weg dahin kein Zuckerlecken, wir werden immer wieder damit konfrontiert, wie weit weg wir voneinander sind, aber Jesus lädt uns ein, voranzugehen und den Platz einzunehmen, den Gott in seiner Gemeinschaft für uns freigelassen hat.