Wir besitzen seit ungefähr einem Jahr ein Navigationsgerät für unser Auto. Nun kann man sich lebhaft darüber streiten, ob man so etwas wirklich benötigt. Aber ich sag Ihnen, so ein Ding ist wirklich praktisch. Man weiß zwar nicht mehr so richtig wo man momentan ist, landet aber schließlich genau an der Stelle, die man vorher eingetippt hat. Da hört man dann unterwegs eine freundliche Stimme, die z. B. sagt: »Im Kreisverkehr in 400 m Entfernung benutzen Sie die zweite Ausfahrt.« Oder: »Folgen Sie der Straße für 4,5 km.« Hat man mal nicht aufgepasst und ist falsch abgebogen, folgt unweigerlich: »Bitte wenden.« Und wenn man das nicht tut, wird die Route einfach neu berechnet.

Nun ja. Warum erzähle ich das? Viele von uns haben so ein Ding und können nur müde lächeln. Wissen Sie, bei der Vorbereitung dieser Predigt ist mir eingefallen, dass wir Gott uns doch oft als so ein Navigationsgerät für unser Leben wünschen. Wäre es nicht schön, er würde unser Leben so steuern: »Bewirb Dich dort, die Stelle kannst Du haben.« Oder: »Nimm dieses Medikament und Du wirst gesund.« Mal ernsthaft: Wie oft stehen wir an ganz wichtigen Wegzweigungen unseres Lebens und wissen nicht, was wir tun sollen. Worauf sollen wir warten, welche Entscheidung ist gut für uns oder für die Menschen, für die wir Mitverantwortung haben? Und dann hätten wir schon gern so ein Navigationsgerät fürs Leben, was uns dann spätestens bei einer falschen Entscheidung früh genug zurufen würde: »Bitte wenden.«

Aber wären wir dann nicht nur etwas mehr als Marionetten? So will Gott uns nicht! Er möchte uns als mündige Gegenüber, die ihre Entscheidungen gut abwägen und selbst fällen. Aber woher sollen wir denn wissen, was für uns gut und Gott recht ist? Eigentlich machen wir doch tagaus tagein nichts anderes als Dinge, die gut für uns sind. Sonst würden wir sie ja nicht tun. Allerdings stellt sich manchmal später heraus, dass die Entscheidung doch nicht so toll für uns oder für andere war. Unser subjektiver Maßstab reicht offensichtlich nicht immer aus.

Der Glaube an Gott ist für uns heute eine Option, eine von zwei Möglichkeiten. Die andere Option ist der Unglaube. Wir entscheiden uns irgendwann oder wachsen in einer der Optionen auf, ohne sie in Frage zu stellen. Für die Menschen des Alten Testaments war das anders. Zum Glauben an Gott gab es keine Option. Gott war ganz einfach Realität. Er war für sie präsent in jeder alltäglichen Handlung. Ihre Abhängigkeit von Gott war unzweifelhaft und man handelte nach dem Maßstab, wenn ich gut zu Gott bin, ist er es auch zu mir, was z. B. Gesundheit und Wohlstand erhoffen ließ. Deshalb bewegte die Menschen immer wieder der Gedanke, wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Die Lösung sahen sie in der strikten Einhaltung der Gebote, aus deren 10 sich später in den fünf Büchern Mose insgesamt stolze 613 ergaben.

Zur Zeit des Propheten Micha, so ungefähr 700 Jahre vor Christi Geburt, hatte man offensichtlich gemerkt, dass es wohl mit dem Abhaken der 613 Checklistenpositionen nicht getan ist. Es quälte die Menschen die Angst, den Zorn Gottes herauszufordern und so suchten sie angestrengt danach, womit man Gott beruhigen kann, woran er gefallen hat, welches Opfer ihm genehm ist. Das religiöse Leben war zu einem rechten Krampf verkommen. Freude an Gott und seinen wegweisenden Geboten war die Seltenheit.

Gerade haben wir den Reformationstag hinter uns und in dem Zusammenhang ist uns diese Problemstellung gar nicht so fremd. Auch Luther wurde von der Frage getrieben, wie er einen gnädigen Gott bekommt, wie kann ich so leben, dass es Gott gefällt und ich ihn nicht fürchten muss? Da hatte sich offensichtlich in mehr als 2.000 Jahren trotz Jesus nicht viel geändert.

Umso mehr dürfen wir heute dankbar sein, dass Luther die Auseinandersetzung mit der überwältigenden Macht der Kirche nicht scheute, als er erst einmal erkannte, was wirklich nötig ist.

Doch bleiben wir noch einen Moment im Alten Testament. Dem Propheten Micha war bewusst, was da alles schief läuft. Er spricht zum Volk Israel im Auftrag Gottes mit den Worten unseres Predigttextes aus Micha 6 (6-8):

»Womit soll ich mich dem HERRN nahen, mich beugen vor dem hohen Gott? Soll ich mich ihm mit Brandopfern nahen und mit einjährigen Kälbern? Wird wohl der HERR Gefallen haben an viel tausend Widdern, an unzähligen Strömen von Öl? Soll ich meinen Erstgeborenen für meine Übertretung geben, meines Leibes Frucht für meine Sünde?«
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

Das war nun etwas Anderes als buchstabengetreue Gesetzeserfüllung und nicht wirklich neu. Es hatte schon immer Mahner gegeben, die das Volk Israel darauf hingewiesen haben, dass die Gebote und Regeln hilfreiche Leitplanken im Leben sein sollen, um mit Gott und den Menschen in Frieden leben zu können. Als Zusammenfassung der Gebote wurde gelehrt die Ehrfurcht vor Gott, Liebe und Gerechtigkeit gegenüber dem Nächsten. Aber damals wie heute vertrauen die Menschen lieber den eigenen Anstrengungen, als sich im Vertrauen auszuliefern.

Der letzte Vers aus dem Predigttext »Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott« lässt uns über das Alte Testament hinausblicken und auf Jesus schauen. Das sind seine Worte, das ist seine Botschaft. Ja, es ist uns tatsächlich gesagt, was gut für uns ist und was der Herr von uns erwartet.

Dieses Navigationsgerät fürs Leben von vorhin, das haben wir längst. Das braucht weder Netzanschluss noch Batterie und ist trotzdem spannungsvoll. Ich spreche von Gottes Wort, der Bibel. Sie enthält viele geschichtliche Berichte, aber auch Offenbarungen und Prophetien. Vor allem aber können wir in ihr vom Mensch gewordenen Wort Gottes lesen, von Jesus von Nazareth.

»Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist.« Sollte das »Wort Gottes« wirklich seinem Name alle Ehre machen und für mich hörbar werden? Sicher! Aber wie ich bei dem Navigationsgerät hinhören oder auf den Bildschirm sehen muss, um die Richtung zu erfahren, so muss ich den Wälzer aus dem Regal holen und reinsehen, lesen und nachdenken. Testen Sie es einmal: Sie werden nicht die Ersten sein, zu denen Gott unmittelbar durch sein Wort spricht.

Wenn ich wissen will, was gut für mich ist, wie ich mein Leben navigieren soll, muss ich den fragen, der mich erfunden hat ? Gott. Wie bekomme ich meine Antwort? Indem ich in seinem Wort - der Bibel - lese und ihn im Gebet frage, wie er sich den so mein Leben gedacht hat.

Wir erfahren zunächst einmal, wie Gott sich das Leben seiner Kinder ganz grundsätzlich vorstellt. Da finden wir Aussagen wie: seid aufrichtig und gerecht, liebt auch die, die Euch Böses wollen, haltet Gemeinschaft und achte einer den anderen höher als sich selbst. Das ist die Idee Gottes für die Leitlinien unseres Lebens. Gott macht aber noch viel mehr. Er spricht in unsere Situation hinein ganz konkret. Das geht auf die unterschiedlichsten Weisen, von dem direkt gehörten Wort, über den Gedanken beim Lesen der Bibel, durch das Gespräch mit einem anderen, einem Traum oder vielleicht durch Worte einer Andacht oder Predigt. Gott legt sich da nicht fest.

Obwohl ich sehr gut um Gottes Reden weiß, kenne ich dennoch Situationen, in denen ich so sehr auf einen Wink gewartet habe und trotz täglicher Bibellese und Stille vor Gott ohne Antwort geblieben bin. Dann, und das ist meine Erfahrung, möchte Gott, dass ich mein Hirn und Herz benutze, um aus allen Möglichkeiten selbst einen Weg zu wählen, den ich vor ihm verantworten kann. Wie die Entscheidung dann auch lautet, was es auch immer sei, er wird den eingeschlagenen Weg segnen und zu einem guten Ergebnis führen.

All diesen unterschiedlichen Formen des Redens Gottes ist aber eines gleich: Die Gewissheit, dass es Gott war, den ich vernommen habe.

Niemals navigiert er uns oder gibt uns eine Landkarte mit vorgezeichneter Route. Er gibt uns seine Hand und an der führt oder begleitet er uns durch unser Leben.

Wie denn mit der Bibel umgehen, wenn sie mir die Richtung für mein Leben angeben will? Das hängt sicher davon ab, wie vertraut man mit ihr ist. Wenn Sie lange nicht mehr darin gelesen haben, so empfehle ich mit Hilfe einer moderneren Übersetzung, vielleicht der Guten Nachricht Bibel, zunächst einmal eines der vier Evangelien zu lesen. Welches ist nicht wichtig. Sie haben zwar verschiedene Schwerpunkte, sind jedoch jedes für sich eine runde Sache.

Wenn wir Gottes Wort verstanden haben, gilt es ihm konsequent zu folgen. Ein Navigationsgerät zu haben, reicht nicht. Wir müssen es auch anwenden und seinen Anweisungen vertrauen. Da können unerwartete Situationen entstehen, echte Probleme, die das Ziel in weite Ferne rücken lassen. Wir können daran zweifeln, auf dem richtigen Weg zu sein. Es werden uns nicht nur Dinge begegnen, die wir als gut empfinden. Aber dieses Empfinden bleibt subjektiv. Gott irrt nicht. Es gilt durchzuhalten. Wir sehen was vor uns ist, Gott sieht die Dinge immer vom Ende her.

Anthony de Mello berichtet in einem seiner Bücher von einer chinesischen Geschichte: Sie erzählt von einem alten Bauern, der ein betagtes Pferd für die Feldarbeit hatte. Eines Tages entfloh das Pferd in die Berge, und als alle Nachbarn des Bauern sein Pech bedauerten, antwortete der Bauer: "Pech? Glück? Wer weiß?"

Eine Woche später kehrte das Pferd mit einer Herde Wildpferde aus den Bergen zurück, und diesmal gratulierten die Nachbarn dem Bauern wegen seines Glücks. Seine Antwort hieß: "Glück? Pech? Wer weiß?"

Als der Sohn des Bauern versuchte, eines der Wildpferde zu zähmen, fiel er vom Rücken des Pferdes und brach sich ein Bein. Jeder hielt das für ein großes Pech. Nicht jedoch der Bauer, der nur sagte: "Pech? Glück? Wer weiß?"

Ein paar Wochen später marschierte die Armee ins Dorf und zog jeden tauglichen jungen Mann ein, den sie finden konnte. Als sie den Bauernsohn mit seinem gebrochenen Bein sahen, ließen sie ihn zurück. War das nun Glück? Pech? Wer weiß?

Dies soll nun wahrlich kein Beispiel dafür sein, alles schicksalsergeben so hinzunehmen, wie es gerade kommt. Vielmehr möchte ich mit dem Text sagen, dass es gilt durchzuhalten. Was Gott uns hat wissen lassen, ist richtig - auch wenn wir zwischendurch den Eindruck gewinnen, dass es böse endet. Glück? Pech? Gott weiß.

Die Menschen des Alten Testaments sind uns doch gar nicht so fern in ihrem Denken. Meinen wir nicht auch, dass jede gute Tat belohnt werden sollte? Dabei ist es unmöglich, auch nur den geringsten Verdienst vor Gott zu erarbeiten. Natürlich vergisst Gott nichts davon, was wir Gutes getan haben. Aber niemals würde er zulassen, dass wir daraus einen Anspruch gegen ihn ableiten. Keine noch so große Tat kann groß genug sein, um das aufzuwiegen, was Gott längst für uns getan hat, indem er uns Teil dieser wunderschönen Schöpfung sein lässt und sein Sohn uns von unserer Sünde befreite. Nur diese Befreiung von der Sünde macht es dem Gläubigen möglich, mit Gott Gemeinschaft zu haben, jetzt und in alle Ewigkeit. Das ist nicht durch alles Gold der Erde zu kaufen, durch kein noch so demütiges und hingebungsvolles Leben. Das ist dem Gläubigen aus Gnade geschenkt - womit wir schon wieder bei Luther wären.

»Es ist dir gesagt, Mensch, was gut für dich ist.« Das ist nicht die Aufforderung, uns innerlich zu erbauen, so gut und richtig das auch ist. Es ist die Aufforderung, die Augen aufzureißen und die Sinne zu schärfen. Wo in meiner kleinen Welt kann ich das tun, was Gott von mir erwartet?

Als Jesus einmal gefragt wurde, was man denn machen muss, um das ewige Leben zu erlangen, da hat er geantwortet: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Das ist das höchste und größte Gebot.« »Das andere aber ist ihm gleich«, fuhr er fort: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.«

Das ist grundlegend, ein solides Fundament für unser Leben und Handeln. Jedes Haus, jedes Lebenshaus braucht ein gutes Fundament und es gibt kein besseres.

Möchten Sie es konkreter? Wir sollen Liebe und Gerechtigkeit üben. Liebe, die sich darin zeigt, dass wir den Schwachen beistehen, uns Zeit nehmen für die Kranken und Gefangenen, Geld und Zeit für Menschen einsetzen, die uns nötig haben; Leuten eine neue Chance geben. Menschen einladen in unsere Gruppen und Gottesdienste, damit sie Gemeinschaft haben und davon hören, was gut für sie ist.

Eine Zeitlang war es unter den jungen Christen beliebt, so ein Bändchen um das Handgelenk zu tragen mit einer Aufschrift WWJD oder WWJT. Das ist die Abkürzung für die Frage: Was würde Jesus tun? Ohne jede Frömmelei trifft das den Nagel auf den Kopf. Wir nennen uns Christen, weil wir ihm angehören wollen. Dann liegt doch nichts näher, als das er unser Vorbild ist.

Ich gebe gern zu, dass sich das schon wieder nach Regeln und Geboten anhört. Soll es aber gar nicht. Weil unsere eigene Kraft ohnehin nicht ausreicht, unseren Egoismus oder unser Machtstreben zu besiegen. Auch die Kraft dafür dürfen wir uns schenken lassen. Auch die Fähigkeit wieder aufzustehen, wenn wir mal eine Niederlage erlitten haben. Verloren hat nur der, der liegen bleibt. Wir dürfen uns immer wieder neu aufrichten lassen und dazu Kraft bei Gott finden.

Ein letztes Mal: »Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist.« Lassen Sie Gott für sich da sein. Und lassen Sie sich von ihm mitnehmen auf den Weg, den er mit Ihnen geht - den Weg der Gerechtigkeit und der Liebe.