Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die das sagen zu Zion: Dein Gott ist König. Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und rühmen miteinander; denn alle Augen werden es sehen, wenn der Herr nach Zion zurückkehrt. Seid fröhlich und rühmt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst. Der Herr hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes.

Es ist ja schon ein bisschen Ironie dabei, wenn wir heute manchmal zueinander sagen: alles wird gut. Wir wissen, dass man Menschen mit so einfachen Sätzen meistens nicht wirklich trösten kann. Dabei wünschen wir uns doch gerade das so sehr: dass alles in Ordnung kommt und unser Leben und die ganze Welt ein gutes Ende bekommt.

Und genau dieses Versprechen hören wir hier, es ist unterwegs, auf dem Weg in das zerstörte Jerusalem. So lange ist diese Stadt misshandelt worden: erst durch die Arroganz der Könige, und dann durch die Brutalität der Feinde. Alles, was schön war, ist ausgelöscht und verbrannt worden. Und in diese Stadt kommt die Botschaft: »alles wird gut - von nun an.« Und Jesaja sieht schon den Freudentaumel, den diese Freudenbotschaft auslösen wird. Endlich wird alles wieder gut. Die Gefangenschaft hat ein Ende. Es wird Friede sein, auch in den Herzen.

Jesaja sieht das in einem prophetischen Bild. Noch ist es nicht so weit, aber der Prophet spürt, dass sich etwas verschoben hat im Lauf der Weltgeschichte. Die Karten der Macht werden neu gemischt, ein neues Volk wird die Bühne der Geschichte betreten.

Jesaja spricht von Boten, die über die Berge kommen und auf die zerstörte Stadt Jerusalem zueilen. Sie wollen eine neue Zukunft voll Hoffnung ankündigen. Ihre Botschaft, die sie den Wächtern an den kaputten Mauern überbringen lautet; Gott hat diesen Flecken Erde, diese Stadt, diese Trümmerlandschaft nicht vergessen. Gott ist König. Das ist die Parole, die sie überbringen. Und das ist das Wichtigste überhaupt! Nicht irgendwelche mächtigen Könige oder Leute mit viel Geld haben das Sagen. Nein, Gott allein hat den Thron bestiegen. Er ist König.

Wenn Jesus später von der Königsherrschaft Gottes gesprochen hat, vom Reich Gottes, dann hat er diese Parole aus dem Alten Testament aufgenommen: Gott regiert. Er lenkt die Geschichte, und auf verborgene Weise bringt er sein Werk unter den Menschen voran. Vergesst es nie: es wird regiert. Nicht die Zerstörer, nicht die Feinde des Lebens bleiben Sieger, sondern der von den Mächtigen verhöhnte Gott bleibt Sieger. Er hat sich der Trümmerstätte Jerusalem erbarmt. Er hilft den Menschen heraus aus ihrem Elend und aus ihrer Trostlosigkeit. Überall ist plötzlich Jubel und Freude.

Vorhin im Evangelium haben wir es mit anderen Worten aus dem Mund von Maria gehört:

»Gott vollbringt machtvolle Taten mit seinem Arm (merkt ihr? Jesaja redet von Gottes Arm, Maria tut es. Über Jahrhunderte sind die beiden sich einig, dass Gott mit seinem Arm die Welt bewegt) also: er vollbringt machtvolle Taten mit seinem Arm und zerstreut alle, die in ihrem Herzen hochmütig sind. Er stößt die Machthaber vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungernden sättigt er mit Gutem und lässt die Reichen leer ausgehen.«

Liebe Gemeinde, Jesaja und Maria und all die anderen haben das selbst noch gar nicht erlebt, aber sie wissen, wer Gott ist und was er tut. Sie haben erst Hinweise bekommen, Ahnungen, Ankündigungen. Aber sie sind richtig aus dem Häuschen, weil sie verstanden haben: das ist unser Gott! So macht er das! Und er wird es zu Ende bringen!

Und so werden die Menschen angefüllt von neuen Bildern, Bildern, die neue Lebensmöglichkeiten für sie eröffneten. Endlich ist wieder Hoffnung. Und diese Hoffnung wächst.

Wenn Gott seinen Boten Jesaja mit so einer Freudenbotschaft zu uns schickt, dann wird alles gut. Selbst wenn im Moment noch alles armselig ist wird Gott dafür sorgen, dass die Bilder der Hoffnung Wirklichkeit werden. Plötzlich wird aus Verzweiflung Hoffnung, aus der realistischen Sicht der Welt wird Lebensmut und Hoffnung auf das Kommende. Und aus Gottesferne und Zweifel werden Glaube und Vertrauen.

Warum aber immer diese Vorankündigungen? Warum diese jahrhundertelange Vorgeschichte, all die Propheten und Dichter und Sänger? Warum hat Gott immer diesen langen Vorlauf? Warum kann er nicht gleich zur Sache kommen?

Ich glaube, dass in Menschen erst solche Hoffnungsbilder erwachen müssen, bevor sie bereit sind für das Neue, das Gott bringt. Menschen können sich so an das Elend gewöhnt haben, dass sie gar nicht mehr aufschauen. Da muss zuerst einmal die Hoffnung in ihnen erwachen, dass es noch etwas anderes geben kann als all das Elend, in dem sie sich eingerichtet haben.

Und so sät Gott die Hoffnung, Jahrhundert um Jahrhundert, bis im ganzen Volk Israel die Menschen Ausschau halten und sich fragen: wann ist es soweit? Was wird Gott tun?

Deswegen auch diese Zeit im Advent, damit Weihnachten nicht immer so plötzlich kommt, sondern damit wir uns darauf einstellen können, vorbereiten, Platz schaffen in unserem Herzen. Damit wir uns für die Möglichkeit öffnen, dass wirklich etwas gut wird. Dass nicht nur das ganze alte Elend immer weitergeht, sondern dass etwas ganz neues beginnt: für mich selbst und für die Geschichte der Völker.

Die Israeliten ließen sich von Jesaja eine Hoffnung ins Herz pflanzen, sie schauten von neuem Bilder der Hoffnung und warteten darauf, dass diese Bilder Wirklichkeit werden. Da gibt es ein neues Licht, einen neuen Gedanken. Sie denken an Freiheit.

Und so kommt es dann auch. Das babylonische Reich fällt. Der Perserkönig Kyros hat Babylon erobert und erlässt ein Edikt, dass das Volk Israel wieder zurückkehren darf nach Jerusalem. Und sie erinnern sich an Jesaja und sie sagen: ja, so ist das: es wird regiert!

Und sie verstanden, dass diese Botschaft Jesajas viel tiefer ging als nur diese Ankündigung: ihr dürft zurück nach Jerusalem. Die grundlegende Botschaft lautet: dein Gott ist König. Die Königsherrschaft Gottes ist angebrochen. Und deswegen wird alles gut.

Und ich glaube, dass diese Verse von Jesaja in geheimnisvoller Tiefe schon das vorweg nehmen, was dann passiert als Jesus in die Welt kommt. Mit Jesu Geburt richtet Gott seine Königsherrschaft auf. Jetzt kann man endlich verstehen, wie Gott das hinkriegen will, dass er seine Welt zurückgewinnt.

Über all die Jahre hat keiner gewusst, wie das eigentlich funktionieren soll, wenn Gott seine Königsherrschaft aufrichtet. Aber im Leben von Jesus wird sichtbar, wie das gehen soll. In allem was er tut, wird Gottes Herrschaft deutlich. Er predigt: das Reich Gottes ist nahe herbei gekommen. Das heißt nichts anderes als dass Gottes Königsherrschaft jetzt wirklich da ist - und zwar überall dort wo Jesus ist.

Was Jesaja angekündigt hat wird wahr: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Tote werden auferweckt. Wenn Gott die Herrschaft hat, wenn er auf dem Thron sitzt und das Sagen hat, wenn er eingreift und sich kümmert, da verändert sich die Welt. Aber bei all dem will Gott uns seine Macht, sein Königsein nicht aufzwingen oder um die Ohren hauen. Diese Klarheit hat zuletzt Jesus gebracht.

Wir sollen nicht in Ehrfurcht erstarren und vor lauter Demut vor Gott niederkauern, klein und mickrig. Er will uns im Gegenteil lebendig und froh und stark machen. Deshalb greift er ein und schreckt nicht davor zurück, mitten hinein in die Trümmerfelder der Welt oder in die ganz persönlichen Trümmerfelder von uns Menschen zu gehen.

Wenn wir denken, es geht nicht mehr weiter, wenn wir das Gefühl haben, alles ist dunkel und traurig und wir sind an einem Punkt angekommen, wo wir sagen, ich kann nicht mehr, dann greift Gott ein, macht uns Hoffnung. Mit Jesus bringt uns Gott die gute Nachricht: dein Leben kommt in Ordnung. All die Bruchstücke, die Fehler, die falschen Wege, die du gegangen bist ? Gott rückt es zurecht.

Gott sieht auch unsere körperliche Not. Wenn uns Krankheiten quälen, wenn die Kraft nachlässt, wenn wir unsere Unzulänglichkeit bei manchen Aufgaben spüren, dann ist auch hier Gottes Botschaft: alles kommt zurecht und an sein Ende. Deine Fragen werden beantwortet, deine Klagen erhört und es bessert sich mit dir. Die Last deines Lebens wird leichter, du wirst sehen. Du wirst lachen können und dich freuen.

Gott lässt seine Kinder nicht im Dunkeln stehen. Es gilt auch für uns: Gott ist König. Er hat Macht über alles, über die Welt, über uns, über euer Leben und über meines. Er wird in Ordnung bringen was noch nicht heil ist. Er wird mit seinem starken Arm richten, was uns bedrückt und den Mut nimmt. Das ist erst ein Bild, das in unserem Herzen Wurzeln schlagen soll; das sollen wir schon erwarten, bevor wir es erleben.

Gott nährt in dieser Welt eine Hoffnungsgeschichte.

Jesaja und Maria haben in ihr gelebt, Jesus hat sie so verkörpert, wie es kein anderer konnte. Und jetzt ist sie bis zu uns gekommen und will unsere Herzen weit machen, damit da Platz ist für Gottes Handeln.

Es wird regiert - aber wir sind jetzt eingeladen, dabei zu sein. Wir wissen, worauf Gott schon immer hinaus wollte. Und jetzt wird die Geschichte von Jesus und uns immer wieder neu erzählt, bis die neue Welt Gottes anbricht, in der Leid, Tod und Schmerz endgültig der Vergangenheit angehören.