Diese Predigt wurde im Rahmen eines Besonderen Gottesdienstes gehalten. Am Tag vorher hatten die Teilnehmer des Ü10-Gottesdienstes (hauptsächlich Konfirmanden) die Kirche mit einem großen Kreuz und Bildern dekoriert, auf denen Situationen von Gewalt und Leid dargestellt waren. In einer Szene am Anfang stellten sie Jesu Wort vom Binden des Starken (Markus 3,27) dar. Eine ausführliche Beschreibung des Gottesdienstes gibt es hier...

Wenn wir heute über das Kreuz Jesu nachdenken, dann wollen wir uns zuerst daran erinnern, dass es für die Jünger und die Familie Jesu überhaupt keinen Sinn machte. Das Kreuz Jesu war die Zerstörung all ihrer Hoffnung, und es war die Zerstörung der leuchtendsten Hoffnung, die Israel überhaupt je gehabt hatte. Die Kreuzigung war das Schlimmste, was einem Menschen damals passieren konnte. Mit der Androhung dieser brutalen Strafe hielt Rom sein riesiges Reich zusammen. Das Kreuz ist ein Symbol für das, was Menschen einander antun an Gewalt, Ausbeutung und Unterdrückung. Natürlich wurden auch damals nur wenige gekreuzigt, aber alle waren irgendwie Opfer der Unterdrückung und Gewalt, die durch die Drohung mit dem Kreuz stabilisiert wurde.

Das Kreuz war zu Jesu Zeiten der harte Kern der Unterdrückung, der Ausweglosigkeit, es war ein Zeichen dafür, dass es keine Wahl gab, und dass die Welt in den Händen der Mächte von Tod und Zerstörung war, die die Menschen auf verschiedene Weise kaputt machen. Und für die Anhänger Jesu bedeutete die Kreuzigung Jesu, dass auch Jesus dem Tod zum Opfer gefallen und sein Aufstand des Lebens gescheitert war, und dass damit Gott gescheitert war, ja, dass es vielleicht gar keinen Gott gab, oder dass er so schwach und ohnmächtig war wie wir, wenn wir dem Bösen in seiner ganzen Schrecklichkeit gegenüberstehen.

Wir müssen uns daran immer wieder erinnern, damit wir uns nicht an dieses Kreuz als christliches Symbol gewöhnen. Sonst wird es ein harmloses Symbol privater Frömmigkeit, das man an allen möglichen Stellen anbringt, aber keiner denkt daran, dass es ein Folterwerkzeug ist wie z.B. der elektrische Stuhl, nur schlimmer, und ein Bild davon würden wir uns ja eigentlich auch nicht gern irgendwo aufhängen. Aber wenn wir aus dem Kreuz ein harmloses Symbol gemacht haben, dann haben wir nichts mehr, wohin wir uns wenden können, wenn wir selbst betroffen sind von Zerstörung und Tod in unserer Gegenwart.

Wer am letzten Sonntag hier war, der kann sich vielleicht noch erinnern, dass ich die Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu mit einem Chorsatz verglichen habe: die Melodiestimme, der Sopran, das ist die Leidensgeschichte Jesu, wie sie in den Evangelien steht. Es gibt dazu eine Bassstimme, die das Ganze grundiert, und das ist das Alte Testament. Das Alte Testament stellt eine Frage, die dort nicht beantwortet wird. Kann Gott seinen Plan mit der Schöpfung trotz menschlicher Sünde und trotz menschlichen Versagens auszuführen? Und in der Leidensgeschichte Jesu wird diese Frage verschärft, radikalisiert: wird Gott seinen Sohn retten aus der Versklavung unter Tod, Zerstörung und menschliche Sünde? Und wird es Gott gelingen, damit seine Schöpfung am Ende doch noch zum Ziel zu bringen?

Die Geschichte Jesu bekommt ihre Basis, wenn wir diese Stimme des Alten Testaments mithören. Als die Nachfolger Jesu versuchten, sich nach seiner Auferstehung einen Reim auf das Ganze zu machen, da lasen sie z.B. die Lieder vom Knecht Gottes, die man im Buch Jesaja findet:

53,7 Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf. 8 Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, doch wen kümmerte sein Geschick? Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen der Verbrechen seines Volkes zu Tode getroffen. ... 52,14 Viele haben sich über ihn entsetzt, so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch, seine Gestalt war nicht mehr die eines Menschen.

Das ist eine Schilderung schrecklicher Gewalt, wo das Opfer so zerschlagen und zerstört zurückbleibt, dass es nicht mehr menschlich erscheint und keiner hinsehen will. Und die ersten Christen verstanden, dass genau das die Geschichte Jesu ist. Aber gleichzeitig taucht in diesen Liedern vom Knecht Gottes überall die Hoffnung auf, das feste Zutrauen, dass mitten in der Zerstörung etwas Sinnvolles passiert, dass Gott im Leben und Sterben dieses Unbekannten sein Ziel erreicht:

13 Seht, mein Knecht hat Erfolg, er wird groß sein und hoch erhaben. ... 15 Jetzt [aber] setzt er viele Völker in Staunen, Könige müssen vor ihm verstummen.

Und das Ganze ist ein Lied von einem, der das alles an unserer Stelle tut. Es ist die Geschichte des Königs, der für sein Volk eintritt und etwas tut, was sie nicht tun können. So wie David mit dem Riesen Goliath gekämpft hat, den keiner besiegen konnte, und öffnete er seinem Volk den Weg zum Sieg. Jesus, der Knecht Gottes, stellt sich an unserer Stelle den Riesen namens Chaos und Tod. Wir selbst haben die Riesen hereingelassen in die Schöpfung, aber jetzt kriegen wir sie nicht mehr weg. Deswegen kämpft Jesu mit ihnen. Wenn Sie an die Szene am Anfang denken: Jesus kämpft mit dem Schwergewichtsboxer und fesselt ihn, damit wir die Beute aus dem Tresor holen können.

Aber es ist vergleichsweise leicht, jemanden mit List oder Gewalt anzugreifen und zu überwinden. Beim Kampf Jesu ging es darum, dass Jesus seine Art zu leben beibehält. Dass er sich auch durch die Qual der Kreuzigung nicht von Gott trennen lässt, seinen Weg bis zum Ende geht, nicht widerruft und sich nicht aufgibt. Sie tun ihm das Schlimmste an, was man einem Menschen antun kann, und er hört nicht auf zu lieben. Und als er am Ende sein Leben mit einem schrecklichen Schrei beendet, da ist der Riese besiegt, da ist seine Macht gefallen, da hat das Chaos seine Grenzen gesehen. Und es geschah so, weil Gottes Art zu leben präsent war auch im tiefsten Dunkel dieser Welt. Mitten drin wird das Zeichen des Lebens aufgerichtet, und der römische Hauptmann, der die Hinrichtung kommandiert, versteht es und sagt: der war wirklich Gottes Sohn.

Und nun hat ja ein Chorsatz in der Regel vier Stimmen. Sopran und Bass habe ich beschrieben. Aber da ist noch der Tenor. Eine Stimme, die durchaus eine ganze Menge Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann, fast so viel wie die Melodiestimme. Der Tenor ist das Bild für die Geschichte unserer heutigen Welt und all das Leiden in ihr. Wir haben gestern im 10-Gottesdienst Bilder gemalt von dem, was heute an Chaos, Gewalt und Zerstörung in der Welt ist.

Und wir wissen alle, dass das nur ein Ausschnitt ist von all dem Schrecklichen, das in der Welt passiert. Aber wir haben diese Tafeln hier beim Kreuz aufgestellt. Und das bedeutet zweierlei:

  1. Als Gott in die Welt kam, da ist er genau in diese dunklen Zonen gegangen. Er hat nicht weggeschaut, er hat sie nicht vermieden, sondern er ist genau dorthin gegangen, wo die Welt am dunkelsten ist und wo keiner von uns hin möchte. Zum Zeichen dafür nehme ich dieses rot-weiße Absperrband und lege es in einem großen Bogen drumherum.
    Das Kreuz steht mitten in dieser Sperrzone, in die keiner von uns hinein möchte. Aber Jesus wusste, dass die Welt nicht erlöst werden kann, solange wir alle versuchen, außerhalb der Absperrung zu bleiben. Und deshalb ging er entschlossen darauf zu und hinein. Und es kostete ihn das Leben.
    Das bedeutet nun aber
  2. dass es für diese ganzen dunklen Zonen Hoffnung gibt. Sie sind mit der Geschichte Jesu verbunden. Jesus hat sein Leben dort mitten hinein gebracht. Dort hat er seinen Kampf gekämpft und gewonnen. Und alles, was mit diesem Sieg verbunden ist, hat Zukunft.

Und nun kommen wir ins Spiel, denn es gibt ja noch eine vierte Stimme, den Alt. Der Alt, das ist unsere Stimme. Sie ist nicht so im Zentrum wie die Melodiestimme. Sie ist nicht die starke Basis wie die Bassstimme. Aber ohne den Alt wäre der Satz nicht vollständig, und manchmal macht diese Stimme auch ganz erstaunliche Dinge.

Der Alt, das ist unsere Geschichte. Und das ist auch alles, was uns bedrückt und belastet. Und zum Zeichen dafür bekommen Sie jetzt jeder einen Stein. Wir verteilen den jetzt als Zeichen für die Last, mit der wir Anteil haben an all dem Niederdrückenden in der Welt.

Schauen Sie Ihren Stein an. Sie haben sich den nicht aussuchen können. Wir haben ihn einfach zugeteilt. Der eine hat einen großen und der andere einen kleinen Stein. Einen glatten oder einen rauhen. Alle haben sie unterschiedliche Farben und Muster. So bekommen wir alle unseren eigenen Anteil an dem Schweren in der Welt, und keiner weiß, warum er gerade den bekommen hat.

Also schauen sie Ihren Stein an und überlegen Sie, was er für Sie bedeutet: ein Schmerz, den sie mit sich herumtragen? Eine Enttäuschung mit einem Menschen? Eine Krankheit, die Ihnen das Leben schwer macht? Eine Angewohnheit, die Sie nicht loswerden? Eine gut versteckte Sucht, die kein anderer als Sucht erkennen würde? Ein Abschied, ein Unglück, das Sie getroffen hat? Oder noch etwas anderes, womit Sie Anteil haben an dem Chaos in der Welt? Überlegen Sie einen Augenblick und geben Sie Ihrem Stein einen Namen!

Pause

Vielleicht haben Sie es sich schon gedacht: ich lade Sie ein, ihre Geschichte mit dem Kreuz Jesu zu verbinden, indem Sie hier nach vorn kommen und Ihren Stein zu Füßen des Kreuzes ablegen. Ich lade Sie damit ein, Ihre Stimme innerhalb dieses vielstimmigen Satzes mitzusingen. Ich lade Sie ein, sich mit Ihrer Geschichte einzubringen in das Lied Gottes. Denn alles, was wir zum Kreuz bringen, bekommt Anteil an der neuen Perspektive, die Jesus gebracht hat: seine Liebe, die das Dunkel besiegt hat. Wenn wir uns mit ihr in Verbindung bringen, dann fängt das Licht an, sich in unserem Leben auszubreiten.

Aber da gibt es ein Problem. Sie werden es sehen, wenn Sie hier nach vorn kommen. Hier liegt dieses Sperrband. Und wer zum Kreuz Jesu geht, der muss diesen Bereich betreten, den wir eigentlich vermeiden möchten. Natürlich können Sie auch außen an dem Sperrband stehen bleiben und versuchen, Ihren Stein zum Kreuz zu werfen, und vielleicht treffen Sie auch ungefähr. Aber ich glaube, das ist etwas, was wir in unserer christlichen Tradition viel zu gut gelernt haben: unsere Probleme zum Kreuz zu bringen, aber irgendwie versuchen, doch außerhalb dieser Zone zu bleiben und all das lieber Jesus zu überlassen. Uns von Jesus helfen zu lassen und doch nicht seinen Weg mitzugehen.

Aber das wird nicht funktionieren. Die Kraft, um es wirklich aufzunehmen mit Zerstörung, Angst und Tod, bei uns oder bei anderen, die ist nur bei Jesus zu finden, und deshalb müssen wir ihm dahin folgen, wo er hingegangen ist, hin in die dunklen Zonen wo Menschen leiden und manchmal auch sterben. Auch wenn wir dort hingehen, um zu trüsten und zu helfen, es wird uns nicht unberührt lassen. Aber dort ist die Kraft zu finden, die dem Leid und der Zerstörung gewachsen ist, dem Leid und dem Schweren in der ganzen Welt und auch unserem persönlichen Anteil daran. Christsein bedeutet Entscheidung, es bedeutet eine Linie, eine Grenze zu überschreiten. Und es bedeutet, frei zu werden von den Lasten, die wir mit uns herumtragen. Beides hängt zusammen. Ich lade Sie ein, als Zeichen dafür jetzt Ihren Stein hier zum Kreuz Jesu zu bringen. Und Sie werden hier stattdessen etwas bekommen.

Pause, in der die Gemeinde nach vorn kommen kann

Liebe Freunde,
was uns bedrückt, das haben wir am Kreuz niedergelegt, und dann haben wir es dort zurückgelassen. Ihr seid mit weniger zurückgegangen, als ihr mitgebracht habt. Und all das bleibt jetzt dort am Kreuz, und wir bitten Jesus, dass die Kraft seines Leidens und seiner Auferstehung sich mit all dem verbinden möge, was wir dort hingebracht haben. Wir können nicht voraussagen, was damit passiert, aber da ist die Verheißung, dass sich etwas bewegen wird. Achtet doch in den nächsten Tagen und vielleicht Wochen darauf, was mit dem geschieht, was durch euren Stein repräsentiert wurde.

Als Hilfe dafür habt ihr dieses Bild bekommen, wo auf der einen Seite das Kreuz ist und auf der anderen das leere Grab am Auferstehungsmorgen. Das sind zwei Seiten derselben Sache. Wer sich in Verbindung bringt mit dem Leiden Jesu, mit dem Kreuz, der wird auch Anteil bekommen an der Kraft der Auferstehung in unserem Leben. Wie das geht, das ist ein neues Thema, und wir haben dafür ja auch noch die Osterzeit.

Lasst uns heute zum Abschluss beten:

Herr Jesus Christus,
du hast den Starken besiegt, den Riesen, den Feind, den Zerstörer der Menschen.
Wir bitten dich, dass du diesen Sieg ausdehnst auf all das Dunkle, was wir dir gebracht haben, das Kleine und das Große. Wir lassen es los, wir lassen es bei dir, wir überlassen es deiner Kraft.
Und wir bitten dich, dass du die Kraft dieses Sieges auch uns verleihst. Wir wollen uns üben in der Kunst, in deiner Kraft zu leben und voranzugehen, damit das Dunkel flieht vor dir, dem Sieger. Dein ist das Reich und die Kraft.
Wir danken dir für deinen ganzen Weg, für alles, was es dich gekostet hat, für dein Festhalten an Gott und an uns auf Golgatha.
Amen.