27 Als Jesus danach weiterging und am Zollhaus vorbei kam, sah er dort einen Zolleinnehmer sitzen, einen Mann namens Levi. Jesus sagte zu ihm: »Folge mir nach!«28 Da stand Levi auf, ließ alles zurück und folgte Jesus. 29 Levi gab Jesus zu Ehren in seinem Haus ein großes Fest. Zusammen mit Jesus und seinen Jüngern nahmen zahlreiche Zolleinnehmer und andere ´Leute von zweifelhaftem Ruf` an dem Essen teil. 30 Die Pharisäer und ihre Anhänger unter den Schriftgelehrten waren darüber empört und stellten die Jünger zur Rede. »Wie könnt ihr nur zusammen mit Zolleinnehmern und Sündern essen und trinken?«, sagten sie. 31 Jesus selbst gab ihnen die Antwort: »Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. 32 Ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen; ich bin gekommen, um Sünder zur Umkehr zu rufen.«

Man sieht an dieser Geschichte, dass das Essen bei Jesus keine nebensächliche Frage war. Es gibt ja heftige Konflikte darum, und dann kann es nicht unwichtig sein. Die Frage ist so wichtig, dass Jesus selbst sich einschaltet, als die Pharisäer seine Jünger argumentativ angehen und sie wahrscheinlich verunsichern.

Denn die haben vermutlich gar nicht darüber nachgedacht, wieso sie sich plötzlich auf einer Zöllnerparty vorfinden. Es war sowieso alles ganz neu und ungewohnt, was sie mit Jesus erlebten, da spielte es schon gar keine große Rolle mehr, dass sie mit Leuten zusammen feierten, mit denen sie sich früher sicher nicht an einen Tisch gesetzt hätten. Es war ein Ausflug in eine Welt, von der sich anständige Leute damals aus gutem Grund fern hielten: dieses ganze Milieu der römischen Handlanger, die Welt der Entwurzelten und Neureichen mit dem entsprechenden Umgangsstil, das war natürlich eine kranke Umgebung, und wenn die feierten, dann war der Alkoholpegel hoch, heute würde man anschließend Besäufnisbilder im Internet finden.

Aber Jesus hat durch Levi einen Stützpunkt in dieser Welt. Levi ist gerade ein Nachfolger Jesu geworden, und er lädt seine ganzen Kumpanen ein, damit die auch sehen können, warum Levis Lebensweg so eine andere Richtung genommen hat. Und Jesus zögert nicht, mitten in diese Welt hineinzugehen, und er repräsentiert dort Gott: er packt diese Gelegenheit beim Schopf, damit die Freunde von Levi verstehen können, wie Gott ist und was er will.

Vielleicht haben sie mit ihren Erinnerungen an den Religionsunterricht auch verstanden, dass es schon im Alten Testament den Gedanken gibt, dass Gott am Ende dieser Welt einmal ein großes Fest feiern wird. Schon beim Propheten Jesaja heißt es: »Und der HERR Zebaoth wird auf diesem Berge allen Völkern ein fettes Mahl machen, ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darin keine Hefe ist.« Das war schon lange vor Jesus, denn das ist Gottes großer Traum für die Völker dieser Erde: ein Tag, wo alle zu seinem großen Fest kommen werden. So hart die Weltgeschichte auch war, und auch wenn die Völker sich so viel angetan haben in vielen blutigen Kriegen, aber am Ende wird es ein Fest geben. Das wird ein Versöhnungsfest sein, wo sie miteinander an einem Tisch sitzen anstatt in Panzern und hinter Gewehren. Und sie sitzen auch nicht mehr in Büros und berechnen, wieviel sie an den andern verdienen werden. Sie lassen das alles hinter sich und fangen an, wirklich zu leben, und das beginnt mit Essen und Trinken.

Und so ein Versöhnungsfest gibt es hier bei Jesus für die Widersprüche und Konflikte auch im eigenen Volk, aber nicht erst am Ende aller Zeiten, sondern jetzt schon. Und damit heilt Jesus dieses kranke Milieu, wo das Besäufnis am Wochenende das Größte ist, was die Leute sich vorstellen können, und er macht das, indem er ihnen gibt, was sie in Wirklichkeit mit all diesen kaputten Feiern gesucht haben: die Freude, die durch die Präsenz Gottes entsteht. Die Freude, dass man auch ganz anders sein kann als man sich normalerweise kennt. Die Freude, die entsteht, wenn Menschen sich nicht mehr hinter einer großspurigen Fassade verstecken, sondern so angerührt werden von Gottes, dass sie neu werden. Wenn sie ganz deutlich sehen, dass es etwas soviel Besseres gibt, und dass man es tatsächlich haben kann.

Levi hätte das wahrscheinlich seinen Zöllnerkollegen nie erklären können, deshalb hat er sie eben eingeladen, um ihnen Jesus live zu präsentieren. Man kommt da tatsächlich an die Grenze des Erklärbaren, ab einem gewissen Punkt kann man nur sagen: komm und sei dabei! Die Pharisäer, die draußen stehen und die Nase rümpfen, dass Jesus sich in dieses Milieu hinein begibt, die verstehen gar nichts, weil sie sich überhaupt nicht vorstellen können, dass Gott so stark sein kann. Dass einer wie Jesus so einen Einfluss haben kann. Die glauben, jetzt ist Jesus endgültig von diesem Milieu infiziert, aber in Wirklichkeit ist es gerade andersherum.

Wenn Sie noch mal an den Filmausschnitt am Anfang (ein Sample mit Feierszenen) denken: der sollte uns helfen, dass wir uns diese Atmosphäre der Freiheit und der Freude an der Freiheit ein wenig vorstellen können, die Jesus um sich herum verbreitet hat. Dass wir jedenfalls eine Ahnung bekommen, wie das gewesen sein könnte. Wenn das jemand zum ersten Mal erlebt, dann hat er eigentlich nur zwei Möglichkeiten: entweder er steht naserümpfend draußen oder er ist einfach begeistert und sagt: ich wusste ja gar nicht, dass es so etwas gibt!

Künstler haben immer wieder versucht, solche Augenblicke einzufangen, deswegen lasse ich jetzt noch mal die Leinwand runter, aber es ist keine leichte Aufgabe, die knapp erzählten Geschichten bildlich darzustellen mit den Mitteln der jeweiligen Zeit. Es geht ja nicht um Appetit und fröhliche Zecher und Lebensfreude überhaupt. Sondern in dem Essen wird etwas deutlich von der Welt überhaupt. Obwohl es kein Zufall ist, dass Jesus sich oft in so einem lebensbejahenden Szenario zeigte wie einem Fest mit seinem Essen und Trinken. Wir wollen die ganz normale Freude, die bei so etwas entsteht, nicht madig machen. In ihr zeigt sich etwas von dem, was bei Jesus erst den richtigen Rahmen bekommt, was bei ihm im richtigen Zusammenhang steht.

Hier sieht man ein amerikanisches Erntedankfest mit seiner Fröhlichkeit und dem Gewusel von vielen verschiedenen Menschen, die alle irgendwie heftig beschäftigt sind, damit es auch ein schönes Fest wird.

Aber es geht eben nicht um Lebensfreude und Genuss überhaupt. Auch wenn dieser Herr ein Mönch ist, spiegelt er wahrscheinlich doch viel weniger wieder, was passierte, wenn Menschen mit Jesus aßen. Auch wenn das Bild natürlich zeigt, dass das Christentum nicht leibfeindlich sein muss ...

Dies hier ist schon eine Darstellung des Abendmahls, und auch hier finden wir wieder diese Bewegung, wo alle gleichzeitig irgendwie in Aktion sind. Man merkt, die sind alle heftig bewegt, sie versuchen etwas zu verarbeiten und zu begreifen. Man merkt, wie nicht das Essen im Mittelpunkt steht, sondern die Menschen und das, was sie bewegt. Ein Essen ist eben nicht nur Nahrungsaufnahme und Genuss, sondern es ist vor allem ein Ort der Kommunikation. Natürlich gibt es auch Mahlzeiten, bei denen vor allem Langeweile kommuniziert wird, aber bei Jesus wurde das Leben der neuen Welt Gottes kommuniziert, und dafür waren Mahlzeiten offenbar bestens geeignet.

In diesem Bild aus neuerer Zeit ist etwas eingefangen davon, was passiert sein könnte bei diesem Essen im Hause des Levi: Jesus, wie er die neue Welt Gottes austeilt an Menschen, die noch ein wenig skeptisch sind, aber doch auch ahnen, dass sie da etwas Gutes bekommen.

Mein Lieblingsbild vom Essen mit Jesus ist diese Grafik, die auch in der Ankündigung des heutigen Gottesdienstes auftaucht. Jesus ist da nicht zu sehen, es ist an ein Abendessen bei den ersten Christen gedacht. Aber ich finde, diese Balance zwischen der Freude am Essen und der Freude an der Kommunikation ist hier wirklich gut getroffen. Da wuselt es auch wie auf den älteren Darstellungen von solchen Mahlzeiten. Und auch die Maus ist dabei und lässt es sich schmecken und zeigt damit, dass die Versöhnung, die sich in diesen Mahlzeiten Jesu ankündigt, auch die ganze Kreatur umfasst.

Und nun ist es eben wichtig, dass diese Art, miteinander zu essen, auch bei den ersten Christen nach Jesus weitergegangen ist. Das war ja überhaupt erst die Basis, auf der Jesus dann am Vorabend seiner Kreuzigung das Abendmahl eingesetzt hat. Er hat dafür gesorgt, dass seine Leute auch nach seinem Tod und seiner Auferstehung so weitermachen würden, aber er hat genauso dafür gesorgt, dass sein Tod präsent bleibt, indem er bestimmt hat, dass das Brot und der Wein diese Bedeutung des vergossenen Blutes und des zerbrochenen Leibes bekommen.

Deswegen sind diese verfressenen humpenschwingenden Mönche, wie wir vorhin einen gesehen haben, so fehl am Platz, weil wirkliche Freude nur da herrschen kann, wo man die Dunkelheit und Zerstörung in dieser Welt nicht ignoriert. Wirkliche Freude kommt nicht dadurch, dass man sich die Welt schön trinkt. Nur wenn es eine Antwort gibt auf Tod und Gewalt, die doch immer präsent sind, nur mit so einer Antwort kann man wirklich feiern und sich freuen.

Weil aber Jesus durch sein Leben, Sterben und Auferstehen eine wirkliche Antwort auf den Schmerz in der Welt gegeben hat, deswegen kann man jetzt auch feiern mitten in einer Welt, in der das Dunkel und der Tod immer noch so viel Einfluss haben. Mit Jesus zu essen, das war zu seinen Lebzeiten schon eine Oase des Lebens, ein Hoffnungszeichen gegen die Zerstörung menschlicher Beziehungen, ein Stück von der neuen Welt Gottes, so wie es auch die Heilungen und Wunder Jesu waren.

Jetzt aber, nach seiner Auferstehung, soll im Abendmahl der ersten Christen noch viel umfassender sichtbar werden, dass der Tod besiegt ist. Niemand muss mehr vor dem Tod in jeder Gestalt die Augen verschließen. Niemand muss mehr mit Alkohol der Realität entkommen, weil die Realität sich grundlegend geändert hat. Der Tod hat seine Grenze gefunden, und die Welt ist erneuert als eine Heimat, die Gott für seine Geschöpfe bereitet hat.

Jesus hat die Welt beschrieben mit Bildern der heilen Schöpfung. Obwohl er wusste, dass er selbst der Gewalt zum Opfer fallen würde, hat er seine Jünger angeleitet, in der Welt die gute Schöpfung Gottes zu sehen und auf sie zu vertrauen: »Seht euch die Vögel an! Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln keine Vorräte, und euer Vater im Himmel ernährt sie doch (Matth. 6,26).« Auch bei den Tieren sind es die Mahlzeiten, die ganz besonders die überfließende Güte des Vaters im Himmel widerspiegeln. Und bei den Mahlzeiten Jesu hat man diese Güte Gottes ganz deutlich gespürt, mit Leib und Seele.

Gottes Güte wird seit Tod und Auferstehung Jesu nicht mehr vom Tod schlecht gemacht, er liegt nicht mehr als dunkler Schatten über aller Freude und Festlichkeit. Im Schutz Jesu feiern wir schon die neue Welt, die stärker ist als all das Lebensfeindliche, das uns noch bedrohen will. Es gibt ein ewiges Reich des Friedens, das schon in unserer Mitte lebt. Es gibt ein Festmahl, das jetzt schon begonnen hat und in der neuen Welt Gottes fortgesetzt wird. Essen mit Jesus ist keine Episode der Vergangenheit, sondern eine Zukunft, die sich gerade erst entfaltet.