Gottes großer Anlauf, eine Welt zu schaffen, die genauso von Gemeinschaft und Dialog geprägt war, wie er selbst es ist, war im Paradies stecken geblieben. Männer und Frauen hatten der Gemeinschaft mit ihm den Rücken gekehrt. Sie hatten sich von ihren Wurzeln getrennt. Und als die Gemeinschaft der Menschen von ihm nicht mehr ihr Leben empfing, da zerbrachen auch die menschlichen Gemeinschaften. Herrschaft breitete sich aus. Herrschaft vergiftete erst die Beziehung von Männern und Frauen, aber dann auch alle anderen Beziehungen. Zuerst hatten Menschen begonnen, Gott zu misstrauen, aber dieses Misstrauen breitete sich aus und erfasste alle menschlichen Beziehungen. Am Ende stand der Turmbau zu Babel, und als Ergebnis waren die Menschen in Völker zersplittert, die bald einander bekämpften.

Das ungefähr ist kurz gefasst der Inhalt der ersten elf Kapitel der Bibel. In Kapitel 12 beginnt etwas Neues. Wir werden Zeuge, wie Gott einen neuen Anfang macht, um die Art von Gemeinschaft, die er sich wünscht, hier auf der Erde zu verwirklichen. Er suchte sich einen Mann namens Abram und forderte ihn auf, seine angestammte Heimat zu verlassen und in neues Land zu ziehen. Nur wenn Abram mit seiner alten Gemeinschaft brechen würde, in der er lebte, nur dann war ein Neuanfang möglich.

Gott hörte Abrams Ja zu dieser Aufforderung, und diese Bereitschaft, mit dem Alten zu brechen und auf Gottes Ruf hin ganz woanders neu anzufangen, die nannte er »Glaube«. Er gab Abram einen neuen Namen - Abraham. Unter diesem Namen ist er bis heute bekannt.

Von da ab beginnt die lange Geschichte von Abrahams Volk. Sie wird auf allen weiteren Seiten der Bibel erzählt. Gott macht aus den Nachkommen Abrahams ein großes Volk, er gibt diesem Volk ein Land, er gibt ihnen Regeln dafür, wie man als Gemeinschaft leben soll, er beginnt sozusagen, eine Modell-Gemeinschaft zu bauen, an der man ablesen kann, was Gott im Sinn hatte, wie er sich menschliche Gemeinschaften vorgestellt hat. Es gab wohldurchdachte Regeln für eine Sozialordnung, bei der keiner verloren gehen durfte. Es gab Gesetze, die regelmäßig vorgelesen werden sollten, damit nichts davon in Vergessenheit geriet.

Die Geschichte dieses Neuanfangs ist dann trotzdem eine Kette von Katastrophen und Neuanfängen geworden. Zuerst lebte Israel, wie das Volk schließlich hieß, als selbstständiges Volk und hatte auch einigen politischen Erfolg. Aber die von Misstrauen geprägte Art der anderen Völker fand auch in Israel immer wieder Nachahmer, es gab arrogante Außenpolitik und Ausbeutung und Gewalt im Innern, und das führte schließlich zum Scheitern des Experiments. Die Babylonier löschten den Staat Israel aus und verschleppten die Menschen in die Fremde.

Dann es gab einen zweiten Anlauf, einen Neuanfang ohne große politische Macht als selbständige Provinz der Großreiche des Nahen Ostens. Am Ende war Israel Teil des römischen Imperiums. Und es war gerade diese Zeit äußerer Ohnmacht, in der neue Gedanken darüber reiften, wie man eigentlich als Volk Gottes mit Gott leben sollte. Und viele Gedanken kreisten darum, dass man auf jeden Fall viel enger mit Gott zusammengehören müsste. Dass Gott nicht nur Regeln für das Zusammenleben geben sollte, sondern dass die Gemeinschaft mit ihm eigentlich noch viel näher sein müsste, dass Israel mit Gott in ganz enger Kooperation leben müsste. Aber niemand wusste genau, wie das gehen sollte; unterschiedliche Vorschläge dazu wurden propagiert und warben um die Menschen.

So ungefähr standen die Dinge, als Jesus geboren wurde. Seine Geschichte bildet den Kern des Neuen Testaments. Im Unterschied zu den anderen Strömungen in seinem Volk lebte er tatsächlich ein überzeugendes Modell für die Gemeinschaft unter den Menschen und mit Gott. Und er hinterließ eine Gemeinschaft, die auf diese Weise auch nach seinem Tod und seiner Auferstehung weitermachte.

Es gibt in der Bibel eine deutliche Korrespondenz zwischen der Geschichte vom Turm zu Babel, wo am Ende die Menschen in viele Sprachgruppen und Nationen aufgesplittert sind, und der Pfingstgeschichte, wo der Heilige Geist zu den Nachfolgern Jesu kommt, und sie so reden, dass Menschen aus vielen Völkern sie tatsächlich verstehen können.

Die Gemeinschaft der Nachfolger Jesu war ein so überzeugendes Modell, dass es binnen dreihundert Jahren das ganze damalige römische Imperium unterwanderte. Es war ein Lebensmodell, das den Menschen eine Perspektive gab, die ihnen die politische Macht nicht geben konnte. Es war eine Gemeinschaft, wie man sie bis dahin nicht gekannt hatte. Was Gott mit Abraham begonnen hatte, das hatte endlich ein tragfähiges Ergebnis gehabt, und es hatte sich tatsächlich in der ganzen Welt verbreitet.

Es ist so erfolgreich gewesen, dass es auf ganz viele Lebensbereiche abgefärbt hat, ohne dass das den Menschen immer bewusst wäre. Die Antike war zum Beispiel eine Welt, in der Menschen völlig rücksichtslos miteinander umgingen. Im Krieg wurden die Bewohner eroberter Städte teils umgebracht, teils in die Sklaverei verkauft. Man amüsierte sich im Zirkus, wo Menschen sich vor aller Augen gegenseitig umbrachten. Und niemand fand das falsch oder schlimm. Schlimm war es für die Betroffenen, aber die hatten halt Pech gehabt. Die Menschen hielten als Familienclans zusammen, aber um die anderen kümmerten sie sich nicht. Wenn Seuchen ausbrachen, war sich jeder selbst der nächste; die Menschen blieben krank oder tot liegen, keiner kümmerte sich darum, und es war etwas völlig Neues, dass Christen für die Kranken sorgten, für ihre eigenen und für ihre kranken Nachbarn. Man kann nicht genug betonen, wie da etwas ganz Neues in die Welt gekommen ist, was vorher völlig unbekannt war.

Klar, auch in unserer Zeit gibt es Massaker und schreckliche Grausamkeiten, aber wir haben heute jedenfalls den starken Eindruck, dass das nicht sein sollte, wir haben sogar die Anfänge einer internationalen Strafgerichtsbarkeit, die das ahnden soll. Klar, auch bei uns gibt es Gleichgültigkeit und Kälte gegenüber anderen, aber wir haben immerhin ein Grundgesetz, in dem der Gedanke der Menschenwürde verankert ist.

Ich würde ja nie behaupten, dass die Welt einen automatischen zivilisatorischen Fortschritt kennt. Das ist eine Illusion, die inzwischen längst geplatzt ist. Spätestens die Weltkriege und Morde des 20. Jahrhunderts haben das widerlegt.

Nein, es ist etwas anderes: seit diese Alternative Gottes in der Welt ist, dieses Lebensmodell, das Jesus begonnen hat, da ist einfach das Niveau höher. Da ist der moralische Horizont geweitet, und Menschen leuchtet es einfach ein, dass es besser ist, wenn man sich um andere kümmert, wenn man Menschen nicht brutal behandelt, sondern als wertvolle Geschöpfe Gottes mit Würde und eigenem Gesicht, wenn man Kinder schätzt und nicht in ihrer Schwäche ausnutzt und ausbeutet.

Das alles und noch viel mehr ist durch die Gemeinschaft der Nachfolger Jesu in die Welt gekommen, weil sie einen Maßstab gesetzt haben, der Menschen überzeugt. Jesus hat es so formuliert: »Ihr seid das Salz der Erde (Matth. 5,13)«. Salz hat schon in kleinen Mengen eine große Wirkung. Eine starke Gemeinde prägt auch das Klima in einem weiten Umfeld, manchmal eine ganze Kultur.

Es wäre aber eine Illusion, deshalb von einer moralischen Höherentwicklung der menschlichen Rasse zu träumen. Überall da, wo diese Alternative Gottes nicht oder nicht mehr sichtbar ist, da breitet sich sehr schnell wieder menschenverachtende Rücksichtlosigkeit aus. Es ist kein Zufall, dass fast alle Terrorregimes immer auch antichristlich sind. Sie wissen, dass ihre Macht wackelt, wenn es eine sichtbare Alternative gibt.

Und dann ist eben noch etwas Schlimmes passiert: als das römische Imperium nach dreihundert Jahren einsah, dass es die christlichen Gemeinden nicht auslöschen konnte, da hat es das Christentum zur Staatsreligion gemacht. Bischöfe, die kurz vorher noch im Gefängnis gesessen hatten, wurden auf einmal mit der Staatspost zu offiziellen Kirchenversammlungen gefahren. Und etwas später war es gar nicht mehr gefährlich, Christ zu sein, sondern gut für die Karriere. Kirchliche Entscheidungen wurden mit staatlicher Macht durchgesetzt. Der Tiefpunkt kam, als sich im Namen des Kreuzes wilde Horden aus dem Abendland aufmachten, um Jerusalem zu erobern und eine schreckliche Blutspur hinterließen. Die Kreuzzüge waren der Höhepunkt kirchlicher Macht und ein Tiefpunkt in der Geschichte der Nachfolger Jesu. Wir haben uns von dieser ganzen Epoche bis heute noch nicht erholt. Diese Verbindung von Kirche und Macht hat ganz viel zerstört. Es ist eher erstaunlich, wie viel Gutes immer noch geblieben ist.

Zu den schlimmsten Folgen gehört es aber, dass die erneuerte Gemeinschaft mit Gott und mit den Menschen dabei zum großen Teil auf der Strecke geblieben ist. Das war ja gerade das Markenzeichen der Jünger Jesu, dass da die Gemeinschaft wieder da war, die zuerst in Gott lebendig ist, und die dann auch die Welt geprägt hat, solange es noch gut lief. In den Gemeinden war wieder zu erleben, was längst verloren schien. Da war Gott sehr deutlich spürbar in der Mitte seiner Leute, und von diesem Zentrum aus fanden auch die Menschen real zusammen. Die Jesusbewegung war nicht stark, weil sie die richtige Lehre hatte, sondern weil dort etwas real zu finden war, was es nirgendwo sonst gab.

Wir haben uns daran gewöhnt, zu sagen: schau nicht auf die schwache Umsetzung, schau auf die eigentliche Idee dahinter. Da ist ja auch was richtiges dran, und ich habe früher auch so gedacht. Aber das Christentum ist nicht gedacht als eine tolle Idee, sondern als eine tolle Wirklichkeit. Es ist gedacht nicht als Utopie, sondern als real existierende Alternative, der sich jeder anschließen kann. Da müssen nicht alle dazugehören, aber diese Alternative muss sichtbar sein, damit das Niveau in der Welt steigt. Menschen sollen verstehen können, wie Gott ist und wie die Welt nach seiner Planung aussehen soll. Denn Menschen lernen nur sehr begrenzt dadurch, dass man ihnen etwas erklärt. Menschen lernen vor allem dann, wenn sie auf etwas Neues stoßen, das ihre bisherigen Erfahrungen in Frage stellt.

Deshalb soll sichtbar werden, was Gemeinschaft nach Gottes Willen ist. Es ist überhaupt nicht selbstverständlich, dass es so etwas gibt. Und wir sind immer noch auf dem Rückweg, zurück zu den Anfängen, neu zu lernen, wie eigentlich Gemeinschaft Jesu gedacht ist.

Deswegen ist christliche Gemeinschaft heute etwas, wonach man entschiedene Sehnsucht entwickeln muss. Man muss sie suchen, sie fällt einem nicht einfach in den Schoß. Man muss Geduld haben und warten können, und gleichzeitig doch auch ungeduldig sein und sich nicht mit einer schlechten Lösung zufrieden geben. Und man muss investieren, daran arbeiten; niemand nimmt uns unseren Beitrag zur Suche ab.

Aber Gott hat über eine lange Strecke immer wieder daran gearbeitet, dass unter Menschen doch noch die Gemeinschaft entsteht, die in ihm ist, und wir kennen ihn nicht so, dass er aufgibt. Wenn wir uns auf diesen Weg zurück machen, dann kommt er uns entgegen. Er hat immer alle Schwierigkeiten zum Anlass genommen, den Einsatz zu erhöhen und sich neue Möglichkeiten auszudenken.

Er wird auch diesen langen Umweg der Gemeinde Jesu nutzen, um am Ende noch viel umfassender Gemeinschaft auf der Erde zu schaffen.

Weiter geht es mit der Predigt am nächsten Sonntag und mit der Frage, wie diese Gemeinschaft Jesu denn organisiert ist.