Lesung: Markus 10,41-45
41 Die übrigen zehn Jünger hatten dem Gespräch zugehört und ärgerten sich über Jakobus und Johannes. 42  Da rief Jesus sie alle zusammen und sagte: »Ihr wisst, dass die, die als Herrscher über die Völker betrachtet werden, sich als ihre Herren aufführen und dass die Völker die Macht der Großen zu spüren bekommen. 43  Bei euch ist es nicht so. Im Gegenteil: Wer unter euch groß werden will, soll den anderen dienen; 44  wer unter euch der Erste sein will, soll zum Dienst an allen bereit sein. 45  Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele hinzugeben.«

Predigttext: 1. Kor. 16,15-18
15  Ich habe noch eine Bitte an euch, Geschwister: Ihr wisst, dass Stephanas und die, die zu seiner Familie gehören, die Ersten in der Provinz Achaia waren, die an Jesus Christus glaubten, und dass sie es sich zur Aufgabe gemacht haben, den Gläubigen zu dienen. 16  Seid daher bereit, euch ihnen unterzuordnen – ihnen und allen anderen, die mit unermüdlichem Einsatz ´für den Herrn` arbeiten. 17  Aber zunächst einmal sind Stephanas, Fortunatus und Achaikus bei mir, und darüber freue ich mich. Ihr Kommen hat mich dafür entschädigt, dass ich nicht bei euch sein kann. 18  Ich war voller Unruhe, wenn ich an euch dachte, aber der Besuch dieser drei hat mich ermutigt, und das zu erfahren ist sicher auch für euch eine Ermutigung. Ich möchte, dass ihr Leuten wie ihnen Respekt und Anerkennung entgegenbringt.

Wir haben vor zwei Wochen gesehen, wie Gemeinschaft schon in Gott lebte, als es noch keine Welt gab, und wie er dann unsere Welt so schuf, dass Gemeinschaft in ihren Kern hineingehört; und am letzten Sonntag haben wir verfolgt, wie Gott nach dem Sündenfall wieder Gemeinschaft aufbaut, indem er sein spezielles Volk Israel ins Leben ruft, aus dem dann schließlich Jesus und die Gemeinde hervorgehen. Heute werden wir genauer sehen, was für eine Gemeinschaft das eigentlich ist, die Jesus damals ins Leben rief.

Denn natürlich gibt es in der Welt viele Gemeinschaften, eben weil Menschen gar nicht allein sein können. Aber all diese Gemeinschaften fanden nicht Gottes Zustimmung, sonst hätte er ja nicht die Mühe auf sich nehmen müssen, durch Jesus eine ganz neue Gemeinschaft zu schaffen.

Ich kann mich erinnern, vor vielen Jahren, als wir hier darüber nachdachten, wie Gemeinde eigentlich sein müsste, da hatten einige so den Gedanken: ja, früher, da gab es doch wohl mehr Gemeinschaft, die Großfamilie und die Dorfgemeinschaft, und irgendwie christlicher war das ja wohl auch, da müsste man eigentlich hin zurück. Aber wenn man über christliche Gemeinschaft nachdenkt, dann geht es überhaupt nicht um solche Nostalgie. Diese früheren Gemeinschaften waren doch oft Zwangsgemeinschaften: man hatte ja gar keine andere Möglichkeit, einfach weil man anders gar nicht über die Runden gekommen wäre, und da war auch immer ganz schön viel Unterdrückung dabei, und da hat man sich oft hemmungslos in das Leben anderer eingemischt und ihnen gesagt, was sie zu tun hätten. Es gibt keinen Grund, das im Rückblick romantisch zu verklären. Es ist doch kein Zufall, dass die Menschen in dem Moment, wo sie es sich leisten konnten, in ihr eigenes Haus gezogen sind und sich die anderen auf Distanz gehalten haben. Nein, ein »Zurück in die gute alte Zeit« ist nicht gemeint, wenn man überlegt, wie christliche Gemeinschaft funktioniert. Es geht um etwas anderes.

Wir haben vorhin in der Lesung die Geschichte gehört, wie Jesus seinen Jüngern den Unterschied deutlich macht und sagt: »Ihr wisst, dass die, die als Herrscher über die Völker betrachtet werden, sich als ihre Herren aufführen und dass die Völker die Macht der Großen zu spüren bekommen.« Das gilt natürlich zuerst für die Politik, aber das setzt sich dann von der Spitze aus als Stil in der ganzen Gesellschaft fort. Menschliche Gemeinschaften sind seit der Vertreibung aus dem Paradies durch Macht und Herrschaft verdorben; das gilt sogar für das Verhältnis zwischen Mann und Frau. Überall herrschen mehr oder weniger stark Macht, Unterwerfung und Rebellion. Die einen unterdrücken, die anderen fügen sich und verlieren ihr Rückgrat, und die dritten rebellieren, weil sie auch gern mal der Chef sein möchten. Dieser Dreischritt von Macht, Unterwerfung und Rebellion zieht eine blutige Spur durch die Weltgeschichte, er zerstört menschliche Beziehungen im Großen wie im Kleinen. Und auch die Jünger Jesu waren so an das Denken im Schema von Macht, Unterwerfung und Rebellion gewöhnt, dass sie ganz automatisch darum rangelten, wer von ihnen das meiste zu sagen hatte.

An dem Punkt zieht Jesus eine deutliche Linie, weil er weiß: wenn seine Jünger hier keine Klarheit haben, dann liegt im Fundament ihrer Gemeinschaft eine Bombe. Dann ist die alternative Gemeinschaft, die Jesus aufbaut, gescheitert, bevor sie richtig begonnen hat. Und deshalb beschreibt er das, was in seiner Gemeinde gelten soll, als eine deutliche Alternative: 43 »Bei euch ist es nicht so. Im Gegenteil: Wer unter euch groß werden will, soll den anderen dienen; 44  wer unter euch der Erste sein will, soll zum Dienst an allen bereit sein. 45  Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele hinzugeben.«

Jesus beschreibt ein Verhaltensmuster, das in der Gemeinde an die Stelle der alten Hackordnung tritt. Man gewinnt Autorität dadurch, dass man dient - dadurch, dass man so wie Jesus sein Leben einsetzt zur Befreiung der anderen. Jesus selbst hat genau dadurch seine Autorität bekommen. Er hatte nie eine öffentliche Position, er hatte nie ein Recht darauf, Macht auszuüben, er hat nie darum gekämpft, dass sich Leute hinter ihm versammeln. Stattdessen hat er Menschen geholfen, die neue Welt Gottes zu entdecken und in ihr zu leben. Und das gab ihm eine Autorität, wie er sie anders überhaupt nicht hätte bekommen können. Jesus hatte keine äußere Macht, um seinen Willen durchzusetzen - aber für seine Leute war es das Wichtigste, alles zu machen, was er sagte.

Das ist das neue Modell für Gemeinschaft, das Jesus mitbringt: er verzichtet völlig auf das Hochgefühl, das Menschen bekommen, wenn sie wissen: ich habe das Sagen! An mir kommt keiner vorbei! Und stattdessen hört man in seiner Gemeinde auf diejenigen, die an diesem Hochgefühl gar nicht mehr interessiert sind und sich vor allem Gedanken darum machen, wie sie an der Befreiung der anderen mitarbeiten können.

Genau so hat es später in den Gemeinden funktioniert. Im 1. Korintherbrief z.B. kann man das gut sehen. Paulus hatte in Korinth eine Gemeinde gegründet und beinahe zwei Jahre begleitet, aber er hatte in ihr keine Leitungsstruktur, wie wir uns das vorstellen würden, eingerichtet. Und als Paulus nicht mehr in Korinth war, da gab es bald jede Menge Probleme und offene Fragen - klar: wenn Menschen in die Gemeinde kommen, dann wirkt ihr bisheriges Leben weiter, die ganzen alten Denkmuster sind ja nicht einfach ausradiert. Da muss vieles erst nach und nach durch das neue Denken ersetzt werden. Und weil die Gemeinde anscheinend stürmisch wuchs, kamen da viele zusammen, die teilweise noch von alter Denke geprägt waren. Plötzlich tauchten Probleme auf, an die vorher noch keiner gedacht hatte. Und Paulus muss aus der Ferne immer wieder Briefe schreiben, um das zu klären, und das Einzige, was die Gemeinde zeitweise noch zusammenhält, ist die Autorität von Paulus, dem man vertraut, weil er die Gemeinde schließlich gegründet hat, und selbst diese Autorität wird von einigen schon in Frage gestellt.

Und so schreibt Paulus den 1. Korintherbrief, um eine ganze Reihe von Punkten zu klären. Bemerkenswert ist: er schreibt diesen Brief an alle, der wird vorgelesen, wenn alle da sind. Also, er schreibt nicht den Pastoren oder den Ältesten oder dem Bischof, so etwas gab es nämlich alles gar nicht, sondern er schreibt an alle, und er vertraut darauf, dass die Wahrheit so stark ist, dass sie für sich selbst spricht. Und dann ganz am Ende, im Kapitel 16, schreibt er folgendes:

15  Ich habe noch eine Bitte an euch, Geschwister: Ihr wisst, dass Stephanas und die, die zu seinem Haus gehören, die Ersten in der Provinz Achaia waren, die an Jesus Christus glaubten, und dass sie es sich zur Aufgabe gemacht haben, den Gläubigen zu dienen. 16  Seid daher bereit, euch ihnen unterzuordnen – ihnen und allen anderen, die mit unermüdlichem Einsatz ´für den Herrn` arbeiten. 17  Aber zunächst einmal sind Stephanas, Fortunatus und Achaikus bei mir, und darüber freue ich mich. Ihr Kommen hat mich dafür entschädigt, dass ich nicht bei euch sein kann. 18  Ich war voller Unruhe, wenn ich an euch dachte, aber der Besuch dieser drei hat mich ermutigt, und das zu erfahren ist sicher auch für euch eine Ermutigung. Ich möchte, dass ihr Leuten wie ihnen Respekt und Anerkennung entgegenbringt.

Liebe Freunde, merkt ihr? Das gleiche Stichwort wie bei Jesus: Dienst. Stephanas und seine Leute dienen den anderen, und dann sagt Paulus: erkennt das an und seid bereit, euch ihnen unterzuordnen. Da sind Leute, die dienen, und dann erfüllt auch euren Part und hört auf sie. Diese Regel, dass in der Gemeinde Jesu Autorität durch Dienst entsteht, die braucht nicht nur Leute, die bereit sind zum Dienst, sondern auch die anderen, die das sehen und einschätzen können, wer da echte Autorität hat und freiwillig auf sie hören. Es gehört Urteilsvermögen genauso dazu wie die Bereitschaft zum Dienst. Nur wenn das beides da ist, dann kann diese herrschaftsfreie Ordnung funktionieren. Und nur so kann es eine Alternative geben zu den Unterdrückungsordnungen, die sonst in der Welt herrschen. Und das setzt doch ein gewisses Maß an Reife voraus, bei den einzelnen, aber auch eine Reife der ganzen Gemeinde.

Und genau an dieser Reife arbeitet Paulus. Er empfiehlt nicht, das da in Korinth jetzt schnell eine Leitungsstruktur eingezogen wird, die das ganze bunte Durcheinander möglichst gut in den Griff bekommt. Müsste es nicht einen Bischof oder Pastor geben, der sagt, was Sache ist? Müsste es nicht eine Kirchenleitung geben, die klarstellt, was gilt und was nicht? Müsste es nicht Ämter mit geregelten Kompetenzen geben?

Stattdessen sagt Paulus nur: hört auf die, die gute Arbeit machen. Erkennt es an, wenn Menschen auf die gleiche Weise wirken, wie Jesus das getan hat. Man könnte auch sagen: Autorität ist in der Gemeinde Jesu immer persönliche Autorität, die hängt davon ab, wer man ist und wie man lebt. Die wird einem nicht mit einem Titel automatisch verliehen. Sollten Stephanas und sein Haus irgendwann mal Starallüren bekommen, dann werden die Christen von Korinth hoffentlich irgendwann nicht mehr auf sie hören. Aber dieser Fall wird hoffentlich auch nicht eintreten. Das heißt nicht, dass Stephanas immer alles 100%ig richtig machen wird oder dass sein Charakter über jeden Zweifel erhaben wäre; aber im Großen und Ganzen scheint Stephanas einfach jemand gewesen zu sein, an dem man sich orientieren konnte, und bei dem die Gefahr von Allüren nicht so groß war.

Und er ist es ja auch nicht allein. Hier wird von Stephanas und seinem Haus gesprochen. Zu einem Haus gehörten damals nicht nur Eltern und Kinder, sondern auch weitere Verwandte, die zum Haus gehörigen Sklaven oder Angestellten, dazu noch deren Familien, das konnten 20 oder 40 Leute sein. Und wenn die Christen wurden, dann war das schon mal eine kleine Gemeinde, und da kamen dann noch andere dazu: Freunde und Geschäftspartner, die sich auch vom Evangelium überzeugen ließen, Sklaven, die in ihren Häusern als Christen allein standen und sicher noch einige mehr. Wahrscheinlich konnten auch ärmere Christen dort ab und zu mitessen. Die Gemeinden in der ersten Christenheit gruppierten sich um solche Häuser. In den Innenhöfen der Häuser war genug Platz, um dort zusammen zu essen und das Mahl Jesu zu feiern, und im Innenhof so eines Hauses ist wahrscheinlich damals auch der Brief von Paulus allen vorgelesen worden.

Die Gemeinden in der ersten Zeit waren ein Netzwerk aus Einzelnen und Gruppen und solchen Häusern, die sozusagen Knotenpunkte im Netz waren, Stützpunkte, von denen aus das Reich Gottes immer weiter in die Gesellschaft vordrang. Aber das Netzwerk breitete sich auch von Stadt zu Stadt aus. Stephanas, Fortunatus und Achaikus reisten zu Paulus und trugen ihm ihre Sorgen mit der Gemeinde vor, Paulus schrieb Briefe. Paulus war der Kern einer Mitarbeitergruppe, auch für ihn waren solche Häuser Stützpunkte, von denen aus er mit dem Evangelium Menschen erreichte. Niemand hätte von Stephanas verlangen können, sein Haus dafür bereitzustellen, er tat es einfach, aber es blieb immer noch sein Haus.

So war die ganze frühe Christenheit letztlich ein Netz von persönlichen Beziehungen, und in diesem Netz lebte das Evangelium, und wenn sie das Mahl Jesu feierten, dann wurde ganz deutlich: Jesus ist der eigentliche Herrscher in diesem Netzwerk. Sein Evangelium und sein Heiliger Geist waren es letztlich, die das Ganze zusammen hielten. Aber es war andererseits diese lockere Beziehungsstruktur, die die passende Umgebung für das Evangelium war. Sie forderte die Menschen heraus, Macht, Unterwerfung und Rebellion hinter sich zu lassen und nach der Wahrheit zu fragen. Ohne die Wahrheit Jesu hätte das nicht funktioniert. Und andererseits beschleunigte das Netzwerk diesen Prozess des Nachdenkens und es Austausches, die Ideen konnten wachsen und reifen und man konnte ganz flexibel auf neue Situationen eingehen. Diese offene Struktur ist auch für uns zukunftsweisend, gerade in einer Welt, die sich so schnell verändert wie unsere.

Aber nun könnte mancher fragen: geht das tatsächlich so einfach? Und findet man nicht im Neuen Testament auch andere Arten von Leitung, die viel - na, sagen wir mal: autoritärer - sind? Darum soll es am nächsten Sonntag gehen. Also: Fortsetzung folgt!