6 Der Herr sagt: »Ich schickte euch eine Hungersnot, so dass es in euren Städten und Dörfern nichts mehr zu beißen gab. Das kam von mir! Trotzdem seid ihr nicht zu mir umgekehrt. 7 Ich hielt den Regen zurück, als die Felder ihn am nötigsten gebraucht hätten. Über der einen Stadt ließ ich es regnen, auf die andere fiel nicht ein Tropfen. Das eine Feld stand prächtig, während auf dem andern alles verdorrte. 8 Von überall her schleppten die Leute sich halb verdurstet zu einer Stadt, die noch Wasser hatte; aber es reichte nicht für so viele. Trotzdem seid ihr nicht zu mir umgekehrt«, sagt der Herr. 9 »Ich schickte euch Mehltau und Kornbrand; die meisten eurer Gärten und Weinberge, eurer Feigenbäume und Ölbäume fraßen die Heuschrecken kahl. Trotzdem seid ihr nicht zu mir umgekehrt«, sagt der Herr. 10 »Ich schickte euch die Pest wie einst den Ägyptern. Ich ließ eure jungen Männer im Kampf umkommen und gab eure Pferde den Feinden zur Beute. In euren Lagern ließ ich euch den Leichengestank in die Nase steigen. Trotzdem seid ihr nicht zu mir umgekehrt«, sagt der Herr. 11 »Ich ließ ganze Städte untergehen wie einst Sodom und Gomorra, nur ein paar Menschen überlebten die Katastrophe - so wie ein angekohltes Holzscheit gerade noch aus dem Feuer gerissen wird. Trotzdem seid ihr nicht zu mir umgekehrt«, sagt der Herr. 12 »Jetzt aber komme ich selbst und ziehe euch zur Rechenschaft. Macht euch bereit, mir gegenüberzutreten, ihr Leute von Israel!«

Am Anfang des Gottesdienstes war eine Theaterszene zu sehen, in der sich eine Familie durch einen Spielfilm kurzzeitig in eine akute globale Energiekrise versetzt fühlte.

Wir haben vorhin in der Theaterszene eine Art Experiment miterlebt: Menschen, die probeweise in eine Lage versetzt werden, in der die Voraussagen der Klimaforscher massiv anfangen einzutreffen. Wie werden Menschen reagieren, wenn es so richtig zur Sache geht? Aus welchen Quellen werden sie dann schöpfen, welche Hoffnungsenergie steht ihnen dann zur Verfügung? Gut, die ersten Anzeichen für die Realität der globalen Erwärmung erleben wir jetzt schon: immer wärmere Winter mit wenig Schnee; viel Wärme und viel Regen im Sommer und überhaupt komisches Wetter. Das Eis an den Polen wird deutlich weniger. Und es gibt mehr Extremwetterlagen: Stürme und Unwetter. Aber das berührt uns noch nicht wirklich in unserem Alltag.

Es sind im Moment nur Nachrichten, wenn auch alarmierende Nachrichten. Vielleicht haben Sie in den letzten Tagen auch diese beiden Meldungen gehört: dass nach neuesten Berechnungen im Jahr 2100 der Meeresspiegel einen Meter höher liegen soll als heute. Und dass der Ausstoß von Kohlendioxid nicht abnimmt, sondern ansteigt. Einfach, weil jetzt auch Länder in Asien ein bisschen Wohlstand entwickeln. Das ist zwischen den Nachrichten von den Aktienmärkten in den letzten Tagen etwas untergegangen. 2100 - das klingt noch weit. Aber Menschen, die in diesem Jahr geboren werden, haben die Chance, diese Jahrhundertwende noch zu erleben. Es geht um Menschen, die wir kennen oder hoffentlich noch kennen werden: buchstäblich unsere Kinder und unsere Enkel. Und einen Teil davon werden wir auch miterleben, denn natürlich werden sich die Folgen der globalen Erwärmung nicht erst im Jahr 2100 sehr deutlich zeigen, sondern lange vorher.

Wir sind heute in einer komischen Lage: auf der einen Seite gibt es keine wissenschaftlichen Zweifel mehr daran, dass sich die Erde aufheizt und dass das zu ganz massiven Verschiebungen im Klima führt. Auf der anderen Seite kann man all diese Vorhersagen ganz leicht zur Seite schieben, wenn man will. Denn praktisch ändert sich jedenfalls für uns im Moment gar nichts. Wirklich spüren tun wir noch nichts. Man muss schon die Augen aufmachen wollen und eins und eins zusammenzählen wollen, um zu sehen, was los ist.

Auch die Finanzkrise, in der wir gerade stecken, und von der keiner weiß, wie sie ausgehen wird, die gehört da mit hinein: die Rechnungen, die jetzt geplatzt sind, die waren darauf gegründet, dass wir auch in Zukunft hemmungslos die Erde ausbeuten können. Die überschuldeten Häuser in Amerika und die geplatzten Hypotheken, mit denen alles angefangen hat, das waren Häuser, die man gebaut hat, als man mit billigem Öl rechnete und es kein Problem war, mit dicken Geländewagen weit durch die Gegend zu fahren. Jetzt wird das Benzin teuer und die Rechnung geht nicht mehr auf.

Wir sind in einer Situation, wie sie der Prophet Amos beschreibt: Gott gibt dauernd Zeichen, aber die Menschen erkennen sie nicht bzw. ziehen keine Schlussfolgerungen daraus. Und damals bei Amos waren das ja nicht nur irgendwelche Meldungen in den Nachrichten, sondern die Menschen erlebten Hungersnot und Dürre und Krieg am eigenen Leibe, oder mindestens waren Orte in der Nachbarschaft betroffen. Aber selbst das hat sie nicht dazu gebracht, die Konsequenz zu ziehen und etwas zu ändern.

So wie sie vorhin in der Familie für einen Augenblick ganz hilflos überlegt haben, was sie ändern könnten, aber dann waren sie froh, dass sie vielleicht doch alles beim Alten lassen konnten. Ganz viele Menschen schwanken so hin und her zwischen einer arroganten Selbstsicherheit nach dem Motto: ja, das sind ja die Spinner und Schwarzmaler, die berufsmäßigen Pessimisten - und auf der anderen Seite fallen sie, wenn es ernst wird, in eine hilflose und hoffnungslose Panik. Es wäre besser, wenn mehr Menschen sich dazwischen ansiedeln würden: dem Ernst der Lage ins Auge sehen, ohne deshalb gleich in Panik und Ohnmacht zu fallen.

Zwischen Verleugnen und Verzweifeln hindurch führt der Weg der Umkehr, zu dem Amos aufruft. Und schon Amos wunderte sich, dass Menschen den am wenigsten gehen wollen. Für viele ist es leichter, entweder den Kopf in den Sand zu stecken oder sich völlig ohnmächtig zu fühlen und zu sagen: wir können gar nichts tun. Und die Frommen fügen manchmal noch hinzu: das muss Jesus machen.

Diese Gedanken verdanke ich Peter Aschoff.

Wenn Menschen den Weg der Umkehr nicht sehen, das ist ein Zeichen, dass ihnen Hoffnung fehlt. Man braucht wirkliche Hoffnung, um weder zu verzagen noch die Gefahr zu verleugnen. Aber unsere Wohlstands- und Konsumgesellschaft ist so materialistisch und individualistisch, dass sie keine Hoffnung kennt. Das vorherrschende Denkmuster kümmert sich nicht um die Zukunft, sondern nur um den Augenblick. Es ist nicht einmal fähig, über die gegenwärtige Not anderer richtig zu trauern und Schmerz zu empfinden. Alle Kräfte sind darin gebunden, den momentanen Lebensstandard zu sichern.

Unser individualistischer Lebenszuschnitt macht uns ohnmächtig: jeder verfolgt für sich die Tagesordnung seines Lebens, und wenn es dann ernst wird, steht jeder allein da. Wir machen kaum einmal die Erfahrung, wie stark man ist, wenn man zusammenhält und ein gemeinsames Ziel verfolgt. Und deswegen fühlen wir uns, wenn es darauf ankommt, klein und schwach.

Darum hat Jesus darauf geachtet, dass er seine Leute zu einer starken Gemeinschaft zusammenschließt. Nur so kann der Einzelne seine Ohnmachtsgefühle hinter sich lassen. Die ersten christlichen Gemeinden sind ja in einer Zeit mit einem ganz starken Individualisierungsschub entstanden. Die Menschen damals hatten oft ihre Wurzeln verloren, waren herausgerissen aus ihrem Stamm, ihrer Familie und ihrer Tradition, sie fanden sich bunt durcheinander gemischt in den großen Städten wieder. Und viele fanden dort in den christlichen Gemeinden eine neue Heimat. Da mussten sie nicht wieder zurück in ihre enge alte Ordnung, sie konnten ihre ganze Individualität behalten, aber sie wussten, wo sie hingehörten. Sie wurden Teil der großen Geschichte Gottes. Sie fanden sich wieder als Teil einer großen Hoffnungs- und Rettungsgeschichte, die Gott mit Abraham begonnen hatte. Und sie lebten aus dieser Geschichte: sie schauten zurück und sahen die großen Taten Gottes in der Vergangenheit, in wie vielen Gefahren und Irrwegen Gott sein Volk begleitet und gerettet hatte, wie er am Ende Jesus gesandt hatte, den Menschen, der alles veränderte, und sie lebten sein neues Leben in der Gegenwart. Wenn man diese lange Geschichte Gottes mit seinem Volk im Rücken hat, dann muss man sich nicht mehr in Ohnmacht baden.

Wenn wir verstehen, dass es mehr gibt als das kleine Leben, das wir kennen, dann wachsen unsere Möglichkeiten enorm. In der Konzentration auf den kleinen Horizont von Sicherheit, Wohlstand, Vergnügen und Familie übersehen wir Gottes Taten in der Welt. Wir sind gar nicht in der Lage, so etwas wie Gottes Gericht wahrzunehmen, und genauso wenig Gottes Gnade. Unser Lebenszuschnitt macht uns blind dafür, und dann schieben wir das Gericht und die Gnade bestenfalls ins Jenseits ab, wo sie uns in unserem gegenwärtigen Leben nicht besonders berühren. So haben wir die Dimension Gottes aus unserer Wahrnehmung der Welt vertrieben. Und wenn dann etwas ins Kontor haut wie diese Finanzkrise im Augenblick oder die Anzeichen der kommenden Umweltkrise, dann fällt uns nichts besseres ein als uns zu ducken und zu hoffen, dass es nicht so schlimm kommt, jedenfalls nicht für uns persönlich.

Aber all diese Gefahrensignale sind sind Signale Gottes, der uns etwas zu sagen hat. Er ruft uns, damit wir zurückfinden in die Geschichte, die er mit seiner Welt begonnen hat. Da werden wir gebraucht. Und für uns selbst ist es nebenbei auch sehr hilfreich, wenn wir uns verankern in den großen Erinnerungen an Gottes Gnade und Gericht und Hilfe.

Ja, wenn man zurückschaut, z.B. auf Amos, dann sieht man, dass es schon immer Signale Gottes gegeben hat, die die Menschen erschreckt haben. Aber ich sage das nicht, damit sich jetzt jemand bequem zurück lehnt und sagt: genau, es gibt nichts Neues, wir können ganz beruhigt sein. Nein, ich hoffe, dass wir merken: Gott ist geduldig, aber mit ihm ist auch nicht zu spaßen. Nur weil er uns sehr geduldig immer wieder warnt, deshalb sollen wir nicht meinen, dass es schon irgendwie gutgehen wird. All diese manchmal erschreckenden Signale Gottes sollen uns daran erinnern, dass Gott Menschen sucht, die auf ihn hören und mit ihm zusammenarbeiten. Die heraustreten aus den Überzeugungen einer Gesellschaft, die Gott vergessen hat und anders leben und denken.

Durch solche Menschen hat Gott schon immer gehandelt. Damals in der Bibel waren es Propheten wie Amos oder Jeremia und all die anderen. Inzwischen sollen die Christen alle zusammen ein prophetisches Zeichen sein, das so stark ist, dass es von den Menschen wahrgenommen wird. Und das ist immer wieder passiert. Gestern haben wir uns im Ü10-Gottesdienst daran erinnert, wie vor 200 Jahren einige wenige Menschen dafür gekämpft haben, dass der grausame Sklavenhandel verboten wird. Zuerst waren es nur ein paar Menschen, Einzelne, denen Gott die Augen für diese Unmenschlichkeit geöffnet hat. Ein ehemaliger Kapitän eines Sklavenschiffes, der ein ganzes Leben brauchte, um fertig zu werden mit den Grausamkeiten, die er gesehen und mitgemacht hat: John Newton, dem wir das Lied »Amazing Grace« verdanken. Ein paar ohnmächtige Leute zuerst. Aber sie fanden zusammen, wurden eine Gemeinschaft, und nach sechzig Jahren Kampf, in der nächsten Generation erst, waren sie am Ziel. Sie konnten durchhalten, weil sie wussten, dass Gott sie beauftragt hatte, weil sie verankert waren in seiner Geschichte von Befreiung und Rettung, und weil sie sich gemeinsam auf den Weg machten.

Man kann stolz sein, wenn man sich daran erinnert, dass wir solche Vorgänger haben. Wir müssen uns überhaupt nicht in die Ecke stellen lassen, dass Christen konservativ und unterdrückerisch und kleinkariert sind. Aber sie haben ja nicht dafür gelebt und gearbeitet, damit wir stolz sein können, sondern sie würden hoffen, dass wir in unserer Zeit etwas tun, das dem entspricht, was sie damals getan haben.

So sind all diese Alarmzeichen, die uns jetzt immer wieder erreichen, Rufe Gottes nach seiner Christenheit, dass sie wieder in Form kommt, dass sie umdenkt und umkehrt, um der Welt Hoffnung zu eröffnen. Dass wir aus einer Freizeitveranstaltung zu einem lebenswendenden und lebenswichtigen Unternehmen werden. Und dass man bei uns sehen kann, dass es zwischen dem Verleugnen und dem Verzweifeln den Weg des Lebens gibt, den Weg der Umkehr.