20  Die Pharisäer fragten Jesus, wann das Reich Gottes komme. Darauf antwortete er: »Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es an äußeren Anzeichen erkennen kann. 21  Man wird auch nicht sagen können: ›Seht, hier ist es!‹ oder: ›Es ist dort!‹ Nein, das Reich Gottes ist mitten unter euch.«
22  Dann sagte Jesus zu seinen Jüngern: »Es werden Zeiten kommen, da werdet ihr euch zwar danach sehnen, auch nur einen Tag der Herrschaft des Menschensohnes zu erleben, aber vergeblich. 23  Wenn man zu euch sagt: ›Seht, dort ist er!‹ oder: ›Seht, er ist hier!‹, dann geht nicht hin; lauft denen, die hingehen, nicht nach. 24  Denn wie der Blitz aufleuchtet und den Himmel von einem Ende zum anderen erhellt, so wird es an dem Tag sein, an dem der Menschensohn kommt.

Ich habe schon überlegt, ob Jesus sich hier über die Pharisäer lustig macht. Eigentlich ist es eine groteske Situation: Jesus, der Sohn Gottes, steht vor ihnen, der Mensch, durch den Gott hautnah nahe kommt, und sie fragen ihn, wo Gott ist. Jesus antwortet völlig korrekt: mitten unter euch. Und sie verstehen ihn nicht. Es wäre lustig, wenn es nicht so traurig wäre. Es ist eine Geschichte darüber, wie sehr unser Wahrnehmungsvermögen getrübt ist von unseren Erwartungen. Man sieht nur, was man weiß, und was nicht zu den Erwartungen passt, das ignoriert man. Einen wie Jesus hatten die Pharisäer nicht erwartet, und deshalb sahen sie nicht, was da los war, selbst als er Leute von schweren Krankheiten heilte.

Aber das ist nicht nur etwas, was damals den Pharisäern passierte. Die erwarteten, wenn Gott kommt, gibt es eine große Show: da muss so richtig was abgehen, da muss die Welt richtig erschüttert werden. Es reicht nicht, wenn Jesus gelegentlich ein paar Leute gesund macht. Und dazu sagt Jesus: das Reich Gottes ist nichts, was man so beobachten könnte, wie man z.B. Bakterien unter dem Mikroskop beobachtet. Es ist auch nichts, wo man hinreisen könnte. Sondern, so sagt er, das Reich Gottes ist mitten unter euch. Und wenn ihr es mitten unter euch nicht erkennt, dann werdet ihr es nirgendwo erkennen, egal, wo ihr hinfahrt.

Das ist das Traurige: Menschen möchten irgendwo hingehen, wo Gottes Show für sie läuft. So wie Konzertbesucher manchmal weit reisen, um irgendwo in einer Metropole einen Weltklasse-Auftritt zu sehen. Und Jesus sagt: für das Reich Gottes funktioniert das nicht. Die wirklich wichtigen Dinge passieren entweder mitten unter euch, in eurer Reichweite, mit eurer aktiven Beteiligung, oder sie passieren gar nicht, jedenfalls nicht für euch. Wenn ihr Gottes Wirkungen, sein Reich, seine Macht nicht direkt bei euch erkennt und ergreift, dann könnt ihr durch die ganze Welt reisen und werdet sie trotzdem nirgendwo finden.

Der menschliche Blick ist daran gewöhnt zu beobachten, und ins Auge fällt einem immer das Große, Beeindruckende irgendwo da draußen. Und deshalb fallen wir dauernd auf irgendwelche Inszenierungen rein. Manche Staaten machen deshalb große Militärparaden, neulich wieder in China. So viele Menschen, Fahrzeuge, Waffen, überwältigend präsentierte Macht. Oder bei uns vor 20 Jahren, die Paraden zum 40. Jahrestag der Gründung der DDR. Und im Rückblick wissen wir: dahinter hat es schon ganz mächtig gebröckelt. Und kurz danach zerfiel das alles.

Verstehen Sie, es gibt deutlich sichtbare Zeichen wie uniformierte Menschen; große, repräsentative Gebäude, die einem schon beim Anblick Ehrfurcht einflößen; es gibt Autos, die nach außen signalisieren: hier kommt etwas Gediegenes, Starkes, Teures. Und die beeindrucken uns alle, manchmal für lange Zeit. Aber irgendwann kommen die Augenblicke, wo man merkt, dass die Wirklichkeit brutal anders aussieht: die uniformierten Menschen laufen auseinander, weil sie daran zweifeln, dass sie für eine gute oder sinnvolle Sache die Uniform anziehen; die glänzenden Bankpaläste werden zum Schauplatz von Pleiten und Massenentlassungen; der Ferrari endet als formloses Blechknäuel an einer Leitplanke, und vielleicht war er in Wirklichkeit sowieso nur auf Pump gekauft.

Und dann fällt einem auf, dass es auch noch etwas anderes gibt, was man nicht sehen kann, das, was dazwischen ist, zwischen den Menschen, »mitten unter euch«. Wer in den letzten Wochen die ganzen Rückblicke auf das Ende der DDR gelesen und gesehen hat, der konnte jetzt vielleicht noch viel deutlicher mitverfolgen, wie da irgendwie ungreifbar zwischen den Menschen etwas gewachsen ist, was kein Sicherheitsdienst mehr in den Griff kriegen konnte. Mitten unter den Menschen wuchsen neue Selbstverständlichkeiten, es wuchs Mut und Zutrauen, immer mehr Menschen vereinigten sich auf einer gemeinsamen Basis, und die war nicht mehr zu kontrollieren, und dann wurden aus den Montagsgebeten die Montagsdemonstrationen, und auf einmal war das auch äußerlich nicht mehr zu übersehen. Da konnte man dann auch hinfahren und gucken, aber gewachsen war das ganze im Verborgenen, mitten zwischen den Menschen, unscheinbar und nicht greifbar, und diejenigen, die sich am Großen und Sichtbaren und Beeindruckenden orientierten, die konnten nicht einordnen, was da passierte. ->Honnecker

Und diesen Unterschied zwischen den großen, sichtbaren und beeindruckenden Orten und dem, was unscheinbar mitten zwischen den Menschen ist, den gibt es natürlich auch im religiösen Bereich. Jede große Religion hat auch ihre beeindruckenden Bauwerke, wo man sagt: boah, so groß, so alt, so prächtig, so viele Leute gehen da rein, so eine tolle Zeremonie, so eine fetzige Show, so medienwirksame Gallionsfiguren, so teuer, so ein Wahnsinnsgefühl, wenn man da mit Tausenden oder noch mehr zusammen ist.

Zu Jesu Zeiten hatten sie in Jerusalem einen Tempel, der ein Weltwunder war, und seine Jünger sagten zu ihm: wow, schau mal diese gewaltigen Mauern! Und Jesus sagt: davon bleibt kein Stein auf dem anderen, das gibt ein gewaltiges Trümmerfeld. Jesus hat immer auf das Dazwischen geschaut, auf das, was zwischen den Menschen war. Die Selbstverständlichkeiten und Überzeugungen, die Menschen teilen, die Verbundenheit untereinander - eben: der Geist, von dem Menschen bewegt werden. Man kann ihn nicht greifen, sondern nur spüren, aber er ist realer als vieles andere.

Ich habe neulich über zwei Dörfer in Indonesien gelesen, die beide ziemlich nah an dem Ursprung des Tsunami lagen, der Weihnachten 2004 die Küsten des Pazifischen Ozeans verwüstet hat. Beide Dörfer lagen direkt an der Küste, beide Dörfer wurden vom Tsunami völlig verwüstet. Aber im einen Dorf überlebte so gut wie niemand, im anderen retteten sich alle Einwohner. Was war der Unterschied? Er lag im Mitten-Dazwischen: in dem geretteten Dorf gab es eine Tradition, dass alle Einwohner sofort auf einen nahe gelegenen Hügel liefen, wenn sie unter ihren Füßen Erdstöße spürten oder ein drohendes Geräusch vom Meer her kam. Das war für sie eine Selbstverständlichkeit, sie sahen solche Alarme als nette Unterbrechung des Alltags an, die Kinder freuten sich, dass mal etwas Aufregendes passierte - und 2004 hat es ihnen allen das Leben gerettet. Sie hatten kein Geld, um irgendwelche Deiche zu bauen, und gegen den Tsunami hätten die auch nicht geholfen, aber sie hatten das, was mitten unter ihnen war: ihre gemeinsamen Überzeugungen, Selbstverständlichkeiten, Bräuche und Feste, und die haben sie gerettet.

Jetzt baut man dort ein technisch höchst kompliziertes Tsunami-Warnsystem auf, und das ist ja gut, aber das nützt alles nichts, wenn die Menschen nicht gelernt haben, wie man sich verhält, wenn die Sirenen heulen. Wenn das Mitten-Dazwischen unter den Menschen nicht funktioniert, dann kann das die teure Technik nicht ersetzen.

Und Jesus sagt, dass auch das Reich Gottes sich in diesem Mitten-Dazwischen unter den Menschen ausbreitet. Er sagt: lasst euch nicht blenden von der tollen Außenseite, von Technik, Geld, vielen Menschen, großen Bauten, schaut auf das, was mitten unter den Menschen ist, was sie verbindet, was ihre Basis ist, ob das gesund und stark ist oder verwahrlost oder sogar destruktiv.

Und er schärft es dann noch mal seinen Jüngern ein mit Blick auf die Zukunft und sagt: es wird noch mal eine ganz dürre, geistlich arme Zeit kommen, da werdet ihr euch danach sehnen, dass es wieder diese Tage gibt wie damals, als ich bei euch war. Ja, wer von uns würde sich das nicht wünschen, wenigstens mal einen von den Tagen mitzuerleben, als Jesus hier leibhaftig unter den Menschen war? Es ist, als ob er genau unsere Zeit im Auge gehabt hätte, als er das sagte. Unsere Zeiten, wo man zurückschaut und sagt: ja damals, als Jesus noch da war, und in der Zeit der ersten Christen, da war es so richtig intensiv, ja, wenn ich damals gelebt hätte und dabei gewesen wäre, aber bei uns heute ist das alles so zäh und müde geworden. Wenn ich doch nur mal einen Tag von damals miterleben könnte! Jesus redet von uns. Aber er sagt: dieser Wunsch wird euch nicht erfüllt werden. Ich verstehe euch, aber es hat keinen Zweck, irgendwo anders hin zu reisen, sei es durch den Raum oder durch die Zeit. Was nicht bei euch passiert, da wo ihr seid, mitten unter euch, mit eurer Beteiligung, das werdet ihr auch nirgendwo anders finden.

Und in solchen mühsamen, trockenen Zeiten kommen regelmäßig Leute und sagen: ja, hier wird das auch nichts. Aber du musst mal nach XY fahren. Da ist was los. Da ist Vollmacht. Da ist das Reich Gottes. Wenn man das Gefühl hat, man ist so weit weg vom Reich Gottes, dann greift man nach jeden Strohhalm.

Vor ungefähr zehn Jahren gab es in der frommen Welt einen großen Wirbel um eine Gemeinde in Kanada, und ganz viele sagten: da ist so richtig was los, da ist die Kraft Gottes! Da müsst ihr hin! Und andere sagten: Nein, das ist vom Teufel, das ist Schwärmerei und Sekte. Ich hab dann mal Gelegenheit gehabt, mit einem Kollegen zu sprechen, der da wirklich hingefahren ist, und er erzählte ganz glaubwürdig davon, dass ihm das richtig gut getan hat, und wie beglückt und erneuert und im Glauben gestärkt er zurückgekommen ist. Ich glaube nicht, dass er mich belogen hat; er ist da wohl wirklich gesegnet worden. Aber das ist nicht der Punkt! Als er wieder zu Hause war, ging in seiner Gemeinde und in seinem Leben im Großen und Ganzen alles so weiter wie vorher. Das war eine tolle Reise, aber sie hat nicht wirklich etwas verändert. Sie hat ihm nicht die Mühe abgenommen, da an seinem Ort, wo er war, selbst weiter Ausschau zu halten nach dem, was mitten unter den Menschen wachsen sollte. Das ist eine Aufgabe, die uns kein anderer abnimmt.

Wenn Jesus sagt: das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten kann, dann heißt das: du kannst dich nicht bequem zurücklehnen und beobachten, wo endlich das Große und Tolle passiert, und dann schnell hinlaufen und dabeisein. Das Reich Gottes ist schon unter euch, groß oder klein, egal, und wenn ihr es jetzt und hier nicht seht und vor allem nicht mit ganzem Herzen dabei seid und eure ganze Hoffnung daran hängt, dann kommen für euch nie diese besseren Tage, wo es dann so richtig los geht. Vielleicht kommen sie ja auch, aber nicht für euch. Wenn ihr das Reich Gottes jetzt nicht wahrnehmt, mitten unter euch, dann werdet ihr es genauso wenig sehen wie damals die Pharisäer in der Person von Jesus das Reich Gottes erkannt haben.

Ich glaube, jetzt habe ich so viel Negatives erzählt, da muss ich auch mal eine ermutigende Geschichte erzählen: Da ist ein junges Mädchen, das in der Nazizeit aufwächst, der Vater ist engagierter Nazi, vom Christentum will er nichts wissen, sie wird auch nicht konfirmiert sondern macht nur so eine nationalsozialistische Jugendweihe mit. Sie wächst auf und lebt ihr Leben wie viele andere, sie kommt nie irgendwie mit dem Christentum in Berührung. Sie wird alt. Eines Tages kommt sie aus völlig unwahrscheinlichen Gründen bei uns zur Kirche. Im Herbst macht sie bei uns das Projekt zur christlichen Spiritualität mit und lernt zu beten. Sie betet für eine Bekannte, die einen Schlaganfall erlitten hat und nicht mehr sprechen kann. Und eines Tages erzählt sie mir freudestrahlend: heute habe ich da angerufen und sie war am Telefon und konnte sprechen.

Liebe Freunde, das ist keine Geschichte, mit der man ins Fernsehen kommt. Es ist schon eine Frage, ob man sie im Gottesdienst erzählen sollte. Aber aus solchen Geschichten wächst das Reich Gottes mitten unter den Menschen. Und es muss viele solche Geschichten geben. Geschichten, in denen du auch vorkommst. Man muss nur Augen dafür haben und darf sich nicht in ferne Zeiten und Orte träumen. Das Reich Gottes ist hier. Und wenn der Tag kommt, wo es in der ganzen Welt unübersehbar wird, dann brauchen wir nirgendwo mehr hinlaufen, weil das dann für alle gleichermaßen völlig eindeutig sein wird.

Aber bis dahin gilt: das Reich Gottes ist mitten unter euch. Ihr müsst es sehen wollen. Ihr müsst eure Hoffnung fest damit verbinden. Oder, wie Paulus es im Römerbrief (10,6-8) sagt: »Du brauchst dich nicht zu fragen: Kann denn jemand in den Himmel hinaufsteigen?« – so als müsste man Christus von dort herabholen – 7  oder: »Kann jemand in den Abgrund hinuntersteigen?« – so als müsste man Christus von den Toten heraufholen. 8  Im Gegenteil[, sie sagt]: »Das Wort, das Gott spricht, ist für dich nicht in unerreichbarer Ferne; es ist in deinem Mund und in deinem Herzen.«

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